Produktbild: Mein Name sei Gantenbein

Mein Name sei Gantenbein Roman

2

11,99 €

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Beschreibung

Produktdetails

Format

ePUB

Kopierschutz

Nein

Family Sharing

Ja

Text-to-Speech

Ja

Verkaufsrang

21612

Erscheinungsdatum

22.04.2011

Verlag

Suhrkamp

Seitenzahl

304 (Printausgabe)

Dateigröße

1335 KB

Auflage

1. Auflage

Sprache

Deutsch

EAN

9783518749906

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ePUB

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  • keine Information zur Barrierefreiheit bekannt
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21612

Erscheinungsdatum

22.04.2011

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Suhrkamp

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304 (Printausgabe)

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1335 KB

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1. Auflage

Sprache

Deutsch

EAN

9783518749906

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Ein artistischer Roman Es…

Bories vom Berg aus München am 28.09.2015

Bewertungsnummer: 2708424

Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Ein artistischer Roman Es findet sich nicht oft, dass eine durchaus reale, gescheiterte Liebesbeziehung Anlass ist für gleich zwei Romane, geschrieben von den Betroffenen selbst: «Manila» von Ingeborg Bachmann, «Mein Name sein Gantenbein» von Max Frisch. Sexuelle Untreue, vom Schwerenöter Frisch wie selbstverständlich praktiziert, wird der Bachmann nicht zugestanden, er reagiert im Gegenteil mit starker Eifersucht, ihre problematische Beziehung zerbricht daran. Der vorliegende, 1964 erschienene Roman gehört zusammen mit «Stiller» und «Homo faber» zum Hauptwerk der Prosa von Max Frisch, ist durch seinen komplexen Aufbau aber auch sein schwierigster, hohe Ansprüche an den Leser stellend. Gemeinsam sind den genannten Romanen das Spiel mit den Identitäten ihrer Figuren und jene schwierige Thematik, welche die problematischen Beziehungen zwischen Mann und Frau darstellt, die sich einer halbwegs schlüssigen Klärung so hartnäckig widersetzt. «Ich erlebe lauter Erfindungen» lässt der Autor seinen Helden sagen, wobei er unbekümmert die Fähigkeit der Leser voraussetzt, dass sie ihm folgen können, wenn er in seiner komplizierten Geschichte vom Ende einer Ehe verschiedene Identitäten und Erzählvarianten ausprobiert. Dieses Trial and Error jedoch führt, trotz literarisch durchaus raffinierter Varianten, auch nicht zu befriedigenden Ergebnissen, das Wesentliche bleibe für die Sprache unsagbar, hat Frisch später eingeräumt. «Was wäre wenn» also ist seine Methodik, im Roman durch den häufig eingeschobenen Satz «Ich stelle mir vor» eingeleitet, der nicht nur die Perspektive ändert, sondern auch den Kontext, Standpunkt und Haltung der Figuren mithin. Was dann zwangsläufig zu neuen, alternativen Geschichten führt, und man staunt nicht schlecht als Leser, zu welchen! Es schleichen sich nämlich Zweifel ein, was Realität letztendlich denn überhaupt bedeutet, von Identität ganz zu schweigen! Menschenwürde, die Annahme des Ich und seiner Selbstverwirklichung, könne sich nur auf freier Wahl gründen, so das Credo des Autors. Ein Kontinuum der Handlung ist also nicht zu erwarten, womit Frisch auch die Illusion zerstört, diese Geschichte könnte tatsächlich passiert sein, er erwartete vielmehr eher, dass sie zu «artistisch» sei für das deutsche Publikum. Der Erzähler ist von seiner Frau verlassen worden, in der leer geräumten Wohnung sitzend erfindet er zu dieser realen Erfahrung eine, wie er glaubt, dazu passende Geschichte jenes Gantenbein, der nach einem Unfall seine Erblindung vortäuscht. So kann er tun, als merke er nicht, dass seine Frau Lila ihn betrügt. Eine weitere imaginierte Figur ist Enderlin, ein Wissenschaftler mit einem Ruf nach Harvard, dem er nicht folgt, weil er annimmt, todkrank zu sein. Eine dritte Figur ist Svoboda, mit Lila verheiratet, die eine Affäre mit Enderlin beginnt. Gantenbein wiederum wird zunehmend gequält von Anzeichen für die Untreue seiner Lila: ihr Kontakt zu einem Mann aus Uruguay, mysteriöse Briefe aus Dänemark, die sie vor ihm verbirgt, ein Rat suchender junger Schauspielschüler, den sie im Schlafzimmer empfängt. Als Lila eine Tochter bekommt, hat er den Verdacht, ein Mann namens Siebenhagen könnte der Vater sein. Den drei Männern Gantenbein, Enderlin und Svoboda steht eine Lila gegenüber, die mal Schauspielerin ist, mal Ärztin oder venezianische Contessa, mal verheiratet mit Svoboda und mal mit Gantenbein, ein Kind hat oder auch nicht, die streckenweise sogar als Baucis auftritt an der Seite von Philemon, Ovids treuem Ehepaar, das sich den gleichzeitigen Tod erbat von Zeus. Wenn schließlich eine männliche Wasserleiche im Kiefernsarg die Limmat hinunter schwimmt, eine Hand scheinbar winkend in der Strömung, ist das letzte der assoziationsreich montierten Textfragmente dieses Romans erreicht. Es mag einer der drei Männer sein, der uns da zuwinkt, - «weiß man’s?» würde Marcel Reich-Ranicki sagen. Der übrigens diesen «artistischen» Roman für gut hielt und damit so falsch nicht lag, wie ich meine.

