Joseph ist einsam und hadert mit seinem Schicksal, nicht erst, seit seine Frau Lis mit dem gemeinsamen Sohn in die Stadt gezogen ist, weil sie den Alltag auf dem Hof nicht mehr ausgehalten hat. Wahrlich nicht alltäglich in den sechziger Jahren auf dem Land. Zum Glück ist da noch Ada, Lis' ältere Schwester, mit der sich Joseph schon immer sehr verbunden fühlt. Und dann steht plötzlich die 19-jährige Birdie vor seiner Tür, geschwächt und auf der Flucht vor ihrer Familie. Lis, Ada und Birdie - sie werden ihrem eigenen, aber auch Josephs Leben eine ganz neue Richtung geben.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Christian1977
aus Leipzig
5/5
14.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Gute im Menschen
Heiligabend, 1963: Joseph hat mit seinem Leben abgeschlossen. Seine Frau Lis hat ihn mit dem gemeinsamen Sohn Samuel verlassen, und auch sein Bauernhof läuft alles andere als gut. Der Abschiedsbrief ist bereits verfasst, das Gewehr liegt in seiner Hand, als es an der Tür klingelt. Davor steht eine junge Frau, die sich Birdie nennt und dringend Hilfe benötigt…
So dramatisch und fast weihnachtlich märchenhaft beginnt Elena Fischers neuer Roman “Wirf einen Schatten”, der bei Diogenes erschienen ist. Nach ihrem erfolgreichen Coming-of-Age-Debüt “Paradise Garden” befasst sich die Autorin diesmal vornehmlich mit dem unglücklichen Seelenleben eines mittelalten Mannes. Dass dies ganz hervorragend funktioniert, liegt vor allem an der zauberhaft melancholischen Sprache, die mich von Beginn an nicht losließ.
Ich muss gestehen, dass mich der Roman aufgrund seines Klappentextes zunächst gar nicht wirklich interessiert hatte. Dann las ich die Leseprobe mit dem Anfangskapitel und war hin und weg. Wie empathisch Fischer schreiben kann, wie bewegend sie sich Mensch und Natur nähert. Dies habe ich über die gesamten 290 Seiten als wirklich außergewöhnlich empfunden.
Dabei ist das Erzähltempo sehr langsam, vielmehr lebt der Roman von seiner Atmosphäre und selbstverständlich von den Figuren. Die Männer heißen Joseph und Heinrich, die Frauen nennen sich Birdie, Lis und Ada. Ein Kontrast und ein gewollter Bruch, der für einen 60er-Jahre-Roman fast schon aufmüpfig wirkt, indem Elena Fischer gekonnt mit den Erwartungen ihrer Leserinnen spielt.
Anfangs glaubte ich aufgrund der Namen nämlich, das Setting wäre irgendein Bauernhof in der englischen Provinz und die 60er-Jahre können doch nur ein Fehler sein? Erst nach und nach und mit den Auftritten von Josephs Bruder Johann und seinem Nachbarn Heinrich konnte ich die Handlung Schritt für Schritt in ein deutschsprachiges Bergdorf verlegen.
Im Grunde mag der Ort so nebensächlich sein wie das Handlungsjahr. Denn Elena Fischer erzählt eine universell gültige Geschichte, die an das Gute im Menschen glaubt und dadurch gerade in der heutigen Zeit tief bewegt. Fischer wird ihren sich in höchster Not befindlichen Protagonisten im gesamten Buch nicht mehr allein lassen, keine einzige Szene kommt ohne Joseph aus. Dabei sind es eigentlich die Frauen, die ihn dazu bringen, Schritt für Schritt den Lebensmut zurückzugewinnen.
Da ist Birdie, die in derselben Situation zu sein scheint wie Joseph und zunächst dringend auf ihn angewiesen ist. Da ist seine Frau Lis, die sich dem Landleben entsagt und als alleinerziehende Frau lieber in die Stadt zieht, dabei aber Joseph letztlich doch nicht aus den Augen verliert. Und da ist vor allem Lis’ Schwester Ada, die eigentliche große Liebe der Hauptfigur, die ebenfalls erstaunlich modern daherkommt und unseren Helden nicht nur mit einem Gedichtband rettet.
