Meine letzte RezensionIch war eine Ärztin in Auschwitzvon Gisella Perl
Gisella Perl, eine ungarisch-jüdische Gynäkologin, berichtet aus Auschwitz-Birkenau. Als Häftlingsärztin operiert sie ohne Instrumente, ohne Betäubung, unter Bedingungen radikaler Entmenschlichung. Sie hilft Frauen, heimlich Schwangerschaften zu beenden – denn jede entdeckte Schwangerschaft bedeutete in der Regel den sofortigen Tod für Mutter und Kind. Diese Entscheidungen trifft Perl wiederholt, ohne sie zu rechtfertigen. Sie legt sie offen, mit aller moralischen Unauflösbarkeit. Es gibt hier keine Helden, keine tröstliche Erzählkurve – sondern die Frage, was Handeln bedeutet, wenn jede Option falsch ist.
Dieses Buch ist kein literarischer Roman. Wer glatte Sätze, eine durchkomponierte Chronologie oder stilistisch ausgearbeitete Übergänge erwartet, wird hier nicht fündig. Gisella Perl schrieb ihre Erinnerungen 1948, nur drei Jahre nach der Befreiung – und diese zeitliche Nähe prägt jeden Satz. Die Sprache ist roh, oft sprunghaft, die Chronologie nicht durchgehend geschlossen. Diese Unmittelbarkeit ist kein Mangel, sondern Teil ihrer Aussagekraft.
Gerade die nüchterne, beinahe klinische Sprache verstärkt die Wirkung. Perl klagt nicht an, sie beschreibt. Und dieses Beschreiben wirkt härter als jede Anklage. Ein sprunghaftes, unvollkommenes Buch – und zugleich eines der eindringlichsten Zeugnisse über medizinisches Handeln im Zentrum der Vernichtung.