Objekt Leiche

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Todesbilder - Studien zum gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod
Geleitwort zu einer neuen Buchreihe
Dominik Groß, Andrea Esser, Hubert Knoblauch und Brigitte Tag 9

Thematische Einführung

Die Aneignung des menschlichen Leichnams: Facetten eines wenig
beleuchteten Phänomens
Dominik Groß und Richard Kühl 17

I. Der Nutzen des Leichnams im Altertum
Zwischen religiösen Tabus, ökonomischen Rahmenbedingungen
und politischer Instrumentalisierung: Das schwierige Verhältnis der
Griechen zum toten Körper
Klaus Freitag 39

Entrückung, Epiphanie und Consecration: Überlegungen zur Apotheose
des römischen Kaisers und zum Umgang mit seiner Leiche
David Engels 79

II. Aneignungen des Leichnams in Literatur und Wissenschaft

Perspektiven der Zergliederung: Zum Verhältnis von Anatomie und
Wissenschaftspraxis in der Frühen Neuzeit
Andreas Gormans 137

Der tote Körper: Literarische Metamorphosen des Leibes und der Seele
Gertrude Cepl-Kaufmann und Jasmin Grande 193

III. Die Funktion von Leichen im Zeichen der Waffengewalt

Beweisen, Abschrecken, Legitimieren: Zum Einsatz der Leiche als
Waffe in kriegerischen Auseinandersetzungen
Tim Ohnhäuser 247

Der Körper des toten Soldaten: Aneignungsprozesse zwischen
Verdrängung und Inszenierung
Christoph Rass und Jens Lohmeier 271

IV. Der menschliche Leichnam als (technische) Ressource

Wallfahrtsorte, Wanderschausteller und das World Wide Web:
Ökonomisierung und Verehrung von Heiligenreliquien in Mittelalter
und Gegenwart
Christine Knust 337

Die Gräuel an den Leichen der Ermordeten der nationalsozialistischen
Konzentrations- und Vernichtungslager: Forschung und Erinnerung
Richard Kühl 361

Die Ökonomie des toten Körpers
Paul Thomes, Patrick Hahne, Jens Lohmeier und Christoph Rass 387

V. Soziale Dienstbarkeit von Leichen

Vom Nutzen und Nachteil der "dienstbaren Leiche" für die Toten und
die Lebenden: Ein Ideenskelett
Armin Heinen 429

eBody: Interaktive Services des Bestattens und Gedenkens
Eva-Maria Jakobs und Martina Ziefle 453

Tod und tote Körper im Lebensverlauf von Männern und Frauen:
Subjektiver Sinn und soziale Dienstbarkeit von Leichen
Jochen Grötzbach und Heather Hofmeister 477

Verführerische Leichen: Ästhetische Nekrophilie als besondere
Form der Aneignung toter Körper
Julia A. Glahn 495

VI. Die Aneignung des eigenen Leichnams

Do ut des? Zur Motivation von "Körperspendern" und zur Funktion
des toten Körpers
Gereon Schäfer, Stefanie Westermann und Dominik Groß 519

Im Dienst der Unsterblichkeit? Der eigene Leichnam als Mittel
zum Zweck
Dominik Groß und Martina Ziefle 545

Autorinnen und Autoren 583
Band 1
Todesbilder. Studien zum gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod Band 1

Objekt Leiche

Technisierung, Ökonomisierung und Inszenierung toter Körper

Buch (Taschenbuch)

45,00 €

inkl. gesetzl. MwSt.

Beschreibung

Im Zentrum des Bandes stehen der Leichnam und seine Nutzbarmachung in verschiedenen Kulturen und Epochen: der Wandel von Trauer- und Bestattungsriten, die Darstellung toter Körper in Kunst und Literatur, die Leiche im Kontext des Krieges, ihr Stellenwert in den Religionen bis hin zur Weiterbehandlung mit modernen Techniken wie Tiefkühlung oder Diamantisierung.