Neben den offensichtlichen Themen wie Verlust, Familie und Liebe ist das zentrale Motiv von “Wirf einen Schatten” der Unterschied zwischen Tradition und Moderne. Die Männerfiguren sind in der Tradition zu verordnen, wobei sich Joseph nach und nach öffnet. Die Frauen sind nicht nur aufgrund ihrer Namen klare Vertreterinnen der Moderne. Die 1960er-Jahre spielten zudem in der Mechanisierung und Modernisierung der Landwirtschaft generell eine große Rolle und auch Joseph wird am Ende des Buches einen gewaltigen Schritt gehen.
Dabei stört es kaum, dass einige Dinge ein wenig konstruiert wirken und man vermutlich kein authentisches Bild der damaligen Gesellschaft gezeigt bekommt. Joseph hat als Bergbauer beispielsweise 1963 ein Telefon, er akzeptiert ohne Wimpernzucken eine lesbische Liebesbeziehung. Elena Fischer zeigt damit konsequent, zu welchen Brüchen sie für diesen Roman bereit ist.
Auch die Herangehensweise, Josephs Geschichte in zwei zeitlich auseinander driftenden Strängen zu erzählen, ist letztlich eine gute Entscheidung. Während der Hauptstrang die Leserschaft zusammen mit Joseph auf ein besseres Leben hoffen lässt, verläuft der zweite rückwärts und zeigt damit erst Schritt für Schritt, wie sich Lis und Joseph kennenlernten und wie überhaupt Ada in dessen Leben trat.
Insgesamt ist “Wirf einen Schatten” so etwas wie eine wärmende Decke, unter der ich nicht mehr herauskriechen wollte. Ein toller Roman, durch den Elena Fischer auch künftig nicht im Schatten der deutschen Gegenwartsliteratur stehen wird.
Mit "Wirf einen Schatten" gelingt Elena Fischer ein Roman, der lange nachhallt. In einer präzisen, poetischen Sprache erzählt sie von Erinnerung, Herkunft und den feinen Verschiebungen menschlicher Beziehungen. Besonders beeindruckend ist, wie unaufgeregt und zugleich eindringlich sie emotionale Tiefe entstehen lässt, ohne sich einfachen Antworten hinzugeben.
Ingrid
Thalia Book Circle Community
5/5
03.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Protagonist zwischen Pflicht und Sehnsucht
Der Roman „Wirf einen Schatten“ von Elena Fischer führt zurück zum Heiligabend des Jahres 1963. Statt sich auf das kommende Weihnachtsfest zu freuen, wird der Protagonist Joseph vermutlich allein auf seinem Bauernhof verbringen. Schon auf der ersten Seite spricht sein Kummer aus den Zeilen und der Anlass dafür wird angedeutet: Seine Frau hat ihn verlassen und den gemeinsamen vierjährigen Sohn mitgenommen. Den Hof hat er von seinen Eltern übernommen, die bereits verstorben sind. Wo einst Betriebsamkeit herrschte, ist nun Einsamkeit eingekehrt.
Sein Beruf verlangt Joseph täglich einiges ab, doch nun bleibt ihm Zeit darüber nachzudenken, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Er fragt sich, ob ihn überhaupt jemand oder etwas ihn vermissen würde und kommt zu einer ernüchternden Antwort. Am tiefsten Punkt seiner Überlegungen klingt es an der Tür. Es ist jedoch nicht die Person, auf die er insgeheim hofft, sondern eine unbekannte junge Frau, die in der Folgezeit einigen Wirbel verursacht. Außerdem lebt seine Schwägerin nur unweit entfernt. Von Beginn an ist spürbar, dass er zu ihr eine besondere Beziehung hat, auch wenn die Hintergründe lange im Dunkeln bleiben.
Nach und nach wird deutlich, warum Joseph so sehr mit sich selbst ringt. Bereits als Kind wurde er von seinen Eltern ständig mit seinem Bruder verglichen, meist nicht zu seinem Vorteil. Immer wieder unterbrechen Rückblenden die Gegenwartshandlung und formen das Bild der Lebensvorstellungen seines Vaters, seiner Mutter und seiner Großmutter in den 1920er und späteren Jahren.
Eine zweite Erzählebene führt in wechselnden Kapiteln immer weiter in die Vergangenheit. Darin durchlebt Joseph noch einmal die einzelnen Phasen der Beziehung zu seiner Frau bis hin zu ihrem Kennenlernen. Indem die Geschichte rückwärts erzählt wird, schließt sich der anfänglich klaffende Spalt der Trennung immer weiter zu und es wird die unbeschwerte Anfangszeit ihrer Liebe spürbar. Es zeigt sich aber auch, dass Joseph seinen Alltag einfach weitergeführt und nicht daran gezweifelt hat, dass seiner Frau das ländliche Leben gefallen wird, obwohl sie in der Stadt aufgewachsen ist und immer dort gewohnt hat.
