Als Samuel Beckett 1975 Warten auf Godot, das bereits zu dem Theaterstück des 20. Jahrhunderts geworden war, im Berliner Schillertheater inszenierte, benutzte er zur Vorbereitung auch ein Bändchen mit Elmar Tophovens Übersetzung, in das er mit seiner charakteristischen Schrift vor allem Textveränderungen und -varianten eintrug.
Becketts Handexemplar, das der Suhrkamp Verlag zum 100. Geburtstag des Autors als Faksimile publiziert, ist sinnfälliges Beispiel der glücklichen Engführung, die im Verhältnis von Becketts Werk und dessen deutscher Aufnahme stattfand.
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Klassiker des absurden Theatrers. Das Lesen bereitete mir noch mehr Freude als der Theaterbesuch.
Endzeitlachen
Polar aus Aachen am 11.06.2021
Bewertungsnummer: 571925
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Die Verzweiflung läßt sich nur ertragen, indem man sie auslacht. Es gibt viele tiefsinnige Analysen dieses Stücks. Sie reichen vom großen politischen Welttheater bis in die Niederungen tiefster philosophischer Erkenntnisse. Allen berühmten Stücken geht es so. Wir können sie nicht in Ruhe lassen, sie müssen gedeutet werden. Je länger sie auf dem Spielplan stehen, desto länger die Fußnoten, die Regisseure, Humanisten, Lehrer, Kritiker, Zuschauer, Leser ihnen anhängen. Das Spielerische geht dabei oft verloren und die Last der Verantwortung erdrückt die Figuren. Warum sollen wir nicht warten? Wenn das Leben sowieso ein einziges Warten ist. Und dann noch auf einen gewissen Godot. Den niemand kennt, niemand getroffen hat. Beim Widerlesen glaubt man das Stück zu kennen, doch taucht immer wieder dieses leichte Schmunzeln auf, das sich über die Jahre gehalten hat. Und dieses Lächeln über uns selbst, ist vielleicht das, was Beckett, wo er auch sei, schallend über sein Endzeitdrama lachen läßt. Eines der größten Stücke überhaupt, weil es so bescheiden ist. Wer kam vor Beckett schon mit so wenig Bühnenbild aus? Ich wage die Prognose, daß sich in hundert Jahren alles noch um diesen Baum dreht. Nicht wahr, Godot?
Meinung aus der Buchhandlung
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Bei "Warten auf Godot" ging es mir ständig so, dass ich das Gefühl hatte, da steckt noch viel mehr drin, als ich gerade erfassen kann. Immer wieder dachte ich: Das kann doch unmöglich alles sein, was hier gesagt wird. Zwischen den Dialogen, den Pausen und sogar den Wiederholungen scheint etwas mitzuschwingen, das sich nie ganz greifen lässt. Genau das hat mich so begeistert, dieses Gefühl, dass das Stück seine größten Gedanken nicht ausspricht, sondern nur andeutet. Kaum ein anderes Stück hat mich derart nachhaltig verstört, fasziniert und zugleich ergriffen. Nun, versuchen wir doch einmal zwischen den Zeilen zu verweilen: Es ist ein Theater der scheinbaren Leere, und gerade darin entfaltet es eine ungeheure Fülle. Denn Beckett erzählt keine Geschichte im herkömmlichen Sinn. Es gibt keine Entwicklung, keinen Höhepunkt, keine Auflösung. Zwei Landstreicher warten an einer Landstraße neben einem einsamen Baum auf einen Mann namens Godot. Mehr geschieht nicht. Oder genauer: Es geschieht nichts. Niemand kommt, niemand geht, und doch vergeht die Zeit. Gerade in dieser radikalen Verweigerung jeder dramatischen Handlung liegt die Genialität des Stücks. Beckett interessiert sich nicht für Ereignisse, sondern für einen Zustand. Nicht für das Ziel, sondern für das Dazwischen. Nicht für Godot, sondern für das Warten. Die eigentliche Hauptfigur des Stücks ist deshalb nicht Godot, sondern die Zeit selbst. Sie schleicht durch jede Zeile, durch jede Pause, durch jede Wiederholung. Während Wladimir und Estragon reden, streiten, sich