Ein artistischer Roman Es…

Bories vom Berg aus München am 28.09.2015
Bewertungsnummer: 2708424
Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Ein artistischer Roman Es findet sich nicht oft, dass eine durchaus reale, gescheiterte Liebesbeziehung Anlass ist für gleich zwei Romane, geschrieben von den Betroffenen selbst: «Manila» von Ingeborg Bachmann, «Mein Name sein Gantenbein» von Max Frisch. Sexuelle Untreue, vom Schwerenöter Frisch wie selbstverständlich praktiziert, wird der Bachmann nicht zugestanden, er reagiert im Gegenteil mit starker Eifersucht, ihre problematische Beziehung zerbricht daran. Der vorliegende, 1964 erschienene Roman gehört zusammen mit «Stiller» und «Homo faber» zum Hauptwerk der Prosa von Max Frisch, ist durch seinen komplexen Aufbau aber auch sein schwierigster, hohe Ansprüche an den Leser stellend. Gemeinsam sind den genannten Romanen das Spiel mit den Identitäten ihrer Figuren und jene schwierige Thematik, welche die problematischen Beziehungen zwischen Mann und Frau darstellt, die sich einer halbwegs schlüssigen Klärung so hartnäckig widersetzt. «Ich erlebe lauter Erfindungen» lässt der Autor seinen Helden sagen, wobei er unbekümmert die Fähigkeit der Leser voraussetzt, dass sie ihm folgen können, wenn er in seiner komplizierten Geschichte vom Ende einer Ehe verschiedene Identitäten und Erzählvarianten ausprobiert. Dieses Trial and Error jedoch führt, trotz literarisch durchaus raffinierter Varianten, auch nicht zu befriedigenden Ergebnissen, das Wesentliche bleibe für die Sprache unsagbar, hat Frisch später eingeräumt. «Was wäre wenn» also ist seine Methodik, im Roman durch den häufig eingeschobenen Satz «Ich stelle mir vor» eingeleitet, der nicht nur die Perspektive ändert, sondern auch den Kontext, Standpunkt und Haltung der Figuren mithin. Was dann zwangsläufig zu neuen, alternativen Geschichten führt, und man staunt nicht schlecht als Leser, zu welchen! Es schleichen sich nämlich Zweifel ein, was Realität letztendlich denn überhaupt bedeutet, von Identität ganz zu schweigen! Menschenwürde, die Annahme des Ich und seiner Selbstverwirklichung, könne sich nur auf freier Wahl gründen, so das Credo des Autors. Ein Kontinuum der Handlung ist also nicht zu erwarten, womit Frisch auch die Illusion zerstört, diese Geschichte könnte tatsächlich passiert sein, er erwartete vielmehr eher, dass sie zu «artistisch» sei für das deutsche Publikum. Der Erzähler ist von seiner Frau verlassen worden, in der leer geräumten Wohnung sitzend erfindet er zu dieser realen