Meine letzte RezensionMemories of Heidelbergvon Heinz Strunk
Nach dem etwas zahmeren „Zauberberg 2“ geht dieser Roman wieder in die Vollen. Und wie! Die Geschichte über das ältere Ehepaar Bertram und Isolde, das eine Woche in Heidelberg verbringt, strotzt nur so von witzig-bösen Wortkaskaden. Strunk übertrifft sich hier selbst, so gut und drüber war er noch nie. Es ist einfach herrlich gemein und komisch, wie er Bertrams unbeholfen-devote Erbärmlichkeit und körperliche Unzulänglichkeit beschreibt und wie dieser seine frustige und freudlose Ehe mit hemmungslosen Fressgelagen zu kompensieren versucht. Das ist auch ein Horrorroman: Bertrams und Isoldes Beziehung ist ein gruseliges Konstrukt aus Langeweile, Zurückweisung und gegenseitiger Demütigung. Selbst Heidelberg hat hier nichts Romantisches; der Neckar ist ein brauner, „versotteter“ Sumpf, das maßlos überteuerte Hotel scheint geisterhaft verlassen und ein Restaurantschiff mit unglaublich schlechtem Service wird zum allabendlichen Anlaufpunkt des Ehepaares, um sich dort geradezu zwanghaft masochistisch runterputzen zu lassen. Läge über alldem nicht die Glasur aus Strunks bitterbösem Witz und eine überbordende Lust an schrägen Synonymgewittern und Wortspielfeuerwerken, wäre der Roman fast kafkaesk. Vielleicht muss man in der deutschen Literatur langsam mal ein neues Adjektiv einführen: strunkesk. Denn dieses Buch, wie auch bereits „Ein Sommer in Niendorf“, sucht seinesgleichen.