Wie soll ich gut sein, wenn alles so teuer ist? Oder anders gefragt: Kann ein an sich guter Mensch unter den widrigen Bedingungen dieser Welt überhaupt gut bleiben? Bei dieser Kernfrage des Parabelstücks Der Gute Mensch von Sezuan aus Brechts Exilzeit sind selbst die Götter mit ihrem Latein am Ende. Sie haben auf ihrer irdischen Inspektionsreise bisher vergeblich nach guten Menschen Ausschau gehalten. Nun glauben sie, mit der Prostituierten Shen Te (gesprochen von einer herausragenden Sonja Kehler) endlich fündig geworden zu sein. Bertolt Brecht verpackt sein hochpolitisches Stück in pralles, lebendiges und komödiantisches Volkstheater, hier als Hörspiel grandios umgesetzt.
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Gekürzt
Bewertung am 10.06.2026
Bewertungsnummer: 3164008
Bewertet: Hörbuch-Download
Hörspiel ist gekürzt, obwohl es explizit steht als ungekürzt.
Ansonsten eigentlich gutes Voiceacting, schöne musikalische Begleitung. Der gute Mensch von Sezuan muss aber einem gefallen. Es feht um eine Person, welche ausgenüzt und ausgenüzt wird.
Eins meiner liebsten Dramen, auch...
Bewertung am 11.09.2020
Bewertungsnummer: 487539
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Eins meiner liebsten Dramen, auch absolut zum reinen Lesevergnügen zu empfehlen! Aufgrund des Parabelcharakters bleibt es relevant und allgemeingültig. Schlauer Witz wird hier mit scharfer moralischer und gesellschaftlicher Kritik vereint - Hach, grandios!
Meinung aus der Buchhandlung
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Ich bewundere das Stück "Der gute Mensch von Sezuan", weil es mich jedes Mal aufs Neue trifft und mir eine Frage stellt, der ich nicht ausweichen kann. Es berührt mich, wie Bertolt Brecht zeigt, dass Güte nichts Einfaches oder Romantisches ist, sondern etwas, das in der Realität beinahe zerbricht. Besonders diese Zerrissenheit von Shen Te lässt mich nicht los, weil sie sich so ehrlich und schmerzhaft wahr anfühlt. Gerade weil das Stück keine beruhigende Antwort gibt, sondern wie ein leiser, anhaltender Widerhall in mir weiterklingt, halte ich es für so außergewöhnlich relevant.
Was dieses Stück zu einem Meisterwerk erhebt, ist nicht allein seine kluge Konstruktion oder seine pointierte Gesellschaftsanalyse, sondern vor allem die radikale Konsequenz, mit der Brecht eine scheinbar einfache moralische Frage – wie kann ein Mensch gut sein? – in die widersprüchlichen Mechanismen einer kapitalistisch strukturierten Welt einspannt und dadurch unauflösbar macht. Schon die Ausgangssituation ist von einer fast parabelhaften Einfachheit: Drei Götter suchen auf der Erde nach einem guten Menschen und finden ihn in der Prostituierten Shen Te. Doch genau in dem Moment, in dem Güte anerkannt und belohnt werden soll, beginnt ihre Unmöglichkeit. Shen Tes Güte macht sie verwundbar, ausbeutbar, letztlich existenziell bedroht. Um zu überleben, erfindet sie die harte, geschäftstüchtige Maskenfigur Shui Ta – ein Alter Ego, das jene Grausamkeit verkörpert, die notwendig ist, um im System zu bestehen. Diese Doppelgestalt ist das dramaturgische Zentrum des Stücks und zugleich dessen philosophischer Kern: Der Mensch ist nicht einfach gut oder böse, sondern wird durch ökonomische Bedingungen gezwungen, sich zu spalten. Brecht führt damit sein Konzept des epischen Theaters auf eine besonders eindringliche Weise vor, indem er nicht Illusion erzeugt, sondern Distanz, nicht Identifikation, sondern Reflexion verlangt. Die Genialität des Dramas liegt gerade in dieser Dialektik: Es zeigt nicht, wie Moral funktioniert, sondern warum sie scheitert. Dabei ist der historische Kontext entscheidend. Brecht schrieb das Stück im Exil, vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, des aufkommenden Faschismus und der globalen Verwerfungen, die der Kapitalismus im frühen 20. Jahrhundert hervorgebracht hatte. Seine Kapitalismuskritik ist dabei weder platt noch rein ideologisch, sondern in dramatische Situationen übersetzt, die den Zuschauer oder Leser zwingen, selbst Stellung zu beziehen. Die ökonomischen Verhältnisse erscheinen nicht abstrakt, sondern konkret: als Mieten, Schulden, Arbeitslosigkeit, Hunger. In dieser Welt wird Güte zu einem Luxus, den sich niemand leisten kann. Genau hier entfaltet das berühmte Zitat Shen Tes seine tragische Wucht: „Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist? Gute Taten, das bedeutet Ruin!