Erfahrung eine, wie er glaubt, dazu passende Geschichte jenes Gantenbein, der nach einem Unfall seine Erblindung vortäuscht. So kann er tun, als merke er nicht, dass seine Frau Lila ihn betrügt. Eine weitere imaginierte Figur ist Enderlin, ein Wissenschaftler mit einem Ruf nach Harvard, dem er nicht folgt, weil er annimmt, todkrank zu sein. Eine dritte Figur ist Svoboda, mit Lila verheiratet, die eine Affäre mit Enderlin beginnt. Gantenbein wiederum wird zunehmend gequält von Anzeichen für die Untreue seiner Lila: ihr Kontakt zu einem Mann aus Uruguay, mysteriöse Briefe aus Dänemark, die sie vor ihm verbirgt, ein Rat suchender junger Schauspielschüler, den sie im Schlafzimmer empfängt. Als Lila eine Tochter bekommt, hat er den Verdacht, ein Mann namens Siebenhagen könnte der Vater sein. Den drei Männern Gantenbein, Enderlin und Svoboda steht eine Lila gegenüber, die mal Schauspielerin ist, mal Ärztin oder venezianische Contessa, mal verheiratet mit Svoboda und mal mit Gantenbein, ein Kind hat oder auch nicht, die streckenweise sogar als Baucis auftritt an der Seite von Philemon, Ovids treuem Ehepaar, das sich den gleichzeitigen Tod erbat von Zeus. Wenn schließlich eine männliche Wasserleiche im Kiefernsarg die Limmat hinunter schwimmt, eine Hand scheinbar winkend in der Strömung, ist das letzte der assoziationsreich montierten Textfragmente dieses Romans erreicht. Es mag einer der drei Männer sein, der uns da zuwinkt, - «weiß man’s?» würde Marcel Reich-Ranicki sagen. Der übrigens diesen «artistischen» Roman für gut hielt und damit so falsch nicht lag, wie ich meine.

Spiel mit mir

Polar aus Aachen am 10.09.2007

Bewertungsnummer: 568755

Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Max Frisch ist auch in seinem Roman Mein Name sei Gantenbein der Suche nach der eigenen Verwirklichung nachgegangen. Er bewegt sich dabei im Privaten. Anders als Saramago, der in Der Stadt der Blinden die sozialpolitischen Auswirkungen in den Mittelpunkt rückt, ist Frisch eher an der persönlichen Betrachtung interessiert, wobei die Entstehungszeit in den Sechziger berücksichtigt werden muß. Vor der Politisierung durch die 68. Wie in Stiller rückt Frisch den Menschen ins Blickfeld, stellt ihn blind, beobachtet die Reaktionen andere auf ihn und durchlebt im Verlauf der Handlung mehrerer Rollen, die wie im Mosaik ein Bild ergeben sollen. Eine Art Experiment, das aus der heutigen Sicht eher von literaturhistorischer Bedeutung ist, in den Sechzigern jedoch den bemerkenswerten Ansatz des Verspielten besaß.

