Das Böse - der Böse: seit jeher ein weites Feld. Es begegnet uns im Alltag, in Zeitungsmeldungen und Medien, in Kriminalität, Politik und Kriegen. Zugleich wird es seit Jahrhunderten in Religionen, Moralphilosophie und Humanwissenschaften reflektiert. Nicht zuletzt erscheint das Böse als Vorwurf, Thema, Frage oder abschreckendes Beispiel in der dramatischen und erzählenden Literatur.Der Band verfolgt die literarischen Gestalten des Bösen in ihrer historischen Entwicklung. Die behandelten Texte stehen häufig in Verbindung mit theoretischen Konzepten, entfalten das Thema jedoch jeweils konkreter, komplexer und facettenreicher. Fünfzehn Beispiele - von Schiller (1781) bis in die Gegenwart (2011) - werden analysiert und in ihren historischen wie systematischen Zusammenhängen erschlossen.Prof. Hanns Frericks, geb. 1944. Studium der Philosophie, Germanistik und Politologie. Fachleiter für Deutsch und Bereichsleiter am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Stuttgart. Langjähriger Vorsitzender der Lehrplankommission Ethik für Berufliche Gymnasien und berufliche Schulen. Unterschiedliche Veröffentlichungen in den Bereichen Ethik, Germanistik und ihren entsprechenden Fachdidaktiken.
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Frericks - Varianten des Bösen von Schiller bis Ellis
Sie heißen: Dr. Julius No, Aurice Goldfinger, Ernst Blofeld, Karl Stromberg, Dominic Greene – die Bösewichte aus den James Bond Filmen von Ian Flemming. Es sind die, schlicht gestrickten, Anti-Helden mit den immer gleichen Attributen: machtversessen, skrupellos, moralfrei, intrigant, egozentrisch und sadistisch. Dabei im Auftreten höflich-distinguiert, um den Figuren eine gewisse Spannung zu verleihen.
Diese filmischen Prototypen des bösen Charakters prägten das Bild vom Bösen ganzer Generationen von Bond-Liebhabern.
Das stellt sich in der Belletristik anders dar. Hier heißen die Bösewichte Franz Moor, in Schillers Sturm-und-Drang-Drama „Die Räuber“, Nicolo in Kleists Erzählung „Der Findling“,
Hans von Stoffeln in Gotthelfs „Die schwarze Spinne“, Hamilkar in Flauberts „Salambo“, August Mördling – nomen est omen – bei Wilhelm Raabe, Meursault bei Albert Camus oder Patrick Bateman in „American Psycho“. Aber die meisten dieser literarischen Figuren sind komplexe Gestalten, das Böse an und in ihnen ist ganz unterschiedlich – mal psychisch, mal politisch, rassistisch oder religiös, mal charakterlich oder sexuell – motiviert und sie haben oft kaum minder böse Gegenspieler – auch Karl Moor ist kein Tugendbold, Nicolo wird von seinem Adoptivvater ermordet und bei Flaubert weiß man ohnehin nicht recht, wer der eigentliche Böse in den zahllosen Gemetzeln sein soll, wer Opfer und wer Täter ist. Und die Botschaften, die mit dem Agieren der Bösewichte literarisch vermittelt werden sollen, sind ebenfalls äußerst differenziert und oft uneindeutig: Religions-, Herrschafts- und Moralkritik bei Schiller, Kritik von Bigotterie und klerikaler Herrschaft bei Kleist – oder deren Verteidigung bei Gotthelf, existenzialistischer Nihilismus oder soziopathische Charakterzüge, Feier oder Kritik eines übersteigerten Libertarismus und ungezügelter Egomanie bei den Bösewichten von Camus oder Ellis.
Es gelingt Hanns Frericks in diesem Werk, all diese „Varianten des Bösen“ innerhalb der einzelnen Dramen, Erzählungen und Romane und zwischen ihnen ausgiebig und en détail zu erhellen. Dabei wird deutlich, was ihm angelegen ist: dass die Darstellungen des Bösen im Zeitverlauf, zwischen Schiller und Strunk, sowohl den jeweiligen Zeitgeist atmen, als sich meisterlich auf philosophische Positionen zum Bösen beziehen lassen. Die hatte Frericks bereits in seinem Buch „Nachdenken über das Böse“ 2023 von der Antike bis zur Gegenwart verfolgt und kenntnisreich erörtert.
Nun gibt es zwischen Schiller und Strunk bzw. Lessing und Houellebecq selbstredend zahllose Bösewichte in der Literatur. Warum also nicht „Marinelli“ aus „Emilia Galotti“ oder der namenlose Informatiker aus der „Ausweitung der Kampfzone“?
Das ist eines der großen Verdienste dieses Buchs von Frericks, dass er durch die kluge Auswahl der Texte ein exemplarisches Spektrum an Fallbeispielen des Bösen und von Bösen präsentieren kann, das sowohl dessen Wandel im Zeitverlauf als auch seine Bandbreite an Motiven, Ausprägungen und Zweifelhaftigkeiten aufs Überzeugendste veranschaulicht.
Bedauerlich finde ich, dass die aktuellsten Textbeispiele nur noch sehr knapp behandelt werden.
Aber wer nicht nur wissen will, in welcher Bandbreite sich das Böse in der Literatur entfaltet, sondern vor allem, wie es von den namhaften Interpreten auf z.T. ganz unterschiedliche Weise gedeutet und bewertet wird, der muss dieses Buch lesen.
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