Roland Barthes’ »Mythen des Alltags« sind längst selbst zum Mythos geworden. In seinen provokativ-spielerischen Gesellschaftsstudien entschlüsselt er Phänomene wie das Glücksversprechen der Waschmittelwerbung, das Sehnsuchtspotential von Pommes frites und die göttlichen Qualitäten des Citroën DS. Seine radikale Hinterfragung des Alltäglichen ist bis heute von bestechender Aktualität. Die Essays ermuntern dazu, dem scheinbar Selbstverständlichen kritisch gegenüberzutreten und den Blick für mögliche Veränderungen zu schärfen. Die erste vollständige Übersetzung enthält 34 zusätzliche Essays und macht diesen Kultklassiker deutschsprachigen Lesern erstmals in seiner ganzen Bandbreite zugänglich. »Mythen des Alltags« bietet ein Instrumentarium zur Deutung unserer Alltagskultur und begründete Roland Barthes’ Ruf als brillanter Interpret der Welt der Zeichen.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Nicht das schlechteste Motiv, dieses Buch von Roland Barthes zu kaufen, wäre die Verführung durch das Cover, welches mehrfach den legendären Citroën DS zeigt; schließlich geht es auch um Dinge des Alltags. Das Stück »Der neue Citroën« ist eines der berühmtesten des ca. 300 Seiten starken Taschenbuchs. Allerdings geht es nicht um dieses Gefährt an sich, von dem die Ü50 heute noch schwärmen, sondern um die »Déesse«, die Göttin, als materielles Zeichen. Barthes versteht sich als Semiotiker, also Zeichenleser, und er betrachtet seine Welt Mitte der 50er Jahre als les- und interpretierbares Universum von Zeichen, um die damit verknüpften kollektiven Vorstellungen als Mythen zu entziffern. Barthes, von Michel Foucault gefördert, erblickt solche alltäglichen Mythen nicht nur im Automobil, sondern im Kinofilm, in der Fotografie, in Reiseführern, in der Waschmittelreklame, im Spektakel des Catchens und im Striptease; und natürlich in der Sprache des Kleinbürgers. Man muss das Buch nicht von vorn bis hinten durcharbeiten, dazu wären die zwischen 1954-56 entstandenen Texte zu schade. Besser man nimmt sich die Pralinen einzeln vor, wozu sie auch ursprünglich gedacht und gemacht sind und verschlingt nicht die ganze Schachtel. Eine viertelstündige Bahnfahrt oder eine kurze Pause im Café reichen aus, um garantiert klüger, gewitzter und kritischer dem sogenannten gesunden Menschenverstand, dem »Wachhund« des Kleinbürgers, zu begegnen und die konservative Rede von der »Natur der menschlichen Verhältnisse« besser zu durchschauen als nach gewissen TV-Talkshows. Auch wenn nicht alle Essays des Buches zumal für deutsche Leser noch unmittelbar zugänglich sind: einige sind dafür hochaktuell. Etwa der über den Streik und die betroffenen Bürger; auch sollte niemand die Dauerausstellung »The Family of Man« im Schloss Clervaux in Luxemburg besuchen, ohne Barthes' provokante Kritik an dieser von der UNESCO geadelten Feier der conditio humana gelesen zu haben. Barthes, der breit gebildet und produktiv war, sich auch für das Theater, Musik, Literatur und Malerei interessierte, starb 1980 mit 65 Jahren an den Folgen eines Unfalls. Laut Verlag sind in dieser Ausgabe erstmals alle Texte auf deutsch gesammelt. Und auch wenn Barthes selbst im Vorwort von 1970 seine Mythologies als zu grobkörnig kritisierte, bleibt ihre Lektüre doch bis heute eine vergnügliche intellektuelle Herausforderung. Die sehr gut lesbare Übersetzung von H. Brühmann wird mit einigen nützlichen Fußnoten für den deutschen Leser ergänzt.
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5/5
19.05.2023
Buch (Taschenbuch)
Von abstrakten Frisuren und verbranntem Geld
Roland Barthes' Analysen sind meisterhafte Betrachtungen des scheinbar Unspektakulären. Ob Astrologie oder Auto, politische Reden, Plastikspielzeug oder Pommes Frites – Barthes nimmt Bilder und Sprache unter die Lupe und legt ihren mythologischen Gehalt frei. Dass die Texte aus den 50er Jahren stammen, tut ihrer Aktualität keinen Abbruch; es scheint vielmehr, als hätten sich Waschmittelwerbung und Sportberichterstattung seither kein bisschen geändert. Wenn Sie Spaß an funkelnder Sprache und scharfer Gesellschaftskritik haben, lesen Sie Barthes. Ich verspreche Ihnen, den Mettigel auf dem nächsten Geburtstagsbüffet sehen Sie garantiert mit anderen Augen!
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