Im Wiener Kunsthistorischen Museum, auf der Sitzbank gegenüber von Tintorettos »Weißbärtigem Mann«, bezieht jeden zweiten Vormittag - außer an den eintrittsfreien Samstagen - der Musikphilosoph Reger Stellung. Eines Tages wird die Routine unterbrochen: Reger bittet seinen Freund Atzbacher, sich ausgerechnet am Samstag mit ihm im Museum zu treffen. Doch bevor der Grund für dieses ungewöhnliche Verhalten enthüllt wird, ergeht sich Reger in herrlich schwungvollen Tiraden gegen die Kunst im allgemeinen, die Maler im besonderen, verdammt Stifter ebenso wie Heidegger, beschimpft Wien und die Wiener - und weiß doch, daß die einzige Rettung im menschlichen Gegenüber zu finden ist, im »Lebensmenschen« in seinem Fall.
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Thomas Bernhard "Alte Meister"
Bewertung aus Zürich am 01.06.2021
Bewertungsnummer: 903683
Bewertet: eBook (ePUB)
Ich kann den Comic auf meinem E Book nicht lesen. Schrift ist zu klein und kann nicht vergrössert werden!
eine Tirade voller ästhetischer Wucht
Bewertung aus Thun im Kanton Bern am 06.12.2022
Bewertungsnummer: 1838951
Bewertet: eBook (ePUB)
Das Buch ist eine Tirade gegen alte Meister der Malerei, der Literatur, der Philosophie und auch gegen die (österreichische) Kultur, den Staat, die Nation und vieles mehr. Wunderbar geschrieben, eine geschickt aufgemachte Dreieckskonstellation (Reger, Atzbacher, Irrsigler) erlaubt es dem Autor, quasi in dritter Person (sagte Reger, sagte Atzbacher) auf die Zustände in Österreich und darüber hinaus zu wüten und alles zu beschimpfen, was es zu beschimpfen gibt.
Nun, die Tirade an und für sich hat kein starkes Fundament; sie ist getragen von einem Zorn, der blind macht und Nuancierungen vermissen lässt. Dadurch kommt das Profil von Reger (und wohl auch von Atzenbacher) schärfer zum Ausdruck. Und es macht aus diesem literarischen Werk ein grosses Werk, das zu lesen ein wahres Vergnügen ist.
Meinung aus der Buchhandlung
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„Auslöschung. Ein Zerfall“ – kaum ein anderer Roman der deutschsprachigen Literatur nach 1945 ist von einer derart kompromisslosen Radikalität durchdrungen wie dieses Spätwerk Thomas Bernhards. In seinem letzten Prosawerk treibt Bernhard jene ästhetische Bewegung auf die Spitze, die sein gesamtes Schreiben durchzieht: die obsessive Wiederholung, die bohrende Spirale der Negation, das schonungslose Monologisieren gegen eine Welt, die als uneinlösbar, als falsch, als krank empfunden wird. Der Roman ist weniger Erzählung als literarische Auflösung, weniger Handlung als musikalischer Komplex aus Satzwiederholungen, Modulationen und rhythmischen Einschlägen. Und doch ist „Auslöschung“ kein bloßes Sprechtheater oder nihilistische Pose, sondern ein Kunstwerk von erschütternder Klarheit, voller dunkler Schönheit und intellektuellem Furor.
Im Zentrum steht Franz-Josef Murau, ein österreichischer Intellektueller, der in Rom lebt und mit schneidender Kälte auf seine Herkunft aus dem steirischen Landadel blickt. Die Nachricht vom Unfalltod seiner Eltern und seines Bruders setzt einen inneren Monolog in Gang, der sich bald als großangelegter Vernichtungsgestus entpuppt: Die familiäre Welt von Wolfsegg soll ausgetilgt, ihre moralische wie geistige Verlogenheit restlos „ausgelöscht“ werden. Doch wer meint, hier ein konventionelles Familiendrama zu erkennen, sei gewarnt: Der Roman verweigert sich nahezu vollständig jeder klassischen Dramaturgie, jeder Linearität des Erzählens. Stattdessen treibt Bernhard seine Sprache in einen Zustand der Raserei, der Ausgesetztheit, der permanenten Selbstwiderlegung.
