Das in " Menschliches Allzumenschliches " beschriebene Ideal, eines neuen, umwertenden und unzeitgemäßen Freigeistes, wird nun als Exempel für die Herausbildung einer " Fröhlichen Wissenschaft ", herangezogen. Eine Fröhlichkeit, die sich aus der Perspektive des gebundenen Geistes, vielmehr als ein angstvolles, desillusionierendes Blicken in den Abgrund, menschlicher Existenz erweist. Doch gerade diese Einbeziehung, eines leidenschaftlichen Verlangens nach jedweder Lebensform, zu der auch die seelischen Aspekte, wie das Leiden, die Krankheit und der Tod gehören, machen für Nietzsche gerade das Wesen einer vollkommenen Wissenschaft, die " bis ganz hinunter " fragt, aus.
Es gilt aufzuzeigen, wie die Fundamentierung der Erkenntnisgewinnung, erst mittels des symbiotischen Einflusses, den die Seele auf den Geist ausübt, vollständig verstanden werden kann. Um diesen Kontrast zu verstehen, sollen wir uns als Phänomenologen mittels einer Selbstbefragung, der Wirkungen physiologischer Einflüsse auf unsere Gedanken bewusst werden und dadurch unsere Erkenntnisse zu relativieren verstehen. Mit diesem Wissen ausgerüstet, lüftet Nietzsche nun den Schleier der Maya und offenbart uns, dass die vermeintlichen angestrebten Ideale, wie die Suche nach der Wahrheit, welche von der Wissenschaft und der Philosophie angestrebt werden, eigentlich nur auf physiologischen Erscheinungen, wie der Lustgewinnung, dem Streben nach Macht, Wachstum, Gesundheit und Zukunft beruhen und somit verkleidete Ideale darstellen. Das wahre Reich der fröhlichen Wissenschaft, dass sich " jenseits aller bisherigen Länder und Winkel " befindet, muss sich diesem Maskenspiel bewusst werden und verstehen lernen, warum auch die bisherige Wissenschaft " ihr Feuer noch von dem Brande " eines einstigen metaphysischen Glaubens hernahm.
Anders als in Menschliches Allzumenschliches , wo sich das Ideal der Wissenschaft unter Ausschluss der Kunst offenbarte, zeigt sich mit der Fröhlichen Wissenschaft nun ein reformierender Nietzsche, der beide Gebiete verschmelzen und somit eine Koexistenz anstreben will, in der wir Wissenschaftler und Dichter in einer Person sein sollen. Einen Hinweis auf diese neue Perspektive erhalten wir schon durch den Untertitel der zweiten Auflage " la gaya scienza ", die zu großen Spekulationen innerhalb der Interpretatoren führte. Es ist von einem Zusammenhang zu der alten Dichterkunst der Troubadoure die Rede, welche durch eine bestimmte Form und Komposition der poetischen Kreativität, dass Potential besaßen, Neues zu finden und zu Erschaffen.
Als fröhlicher Wissenschaftler gilt es den berechnenden Charakter der Wissenschaften zurückzuweisen, und stattdessen den Klang einer " Musik des Lebens " wieder verstehen zu lernen. Er glaubt an keine dauernden Realitäten, sondern nur an eine Folge ihrer Veränderungen. Als Wanderer, der auf Bergen lebt, stets heimatlos und unverstanden, zieht er es vor Dichter seines eigenen Lebens zu sein und die Welt von ihren Berechnungen und Wertungen zu entkleiden. Gegen Ende der " Fröhlichen Wissenschaft ", demonstriert uns Nietzsche ein Festival an Pathos und Metaphorik und man beginnt in seinen Worten mitzuschwingen und zu erahnen wie er sich den Tanz der Kunst vorzustellen vermag. Doch am Ende bleibt der typische Wehmutstropfen, der den Leser wieder in seine Realität zurückholt und man resignierend feststellen muss, dass sich sein bildgewaltiges System, gedanklich nur schwerlich fassen lässt. Es fühlt sich an, als würde man aus einem großen und mitreißenden Gedicht, wieder erwachen.
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