versöhnen, Erinnerungen verlieren und wiederfinden, erleben wir das Vergehen der Zeit in seiner reinsten Form. Solange der Mensch handelt, arbeitet, liebt oder kämpft, kann er sich der Zeit entziehen. Er vergisst sie. Doch im Warten wird sie unerbittlich sichtbar. Der Wartende ist dem Strom der Stunden ausgeliefert. Er kann sich nicht ablenken, nicht entkommen. Er erlebt das bloße Vergehen der Zeit. Genau hierin berührt Beckett einen Kern menschlicher Existenz. Denn unser Leben besteht letztlich aus einer Abfolge von Erwartungen. Wir warten auf den nächsten Tag, auf Erfolg, auf Liebe, auf Glück, auf Erlösung, auf den Tod. Immer befindet sich das Wesentliche scheinbar noch vor uns. Godot wird dadurch zur Chiffre für alles, worauf der Mensch seine Hoffnung richtet. Er ist kein bestimmter Mensch, keine eindeutige religiöse oder philosophische Figur. Seine Bedeutung liegt gerade in seiner Unbestimmtheit. Jeder Zuschauer füllt die Leerstelle mit seinen eigenen Sehnsüchten. Godot ist das Versprechen einer Erfüllung, die niemals eintritt.
Dabei enthüllt Beckett eine bittere Wahrheit: Das Objekt unserer Wünsche bleibt unerreichbar, weil wir selbst uns auf dem Weg zu ihm verändern. In seinen Überlegungen zu Marcel Proust beschreibt Beckett die Existenz als einen fortwährenden Prozess der Verwandlung. Das Ich besitzt keinen festen Kern, sondern befindet sich in ständiger Bewegung. Vergangenheit und Zukunft fließen durch uns hindurch und machen uns in jedem Augenblick zu einem anderen Menschen. Wer heute hofft, ist nicht mehr derselbe, der morgen die Erfüllung seiner Hoffnung erleben würde. Gerade deshalb bleibt wahre Erfüllung unmöglich. Das Subjekt verändert sich schneller als sein Ziel. Während wir auf etwas warten, stirbt gewissermaßen derjenige, der gewartet hat, und ein anderer tritt an seine Stelle. Die ersehnte Einheit von Wunsch und Erfüllung zerfällt bereits in dem Moment, in dem sie erreicht werden könnte.
Diese Einsicht prägt die gesamte Struktur des Stücks. Die Figuren verlieren ständig die Gewissheit über ihre eigene Vergangenheit. Erinnerungen verblassen oder widersprechen sich. Menschen erkennen einander nicht wieder. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies in der Figur des Jungen, der als Bote Godots auftritt. Obwohl ausdrücklich angedeutet wird, dass es sich an beiden Tagen um denselben Jungen handelt, behauptet er beharrlich, Wladimir und Estragon niemals zuvor gesehen zu haben. Seine Erinnerung löscht die Begegnung des Vortages vollständig aus. Verzweifelt versucht Wladimir, sich wenigstens als Spur im Gedächtnis des Jungen zu verankern. Doch der Zuschauer ahnt längst die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens. Am nächsten Tag wird alles wieder vergessen sein. Die Szene wirkt zunächst absurd, offenbart jedoch eine zutiefst beunruhigende Frage: Können wir überhaupt sicher sein, dass die Menschen, denen wir heute begegnen, dieselben sind wie gestern? Und sind wir selbst noch dieselben?
In dieser Perspektive erscheint die Welt als ein Ort permanenter Veränderung, die paradoxerweise nichts verändert. Das ist vielleicht die erschütterndste Erkenntnis des Stücks. Alles befindet sich in Bewegung, und doch bleibt alles gleich. Die Tage wiederholen sich. Die Gespräche wiederholen sich. Die Hoffnungen wiederholen sich. Selbst die Verzweiflung wiederholt sich. Beckett führt damit die Erfahrung moderner Existenz auf ihren nackten Kern zurück. Wir erleben Fortschritt, Wandel und Geschichte, aber im Innersten scheint sich nichts zu bewegen. Die Zeit arbeitet unaufhörlich an den Menschen, doch ihr Werk besitzt kein erkennbares Ziel. Veränderung wird zu einer Form der Stillstellung.
