Joni und Nando schwimmen mitten im Berufsleben zwischen internationalen Medien, globalisierter Wirtschaft und Politik. Eine Erbschaft bringt die Enddreißiger zusammen und mit ihnen zwei Linien einer Familie, die sich am Ende des Zweiten Weltkrieges in Ostpreußen aus den Augen verlor. Die amerikanische Business-Managerin und der deutsche Journalist kommen sich näher und plötzlich steht die Frage im Raum, ob sie eine Familie gründen werden, wo sie gemeinsam leben und worauf sie verzichten. Ihre Lebensentwürfe prallen mehr und mehr aufeinander. Und was hinzukommt: Beim großen Wiedersehen des amerikanischen und des deutschen Familienzweiges zu Weihnachten in der polnischen Dreistadt Tricity tritt die verschüttete Vergangenheit einer grausamen Zeit zu Tage.
"Alles ringsum Sichtbare" erzählt die großen Fragen von Liebe, Trennung und Verlust im Licht einer Überflussgesellschaft sowie im Schatten eines grausamen Krieges neu.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Was bei diesem Buch sofort auffällt, ist das perfekt gestaltete Cover, das den Titel wunderbar umsetzt. Für die Rückseite ist der Ausschnitt des Auges ebenfalls gewählt, die kurze Inhaltsangabe folgt der Rundung, Eine, wie ich finde, sehr passende Idee.
Die amerikanische Managerin Joni und der deutsche Journalist Nando lernen sich aufgrund einer Erbschaft kennen, die den deutschen und den amerikanischen Zweig der Familie wieder zusammen bringen sollen. Die beiden pendeln zwischen Sopot und Berlin. Joni wird schwanger und so müssen sie eine Entscheidung darüber treffen, ob und wo sie miteinander leben wollen. Über ihrer Geschichte steht auch die Frage, was genau sich an den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges abgespielt hat.
Andreas van Hooven wechselt die Erzählperspektive zwischen Joni und Nando. Die beiden Protagonisten sind sehr ehrgeizig und gehen in ihren jeweiligen Berufen auf. Joni meint, sich ständig beweisen zu müssen, während Nando zunehmend Probleme bekommt, weil er bei einigen Themen nicht den journalistischen Abstand wahren kann.
Die zweite Ebene dieses Romans betrifft die Ereignisse ab Januar 1945. Warum hatten die beiden Familien seit 70 Jahren keinen Kontakt mehr? Die beiden Männer und Cousins Hans und Karl sind mittlerweile verstorben. Beim Treffen in Sopot, unweit des ehemaligen Besitzes der Familie, erzählen die Frauen die Geschichte der Flucht, wobei Charlotte oder Charly, wie sie genannt wird, das Geheimnis enthüllt.
Andreas van Hooven schreibt einen sehr gut lesbaren, jedoch eher ungewöhnlichen Schreibstil, der mich überzeugt. Durch die Beschreibungen des Alltags und der Gedanken entsteht ein gut vorstellbares Bild der Protagonisten, insbesondere von Joni und Nando, aber auch von den Mitgliedern der Familie. Auffällig ist, Joni und Nando nicht in der Lage sind, über ihre unterschiedlichen Vorstellungen des gemeinsamen Lebens zu sprechen und gemeinsam eine gute Lösung zu finden. Das Ende bleibt offen und lässt hoffen.
Ein Stammbaum am Ende des Buches stellt die Familienverhältnisse anschaulich dar.
Fazit: ein tiefgehender Roman über Beziehungen, die Frage, wie man leben will und was wirklich wichtig ist.
