Erstdruck in: Russkij vestnik, Moskau 1862. Erste Buchausgabe: Moskau 1862. Hier nach der Ausgabe: Leipzig: Insel-Verlag, [1911].
Neuausgabe mit einer Biographie des Autors.
Herausgegeben von Karl-Maria Guth.
Berlin 2016.
Textgrundlage ist die Ausgabe:
Turgenjeff, Iwan: Väter und Söhne. Leipzig: Insel-Verlag, [1911]
Die Paginierung obiger Ausgabe wird in dieser Neuausgabe als Marginalie zeilengenau mitgeführt.
Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage unter Verwendung des Bildes: Mary Cassatt, Alexander Cassatt und sein Sohn Robert, 1884.
Gesetzt aus der Minion Pro, 11 pt.
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Die Nihilisten um 1850 verachten das Leben der Väter....
Bewertung aus Olten am 13.03.2014
Bewertungsnummer: 838278
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
....den Liberalismus der keine revolutionären Veränderungen zu Wege gebracht hat. Aber sie müssen erkennen, dass ihre eigenen Weltanschauungen oft mit der Realität des Lebens nicht übereinstimmen und dass Liebe und Gefühle zeitlose Empfindungen bleiben.
Es geht um nicht weniger als um Leben, Tod und gesellschaftliche Veränderungen. Um die Idole der Jugend, Licht, Freiheit, Wissen, den Mut ins volle Menschenleben einzutauchen der sie geleiten soll. Sind's Väter und Söhne die die Zivilisation vorantreiben oder sind's weder Väter noch Söhne die die Welt bewegen? Sind es letztendlich Individuen voller enthusiastischer Überzeugung für ihre Lebensaufgabe.
Turgenjeff schwebte vor einen Roman gegen den Adel als führende Klasse zu schreiben in dem der junge Arzt Basaroff als Bürgerlicher eine tragische, düstere, wilde grosse Gestalt, "halb erst herausgewachsen aus dem Boden", kräftig, erbost, ehrlich, aber zum Untergang verurteilt sei da er erst in der Vorhalle der Zukunft weile. Sein Werk wurde heftig kritisiert weil für die Konservativen die Nihilisten in der Gestalt Basaroffs nicht abschreckend genug geschildert waren und von den Linken weil Letzterer nicht heldisch und grossartig genug dargestellt sei. Einzig die Monatsschrift "Die Zeit" - Herausgeber: Fjodor und Michail Dostojewski - trat für das Buch ein.
Russland 1859: eine rebellierende Jugend verneint die tradierten Werte, anerkennt keine Autorität, lehnt Gefühle ab......bis jene Frau in ihr Leben tritt die alles in verändertem Licht erscheinen lässt.
Es war schon immer das Privileg kommender Generationen die Gesellschaft ein wenig durchzurütteln.
Ein Muss zu lesen, da nach wie vor aktuell wie eh und je.
Meinung aus der Buchhandlung
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"Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der Übermensch, der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch"
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Wir schreiben das Jahr 1859 als der Gutsbesitzer Nikolai Petrowitsch Kirsanow gemeinsam mit seinem Diener vor einem Gasthof wartet. Arkadij, sein Sohn, wird sehnlichst erwartet, denn dieser kehrt nach erfolgreich beendetem Studium für einen Besuch in die Heimat zurück. Als dessen Kutsche endlich heranrollt, offenbart sich dem Vater eine unerwartete, nichtsdestotrotz angenehme Überraschung, in Form eines mitgebrachten Freundes. Eines Freundes, der zu den unvergesslichsten Gestalten der Weltliteratur gezählt werden darf, einem jungen Mann, der bis heute uns Leser fasziniert, irritiert, teilweise aber auch eloquent inspiriert und beflügelt. Die Rede ist von Jewgeni Basarow, einem selbsterklärten Nihilisten, einem zynischen, jegliche Romantik und Irrationalismus ablehnenden revolutionären Geist. Mit ihrem Besuch beginnt ein sich stetig entwickelnder Reibungsprozess zwischen den beiden Generationen, in der die Jungen den politischen wie sozialen Fortschritt verkörpern und die Alten die tradierten Werte des Ancien Régime repräsentieren. Beide Parteien stehen sich in einem unversöhnlichen Antagonismus gegenüber. Doch treten wir einen Schritt zurück und gehen der Frage nach, was Nihilismus eigentlich bedeutet, um Basarows immerwährende Schwermut, sein zutiefst materialistisches Weltbild besser verständlich machen zu können. Basarow lehnt Autoritäten, Werte, ja Prinzipien und Gebote generell ab, hält sie für artifiziell und dogmatisch, denn er hat etwas verstanden, dass nachfolgende Generationen erst noch begreifen sollten. Turgenjew zeigte anhand des Charakters Basarow der Leserschaft Mitte des 19. Jahrhunderts einen Riss, ein nicht mehr zu übersehendes Aufbrechen, einer als fest und unumstößlich gehaltenen Wahrheit. Denn Basarow hat verstanden, dass es eine fundamentale Dissidenz gibt, ein Mangel an Übereinstimmung des Menschen mit seiner