Spiel mit mir

Polar aus Aachen am 10.09.2007
Bewertungsnummer: 568755
Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Max Frisch ist auch in seinem Roman Mein Name sei Gantenbein der Suche nach der eigenen Verwirklichung nachgegangen. Er bewegt sich dabei im Privaten. Anders als Saramago, der in Der Stadt der Blinden die sozialpolitischen Auswirkungen in den Mittelpunkt rückt, ist Frisch eher an der persönlichen Betrachtung interessiert, wobei die Entstehungszeit in den Sechziger berücksichtigt werden muß. Vor der Politisierung durch die 68. Wie in Stiller rückt Frisch den Menschen ins Blickfeld, stellt ihn blind, beobachtet die Reaktionen andere auf ihn und durchlebt im Verlauf der Handlung mehrerer Rollen, die wie im Mosaik ein Bild ergeben sollen. Eine Art Experiment, das aus der heutigen Sicht eher von literaturhistorischer Bedeutung ist, in den Sechzigern jedoch den bemerkenswerten Ansatz des Verspielten besaß.

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Mein Name sei Gantenbein

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Jérôme Wiedenhaupt

Thalia Hildesheim

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5/5

„Ich stelle mir Geschichten vor, damit ich lebe“

Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein" (1964) markiert einen Wendepunkt nicht nur im Werk des Autors selbst, sondern in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts überhaupt. Der Roman bricht radikal mit den Konventionen des psychologischen Realismus, der erzählerischen Kohärenz und des souveränen Subjektmodells und stellt stattdessen eine strukturelle Offenheit her, die weit über seine Zeit hinausweist. Frisch entwirft hier nicht bloß eine Erzählung, sondern ein literarisches Experimentierfeld, in dem zentrale Theoreme des späteren Poststrukturalismus bereits literarisch antizipiert und durchgespielt werden. Für meine Rezension werde ich auf diese gezielt eingehen. Der Erzähler des Romans versteht sich nicht als souveränes Zentrum narrativer Autorität, sondern als ein Ort diskursiver Durchlässigkeit. „Ich stelle mir Geschichten vor, damit ich lebe“ – dieser vielzitierte Satz des Romans ist mehr als ein poetologisches Bekenntnis; er stellt eine epistemologische Zäsur dar. Das Ich wird nicht länger als Einheit vorausgesetzt, sondern erscheint als eine Funktion der narrativen Produktion. Damit steht Frisch – noch vor Derridas De la grammatologie (1967) – an der Schwelle zur poststrukturalistischen Einsicht, dass Präsenz immer schon von différance durchzogen ist, dass also Bedeutung nur durch ein System von Differenzen entsteht und niemals zur Deckung mit sich selbst kommt. Die Identitäten, die der Erzähler durchspielt – Gantenbein, Enderlin, der namenlose Ich-Erzähler – sind keine psychologischen Tiefenstrukturen, sondern narrative Oberflächen, die sich wie Masken an- und ablegen lassen. Identität wird so zu einem textuellen Konstrukt, zur Simulation, zur Fiktionalisierung des Selbst. Dies steht in engem Zusammenhang mit Roland Barthes’ Überlegungen zum „Tod des Autors“. In seinem gleichnamigen Essay (1967) konstatiert