Ich wundere mich manchmal darüber, dass Videospiele - immerhin eine Branche, die mittlerweile mehr Umsatz macht als Film und Musik - so selten Thema in der Literatur sind. Aber vereinzelt gibt es sie, Romane wie beispielsweise „Echtzeitalter“ von Tonio Schachinger, in dem das Echtzeitstrategiespiel „Age of Empires“ eine tragende Rolle hat und der 2023 sogar den Deutschen Buchpreis gewann.
Auch Passerons autofiktionaler Text setzt sich mit Gaming auseinander und zwar in einer Art, die sich meiner Meinung nach geradezu aufdrängt, aber (zumindest meines Wissens nach) so noch nie literarisch verarbeitet wurde: Der Autor kombiniert Coming of Age mit der Geschichte der Videospiele. Denn ein Aufwachsen in den 80er und 90er Jahren lief parallel zur Entstehung und Evolution dieser Branche.
In Passerons Buch ist das Gaming Rettungs- und Ankerpunkt für den Ich-Erzähler und seinen Bruder und die einzige Möglichkeit für sie, mit ihrem psychisch belasteten und titelgebenden Vater Jacky in Kontakt zu kommen. In den Videospielen finden sie Zuflucht und Trost - Dinge, die ihnen in einer wirtschaftlich und sozial schwierigen Region und in ihrer dysfunktionalen Familie abgehen. Doch je komplexer und technisch fortschrittlicher die Spiele in den 90er Jahren werden, desto weniger ist der Vater an ihnen und seinen Söhnen interessiert. Er sehnt sich nach der Einfachheit der frühen 80er zurück und entfremdet sich immer mehr von seiner Familie und der Gegenwart.
Passeron beschreibt diese Entwicklung in einer glasklaren Sprache, die mir gut gefallen hat. Ebenso positiv fand ich, dass Videospiele nicht verteufelt werden und nicht das Klischee des spielsüchtigen, soziophoben Stubenhockers bedient wird, sondern das Gaming hier ein Lichtblick und ein verbindendes Element in einer ansonsten eher düsteren und einsamen Kindheit ist. Die volle Punktzahl gebe ich nur deshalb nicht, da die Einschübe über die Geschichte der großen Videospielfirmen wie Atari, Nintendo oder Sega etwas wikipediamäßig daherkommen, interessant zu lesen sind sie aber dennoch.