Es ist diese unverkennbare Sprachästhetik, die „Auslöschung“ zu einem Solitär macht. Der Satz bei Bernhard ist kein Vehikel der Mitteilung, sondern selbst Welt, selbst Ausdruck des Denkens, selbst Handlung. Immer wieder stößt der Leser auf rhythmisch gebaute Perioden, die wie Musikstücke komponiert sind – mit Refrains, thematischen Variationen, dissonanten Einschüben. Ein einzelner Gedanke kann über Seiten hinweg umkreist, verformt, verschärft, revidiert, wiederholt werden, ohne dass man von Redundanz sprechen dürfte. Vielmehr offenbart sich in dieser kreisenden Bewegung eine Dialektik des Denkens, die dem Leser nicht eine fertige Position übermittelt, sondern das Entstehen, das Scheitern, das Wiederaufnehmen eines Gedankens erfahrbar macht.
Der Wiederholung kommt dabei eine zentrale ästhetische wie philosophische Funktion zu. Sie ist nicht bloß Stilmittel, sondern Weltanschauung. In einer Welt, in der Fortschritt eine Farce, Geschichte eine Farce, Bildung eine Farce ist – so Murau –, bleibt nur die Rückwendung, das Immer-wieder-von-vorn-Beginnen, das Bohren in der eigenen Sprachwunde. Bernhards Prosa ist damit auch ein Akt der Selbstermächtigung: Indem sie sich jeder äußeren Ordnung entzieht, schafft sie sich ihre eigene Logik, ihre eigene Gesetzmäßigkeit. Der Text entwickelt sich nicht entlang einer Handlung, sondern entfaltet sich als Bewusstseinsraum, als Denkraum, als Klangraum.
Dieser Sprachraum ist dabei radikal subjektiv. „Auslöschung“ ist ein Monolog, der nicht unterbrochen wird, kein Dialog, keine Gegenrede. Murau spricht in ein imaginäres Gegenüber hinein – den Adressaten seines Schreibens, seinen „Jugendfreund“ Gambetti – doch dieser antwortet nicht. Diese Einseitigkeit ist programmatisch. Die Sprache in „Auslöschung“ ist nicht dazu da, zu kommunizieren, sondern zu entlarven, zu zerstören, zu entgiften. Bernhard entwirft mit Murau eine Figur, deren Intellekt sich gegen alles richtet, was Herkunft, Tradition, Nation, Familie und Institution bedeutet. Der Furor, mit dem er das Erbe von Wolfsegg ablehnt, ist total. „Ich habe mich immer von allem, was mich mit Wolfsegg verband, angeekelt gefühlt“, heißt es an einer Stelle – und dieser Ekel ist kein affektives Beiwerk, sondern die Grundlage des Schreibens. Gleichwohl ist Murau keine durchgehend souveräne Figur. Immer wieder wird seine Kritik unterminiert durch eigene Paradoxien, eigene Schwächen, eigene Verstrickungen. Er, der gegen das Besitzdenken der Familie ankämpft, bleibt doch besitzfixiert in seiner Entscheidung, das Erbe anzunehmen, nur um es dann „auszulöschen“. Diese Ambivalenz verleiht dem Text eine existenzielle Tiefe. Bernhards Schreiben ist nicht moralisierend, nicht besserwisserisch, sondern zutiefst tragisch: Das Denken kann nicht außerhalb der Welt stehen, die es verachtet. Das Ich, das zerstören will, bleibt Teil dessen, was es zerstört. In dieser Fallhöhe liegt die Größe des Romans.