Barthes, dass die Autorintention als Quelle des Sinns obsolet geworden sei; an ihre Stelle tritt der Leser als Ort der Sinnproduktion. Frisch nimmt diesen Gedanken auf und radikalisiert ihn: Der Erzähler ist selbst eine Fiktion, das Ich kein Ursprung, sondern ein Effekt des Erzählens. Der Text verweigert sich einer hermeneutischen Logik der Enthüllung und lädt stattdessen zur aktiven, produktiven Lektüre ein – im Sinne des "texte scriptible", wie Barthes ihn in S/Z (1970) beschreibt. Diese strukturelle Dezentrierung des Ichs findet auch in Michel Foucaults Theorie des Subjekts ihr theoretisches Pendant. In L’archéologie du savoir (1969) und Qu’est-ce qu’un auteur? (1969) dekonstruiert Foucault das Subjekt als Träger von Erkenntnis, Wahrheit und Autorschaft. Besonders deutlich formuliert sich dieser Gedanke in seinem Spätwerk, etwa in "Surveiller et punir" (1975) oder "Histoire de la sexualité" (ab 1976), wo das Subjekt als Effekt von Macht-Wissen-Komplexen erscheint: Es ist nicht der Ursprung von Diskursen, sondern Produkt diskursiver Dispositive. Frischs Roman entfaltet diese Idee literarisch, indem er ein Subjekt zeigt, das nicht vorgängig existiert, sondern sich erst durch seine Diskurspositionen – durch Geschichten, durch Rollen, durch Sprechakte – konstituiert. Die Erzählinstanz ist nicht der Punkt, von dem aus die Geschichten kontrolliert werden, sondern ein Knotenpunkt, an dem sich verschiedene diskursive Kräfte überlagern. Gerade die Figur des „blinden“ Gantenbein verdeutlicht, wie Identität als Effekt einer performativen Disposition entsteht: Nicht das Subjekt entwirft die Rolle, sondern die Rolle erzeugt ein lesbares Subjekt. Gantenbein konstruiert sich durch eine absichtsvolle Täuschung, die in gesellschaftlichen Erwartungsstrukturen lesbar wird – ähnlich wie Foucault analysiert, dass Subjektivität stets durch soziale Normierungsprozesse, durch „Technologien des Selbst“ (technologies de soi) geformt wird. In dieser Perspektive ist Gantenbein nicht Subjekt trotz Maske, sondern gerade durch sie. Die Maske des Blinden wird zur diskursiven Praxis, durch die der Einzelne sich eine Position innerhalb des sozialen Feldes sichert – ein sozial lesbares Selbst, das nicht auf Authentizität beruht, sondern auf Sichtbarkeit im Sinne Foucaltscher Machtanalytik. Diese Sichtbarkeit wiederum ist eine Form der Disziplinierung: Der Blinde wird beobachtet, interpretiert, verortet – aber nur innerhalb der Ordnung des Sagbaren, der diskursiven Felder, in denen Subjektivität als Funktion zirkuliert. Frischs Roman operiert mithin entlang der Foucault’schen Einsicht, dass Macht nicht repressiv, sondern produktiv ist: Sie produziert Subjektpositionen, Normalitäten, Sichtbarkeiten. Das Erzählen selbst wird bei Frisch zur Disziplinartechnologie, mit deren Hilfe das Ich sich entwirft, aber auch sich unterwirft. Dass diese Identitätsentwürfe ständig revidierbar, ungesichert und fragmentarisch bleiben, verweist auf eine weitere foucaultsche Kategorie: das Verschwinden des klassischen Subjekts der Aufklärung. In "Les mots et les choses" (1966) kündigt