Von überwältigender Kraft ist in diesem Zusammenhang die Figur Pozzos. Als er im zweiten Akt blind erscheint, verdichtet sich das gesamte Menschenbild des Stücks in seinem berühmten Ausbruch gegen die Vorstellung einer geordneten Zeit. Seine Worte klingen wie eine Anklage gegen jede Illusion von Sinn und Entwicklung. Irgendwann wird ein Mensch blind, irgendwann stumm, irgendwann taub. Irgendwann wird er geboren, irgendwann stirbt er. Dazwischen liegt lediglich ein kurzer Lichtschein. Der Tag glimmt für einen Augenblick auf, bevor die Nacht zurückkehrt. In dieser düsteren Vision erscheint das menschliche Leben wie ein flüchtiger Funke zwischen zwei Abgründen des Nichts.
Und dennoch ist Warten auf Godot kein nihilistisches Werk.
Das wäre eine zu einfache Lesart. Gerade weil Beckett die Sinnlosigkeit so konsequent darstellt, macht er sichtbar, was den Menschen trotz allem auszeichnet. Wladimir und Estragon geben das Warten nicht auf. Sie bleiben. Sie reden. Sie erinnern sich. Sie vergessen. Sie hoffen weiter. Vielleicht liegt hierin die eigentliche Würde des Menschen. Nicht im Erreichen seiner Ziele, sondern im Beharren auf Hoffnung angesichts ihrer Unmöglichkeit. Das Stück zeigt keine Helden im klassischen Sinn, sondern zwei erschöpfte, lächerliche, oft komische Gestalten. Doch gerade ihre Zerbrechlichkeit macht sie universell. In ihnen erkennt sich jeder Zuschauer wieder.
Die Größe von Becketts Theater besteht darin, dass es keine Antworten liefert. Es verwandelt die Bühne in einen Spiegel unserer eigenen Existenz. Der kahle Baum, die leere Straße und das endlose Warten sind keine Symbole, die entschlüsselt werden müssen. Sie sind Zustände des Menschseins selbst. Jeder Mensch steht irgendwann auf seiner eigenen Landstraße und wartet auf seinen persönlichen Godot. Vielleicht auf Erfolg. Vielleicht auf Liebe. Vielleicht auf einen Sinn, der das Leben rechtfertigt. Vielleicht auf den Tod. Und vielleicht kommt dieser Godot niemals.
Gerade deshalb gehört Warten auf Godot zu den größten Werken der Weltliteratur. Es wagt etwas, das nur wenige Kunstwerke wagen: Es blickt direkt in die Leere, ohne die Augen zu senken. Beckett zeigt die Vergänglichkeit des Menschen, die Brüchigkeit der Erinnerung, die Instabilität des Ichs und die Unaufhaltsamkeit der Zeit. Doch aus dieser schonungslosen Diagnose entsteht paradoxerweise eine tiefe Menschlichkeit. Das Stück ist traurig, komisch, grausam und zärtlich zugleich. Es erzählt von der Hoffnung und ihrer Unmöglichkeit, von der Zeit und ihrer Nichtigkeit, vom Menschen und seiner unerschütterlichen Fähigkeit weiterzuwarten. Am Ende bleibt Godot aus. Aber vielleicht ist gerade das die eigentliche Offenbarung. Denn die Bedeutung unseres Lebens liegt nicht in der Ankunft dessen, worauf wir warten, sondern im Warten selbst.
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Ein Titel der mittlerweile Synonym für langes, vergebliches Warten geworden ist. Becketts doppelter Einakter ist ein Vergnügen für jeden Theater-Narren und sehr zu empfehlen.
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