Berührend, unterhaltsam und provokant erzählt Du hast das Leben vor dir die Geschichte von Momo, einem Araberjungen ohne Eltern, und Madame Rosa, einer jüdischen Ex-Prostituierten in Paris. In dem aufregenden wie erdrückenden Lebenskampf in Belleville haben die beiden eigentlich keine Chance - aber Momo und Madame Rosa wissen sie zu nutzen.
Für den Roman, längst ein französischer Klassiker, der nun in neuer Übersetzung vorliegt, erhielt Émile Ajar 1975 den Prix Goncourt. Was die Jury nicht wusste: Hinter dem Pseudonym verbarg sich Romain Gary, der damit - gegen die Regeln - zum zweiten Mal ausgezeichnet wurde.
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Ein Meisterwerk, das stark beginnt und immer stärker wird...
https://lieslos.blog/ am 15.01.2021
Bewertungsnummer: 1424541
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieser wunderbare französische Klassiker, der 1975 unter dem Pseudonym Émile Ajar erschien und im gleichen Jahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, hat eine äußerst interessante Geschichte.
Statutengemäß und traditionell kann ein Schriftsteller nur einmal mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet werden. Der 1914 geborene Romain Gary erhielt den Preis jedoch zweimal!
Zuerst 1956 für „Die Wurzeln des Himmels“ und 1975 schließlich noch einmal für „Du hast das Leben vor Dir“.
Möglich war das nur, weil der zweite Roman unter einem Pseudonym veröffentlicht wurde.
Erst nach Romain Garys Suizid im Jahr 1980 wurde publik, wer sich hinter dem Künstlernamen verbarg.
Aber da war der Preis ja schon längst verliehen.
Aber jetzt erst einmal zum Inhalt:
Der Roman spielt in den 1960-er und 1970-er Jahren in Paris, im Stadtteil Belleville.
Der 14-jährige Ich-Erzähler Momo, der uns seine Geschichte im Rückblick erzählt, wuchs zusammen mit anderen Kindern bei der alternden Madame Rosa im Pariser Stadtviertel Belleville auf.
Sie wohnten im sechsten Stock eines Hauses, dessen Bewohner eine kunterbunte Mischung darstellten: Huren, Transvestiten, Weiße, Schwarze und Araber lebten dort zusammen unter einem Dach.
Auch Madame Rosa war eine ehemalige Prostituierte.
Eine ehemalige Prostituierte, die als Jüdin den Horror von Auschwitz erlebte und überlebte.
Eine ehemalige Prostituierte, die nun ein „Etablissement für Hurenkinder“ (S. 51) betreibt.
Was für ein Schock, als der ca. sechsjährige Araberjunge Momo erfuhr, dass er nicht der leibliche Sohn, sondern nur eines der Ziehkinder seiner geliebten Madame Rosa war, für die sie am Monatsende Geld bekam.
Das musste erst einmal verdaut werden und dabei half Monsieur Hamil, der weit gereiste, lebenskluge und gutmütige Teppichhändler, der Momo alles beibrachte, was er wissen musste und immer einige Weisheiten auf Lager hatte, wie zum Beispiel „Angst ist unser engster Verbündeter, ohne sie würde uns Gott weiß was passieren.“ (S. 85)
Dass es keine familiäre Verbindung zwischen ihm und Madame Rosa gab, war nicht das einzige, das Momo nicht wusste.
Er hatte lange Zeit schlicht keine Ahnung, was seine Herkunft anbelangte und dass die anderen Kinder allesamt andere und lebende Mütter hatten.
Zwar lebende, aber größtenteils abwesende Mütter, die sich prostituierten und immer mal wieder bei ihrem Nachwuchs, der von Madame Rosa aufgezogen wurde, vorbei schauten.
Was die Aufklärung seiner Unwissenheit über seine Wurzeln anbelangte, sagte Madame Rosa immer, dass sie ihm diese Sachen erklären werde wenn er groß und gefestigt sei, aber sie wolle nicht, dass er einen Schock kriege, wo er noch so sensibel sei. Als Allererstes müsse man sich bei Kindern doch um die Sensibilität kümmern. (S. 34)
Als sich der gesundheitliche Zustand von Madame Rosa dramatisch verschlechterte, legte sich Momo ins Zeug, denn er „hatte das blanke Entsetzen, ja eine Heidenangst, einmal ohne sie dazustehn.“ (S. 65)
Er half ihr bei der Versorgung der anderen „Hurenkinder“, ging für sie auf den Markt und schob die herzkranke und asthmatische Frau mit ihrem massigen Körper die sechs Etagen hoch, die zu bewältigen ihr immer schwerer fielen.
„Die sechs Treppen waren für sie zum Staatsfeind Nummer eins geworden. Eines Tages würden die sie umbringen, da war sie sicher.“ (S. 69)
In ihren letzten Tagen ging Momo über seine Grenzen und stand ihr aufopferungsvoll, mit Herzblut und Phantasie bei.
Er tröstete sie sogar mit „der besten Nachricht ihres Lebens... dass sie nämlich keinen Krebs hatte.“ (S. 116).
Wie gut, dass Madame Lola, der ehemalige Boxer aus dem vierten Stock, täglich vorbei kam und den beiden hilfreich unter die Arme Griff.
Momo ist ein cleveres und liebenswertes Bürschchen, das Redewendungen und Sprichwörter durcheinander bringt und falsch anwendet und große Sehnsucht nach einer richtigen eigenen Familie hat. Gleichzeitig hat er Madame Rosa ins Herz geschlossen. Und sie ihn!
