Das vorliegende Buch ist eine Biographie, es schildert das Leben des Philosophen. Und doch: Wenn man eine Biographie Foucaults in Angriff nimmt, tut man das, weil er Bücher geschrieben hat. Und so ist Didier Eribon mit seiner Biographie über Michel Foucault, der bisher einzigen, aufgrund ihres profund recherchierten Faktenreichtums, ihrer intimsten Kenntnis von Person und Werk dieses Denkers ein faszinierendes Portrait gelungen: das der rätselvollen Gestalt Michel Foucaults und mit ihr der letzten vierzig Jahre intellektueller Geschichte nicht nur Frankreichs.
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Didier Eribon, ein wichtiger Theoretiker unserer Zeit, schreibt hier über Foucoult, der von manchen blind verehrt und von einigen wenigen gut gekannt wird. Sein Denken über Staat, Überwachung, Individuum, Freiheit und Strafe haben die Postmoderne geprägt. Foucoults denkerischer Werdegang wird hier von Eribon beschrieben.
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15.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Michel Foucault und die Geburt eines Denkens gegen die Gewissheiten der Moderne
Es gibt Biographien, die ein Leben erzählen, und es gibt solche, die sichtbar machen, wie aus einem Leben ein Denken werden konnte. Didier Eribons Biographie über Michel Foucault gehört zur zweiten, weitaus anspruchsvolleren Kategorie. Sie ist nicht lediglich die Geschichte eines bedeutenden französischen Intellektuellen, sondern zugleich eine Rekonstruktion jener geistigen Konstellation, aus der eines der radikalsten Denkprojekte des 20. Jahrhunderts hervorging. Eribon gelingt das Kunststück, Foucaults Leben und Werk eng miteinander zu verknüpfen, ohne das eine auf das andere zu reduzieren. Gerade darin liegt die eigentliche Stärke dieses ungemein informativen und spannenden Buches: Foucault wird nicht psychologisch erklärt, sondern intellektuell verständlich gemacht.
Wer Foucault bereits während der Universitätsjahre gelesen hat, kennt jene eigentümliche Erfahrung, die seine Bücher auslösen. Man liest nicht einfach einen Philosophen, der bestimmte Thesen vertritt; vielmehr gerät man in ein Denken, das die Voraussetzungen der eigenen Fragen verschiebt. Was bedeutet Vernunft, wenn ihre Geschichte auch eine Geschichte des Ausschlusses ist? Was ist Wissen, wenn jede Epoche ihre eigenen Regeln des Sagbaren besitzt? Was ist das Subjekt, wenn es nicht Ursprung, sondern womöglich Ergebnis historischer Praktiken ist? Eribon führt zurück zu den Lebensjahren, in denen sich solche Fragen zunächst nur tastend und fragmentarisch ankündigen. Seine besondere Leistung besteht darin zu zeigen, dass die späteren großen Werke Foucaults keineswegs plötzlich entstanden. Ihre Motive waren früh vorhanden; sie mussten nur noch ihre endgültige philosophische Form finden.
Besonders aufschlussreich ist deshalb die Darstellung von Foucaults akademischem Werdegang. Die École normale supérieure erscheint bei Eribon nicht als bloße Ausbildungsstätte, sondern als eine intellektuelle Welt eigener Art, in der geistige Brillanz geradezu vorausgesetzt wurde. Hier trafen junge Männer auf eine Atmosphäre permanenter Konkurrenz, Diskussion und Selbstprüfung. Wer bestehen wollte, musste nicht nur intelligent sein, sondern intellektuell auffallen. Foucault tat dies zweifellos. Zugleich war er ein Außenseiter, der sich der Gemeinschaft entzog und unter ihren Anforderungen litt. Eribon beschreibt ihn treffend als „ungebärdiger Einzelgänger, dessen Beziehungen zu den anderen sich kompliziert, häufig sogar konfliktuös gestalten“. Diese Spannung zwischen außergewöhnlicher intellektueller Präsenz und sozialer Distanz gehört zu den eindringlichsten Motiven der Biographie.
Gerade hier beginnt sich das Leben mit dem Werk zu verschränken. Der junge Foucault erlebt Institutionen nicht nur als abstrakte Gegenstände akademischer Analyse, sondern als soziale Wirklichkeiten, die Menschen ordnen, vergleichen, beurteilen und an bestimmte Formen des Verhaltens binden. Eribon macht daraus keine simple Kausalgeschichte. Foucault beschäftigte sich später nicht deshalb mit Institutionen, weil er als junger Mann Schwierigkeiten mit ihnen hatte. Doch die Erfahrung von Zugehörigkeit und Ausschluss, von Normalität und Abweichung, erhält im Rückblick eine bemerkenswerte Resonanz in seinem Denken. Der spätere Genealoge der Institutionen hatte früh erfahren, dass soziale Ordnungen keineswegs neutral sind.
Noch entscheidender ist Eribons Rekonstruktion der intellektuellen Lehrer und Gesprächspartner, durch deren Einfluss sich Foucaults Denken formte. Jean Hyppolite und Georges Canguilhem sind dabei weit mehr als Stationen in einem akademischen Lebenslauf. Hyppolite, der Hegels Denken in Frankreich mit außerordentlicher Wirkung vermittelte, prägte eine ganze Generation und machte die historische Bewegung von Begriffen, Bewusstsein und Negativität zu einem zentralen philosophischen Problem. Canguilhem wiederum wurde für Foucault von kaum zu überschätzender Bedeutung. Seine Untersuchungen über Wissenschaft, Norm und Abweichung eröffneten eine Perspektive, in der wissenschaftliche Begriffe selbst historisch untersucht werden konnten. Was eine Gesellschaft als normal, krank, vernünftig oder abweichend bezeichnet, ist dann nicht länger eine ewige Gegebenheit, sondern eine historische Formation.
