In den Sanddunen vor einem abgelegenen Dorf front Niki Jumpei seiner einzigen Leidenschaft: der Suche nach unentdeckten Insektenarten. Als die Nacht hereinbricht, bieten ihm die Dorfbewohner ein Nachtquartier an - sie seilen ihn in die Tiefen eines Sandlochs hinab, zu einer einzelnen Hutte. Dort empfangt ihn eine junge Frau in geheimnisvoller Erwartung. Die ganze Nacht uber bleibt sie auf und schaufelt das Haus frei. Als der Mann am nachsten Tag aufbrechen will, ist die Strickleiter verschwunden. Und durch alle Ritzen der Hutte dringt unablassig der Sand. Dieser Roman begrndete Kobo Abes Ruhm und wurde in ber zwanzig Sprachen bersetzt.
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4.5/5.0
Bewertung
5/5
14.11.2018
Buch (Taschenbuch)
Nichts anderes als Sand, Sand und nochmal Sand...
das erwartet Niki Jumpei, den tragischen Helden dieses Romans. Er, der nur auf der Suche nach seltenen Insekten unterwegs war muss sich ein Nachtquartier suchen, das die Dorfbewohner ihm auch nur allzu bereitwillig zur Verfügung stellen wollen.
Er wird mit Hilfe einer Strickleiter einen steilen Strandabschnitt heruntergelassen, dort steht einsam die Hütte einer Frau.
Doch erst so nach und nach erhellt sich ihm seine Situation in der er ausweglos gefangen scheint. Nichts anderes gibt es dort zu tun, als täglich den Sand zu entfernen, der unbarmherzig immer aufs Neue das Haus zu verwehen scheint. Er kommt dort nicht mehr fort, denn die Dorfbewohner haben die Strickleiter entfernt.
Surreal, traumverloren, aussichtslos. Was Kafka für uns, das ist wohl Kobo Abe für die japanische Literatur gewesen. Der Autor, vielfach ausgezeichnet, verstarb 1993.
Ich habe obiges Buch, damals erschienen beim Suhrkamp Verlag, vor mehr als 20 Jahren gelesen und war gleich gefangen! Lange war dieser Titel, der übrigens auch großartig verfilmt wurde, vergriffen.
Umso größer meine Freude darüber, das der Unionverlag dieses Meisterwerk neu aufgelegt hat! Unbedingt lesen!
Bewertung
4/5
20.09.2022
Buch (Taschenbuch)
Irres Buch rund um ein in einem...
Irres Buch rund um ein in einem Sandloch gefangenen Mann. Rundum nur Sand,Sand, Sand - eine Art Sisyphos-Geschichte, nur viel, viel schräger.
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5/5
27.09.2025
Buch (Taschenbuch)
„Wer den Sand versteht, versteht das Nichts.“
Was Literatur ist? Nun, nachdem ich dieses Buch gelesen habe weiß ich, dass die hier vorgefundene Vortrefflichkeit, zweifelsohne unwahrscheinlich einzigartig ist. Kōbō Abes Die Frau in den Dünen ist kein Roman, den man liest, er ist ein Zustand, eine erstickende Erfahrung, ein metaphysischer Schlund aus Sand und Schweigen. Schon nach wenigen Seiten versteht man, dass hier nicht einfach eine Geschichte erzählt wird, sondern dass man in eine Versuchsanordnung gerät, in der die Begriffe Freiheit, Identität und Sinn bis zur letzten Konsequenz auseinandergenommen werden. Es ist, als öffne sich der Text selbst wie eine Grube, die man anfangs nur neugierig betrachtet, deren Ränder man tastend erkundet, bis man plötzlich spürt, dass der Boden nachgibt, dass man längst hineingeraten ist in diese ewige Bewegung aus Fallen, Schaufeln, Sich-Wieder-Finden und Sich-Wieder-Verlieren. In Abes Werk gibt es keine Rettung durch Erkenntnis, keine Katharsis, kein erlösendes „Verstehen“ – nur das immer dichtere Gefühl, dass der Sand, der scheinbar bloßes Naturphänomen ist, in Wahrheit das unausweichliche Medium des Daseins selbst darstellt. Der Sand in diesem Buch ist kein Hintergrund, er ist Substanz, Metapher, Atem und Gegner zugleich. Er ist ein Element, das weder Form noch Richtung kennt, das sich jedem Versuch der Ordnung entzieht und dennoch alles ordnet, indem es verschlingt. So wie das Dasein im existentialistischen Sinne nicht fest, sondern fließend, absurd und unhaltbar ist, so rinnt auch der Sand unaufhörlich, legt sich auf die Haut, in die Lungen, in die Sprache selbst. Man spürt beim Lesen die Trockenheit, das