Er hat keine Schulbildung, ist aber schlau und erklärt sich die Welt aus dem, was er aufschnappt und macht sich einen Reim auf alles, was er hört. Manchmal liegt er damit leider auch ziemlich daneben.
Außerdem nimmt Momo alles so ernst, da wird’s schon mal makaber...
Er ist so neugierig und motiviert; will etwas bewegen, hat konstruktive Ideen. Nachdem ihm der afrikanische Nachbar Monsieur Waloumba z. B. erklärt hat, dass die Alten in seiner Heimat geehrt und gut versorgt werden, hat Momo ihn gefragt: „ ... ob man Madame Rosa nicht nach Afrika zu seinem Stamm verschicken könnte, damit sie zusammen mit den anderen Alten in den Genuss der Vorteile dort kommt.“ (S. 157)
Momo glänzt mit einer anrührenden Mischung aus Bauernschläue, Altklugheit und kindlichem Denken.
„Du hast das Leben vor Dir“ ist eine flott und lebendig erzählte,
tragikomische, rührende und zärtliche Geschichte, die berührt und bewegt.
Ernst, Dramatik und Tragik hinter der Oberfläche lassen sich durch den locker-legeren Erzählstil gut aushalten, so dass Traurigkeit und Schwermut weder im Text noch in der Gefühlswelt des Lesers einen Platz bekommen.
Manche Stellen sind gleichzeitig traurig, schlimm, rührend und amüsant und ich musste mir nicht selten schmunzelnd oder gar lachend ein paar Tränen wegwischen.
Ich wurde äußerst gut unterhalten und es machte sehr viel Spaß, Momo und Madame Rosa zu begleiten und Doktor Katz, der von den starken Zaoumibrüdern in den sechsten Stock getragen wird, Madame Lola, den fürsorglichen Transvestiten, den Victor Hugo lesenden Teppichhändler Monsieur Hamil und Monsieur Waloumba, der mit seinen Stammesbrüdern die bösen Geister austreibt, kennenzulernen.
Ja, und da ist dann noch die schöne Synchronsprecherin Madame Nadine, die einen Narren an dem kleinen Araber gefressen und immer ein offenes Ohr für ihn hat...
Es ist äußerst interessant, durch Momo’s Augen einen Einblick in dieses untere und randständige soziale gesellschaftliche Milieu im Paris Mitte des letzten Jahrhunderts zu bekommen. Mit ihm zusammen tauchen wir in diese Welt der Randgruppen und Armen, des Rotlichtmilieus, der Drogenhändler der Prostituierten und deren Kinder ein.
„Du hast das Leben vor Dir“ ist ein Meisterwerk, in dem es um Zusammenhalt und Menschlichkeit geht. Es stimmt nachdenklich und hallt nach.
Roman Gary hat mit diesem Roman ein Werk geschaffen, das stark beginnt und immer stärker wird!
Meinung aus der Buchhandlung
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"Ich heiße Mohammed, aber alle nennen mich Momo, das macht jünger..."
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieser Mohammed, der Ich-Erzähler dieses Buches, ist gerade einmal 10 Jahre alt, und wächst in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in einem von Einwanderern geprägten Viertel von Paris auf. Ein "sozialer Brennpunkt", auch wenn man das damals noch nicht so nannte. Ich lasse jetzt einfach Momo einmal zu Wort kommen:
...und ich war fröhlich, denn ich redete von Madame Rosa und das mache ich immer gern. Ich erklärte ihnen, dass Madame Rosa früher Bordsteinschwalbe war, die ins jüdische Israel nach Deutschland mit Feuer und allem deportiert wurde, aber wieder zurückgekommen ist und eine Pension für Hurenkinder aufgemacht hat, weil man die Huren mit der Aberkennung des Sorgerechts wegen unerlaubter Prostitution erpressen kann, also müssen sie ihre Kinder verstecken, denn manche Nachbarn sind ja Schweine und verpfeifen einen beim Jugendamt. Keine Ahnung, wieso mir das so gut tat, mit ihnen zu reden, aber ich saß schön im Sessel und der Typ hat mir sogar eine Zigarette angeboten und Feuer gegeben und er hörte mir zu, als wär ich wichtig. Ich will nicht zu dick auftragen, aber ich hab schon mitgekriegt, wie sehr ich denen Eindruck machte!"
Momos Geschichte ist ergreifend erzählt, durchsetzt von rabenschwarzem Humor, der zum Teil aus seiner kindlichen Sicht, aus seinem kindlichen Verständnis dessen, was er erlebt, entsteht. Als Leser schließt man all die Hauptfiguren in`s Herz, egal, ob es Monsieur Hamil ist, bei dem Momo lesen und schreiben und das Wesen der Liebe kennen lernt, ob es Madame Lola ist, Transvestit und ehemaliger Box-Weltmeister im Schwergewicht, ob es die Familie Zaoums ist, oder Monsieur Waloumba und sein "afrikanischer Stamm".
Und natürlich Madame Rosa, die nach eigener Aussage "Dachau überlebt hat, und schon fingen die Scherereien an..."
In Frankreich längst ein moderner Klassiker, kann man dieses traurige, komische und, vor allem, lebensbejahende Buch jetzt auf deutsch in einer wunderbaren Neuübersetzung genießen - und ich versichere Ihnen: Sie werden es mehr als einmal lesen!
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