Details

Einband

Taschenbuch

Erscheinungsdatum

08.02.2010

Herausgeber

Dominik Gross + weitere

Verlag

Campus

Seitenzahl

588

Beschreibung

Details

Einband

Taschenbuch

Erscheinungsdatum

08.02.2010

Herausgeber

Verlag

Campus

Seitenzahl

588

Maße (L/B/H)

21,4/14,4/4,1 cm

Gewicht

770 g

Auflage

1

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-593-39166-3

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Die Aneignung des menschlichen Leichnams: Facetten eines wenig beleuchteten Phänomens Dominik Groß und Richard Kühl 1. Einführung Der Tod ist nicht die Leiche, und die Leiche ist nicht der Tod. Gleichwohl markiert die Leiche die materielle Tatsache des Todes: Sie indiziert den Tod. Die Auseinandersetzung mit dem Tod und mit dem toten Körper als dessen stärkster Konkretisierung bedeutet dabei unabhängig von Epoche, Kulturraum, politischem System und religiöser Überzeugung eine Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit menschlichen Lebens. Der Tod fordert die Lebenden heraus; er will individuell und kollektiv, mental und physisch bewältigt werden - ein Sachverhalt, den Klaus Freitag mit Blick auf die griechische Antike als "Domestizierung des Unbegreiflichen" bezeichnet hat. Dabei wird der Leichnam in verschiedenen Kulturen, religiösen oder sozialen Kontexten durchaus unterschiedlich wahrgenommen und gedacht - sei es als konkreter Gegenstand, als (fortwirkende) Person, als Inbegriff des Transzendenten oder als Hülle, welche auch nach dem Tod zu konservieren war, weil sie im Jenseits genau so wieder gebraucht wurde. Trotz der Unvermeidlichkeit des Todes und der einzigartigen Stellung des Leichnams sind die formellen, politischen und symbolischen Einzelaspekte des Umgangs mit dem toten Körper, ihre Interdependenzen und kulturellen Bedingtheiten bislang nur wenig gewürdigt und noch kaum in einen interdisziplinären Kontext gestellt worden. Bemerkenswerterweise ist gerade die facettenreiche Forschungsfrage, inwieweit bzw. in welcher Form der menschliche Körper in den Dienst der Überlebenden gestellt wurde und wird, bislang allenfalls ansatzweise systematisch untersucht worden. Im Mittelpunkt des vorliegenden Themenbandes steht daher eben dieser spezifische Aspekt der menschlichen Leiche: ihre Nutzbarmachung bzw. ihr Einsatz als (technische) Ressource. Der soziale, politische, religiöse oder symbolische Sinngehalt des Leichnams entsteht im komplexen Wechselspiel zwischen sich durchsetzenden und akzeptierenden Sinnproduzenten. Diese Form der Aneignung des toten Körpers geht einher mit fortwährenden Zuschreibungen im Rahmen sozialer Interaktionen: Hierher gehören Trauer- und Bestattungsriten sowie Erinnerungskulturen inklusive der Schaffung visueller und sprachlicher, konkreter und virtueller Kommunikationswelten rund um den Toten, seine sterblichen Überreste und den Ort der Trauer. Dabei ist der soziale Umgang mit dem Leichnam Armin Heinen zufolge stark kontextabhängig: Der konkrete soziale Sinnzusammenhang entscheidet darüber, welchen Nutzen der tote Körper den Lebenden stiftet. Zustimmungsfähig wird die Aneignung der Leiche erst durch einen öffentlichen Akt, als "Aneignung unter gemeinschaftlicher Kontrolle" . Zu fragen ist auch, in welchen Transferformen uns tote Körper in der kulturellen Praxis begegnen, etwa in der Kunst, Musik oder Literatur. Schließlich ist auch die konkrete Ebene anzusprechen, das heißt die Aneignung des materiellen Leichnams - zum Beispiel im Rahmen des kommerziellen Handels mit Leichenteilen oder einer anatomischen Sektion für Lehr- und Forschungszwecke. Die hier skizzierte Forschungsfrage bleibt nicht auf einzelne zeitlich, örtlich oder inhaltlich begrenzte Fragestellungen und Entwicklungen beschränkt, sondern wendet sich dezidiert verschiedenen Epochen, politischen Systemen und soziokulturellen Kontexten zu, um so - in transdisziplinärer Perspektive - höchst unterschiedliche Formen der Instrumentalisierung des toten Körpers freilegen zu können. Die Indienstnahme des Leichnams soll hierbei in einem doppelten Sinn zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden: Angesprochen ist zum einen die Aneignung des Leichnams durch Dritte - sei es in medizinischer, politischer, gesellschaftlicher, kultureller, ökonomischer oder symbolischer Hinsicht. Weit weniger offensichtlich, wenngleich nicht weniger bedeutsam, sind zum anderen Bestrebungen, den eigenen Leichnam für die Zeit nach dem Tod zu funktionalisieren bzw. für persönliche Ziele dienstbar zu machen. 