Welt, was mit dem Erwachen des Bewusstseins zusammenhängt. Lange Zeit sorgte der Umweg über Gott für die eigene Rechtfertigung, für die eigene Selbstbejahung und Orientierung. Doch das Bewusstsein ist sich endlich auf die Schliche gekommen, das Illusionäre des selbsterzeugten Vorgangs wurde erkannt. Basarow und neben ihm andere bekannte Figuren aus dem Reich der russischen Literatur, haben verstanden, dass die religiösen Wertakzente nicht in den Dingen selbst liegen, sondern von der Einbildungskraft in sie hineingelegt worden sind. Figuren wie Basarow ziehen die subjektiven Zutaten wieder heraus, zerreißen den diffusen Werteschleier, der sich um Dinge und Menschen gelegt hat und blicken wagemutig auf die nackte Wirklichkeit. Turgenjew fragt mit Basarow, ob nun, da der Gotteswert aus der Welt entwichen ist, der Augenblick der Befreiung gekommen ist? Ob das Leben damit den Mut, die Kraft und Freude zu sich selbst gefunden hat? Basarow bleibt sich bis zuletzt treu, zeigt Mut im Sinne jenes Übermenschen wie ihn Friedrich Nietzsche in „Zarathustra“ geschildert hat. Doch sein selbstgewählter Nihilismus zeigt eine gedankliche Eindimensionalität, die zu sehr dem Destruktiven, dem Überwinden von Werten frönt. Basarow ist eben nicht Nietzsches Zarathustra und vollzog niemals jene dritte Verwandlung, die wie folgt geschildert wurde: „Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brüder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens: seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.“ Basarow ist bei der zweiten Verwandlung stehen geblieben, verharrte beim „Nein“, doch gelang es ihm nicht, das persönliche Vakuum zu füllen. Auf die Heiligung des Diesseits kommt es Nietzsche bekanntlich an. Das ist der Unterschied zum Nihilismus der bloßen Ernüchterung. Der moderne Nihilismus verliert ein Jenseits, ohne das Diesseits zu gewinnen. Nietzsche aber will in der Kunst unterweisen, wie man gewinnt, wenn man verliert. Der Übermensch, wie ihn Nietzsche entwirft, ist frei von Religion, aber nicht in dem Sinne, dass er sie verloren hat; er hat sie in sich selbst zurückgenommen. Turgenjew zeigt uns Basarow und seinen fatalistisch anmutenden Weg auf eine realistische Weise, ohne eine abschließende Bewertung zu tätigen. Lassen wir Basarow noch einmal zu Wort kommen, um uns seinem vermeintlichen Denkfehler zu vergewissern: „Hier liege ich nun im Heuschober … Es ist ein schmales Plätzchen, das ich einnehme, unendlich winzig im Vergleich zu dem übrigen Raum, in dem ich nicht bin und wo ich nichts zu suchen habe; und das Teilchen Zeit, das ich leben werde, ist so nichtssagend vor der Ewigkeit, in der es mich nicht gegeben hat und nicht geben wird … Und in diesem Atom, in diesem mathematischen Punkt, kreist das Blut, arbeitet das Gehirn, verlangt nach etwas … Was für ein Unfug! Was für Dummheiten!“ Dieses Etwas wäre die Möglichkeit gewesen, der Absurdität menschlichen Trachtens Herr zu werden, doch gebietet es sein Hochmut jeglichen Empfindungen zu entsagen. Arkadij, der sich von seinem nihilistischen Lehrmeister immer weiter entfremdet, wählt einen liberaleren Weg und lässt das Dionysische Lebensprinzip gelten. Mit „Väter und Söhne“ hat Iwan Turgenjew den russischen Nihilismus, der innerhalb der russischen Intelligenz (man denke an Nikolai Gogol, an die Gruppe um Belinski und an den jungen Dostojewski vor 1850) aufgrund der desaströsen Lage des Volkes rumorte, gesellschaftlich implementiert. Turgenjew hat diese intellektuelle Strömung gewissenhaft mit dem vorliegenden Roman zu einem literarischen Begriff im dialektischen Gegensatz zum liberalen oder reaktionären Panslawismus zusammengefasst, deren Vertreter u.a. Dostojewski im reifen Alter wurde. Ein Meisterwerk.
Turgenjew´s fantastische Erzählungen sind genau die richtige Einführung in die klassische russische Erzählkunst. In den Geschichten wie Visionen oder Die triumphierende Liebe beweist Turgenjew, dass russische Autoren sich nicht nur mit Landschaftsbeschreibungen auskennen.
Tauchen Sie ein, in eine triumphierende Liebe, die aus Menschen Zombies macht. Reisen Sie in Visionen an der Seite eines Vampires durch Raum und Zeit auch nach Mannheim und erleben Sie an der Seite eines Jungen mit, dass Träume wahr werden können, wenn auch auf die eher gespenstische Art und Weise.
Wer sich schon immer mal gerne an russischer Literatur versuchen wollte, sich aber bisher von den eher ausschweifenden Landschaftsdarstellungen abschrecken ließ, dem lege ich Turgenjew´s wirklich fantastische Erzählungen ans Herz.
Übrigens auch etwas für Liebhaber des feinen Grusels...
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