Foucault das „Verschwinden des Menschen wie am Strand eine im Sand geschriebene Figur“ an – und genau diese Figur des Verschwindens wird in "Mein Name sei Gantenbein" literarisch materialisiert. Die Idee eines inneren, kohärenten Ichs, das sich erzählerisch erschließt, wird in ihr Gegenteil verkehrt: Die Geschichten sind nicht Ausdruck einer inneren Wahrheit, sondern der permanente Aufschub ihrer Möglichkeit. So wird Frischs Erzähler zum Symptom einer Epoche, in der der Mensch nicht länger als Zentrum von Weltdeutung fungiert, sondern selbst als Deutungseffekt erscheint. Gantenbein kann somit auch als kritische Literatur im foucaultschen Sinne gelesen werden: als ein Text, der die diskursiven Bedingungen sichtbar macht, unter denen Subjektivität, Identität und Wahrheit überhaupt erst entstehen. In dieser Hinsicht hat Frisch nicht nur eine neue literarische Form entwickelt, sondern einen paradigmatischen Beitrag zur Theorie des Subjekts geleistet – einen Beitrag, der in seiner Tiefe mit der philosophischen Radikalität Foucaults durchaus korrespondiert. Es ist kein Zufall, dass die Struktur des Romans fragmentarisch bleibt, keine teleologische Entwicklung aufweist und jede Form von narrativer Finalität unterläuft. Frisch verweigert dem Leser eine letztgültige Perspektive, einen privilegierten Standpunkt, von dem aus das Textgeschehen kohärent zu ordnen wäre. Stattdessen eröffnet er einen Möglichkeitsraum, in dem Identität nicht entdeckt, sondern erprobt, simuliert, durchgespielt wird. Dieses Verfahren erinnert an das, was Derrida in "La dissémination" (1972) als „Spur“ bezeichnet: Ein Zeichen verweist niemals auf einen festen Sinn, sondern immer nur auf ein anderes Zeichen – Bedeutung ist eine unabschließbare Kette, ein Spiel der Differenzen. Genau dieses Spiel vollzieht sich in Gantenbein: Die Geschichten sind keine Abbilder von Wirklichkeit, sondern Wirklichkeitsvorschläge, narrative Simulationen, deren Wahrheit in ihrer ästhetischen Setzung besteht. Der Roman operiert damit jenseits der Opposition von Wahrheit und Fiktion.Frischs Text lässt sich nicht länger als Träger einer „Botschaft“ verstehen, sondern muss als poetologisches Modell begriffen werden, das die Unmöglichkeit authentischer Selbstdarstellung literarisch thematisiert. Die Wahrheit des Subjekts liegt hier nicht vor der Sprache, sondern entsteht in ihr – als Diskurs, als Schrift, als Inszenierung. Diese Perspektive hebt Frisch in den Rang eines Autors, dessen literarische Bedeutung nicht auf moralische Zeitdiagnose oder politische Zeitkritik beschränkt werden darf. Vielmehr ist Frisch ein Theoretiker im Medium der Literatur, ein Denker des Subjekts, der das Ich nicht psychologisch erkundet, sondern poetologisch dekonstruiert. Er positioniert Frisch an der Schwelle zwischen Moderne und Postmoderne, zwischen existentialistischer Selbsterforschung und poststrukturalistischer Subjektkritik. Mein Name sei Gantenbein ist ein Text, der Subjektivität in ihrer radikalen Konstruiertheit aufzeigt.
  • Jérôme Wiedenhaupt
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5/5

