Ein namenloses Land, von fremden Trup- pen besetzt. Der Winter will kein Ende nehmen. Frank Friedmaier wächst als Sohneiner Prostituierten in einem Bordell auf. Der 18-Jährige ist ein Kind seiner Zeit, die geprägt ist von Täuschung und Verrat. Frank hungert nach Erfahrungen, doch nichts vermag ihn zu befriedigen. Aus reiner Langeweile wird er zum Mörder und verschachert das Mädchen, das ihn liebt. Als er schließlich begreift, was er getan hat, und mit sich selbst ins Gericht geht, ist es zu spät.Ein großer, unerbittlicher Roman über die Frage, wie das Böse in die Welt kommt. Meisterlich entwirft Simenon eine Welt, in der die Regeln des menschlichen Miteinanders außer Kraft gesetzt sind, Mitgefühl und Erbarmen nichts mehr gelten, und deutet zugleich vor diesem düster-unheilvollen Hintergrund eine Liebesgeschichte an, die so surreal wie überzeugend ist.
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Die zerstörerische Kraft einer gleichgültigen Welt
Aus der eisigen Tristesse einer namenlosen, besetzten Stadt erhebt sich eine Geschichte, die sich festsetzt wie Kälte unter der Haut. Der Schnee war schmutzig ist kein Roman, den man einfach konsumiert – er verfolgt seine Leser. Was zunächst wie ein Kriminalroman beginnt, entpuppt sich rasch als schonungslose Studie eines Menschen in einer Welt, in der moralische Ordnung längst außer Kraft gesetzt ist.
Die Geschichte ist zweigeteilt. Im ersten Part findet das vermeintliche Leben im Außen statt. Nicht in einer bestimmten Stadt, in einer bestimmten Gegend, sondern unter dem Diktat einer Besatzungsmacht. Einer Macht, die wohl jedem Menschen im Nacken sitzt: sei sie nun real, eben in Form der Willkür von Besatzern, oder als Gewissen eines jeden Menschen.
Apropos real: So sind auch die Gegebenheiten. Ein junger Bengel, noch keine zwanzig, vaterlos aufgewachsen, lebt im Puff seiner Mutter und bedient sich dort mehr oder weniger willkürlich. Das Außen, also das Umfeld, ist Richtung Illegalität, Kriminalität gepolt, sodass eine entsprechende „Karriere“ des jungen Mannes vorgezeichnet scheint. Konsequent wird diese Laufbahn durchschritten, Mord und Verführung bilden eine unsichere Melange des Lebens.
Der zweite Teil findet hinter den Mauern eines Gefängnisses statt. Was vorher eher einem Tanz des Lebens gleichkam, wenn auch mit verkorksten Vorzeichen, findet nun in der Isolation im Kopf des Mannes statt. Nicht unbedingt in Form von Aktionen, sondern eher in stillen Monologen, die bis an die Grenzen des Menschseins heranführen. Hier finden die eigentlichen Kämpfe statt, das Ringen um Erkenntnis und das Ping-Pong der Gedanken, verschärft durch die Ausnahmesituation einer unmenschlichen Kerkerhaft. Hier wird aus der Kriminalgeschichte eine Menschengeschichte. Mit jedem Verhör werden die Verstrickungen enger, aber die Lösung ultimativ. Und diese ist tatsächlich einzigartig. Liebe erscheint hier nicht als Rettung, sondern als schmerzhafter Moment von Klarheit – ein letzter Beweis dessen, was möglich gewesen wäre und nun unwiederbringlich verloren ist.
Besonders gefallen hat mir die direkte Sprache an den Protagonisten, als würde ich selbst mit ihm reden. Beispiele: “Gerade ihre Fürsorge macht dich krank.” / “Du ertrinkst in deinem eigenen Geruch.” Das fand ich ziemlich ungewöhnlich und habe ich so vorher noch nicht gelesen.
Auch die teilweise filigranen Illustrationen sind rundum gelungen und spiegeln all die Dramatik, Zerrissenheit und Tristesse wider, die man durchweg wahrnimmt.
Fazit: Der Schnee war schmutzig ist ein zeitloser, verstörender Roman über Schuld, Verantwortung und die zerstörerische Kraft einer gleichgültigen Welt. Simenon stellt nicht die Frage nach dem Bösen, sondern nach den Bedingungen, unter denen Menschlichkeit scheitert. Die Geschichte lässt keine Entlastung zu und gerade darin liegt ihre große literarische Kraft. Wer dieses Buch liest, bleibt nicht unberührt zurück. So erging es mir zumindest.
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5/5
06.06.2020
Buch (Taschenbuch)
Erschreckend!
Ein Roman, der obwohl Morde und andere Verbrechen geschehen, auf keinen Fall als Krimi zu lesen ist. Er ist, wie Daniel Kehlmann im Nachwort schreibt, ein existentialistischer Roman, gleichwertig neben Sartres ‘Ekel‘ und Camus‘ ‘Fall‘.
Der junge Frank begeht Verbrechen unterschiedlichster Art. Warum tut er das und was macht das mit ihm? Ganz unemotional beobachtet Simenon seine Protagonisten und behandelt große Themen, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen. ‚Der Schnee war schmutzig‘ ist eine düstere und beeindruckende Lektüre!
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