rieselnde Unaufhörliche, das niemals zur Ruhe kommt – der Sand als Metapher für die Absurdität der menschlichen Existenz, für das, was Camus in Der Mythos des Sisyphos das „ewige Rollen des Steins“ nennt. Doch Abe geht weiter: Er zeigt nicht nur den Menschen, der gezwungen ist, den Sand zu schaufeln, sondern auch den Sand selbst als eigentliche Bedingung des Seins. Es ist nicht nur der Mensch, der in der Welt gefangen ist – die Welt selbst scheint in sich gefangen, gefangen in ihrer endlosen Selbstproduktion aus Körnern, Bewegungen, Wind. Die Geschichte eines Lehrers, der in ein abgelegenes Dorf reist, um Insekten zu sammeln, der dann in einer Sandgrube festgehalten und gezwungen wird, mit einer Frau unaufhörlich Sand zu schaufeln, ist auf der Oberfläche eine Parabel der Gefangenschaft. Doch diese Gefangenschaft ist kein bloßes Narrativ. Sie ist die Offenlegung eines ontologischen Zustands: die Unmöglichkeit, sich von der Welt zu trennen, in der man sich befindet. Das Loch im Sand, in dem die Frau lebt, ist nicht anders als die Welt, in der jeder Mensch lebt, nur dass Abe die metaphysische Architektur sichtbar macht, die sonst durch Gewohnheit und Sprache verschleiert wird. Der Protagonist ist kein Held, kein Märtyrer, kein Rebell. Er ist ein Versuch, ein Gedanke, der sich selbst denkt. In seiner Hoffnung auf Flucht, in seinem Wiederstand, in seiner allmählichen Anpassung, in der paradoxen Akzeptanz seiner Lage zeigt sich das volle Panorama der existentiellen Erfahrung: das Aufbegehren gegen die Absurdität und das gleichzeitige Verstricktsein in sie.
Abe, wie Beckett, schreibt über das Menschliche nicht aus Pathos, sondern aus der Logik des Absurden heraus. Wo bei Beckett das Warten die Struktur des Sinnverlusts darstellt, ist es bei Abe das Schaufeln. Das ewige, sinnlose, notwendige Schaufeln. Der Sand, der immer wieder hereinfällt, der nie gänzlich beseitigt werden kann, ist nichts anderes als die Wiederholung selbst, der Versuch, Bedeutung zu schaffen, wo keine ist. Und in dieser Wiederholung zeigt sich das eigentliche Drama: dass der Mensch nicht leben kann, ohne Sinn zu erzeugen, auch wenn jeder Sinn sofort wieder vom Sand zugeschüttet wird. Der Sand ist das Nichts, das sich materialisiert, das uns umgibt, das in uns eindringt, das uns formt, während wir glauben, es bekämpfen zu müssen. In dieser Hinsicht ist Die Frau in den Dünen eine metaphysische Topografie. Der Sand ist das Abbild einer Welt, in der die Unterscheidung zwischen Natur und Bewusstsein, zwischen Innen und Außen, längst aufgehoben ist. Das, was wir „Wirklichkeit“ nennen, ist in Abes Erzählung nichts anderes als ein rieselndes Gleichgewicht zwischen Auflösung und Beharrung. Die Frau, die in dieser Grube lebt, ist nicht bloß Gefährtin oder Gegenfigur, sondern Verkörperung dieser Ordnung des Unausweichlichen. Sie stellt keine Fragen nach Freiheit oder Sinn, sie existiert innerhalb einer Ordnung, die jenseits des Fragens liegt. Ihre Ruhe, ihre Gewöhnung, ihre pragmatische Haltung zur Aufgabe des Schaufelns sind nicht Ausdruck von Resignation, sondern von Eingewobenheit. Der Mann dagegen, aus der Stadt kommend, mit seiner Idee von Freiheit, Fortschritt, Individualität, verkörpert das tragikomische Streben nach Selbstbehauptung in einer Welt, die keine Grenzen für das Selbst kennt. Abes Stil ist zugleich klinisch und traumartig, präzise wie ein wissenschaftlicher Bericht und doch durchtränkt von einer Poesie des Absurden. Seine Sprache ist die Sprache des Bewusstseins, das sich selbst beim Denken beobachtet, das zwischen Ratio und Halluzination schwankt. Nichts in diesem Roman geschieht im Modus des Realismus, obwohl alles real erscheint. Jeder Satz hat die Dichte eines Gedankens, der sich zu Ende denkt und gerade darin ins Bodenlose fällt. Man liest, und es ist, als würde man selbst im Sand versinken – nicht durch äußere Gewalt, sondern durch die Schwerkraft der Bedeutungslosigkeit, die das Denken selbst erzeugt.