Joseph ist ein gebildeter und sensibler Mann, der sich den Gegebenheiten und den Erwartungen seines Umfelds angepasst hat. Das Erscheinen der unbekannten jungen Frau in seiner dunkelsten Stunde wirkt zwar konstruiert, setzt jedoch einen entscheidenden Veränderungsprozess in Gang. Insbesondere die weiblichen Hauptfiguren der Geschichte, die Selbstbewusstsein entwickelt haben und sich souverän geben, zeigen ihm, dass man sich aus seiner Rolle lösen kann.
In ihrem Roman „Wirf einen Schatten“ lässt Elena Fischer den Zeitgeist des Jahres 1963 wieder aufleben, in der traditionelle Werte noch hochgehalten wurden, aber bereits gesellschaftliche Umbrüche spürbar waren. Mit feinem Gespür für die Zwischentöne zeichnet sie die Gefühle des Protagonisten, der zwischen Pflicht und Sehnsucht mit sich hadert und nach einem Dasein sucht, das er für lebenswert hält. Gerne empfehle ich das Buch weiter.
Bewertung
5/5
29.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sehr berührend
Wirf einen Schatten – Elena Fischer
„Wann hatte es begonnen, dieses Warten, dieses Sehnen? So oft wurde er nicht, wer er hätte sein können. Er selbst.“
Im Sommer 1963 wird Joseph von seiner Frau Lis und dem Kind verlassen. Sie erträgt das Leben auf dem Bauernhof nicht.
Joseph hat keine Energie mehr, er wird von innen aufgefressen. Als er am Weihnachtsabend seine Leben beenden möchte, steht plötzlich eine junge, verwahrloste Frau vor seiner Tür.
Er nimmt Birdie, so nennt sie sich, bei sich auf und erfährt Stück für Stück ihre Geschichte. Birdie und Joseph verbringen Silvester zusammen mit Josephs Schwägerin, Ada, sie fassen Vertrauen zueinander.
Joseph ist ein trauriger, einsamer Mann, er hat nicht nur den Verlust von Frau und Kind zu verarbeiten, sondern kämpft mit den Erinnerungen an seine Vergangenheit.
Diese Vergangenheit ist präsent, sie wird Stück für Stück aufgerollt.
Parallel schafft es Joseph, auch durch die Unterstützung der beiden Frauen, seine Schüchternheit und seine Ängste zu überwinden und entdeckt, was er die ganze Zeit verdrängt hat, den Wunsch nach einer großen Liebe und einem selbstbestimmten Leben.
Diese Geschichte nimmt uns mit in die Zeit der frühen 60er Jahre, die zwar von Aufbruch geprägt sind, in der aber immer noch konservative, traditionelle Werte gepflegt werden. Ehe, Familie, Beziehungen zwischen Mann und Frau sind durch diese Vorstellungen definiert. Die Frauen in diesem Roman brechen aus diesen Rollenerwartungen aus, sie zeigen Joseph, dass auch er sich befreien kann. Er wird plötzlich sichtbar, „wirft einen Schatten“.
Das Buch hat mich sehr berührt, Josephs Geschichte ist nahbar, fühlbar, sein trauriger Alltag, seine Einsamkeit, seine Pflichterfüllung. Parallel dazu seine Zerrissenheit. Die besonderen Frauen an seiner Seite zeigen ihm den Weg. Das ist in jeder Beziehung überzeugend.
Sprachlich hat mir das Spiel der Autorin mit den Erzählzeiten befallen. Die Vergangenheit ist für Joseph im Präsens präsent, die aktuelle Zeit wird im Präteritum erzählt.
Große Leseempfehlung.
Diogenes 2026
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5/5
08.08.2026
eBook (ePUB)
Wenn plötzlich jemand an die Tür klopft.
Manchmal schlägt man ein Buch auf und wird von Satz zu Satz tiefer in die Geschichte hineingezogen...fast unmöglich es aus der Hand zu legen! Elena Fischers zweiter Roman ist so ein Buch!!!
