Krefeld, Erlangen, Wien, Zürich. Dependancen eines international agierenden Familienunternehmens mit einem geschätzten Jahresumsatz von 44 Milliarden Euro, das in Wahrheit ein schnell wachsendes Krebsgeschwür im gesunden Gewebe unserer Gesellschaft ist. Duisburg, August 2007: Sechs Leichen liegen vor dem Restaurant Da Bruno und eines wird klar - die kalabrische Mafia-Organisation 'Ndrangheta ist in Deutschland bestens etabliert. Sie wäscht Geld in der netten Pizzeria nebenan, versteckt Killer, handelt mit Waffen und Drogen, fälscht Papiere und kassiert Schutzgeld. Kaum ein Angehöriger war je bereit, das Gesetz des Schweigens zu brechen. Giuseppe di Bella tat es - jahrzehntelang war er die rechte Hand eines ihrer Bosse. Der Grund für Di Bellas neugewonnene Haltung? Seine Frau starb im Jahr 2009. Di Bella versprach ihr auf dem Totenbett, sich aus den Fängen der 'Ndrangheta zu lösen, um dem gemeinsamen Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Der Kronzeuge kennt das Geheimnis um Gianni Versaces Tod.Und er hat es gewagt, sein Wissen den italienischen Aufdecker-Journalisten Gianluigi Nuzzi und Claudio Antonelli preiszugegeben. In einem speziellen Kapitel enthüllt SPIEGEL-Redakteur und Mafia-Experte Andreas Ulrich, wie souverän und unbehelligt sich die 'Ndrangheta in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit Jahrzehnten bewegt.
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Das größte Verbrechersyndikat Italiens
Thomas Fritzenwallner aus Wiener Neustadt am 15.03.2012
Bewertungsnummer: 771493
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Sie gilt als eine der mächtigsten aller Mafia-Ableger: die 'Ndrangheta. Ursprünglich in den Bergregionen Kalabriens beheimatet, soll sich das Verbrecher-Kartell schon längst in den Wirtschaftsmetropolen Italiens breit gemacht haben. Zu seinen wichtigsten Einnahmequellen zählen Erpressung, Waffenhandel und Drogenschmuggel. Als Spezialgebiet der 'Ndrangheta gilt der Handel mit Kokain. Immer öfter aber haben die kalabrischen Mafiosi auch bei seriösen Geschäften ihre Hände im Spiel, sagt Buchautor Gianluigi Nuzzi:
"Das Geld wird in verschiedenen Wirtschaftszweigen gewaschen, vor allem am Immobilienmarkt. Investiert wird aber auch in Geschäfte, Restaurants, Discotheken. Die 'Ndrangheta ist außerdem in der Zementverarbeitungsbranche und im Bauwesen tätig. Aber wir haben auch Tätigkeiten auf einem ganz anderen Niveau, etwa den internationalen Aktienmärkten. Internationale Institutionen wie Weltbank und Internationaler Währungsfonds schätzen, dass vier bis fünf Prozent aller Aktivitäten auf dem Finanzmarkt niemandem zuzuordnen sind. In Italien geht man davon aus, dass die Geschäftstätigkeit der 'Ndrangheta und der sizilianischen Cosa Nostra gemeinsam inzwischen schon einige Prozentpunkte des Bruttoinlandsproduktes ausmachen."
Die 'Ndrangheta stellt heute eine wahre Wirtschaftsmacht dar. Auf bis zu 70 Milliarden Euro schätzt Gianluigi Nuzzi den jährlichen Umsatz des Mafia-Kartells. Trotz der Machtfülle in norditalienischen Metropolen wie etwa Mailand wurde der Einfluss der kalabrischen Mafia dort lange Zeit unterschätzt.
"Die 'Ndrangheta hat nie die gleiche Aufmerksamkeit erfahren wie die Cosa Nostra", sagt Nuzzi. "Das liegt vor allem daran, dass die Aktivitäten der 'Ndrangheta nie so sichtbar waren. Ich denke da jetzt an Attentate, an die Ermordung von Richtern und Staatsanwälten, wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er, 90er Jahre auf Sizilien hatten."
So konnte die 'Ndrangheta im Schatten der sizilianischen Cosa Nostra und der Camorra, der neapolitanischen Mafia, zum größten Verbrechersyndikat Italiens wachsen. Anders als die bekannteren Mafia-Organisationen beruht die 'Ndrangheta vor allem auf Blutsverwandtschaft - Schweigen ist die oberste Pflicht und Aussteiger, die sich der Polizei als Kronzeugen zur Verfügung stellen, gibt es so gut wie keine.
Mittlerweile agiert die 'Ndrangheta weit über die Grenzen Italiens hinaus. In der deutschen Übersetzung von "Metastasi" ist deshalb ein Kapitel den Machenschaften der 'Ndrangheta in Deutschland, der Schweiz und Österreich gewidmet. In ihm beschreibt der deutsche Mafia-Experte und "Spiegel"-Redakteur Andreas Ulrich eindringlich, wie unbehelligt sich die Mafia außerhalb Italiens bewegen kann. Gerade Wien gilt als einer der wichtigsten Knotenpunkte des Waffenhandels, sagt Gianluigi Nuzzi:
"Österreich und gerade Wien haben eine geografisch sehr günstige Position, wo sich die Interessen von Käufern und Verkäufern treffen. Die Verkäufer sind diejenigen, die Zugang haben zu den Waffen des ehemaligen Warschauer Paktes. Mehr kann ich dazu nicht sagen, denn es bezieht sich auf laufende Ermittlungen. Um nochmals auf Österreich zurückzukommen: hier gilt nach wie vor das Bankgeheimnis. Einige Gesetze wurden schon reformiert, aber wir sehen aus allen Untersuchungen, dass hier Geldwäsche im größeren Umfang betrieben wird."
Gianluigi Nuzzi gilt als akribischer Rechercheur. "Metastasen" darf also als harte Faktensammlung gelten. Das Buch ist eine spannende Mischung aus persönlichen Erlebnisberichten des Kronzeugen Di Bella und etwas reißerisch präsentierten Hintergrundinformationen. Beim Lesen also, wenn nötig,
Beruhigungsmittel nicht vergessen ...
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