Eribon zeichnet diese Verflechtung der Intellektuellen mit großer Souveränität nach. Foucault erscheint nicht als isoliertes Genie, sondern als Knotenpunkt eines außergewöhnlich produktiven französischen Denkens. Gerade dadurch wird seine Originalität umso deutlicher. Er übernimmt seine Lehrer nicht einfach; er verwandelt ihre Fragen. Aus Canguilhems Wissenschaftsgeschichte entsteht bei ihm die Archäologie des Wissens, aus der Beschäftigung mit Hegel und der europäischen Philosophie entwickelt sich ein radikales Misstrauen gegenüber den vermeintlich zeitlosen Kategorien der Vernunft. Foucault wird zum Denker der Bedingungen: Er fragt nicht nur, was wahr ist, sondern unter welchen historischen Bedingungen etwas überhaupt als wahr erscheinen kann.
Der historische Hintergrund dieser Entwicklung ist entscheidend. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte ein französischer Intellektueller nicht mehr unbefangen an die großen europäischen Erzählungen von Vernunft, Fortschritt und Humanismus anknüpfen. Die Katastrophe des Nationalsozialismus hatte gezeigt, dass die moderne, hochrationalisierte Gesellschaft keineswegs vor der Barbarei geschützt war. Verwaltung, Wissenschaft, Klassifikation und bürokratische Organisation konnten ebenso Instrumente der Herrschaft werden. Damit musste sich auch die Philosophie verändern. Es genügte nicht mehr, nach der richtigen Vernunft zu fragen; man musste untersuchen, wie Vernunft gesellschaftlich institutionell hergestellt wird und wen sie dabei ausgrenzt.
Vor diesem Hintergrund erhält Foucaults Beschäftigung mit dem Wahnsinn ihre eigentliche philosophische Sprengkraft. Eribon lässt verstehen, weshalb dieses Thema für Foucault so zentral werden konnte. Der Wahnsinn interessiert ihn nicht bloß als medizinisches Phänomen, sondern als Grenzfigur der europäischen Vernunft. Wer den Wahnsinn ausschließt, definiert zugleich, was als vernünftig gelten darf. Foucaults monumentale Untersuchung des Wahnsinns ist daher auch eine Geschichte jener gesellschaftlichen Mechanismen, durch die eine Kultur ihre eigene Grenze zwischen Vernunft und Unvernunft zieht. Aus der Frage nach dem Wahnsinn wird eine Frage nach der Ordnung des Wissens.
Dass Foucault schließlich Nietzsche, Bataille, Klossowski und Blanchot folgt, erscheint bei Eribon als konsequenter, wenn auch keineswegs vorbestimmter Schritt. Bei diesen Autoren findet er eine Möglichkeit, die klassische philosophische Sprache selbst zu destabilisieren. Vor allem die Vorstellung eines souveränen, sich selbst transparenten Subjekts gerät ins Wanken. Das „Ich“ ist nicht mehr selbstverständlich der Ursprung des Sprechens und Erkennens. Es wird selbst zum historischen Problem. Wer spricht? Unter welchen Bedingungen kann gesprochen werden? Welche Regeln entscheiden darüber, was sagbar ist? Damit beginnt jene eigentümliche Bewegung, die Foucault später zu einem der bedeutendsten Kritiker des modernen Subjekts machen sollte.
Die große Kunst Eribons besteht darin, diese Entwicklung weder zu überhöhen noch nachträglich zu determinieren. Er zeigt einen Foucault, der von Anfang an faszinierte, weil er sich nicht ohne Weiteres einordnen ließ; einen Intellektuellen, dessen Brillanz und Fremdheit eng miteinander verbunden waren. Sein Denken entsteht aus einer Welt, die er zugleich bewohnt und bekämpft. Vielleicht liegt gerade darin seine Modernität: Foucault ersetzt die alten Gewissheiten nicht durch neue Dogmen. Er macht vielmehr die Entstehung von Gewissheiten selbst zum Gegenstand der Untersuchung. Didier Eribon zeigt mit großer Präzision, wie aus biographischen Erfahrungen, akademischen Begegnungen und den historischen Erschütterungen der Nachkriegszeit allmählich dieses Denken hervorgehen konnte.
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05.03.2023
Buch (Taschenbuch)
Die Möglichkeit, anders zu denken
Didier Eribon schreibt über Michel Foucault – eine Traumkombination für alle, die wissen wollen „wie, und wieweit es möglich wäre, anders zu denken“. In seinem klaren, unaufgeregten und trotzdem immer berührenden Stil erzählt Eribon der*dem Leser*in von Foucaults Leben und Denken, die untrennbar miteinander verbunden sind: Wer war die schillernde, polarisierende Persönlichkeit? Wie entstanden „Wahnsinn und Gesellschaft“, „Überwachen und Strafen“ und „Die Ordnung der Dinge“, um nur einige Werke zu nennen? Und was war los im politischen Frankreich der 60er, 70er, 80er Jahre, als Foucault mit Sartre und Bourdieu auf die Straße ging?
Eine guter Einstieg für alle, die sich mit Foucault beschäftigen wollen, und für Leser*innen von Eribon sowieso.
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