Vergangenheit und Gegenwart
Bewertung aus Glauchau am 12.05.2020
Bewertungsnummer: 1327505
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
„… Wenn Joni ausgelassen ist, scheinen sich die kleinen Flecken sprunghaft zu vermehren. Sie übernehmen im Nu die Herrschaft unter ihren Augen, über den feinen Wangenknochen und der Stirn...“
In Tricity auf der polnischen Insel Hel treffen sich Joni Fraunburg und Nando Frauenburg. Ihre Urgroßväter waren Brüder. Joni, die in Amerika groß geworden ist und nun in Gdynia arbeitet, hat sich auf die Suche nach der deutschen Verwandtschaft gemacht. Das Testament ihrer Tante Rebekka hat dies eingefordert.
Der Autor hat einen bewegenden Roman geschrieben. Zwei Generationen stehen im Mittelpunkt: die Generation der Großeltern, die den Krieg erlebt haben, und die Generation der Enkel, also Joni und Nando.
Von den Großeltern leben nur noch die Frauen. Ihre Männer, die Cousins Hans und Karl, sind tot.
Die Enkel werden gut durch ihr Verhalten charakterisiert. Es dauert, bis in der Geschichte klar wird, warum sie sich so verhalten, wie sie sich verhalten.
Joni ist eine selbstbewusste und erfolgreiche junge Frau. Nandos Gedanken zu ihren Sommersprossen stehen im Eingangszitat. Sie hat aber auch eine dunkle Seite. Und die klingt so:
„...Dein ganzes Leben ist ein Duell...“
Alles, was sie tut, fühlt sich nach Kampf an. Sie möchte die Beste und Erfolgreichste sein .Das äußert sich leider auch in mangelnder Rücksichtnahme gegenüber dem anderen und gegenüber dem eigenen Körper. Ein gestecktes Ziel muss unbedingt erreicht werden, koste es ,was es wolle.
Nando ist Journalist. Auch er möchte erfolgreich sein, hat sich aber den Blick für die Schönheiten des Lebens bewahrt. Er kann auch einen Moment der Ruhe genießen, so beim Beobachten eines Rehkitzes.
„...Sieh dir seinen aufmerksamen Blick an! So neugierig und ängstlich zugleich. Er weiß genau, wer wir sind und das wir Abstand halten sollen. Und das zeigt er uns auch...“
Der Schriftstil ist ausgereift. Durch den Wechsel der Erzähler sehe ich die Geschichte nicht nur aus verschiedenen Blicken, es wird auch die Steigerung zum Höhepunkt damit erreicht. Während der erste Teil von Nando und der zweite von Joni erzählt werden, wechselt danach der Erzähler schon nach jeden Kapitel und im vorletzten Teil nach jedem Abschnitt.
Die hohe innere Spannung der Geschichte wird meiner Meinung nach aus zwei Quellen gespeist. Zum einen bleibt anfangs im Dunkeln, warum die Familien 70 Jahre lang keinerlei Kontakt hatten. Zum anderen plant Joni detailliert ein gemeinsames Leben mit Nando, ohne nach seinen Wünschen zu fragen. Hier sind seine Gedanken:
„...Aber mit einem Sprachkurs ist es keineswegs getan. Nicht, wenn ich dauerhaft in Polen leben müsste. Als Mann der Sprache ließe ich praktisch alles in Deutschland zurück...“
Einen weiteren Einfluss haben die komplizierten Beziehungen zwischen den amerikanischen Mitgliedern der Familie. Rebekka, um deren Erbschaft es geht, war Jüdin.
Erwähnenswert sind die verschiedenen Themen, die nebenbei gestreift werden, sei es das Vorgehen auf wirtschaftlichen Gebiet oder die unterschiedlichen Ansichten zu seriösen Journalismus.
Ein Besuch bei Nandos Mutter bringt eine zusätzliche Farbe ins Geschehen. Ihre Einschätzung von Nandos Generation klingt so:
„...Ihr seid eine merkwürdige Generation [...] Ihr wollt nie dort sein, wo ihr seid, nie das sein, was ihr seid. Nichts ist genug, nichts ist wirklich schön, nichts ergreift euch voll und ganz...“
Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen, weil es in die Tiefe geht und unterschwellig fragt, wie man leben will.
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