„Ich stelle mir Geschichten vor, damit ich lebe“

Bewertet: Buch (Taschenbuch)

Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein" (1964) markiert einen Wendepunkt nicht nur im Werk des Autors selbst, sondern in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts überhaupt. Der Roman bricht radikal mit den Konventionen des psychologischen Realismus, der erzählerischen Kohärenz und des souveränen Subjektmodells und stellt stattdessen eine strukturelle Offenheit her, die weit über seine Zeit hinausweist. Frisch entwirft hier nicht bloß eine Erzählung, sondern ein literarisches Experimentierfeld, in dem zentrale Theoreme des späteren Poststrukturalismus bereits literarisch antizipiert und durchgespielt werden. Für meine Rezension werde ich auf diese gezielt eingehen. Der Erzähler des Romans versteht sich nicht als souveränes Zentrum narrativer Autorität, sondern als ein Ort diskursiver Durchlässigkeit. „Ich stelle mir Geschichten vor, damit ich lebe“ – dieser vielzitierte Satz des Romans ist mehr als ein poetologisches Bekenntnis; er stellt eine epistemologische Zäsur dar. Das Ich wird nicht länger als Einheit vorausgesetzt, sondern erscheint als eine Funktion der narrativen Produktion. Damit steht Frisch – noch vor Derridas De la grammatologie (1967) – an der Schwelle zur poststrukturalistischen Einsicht, dass Präsenz immer schon von différance durchzogen ist, dass also Bedeutung nur durch ein System von Differenzen entsteht und niemals zur Deckung mit sich selbst kommt. Die Identitäten, die der Erzähler durchspielt – Gantenbein, Enderlin, der namenlose Ich-Erzähler – sind keine psychologischen Tiefenstrukturen, sondern narrative Oberflächen, die sich wie Masken an- und ablegen lassen. Identität wird so zu einem textuellen Konstrukt, zur Simulation, zur Fiktionalisierung des Selbst. Dies steht in engem Zusammenhang mit Roland Barthes’ Überlegungen zum „Tod des Autors“. In seinem gleichnamigen Essay (1967) konstatiert Barthes, dass die Autorintention als Quelle des Sinns obsolet geworden sei; an ihre Stelle tritt der Leser als Ort der Sinnproduktion. Frisch nimmt diesen Gedanken auf und radikalisiert ihn: Der Erzähler ist selbst eine Fiktion, das Ich kein Ursprung, sondern ein Effekt des Erzählens. Der Text verweigert sich einer hermeneutischen Logik der Enthüllung und lädt stattdessen zur aktiven, produktiven Lektüre ein – im Sinne des "texte scriptible", wie Barthes ihn in S/Z (1970) beschreibt. Diese strukturelle Dezentrierung des Ichs findet auch in Michel Foucaults Theorie des Subjekts ihr theoretisches Pendant. In L’archéologie du savoir (1969) und Qu’est-ce qu’un auteur? (1969) dekonstruiert Foucault das Subjekt als Träger von Erkenntnis, Wahrheit und Autorschaft. Besonders deutlich formuliert sich dieser Gedanke in seinem Spätwerk, etwa in "Surveiller et punir" (1975) oder "Histoire de la sexualité" (ab 1976), wo das Subjekt als Effekt von Macht-Wissen-Komplexen erscheint: Es ist nicht der Ursprung von Diskursen, sondern Produkt diskursiver Dispositive. Frischs Roman entfaltet diese Idee literarisch, indem er ein Subjekt zeigt, das nicht vorgängig existiert, sondern sich erst durch seine Diskurspositionen – durch Geschichten, durch Rollen, durch Sprechakte – konstituiert. Die Erzählinstanz ist nicht der Punkt, von dem aus die Geschichten kontrolliert werden, sondern ein Knotenpunkt, an dem sich verschiedene diskursive Kräfte überlagern. Gerade die Figur des „blinden“ Gantenbein verdeutlicht, wie Identität als Effekt einer performativen Disposition entsteht: Nicht das Subjekt entwirft die Rolle, sondern die Rolle erzeugt ein lesbares Subjekt. Gantenbein konstruiert sich durch eine absichtsvolle Täuschung, die in gesellschaftlichen Erwartungsstrukturen lesbar wird – ähnlich wie Foucault analysiert, dass Subjektivität stets durch soziale Normierungsprozesse, durch „Technologien des Selbst“ (technologies de soi) geformt wird. In dieser Perspektive ist Gantenbein nicht Subjekt trotz Maske, sondern gerade durch sie. Die Maske des Blinden wird zur diskursiven Praxis, durch