2. Die Aneignung des Leichnams durch Dritte Was die Aneignung des Leichnams durch Dritte betrifft, so ist mit Blick auf aktuelle und künftige Entwicklungen insbesondere der kommerzielle Handel mit Leichen(teilen) und deren (technische) Wiederverwertung in der Medizin von Bedeutung : Konkrete Beispiele sind Organe und Gewebe wie Hornhäute, Knorpel, Knochen, Sehnen oder Herzklappen von Verstorbenen und ihre Verwendung bei Lebenden. Ein zerlegter, vergleichsweise junger toter Körper kann bis zu 250.000 Euro wert sein - eine Perspektive, die Martina Keller veranlasst, die Leiche "als Schatz des 21. Jahrhunderts" zu titulieren. Doch die Dienstbarmachung des toten Körpers kann je nach Epoche, Kulturraum und Intention völlig unterschiedliche und weit weniger vordergründige Formen annehmen. So kann der Leichnam - um mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu zu sprechen - als "symbolisches Kapital" interpretiert werden, das sich in Form von Autorität, Berühmtheit, Ehre, Prestige, Heiligkeit, Charisma, Tradition, Treue oder Würde manifestieren, Deutungshoheiten zementieren, Machtansprüche begründen, legitimieren oder unterhalten kann. Insbesondere die Aneignung des Leichnams herausragender Persönlichkeiten, wie die eines Herrschers, ermöglichte die Sinnfindung, Identitätsbildung und politische bzw. gesellschaftliche Legitimation Einzelner wie auch sozialer Gruppierungen. Tatsächlich lässt sich zum Beispiel bereits bei oberflächlicher Betrachtung der Bestattungsrituale in den griechischen Poleis feststellen, dass der tote Körper herausgehobener Mitglieder der Gemeinschaft im antiken Griechenland nicht zuletzt auch der Legitimierung von Herrschaft diente. In der griechischen Antike war die Leiche Bestandteil einer ausgeklügelten Inszenierung, die das Ziel verfolgte, gesellschaftliche Ordnung und Hierarchie abzubilden. In den Bestattungsritualen der Poleis ging es nicht in erster Linie um die Toten, ihre Leiche oder ihr ultimatives Schicksal. Im Zentrum stand vielmehr die Bedeutung des Toten für die Überlebenden, die sich im Angesicht des Todesereignisses als Gruppe in einem komplexen Ritual neu formierten. Gegebenenfalls nutzten Personen aus dieser Gruppe die Gelegenheit, anlässlich der Bestattung ihren politischen und sozialen Einfluss öffentlich zu machen bzw. diesen in Konkurrenz zu anderen unter Beweis zu stellen. Eine derartige Form der Aneignung des Leichnams ist auch in der römischen laudatio funebris zu erkennen, die unter anderem als Mechanismus im Kampf der einflussreichen römischen Familien um politisches Ansehen und Macht interpretiert werden kann. Die Grenzen zwischen Totenklage und Instrumentalisierung des Toten waren äußerst fließend. So hielt etwa Caesar, wie David Engels ausführt, am Beginn seine Karriere eine Laudatio auf seine verstorbene Tante, "indem er die bis zu den Göttern reichende Genealogie der Gens Iulia aufzählte". Caesars Leichnam beförderte wiederum die politische Karriere seiner Nachfolger: So schlug Marc Anton Kapital daraus, dass er dem römischen Volk das blutgetränkte Gewand des toten Diktators vorführte. Von der antiken Rhetorik und der Totenrede als einer der genera dicendi kann die Weiterschreibung der Tradition bis in die Gegenwart nachvollzogen werden. Nicht zuletzt ließe sich hier der Übergang von der Oralität zur Literalität festmachen, denn Totenreden haben Eingang in schriftlich tradierte Sammlungen von Totenreden gefunden und sind Teil einer literarischen Praxis geworden.
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    Geleitwort zu einer neuen Buchreihe
    Dominik Groß, Andrea Esser, Hubert Knoblauch und Brigitte Tag 9