Ein kleines Bergdorf, ein Hof und Joseph, der von seiner Frau und seinem Kind verlassen wurde. Zunächst befindet er sich wie in einer Schockstarre, fast wie in einem Fiebertraum. Eigentlich hat er für solche Gefühlsausbrüche keine Zeit: Er muss sich um den Hof und seine Tiere kümmern, er lebt und arbeitet im Rhythmus der Jahreszeiten. Doch Joseph ist verzweifelt, mehr als verzweifelt. Und dann klingelt es plötzlich an seiner Tür …
Ein stiller, atmosphärischer und sehr berührender Roman über Einsamkeit, Verlust und die vorsichtige Hoffnung auf einen Neuanfang. Eine wunderschöne Geschichte, die noch lange nachklingt.
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5/5
29.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Begeisterung pur für diesen Roman
Direkt auf den ersten Seiten hat mich Elena Fischer begeistert mit ihrer wundervoll feinfühligen und poetischen Erzählweise. "Wirf einen Schatten" ist ganz weit oben auf der Liste meiner Lieblingsbücher gelandet!
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5/5
23.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der richtige Ort, die richtige Zeit
Ein literarischer Liebesroman? Ein moderner Heimatroman? Oder doch ein Coming-of-Age- oder Entwicklungsroman? Es ist nicht leicht, „Wirf einen Schatten“ so genau festzulegen, denn Elena Fischers zweiter Roman ist all das Genannte und doch sehr viel mehr. Am besten erschließt sich „Wirf einen Schatten“ über die Hauptfiguren: Joseph und Lis, Ada und Birdie; letztere vielleicht ein Echo von Billie aus „Paradise Garden“. Elena Fischer entwirft vier lebendige, komplexe Figuren und entwickelt sie über eine abwechselnd chronologisch fortschreitende und antichronologisch zurückblickende Erzählung, was gelingt, ohne dass es konstruiert wirkt oder zu sehr auf den Effekt zielt. Die Figuren rücken so abwechselnd in den erzählerischen Fokus, sind mal präsenter, mal mehr im Hintergrund, und haben mich in ihrer jeweiligen Art - meist still und leise, manchmal auch laut und entschlossen - komplett für sich gewonnen. „Wirf einen Schatten“ erzählt eine universale Geschichte vom richtigen Ort im Leben, dem richtigen Zeitpunkt der Liebe, von Sanftmut, Geduld, Glück, Ehe. Für mich einer der besten Romane in diesem Jahr!
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5/5
20.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Innehalten
Ende 1963, auf einem bäuerlichen Anwesen am Fuße eines Berges sorgen Joseph und seine kleine Familie mit Äckern, Wiesen und Tieren für ein bescheidenes Auskommen. Als Lis ihn verlässt, in die Stadt zurückkehrt und das gemeinsame Kind mitnimmt, fällt Joseph in tiefe Hoffnungslosigkeit. Kurz vor Weihnachten steht eine junge Frau vor seiner Tür, durch ihre Anwesenheit geraten Dinge in Bewegung. Joseph geht in sich, durchdenkt die Zeit mit Lis, auch auf eine Liebe, die nie erfüllt wurde, richtet er den Blick. "Wirf einen Schatten" wird mir länger im Gedächtnis bleiben als das Romandebüt der Autorin, "Paradise Garden". Ohne große Dramatik erzählt sie hier von Verlust, Einsamkeit, verpassten Chancen und der Möglichkeit, dem Leben noch einmal eine andere Richtung zu geben. Ruhig und stimmungsvoll, voller atmosphärischer Bilder, eine berührende Geschichte.
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5/5
20.07.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Feinfühlig und sehr berührend
Im rauhen, gleichzeitig schönen Alltag vorgegeben vom Takt der Natur, lebt Joseph weiter, nachdem seine Frau ihn eines Tages mit dem gemeinsamen Sohn verlassen hat. Sie fehlen, das spürt er, aber Worte findet er nicht, nur Erinnerungen. Dann steht da Birdie auf seiner Türschwelle und die Tage beginnen wieder Sinn zu ergeben. Hoffnung regt sich in ihm, zu verstehen, wie es soweit kommen konnte und ob es sich nicht vielleicht sogar ändern lässt.
Elena Fischer erzählt eine zarte Geschichte um Freundschaft und Loyalität und um die Kraft des Vertrauens in sich selbst. Ein Buch, das mich sehr bewegt hat!
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