Dass Die Frau in den Dünen so perfekt in den Kontext des Existentialismus passt, liegt nicht allein an seiner Thematik, sondern an seiner Struktur. Der Roman selbst ist wie ein Sandloch gebaut: jede Bewegung des Lesers, jedes interpretative Schaufeln führt tiefer hinein, nie hinaus. Es gibt keinen festen Boden. Wie Sartres Geschlossene Gesellschaft oder Camus’ Der Fremde operiert Abes Werk in einer Welt, in der die Transzendenz fehlt – aber während Sartre und Camus noch einen Rest von moralischem oder metaphysischem Widerstand aufrechterhalten, entzieht Abe selbst diesen letzten Halt. Hier gibt es kein Urteil, keine Schuld, keine „falsche“ Entscheidung. Es gibt nur Dasein, das sich in endloser Tätigkeit selbst erhält. Das Schaufeln wird zur Metapher des Lebens als Tätigkeit ohne Ziel, aber mit Struktur; der Mensch ist nicht frei trotz seiner Gefangenschaft, sondern in ihr.
So wird der Sand zum dialektischen Gegenüber des Bewusstseins. Er ist der Beweis, dass das Unfassbare die Form des Materiellen annehmen kann. Er verschlingt, aber er trägt auch; er löscht aus, aber er konserviert zugleich. Er ist die absolute Gleichzeitigkeit von Sein und Vergehen. Wenn man den Roman zu Ende gelesen hat, bleibt nichts als dieses Bild: ein Mensch, der schaufelt, obwohl der Sand zurückkehrt, der bleibt, obwohl nichts bleibt, der lebt, obwohl das Leben nichts anderes ist als ein rieselndes Wiederholen. Und genau darin liegt das Erschütternde – dass in dieser Bewegung des Sinnlosen ein seltsamer Friede aufscheint. Denn am Ende, wenn der Protagonist seinen Fluchtversuch aufgibt, wenn er die Arbeit nicht mehr als Strafe, sondern als Rhythmus begreift, da offenbart sich das eigentliche Paradox des Existentialismus: Die Akzeptanz des Absurden ist die einzige Form von Freiheit. Der Sand hört nicht auf, aber die Angst vor ihm verliert ihre Gewalt. Was bleibt, ist eine Art stilles Einverständnis mit der Welt, nicht aus Erleuchtung, sondern aus Erschöpfung. Doch diese Erschöpfung ist kein Scheitern. Sie ist das Aufhören der Illusion, dass Sinn von außen kommen müsse. Die Frau in den Dünen ist somit weniger eine Erzählung als eine Erfahrung des Bewusstseins im Zustand seiner äußersten Entblößung. Es ist ein Werk, das den Menschen bis auf das Skelett seiner Existenz zurückführt, bis nichts mehr übrig bleibt als das Atmen, das Schaufeln, das Staunen über die Tatsache, dass es den Sand überhaupt gibt.
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