Meine letzte RezensionHeldenreise ins ewige Eisvon Jürgen Kehrer
Vor einigen Jahren unterhielt ich mich mit Jürgen Kehrer auf einer seiner Wilsberg-Lesungen; dabei stießen wir zufällig auf eine gemeinsame Leidenschaft: Arktis-Expeditionen bzw. Bücher und Berichte darüber. Jürgen Kehrer erzählte daraufhin, er überlege, ein Sachbuch über die Deutsche Arktis-Expedition von 1912 zu schreiben. Dieses Unternehmen war mir ein Begriff, da es auch in dem von mir nicht zuletzt deshalb sehr geschätzten Roman „Olga“ von Bernhard Schlink eine Rolle spielt. Jürgen Kehrer zweifelte zwar ein wenig, ob so ein Buch überhaupt von Interesse sei, doch ich redete ihm gut zu und sagte, dass zumindest ich es kaufen und lesen würde.
Ich hatte diese Anekdote längst vergessen, als ich eines Morgens beim Auspacken der Neuerscheinungen dann tatsächlich das Buch in den Händen hielt. Natürlich las ich es sogleich und meine hohen Erwartungen wurden sogar noch übertroffen. Es ist ja immer von Vorteil, wenn Autoren, die eigentlich belletristisch unterwegs sind, Sachbücher verfassen, denn dann sind sie meistens gut geschrieben. Auch verzichtet Kehrer bewusst darauf, sich in technisch-wissenschaftlichen Details zu verlieren, was angesichts der Thematik leicht möglich wäre (Ausrüstung, Schiffsladungen, Wetterdaten usw.). Das kommt der Lesbarkeit zugute; das Buch ist auch für diejenigen verständlich, die bisher keine Berührungspunkte mit der Materie hatten. Kehrer konzentriert sich vielmehr auf das Wesen der Expedition selbst, die geradezu sinnbildlich für die deutsche Mentalitätsgeschichte steht: Eine Hybris, die als die namensgebende Heldenreise in unwirtliches, kaum erforschtes Gebiet geplant war und in einem Debakel endete. Das ist spannend wie ein Krimi und geschrieben wie ein süffiger Abenteuerroman; so, als ob man beinahe selbst mit den Expeditionsteilnehmern durch Eis und Schnee irrt - ich habe beim Lesen sogar kalte Füße bekommen. Ich kann das Buch daher jedem empfehlen - sogar Leser:innen, die Sachbücher sonst eher scheuen. Ich jedenfalls habe es verschlungen (Doppeldeutigkeit in Bezug auf Nahrungsmangel nach Wochen im ewigen Eis nicht beabsichtigt…).