“ Dieser Satz ist deshalb so erschütternd, weil er eine moralische Selbstanklage enthält, die zugleich eine Anklage des Systems ist. Shen Te erkennt, dass ihr Scheitern nicht aus einem Mangel an gutem Willen resultiert, sondern aus der Unvereinbarkeit von ethischem Anspruch und ökonomischer Realität. Das Tragische liegt also nicht in einer individuellen Schuld, sondern in einer strukturellen Zwangslage. Anders als in der klassischen Tragödie gibt es keine Katharsis im Sinne einer Läuterung durch Einsicht, sondern eher eine Ernüchterung: Die Welt bleibt unverändert, die Widersprüche bestehen fort. Besonders raffiniert ist dabei, wie Brecht die Götter inszeniert. Sie erscheinen zunächst als moralische Instanz, als Garanten einer höheren Ordnung, erweisen sich jedoch als hilflos und letztlich ignorant gegenüber den realen Bedingungen menschlichen Lebens. Ihre Unfähigkeit, eine praktikable Lösung zu finden, entlarvt die Idee einer von oben verordneten Moral als illusionär. Damit unterläuft Brecht nicht nur religiöse Gewissheiten, sondern auch jede Form naiver Ethik, die die materiellen Grundlagen des Handelns ignoriert. Die offene Schlussform des Stücks, die berühmte Aufforderung an das Publikum, selbst eine Lösung zu finden, ist kein bloßer dramaturgischer Kunstgriff, sondern Ausdruck eines zutiefst politischen Theaterverständnisses. Brecht verweigert die Antwort, weil jede einfache Antwort eine Lüge wäre. Gerade darin liegt die nachhaltige Wirkung des Stücks: Es entlässt sein Publikum nicht in die beruhigende Gewissheit, sondern in eine produktive Unruhe. Dass „Der gute Mensch von Sezuan“ auch heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat, ist beinahe beunruhigend. In einer Welt, in der soziale Ungleichheit, Prekarisierung und ökonomischer Druck weiterhin das Leben vieler Menschen bestimmen, wirkt Shen Tes Dilemma erschreckend vertraut. Die Frage, ob moralisches Handeln unter kapitalistischen Bedingungen überhaupt möglich ist, hat nichts an Brisanz verloren. Im Gegenteil: Sie stellt sich vielleicht dringlicher denn je. Brechts Stück zwingt dazu, über die Bedingungen von Menschlichkeit nachzudenken, und legt offen, dass diese Bedingungen nicht naturgegeben, sondern gemacht sind – und damit prinzipiell veränderbar. Stilistisch besticht das Drama durch eine Mischung aus Lakonie und poetischer Verdichtung. Die Sprache ist klar, oft scheinbar schlicht, doch gerade in dieser Schlichtheit entfaltet sie eine große Präzision. Lieder und Zwischentexte brechen die Handlung auf, kommentieren sie, schaffen Distanz und eröffnen neue Perspektiven. Diese Verfremdungseffekte sind kein Selbstzweck, sondern dienen der Erkenntnis: Sie verhindern das bloße Mitfühlen und fördern das Mitdenken. Brechts Kunst besteht darin, Emotion und Analyse so miteinander zu verschränken, dass keine von beiden dominiert. Man fühlt mit Shen Te – und erkennt zugleich die Mechanismen, die ihr Leid hervorbringen. Genau diese doppelte Bewegung macht das Stück zu einem Meisterwerk. Es ist nicht nur ein Drama über eine einzelne Figur, sondern ein Experiment über die Möglichkeit von Moral in einer unmoralischen Welt. Wer „Der gute Mensch von Sezuan“ liest oder sieht, wird nicht nur mit einer Geschichte konfrontiert, sondern mit einer Frage, die sich nicht abschütteln lässt. Und vielleicht ist es genau diese Unabschließbarkeit, diese Weigerung, einfache Antworten zu liefern, die die eigentliche Genialität des Stücks ausmacht.
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Als Lektüre in der Schule eine lehrreiche und willkommene Abwechslung!!
Wie kann man Moral, das Leben und den Kapitalismus vereinbaren?
Jeder sollte Brecht gelesen haben!
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