Es ist daher auch falsch, „Auslöschung“ allein als Pamphlet gegen Österreich oder gegen die katholische Kirche zu lesen – obgleich Bernhard auch diese Institutionen mit schneidender Schärfe seziert. Vielmehr geht es um eine tiefere, eine metaphysische Revolte gegen das Gegebene, gegen das Banale, das Mittelmäßige, das Angepasste. Der Angriff richtet sich gegen das „stumpfsinnige Leben“, gegen die Unfähigkeit zum Denken, gegen die Feigheit, sich der Wahrheit zu stellen. In diesem Sinne ist „Auslöschung“ auch ein Buch über Bildung, über Kunst, über das Schreiben selbst. Immer wieder reflektiert Murau über die Rolle der Literatur, über die Abhängigkeit von Vorbildern – besonders auffällig ist hier die Präsenz der Philosophen Schopenhauer und Wittgenstein –, über das Unvermögen, sich von der Sprache zu emanzipieren. Sprache wird so zum Mittel der Selbstgeißelung wie der Selbstvergewisserung.
Trotz all der Dunkelheit, der Bitterkeit, des unerbittlichen Tons ist „Auslöschung“ aber auch ein Werk von großer Komik – wenn auch einer sehr eigenen, abgründigen Komik. Die Figur des „nationalsozialistischen Pfarrers“, die grotesken Beschreibungen der Schwestern, die Lächerlichkeit des Beerdigungszeremoniells – all das durchzieht der scharfe, geradezu chirurgenhafte Humor Bernhards. Es ist ein Humor, der nichts verzeiht, aber gerade deshalb so befreiend wirkt. In der Zuspitzung des Lächerlichen liegt eine Form der Wahrheit, die sich jeder Sentimentalität entzieht.
Der Roman ist, in seiner Konsequenz, ein Ereignis der Sprache. Er verlangt dem Leser viel ab – Geduld, Konzentration, eine gewisse Immunität gegen die Wucht der Verneinung. Doch wer sich einlässt auf diesen 700-seitigen Gedankenstrom, wird Zeuge eines literarischen Experiments, das seinesgleichen sucht. Bernhard hat nie Geschichten erzählt, sondern Zustände geschaffen, Denkbewegungen choreographiert. In „Auslöschung“ gipfelt dieses literarische Verfahren in einer Textstruktur, die nicht auf ein Ziel hinausläuft, sondern in sich selbst rotiert, sich in sich selbst auflöst – wie der Titel schon ankündigt.
So steht am Ende keine Katharsis, keine Läuterung, keine Hoffnung. Es gibt keine „Erlösung“ in diesem Buch, keine innere Versöhnung, kein geläutertes Subjekt. Was bleibt, ist Sprache – radikalisiert, entfesselt, auf sich selbst zurückgeworfen. Und in dieser sprachlichen Radikalität liegt eine Form von Wahrheit, wie sie nur große Literatur zu erreichen vermag. Thomas Bernhard hat mit „Auslöschung“ nicht nur ein Monument seiner Zeit, sondern ein zeitloses Meisterwerk geschaffen: ein letztes Wort, das sich in seinem Echo endlos fortsetzt.
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Diesem Werk kann man sich nicht entziehen, man muss sich ihm ausliefern!
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Thomas Bernhard ist der Autor, den ich wohl am meisten verehre. Besonders sein Spätwerk ab 1980 hat mich einfach umgehauen. Am meisten Bernhard steckt wohl in "Auslöschung", welches ich als sein Opus magnum bezeichnen würde. Der Protagonist dieses Romans kehrt anlässlich der Beerdigung seiner tödlich verunglückten Eltern nach Jahrzehnten auf das Anwesen der Familie zurück und erinnert sich. Aber das ist keine ruhige, sanfte Schau in die Vergangenheit, sondern ein Wutausbruch, eine Schimpftirade, eine Verurteilung, eine Ungerechtigkeit, eine Übertreibung. Und eine intensivste Erfahrung für den Leser. Natürlich trägt auch der einzigartige Sound Thomas Bernhards dazu bei: Seine musikalischen, genau getakteten, teils endlosen, sich wiederholenden Satzkaskaden, die sich so in das Hirn des Lesers einbrennen, dass man bald nur noch in bernhardschen Sätzen denken und schreiben kann. Diesem Werk kann man sich nicht entziehen, man muss sich ihm ausliefern. "Man kann ihn zitieren - man kann sich stundenlang in Bernhard'schen Sätzen unterhalten. Man kann mit den Sätzen leben." (Bernhard Minetti)
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