die der Einzelne sich eine Position innerhalb des sozialen Feldes sichert – ein sozial lesbares Selbst, das nicht auf Authentizität beruht, sondern auf Sichtbarkeit im Sinne Foucaltscher Machtanalytik. Diese Sichtbarkeit wiederum ist eine Form der Disziplinierung: Der Blinde wird beobachtet, interpretiert, verortet – aber nur innerhalb der Ordnung des Sagbaren, der diskursiven Felder, in denen Subjektivität als Funktion zirkuliert. Frischs Roman operiert mithin entlang der Foucault’schen Einsicht, dass Macht nicht repressiv, sondern produktiv ist: Sie produziert Subjektpositionen, Normalitäten, Sichtbarkeiten. Das Erzählen selbst wird bei Frisch zur Disziplinartechnologie, mit deren Hilfe das Ich sich entwirft, aber auch sich unterwirft. Dass diese Identitätsentwürfe ständig revidierbar, ungesichert und fragmentarisch bleiben, verweist auf eine weitere foucaultsche Kategorie: das Verschwinden des klassischen Subjekts der Aufklärung. In "Les mots et les choses" (1966) kündigt Foucault das „Verschwinden des Menschen wie am Strand eine im Sand geschriebene Figur“ an – und genau diese Figur des Verschwindens wird in "Mein Name sei Gantenbein" literarisch materialisiert. Die Idee eines inneren, kohärenten Ichs, das sich erzählerisch erschließt, wird in ihr Gegenteil verkehrt: Die Geschichten sind nicht Ausdruck einer inneren Wahrheit, sondern der permanente Aufschub ihrer Möglichkeit. So wird Frischs Erzähler zum Symptom einer Epoche, in der der Mensch nicht länger als Zentrum von Weltdeutung fungiert, sondern selbst als Deutungseffekt erscheint. Gantenbein kann somit auch als kritische Literatur im foucaultschen Sinne gelesen werden: als ein Text, der die diskursiven Bedingungen sichtbar macht, unter denen Subjektivität, Identität und Wahrheit überhaupt erst entstehen. In dieser Hinsicht hat Frisch nicht nur eine neue literarische Form entwickelt, sondern einen paradigmatischen Beitrag zur Theorie des Subjekts geleistet – einen Beitrag, der in seiner Tiefe mit der philosophischen Radikalität Foucaults durchaus korrespondiert. Es ist kein Zufall, dass die Struktur des Romans fragmentarisch bleibt, keine teleologische Entwicklung aufweist und jede Form von narrativer Finalität unterläuft. Frisch verweigert dem Leser eine letztgültige Perspektive, einen privilegierten Standpunkt, von dem aus das Textgeschehen kohärent zu ordnen wäre. Stattdessen eröffnet er einen Möglichkeitsraum, in dem Identität nicht entdeckt, sondern erprobt, simuliert, durchgespielt wird. Dieses Verfahren erinnert an das, was Derrida in "La dissémination" (1972) als „Spur“ bezeichnet: Ein Zeichen verweist niemals auf einen festen Sinn, sondern immer nur auf ein anderes Zeichen – Bedeutung ist eine unabschließbare Kette, ein Spiel der Differenzen. Genau dieses Spiel vollzieht sich in Gantenbein: Die Geschichten sind keine Abbilder von Wirklichkeit, sondern Wirklichkeitsvorschläge, narrative Simulationen, deren Wahrheit in ihrer ästhetischen Setzung besteht. Der Roman operiert damit jenseits der Opposition von Wahrheit und Fiktion.Frischs Text lässt sich nicht länger als Träger einer „Botschaft“ verstehen, sondern muss als poetologisches Modell begriffen werden, das die Unmöglichkeit authentischer Selbstdarstellung literarisch thematisiert. Die Wahrheit des Subjekts liegt hier nicht vor der Sprache, sondern entsteht in ihr – als Diskurs, als Schrift, als Inszenierung. Diese Perspektive hebt Frisch in den Rang eines Autors, dessen literarische Bedeutung nicht auf moralische Zeitdiagnose oder politische Zeitkritik beschränkt werden darf. Vielmehr ist Frisch ein Theoretiker im Medium der Literatur, ein Denker des Subjekts, der das Ich nicht psychologisch erkundet, sondern poetologisch dekonstruiert. Er positioniert Frisch an der Schwelle zwischen Moderne und Postmoderne, zwischen existentialistischer Selbsterforschung und poststrukturalistischer Subjektkritik. Mein Name sei Gantenbein ist ein Text, der Subjektivität in ihrer radikalen Konstruiertheit aufzeigt.

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