    Thematische Einführung

    Die Aneignung des menschlichen Leichnams: Facetten eines wenig
    beleuchteten Phänomens
    Dominik Groß und Richard Kühl 17

    I. Der Nutzen des Leichnams im Altertum
    Zwischen religiösen Tabus, ökonomischen Rahmenbedingungen
    und politischer Instrumentalisierung: Das schwierige Verhältnis der
    Griechen zum toten Körper
    Klaus Freitag 39

    Entrückung, Epiphanie und Consecration: Überlegungen zur Apotheose
    des römischen Kaisers und zum Umgang mit seiner Leiche
    David Engels 79

    II. Aneignungen des Leichnams in Literatur und Wissenschaft

    Perspektiven der Zergliederung: Zum Verhältnis von Anatomie und
    Wissenschaftspraxis in der Frühen Neuzeit
    Andreas Gormans 137

    Der tote Körper: Literarische Metamorphosen des Leibes und der Seele
    Gertrude Cepl-Kaufmann und Jasmin Grande 193

    III. Die Funktion von Leichen im Zeichen der Waffengewalt

    Beweisen, Abschrecken, Legitimieren: Zum Einsatz der Leiche als
    Waffe in kriegerischen Auseinandersetzungen
    Tim Ohnhäuser 247

    Der Körper des toten Soldaten: Aneignungsprozesse zwischen
    Verdrängung und Inszenierung
    Christoph Rass und Jens Lohmeier 271

    IV. Der menschliche Leichnam als (technische) Ressource

    Wallfahrtsorte, Wanderschausteller und das World Wide Web:
    Ökonomisierung und Verehrung von Heiligenreliquien in Mittelalter
    und Gegenwart
    Christine Knust 337

    Die Gräuel an den Leichen der Ermordeten der nationalsozialistischen
    Konzentrations- und Vernichtungslager: Forschung und Erinnerung
    Richard Kühl 361

    Die Ökonomie des toten Körpers
    Paul Thomes, Patrick Hahne, Jens Lohmeier und Christoph Rass 387

    V. Soziale Dienstbarkeit von Leichen

    Vom Nutzen und Nachteil der "dienstbaren Leiche" für die Toten und
    die Lebenden: Ein Ideenskelett
    Armin Heinen 429

    eBody: Interaktive Services des Bestattens und Gedenkens
    Eva-Maria Jakobs und Martina Ziefle 453

    Tod und tote Körper im Lebensverlauf von Männern und Frauen:
    Subjektiver Sinn und soziale Dienstbarkeit von Leichen
    Jochen Grötzbach und Heather Hofmeister 477

    Verführerische Leichen: Ästhetische Nekrophilie als besondere
    Form der Aneignung toter Körper
    Julia A. Glahn 495

    VI. Die Aneignung des eigenen Leichnams

    Do ut des? Zur Motivation von "Körperspendern" und zur Funktion
    des toten Körpers
    Gereon Schäfer, Stefanie Westermann und Dominik Groß 519

    Im Dienst der Unsterblichkeit? Der eigene Leichnam als Mittel
    zum Zweck
    Dominik Groß und Martina Ziefle 545

    Autorinnen und Autoren 583