Meine letzte RezensionJahre ohne Sprachevon Ann Esswein
Natascha wächst in einem kleinen, provinzialischen Ort auf, zwischen Bushhaltestelle, Fußballplatz und Vereinshaus, wo sie viel Zeit mit ihrer Clique verbringt. Darunter auch ein Junge, den wir nur als "Die Hand" kennelernen. Jahre später ist Natascha Nao, lebt mit anderen Personen in einer alten Fabrikhalle, wo sie ihrer Vergangenheit zu entflliehen versucht. Die Leue mit denen sie zusammen wohnt, teilen scheinbar alles, ihre Wut auf das System, die Ohnmacht über Erlebtes, jedes Stück Freude, ihre Ängste. Auch Nao versucht hinter sich aufzuräumen, einen Abschluss zu finden.
Diese 192 Seiten haben es in sich. Hat man einmal den Einstieg in die Geschichte gefunden, dringt man tief in die Thematik. Was als etwas nüchterner Coming of Age Roman beginnt, wird schell zu einem radikal ehrlichen und emotionalaufgeladenem Plot, der Nataschas Leben seziert. Aber Natascha, die man als kluge und auch gutaussehende Protagonistin kennenlernt, hat nirgends Halt. Selbst in ihrer Clique, mit der sie wohl am meisten Zeit verbringt, ist alles nur Schein. Man bewegt sich zwischen ihrem schlechten Familienverhältnis und Hoffnungen sowie Sehnsüchten eines Teenagers, bevor die Stimmung kippt. Denn schnell wird klar, dass Natascha Schlimmes erlebt hat, was über die ersten sexuellen Erfahrungen eines Teenageers hinaus geht. Von diesen Erlebnissen kann sie sich auch Jahre später noch immer nicht lösen. Nur in einer Gruppe Menschen, die alle etwas erlebt und schlecht bis gar nicht verarbeitet zu haben scheinen, findet sie Halt, Vertrauen. Aber auch der Zusammenhalt dieser Gruppe, die als Aussteiger in einer alten Knopffabrik leben und sich von Job zu Job durchschlagen, ist brüchig. Als Natascha (Nao) beginnt sich mit dem Erlebten direkt zu konfrontieren, wird die Geschichte allmählich aufgerollt. Es gibt Sprünge zwischen ihrer Teeniezeit und dem Leben in der Fabrik. Der Schreibstil springt von nüchtern bis ausdrucksstark, emotional. Man fühlt die Emotionen der Hauptfigur deutlich und beginnt sich Fragen zu stellen: Warum ist da niemand, der etwas tut? Was ist mit ihren Freunden, ihren Eltern? Wieso war niemand für sie da? Wie Nao überhaupt in die Gruppe der Aussteiger gelangt, wird leider nicht näher erklärt. Dafür spürte man aber deutlich die überkochenden Gefühle einiger Gruppenmitglieder. Die Dynamik zwischen den 4 Bewohnern der Fabrik ist stark aber wankelmütig. Auch hier bekommt man immer wieder das Gefühl: sind diese Leute, wirklich die Familie, die sich Nao so sehr wünscht?
Das Buch ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Es geht um Zugehörigkeit, alte Traumata undd Enttäuschung, privat und gesellschaftlich. Eine kurze Geschichte mit Durchschlagskraft.