Januar 1944: Während über der Eifel britische und amerikanische Bomber kreisen, gerät der wegen seiner Epilepsie nicht wehrtaugliche Egidius Arimond in höchste Gefahr. Er bringt nicht nur als Fluchthelfer jüdische Flüchtlinge in präparierten Bienenstöcken über die Grenze, er verstrickt sich auch in Frauengeschichten.
Mit großer Intensität erzählt Norbert Scheuer in "Winterbienen" einfühlsam, präzise und spannend von einer Welt, die geprägt ist von Zerstörung und dem Wunsch nach einer friedlichen Zukunft.
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Was für ein schönes Buch, das von einer entsetzlichen Zeit erzählt. Es ist das letzte Kriegsjahr des II. Weltkriegs und in der Eifel ist es bisher vergleichsweise ruhig geblieben. Egidius, der aufgrund seiner Epilepsie nicht eingezogen wurde und dank des Einflusses seines Bruders der Euthanasie entging, kümmert sich nach seiner Entlassung als Lehrer um seine Bienenvölker und um manche zurückgelassene Frau. Hin und wieder bringt er Juden über die Grenze, um sich so Geld für seine Medikamente zu verdienen, doch mit dem Vorrücken der Alliierten wird es immer gefährlicher.
Es ist eigentlich ein gemächliches Buch, wenn sich der kriegerische Hintergrund nicht immer wieder in den meist friedlichen und beschaulichen Tagebucheinträgen des Egidius in den Vordergrund drängen würde. Hauptthema seiner Einträge ist die Beobachtung und Pflege sowie Entwicklung seiner Bienen, denen er sich eng verbunden fühlt. Seine restliche freie Zeit widmet er der Übersetzung alter Dokumente seines Vorfahren Ambrosius aus dem Latein und den Frauen, denen er zugetan ist. Es wirkt, als wäre er ein glücklicher Mensch, wenn nicht stets aufs Neue das Grauen des Krieges in Erscheinung treten würde.
An Handlung gibt es nicht viel zu berichten, denn die Tage verlaufen recht gleichförmig. Doch wie der Autor dieses Wenige erzählt, ist so voller Zuneigung und Aufmerksamkeit, dass man beim Lesen unweigerlich eine grosse Sympathie zu Bienen und Ambrosius entwickelt und die Entsetzlichkeit des Krieges im Gegensatz dazu noch stärker wirkt.
Ein schönes und trauriges Buch über das Leben, die Liebe und die Sinnlosigkeit des Krieges.
Hanna von Buchsichten
aus Düsseldorf
5/5
28.01.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Zweite Weltkrieg aus Sicht eines Imkers und Fluchthelfers
Im Januar 1944 ist Egidius Arimond in seinem Bergarbeiterstädtchen im Urfttal in der Eifel einer der wenigen Männer, die nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Als Epileptiker wurde er als Lehrer entlassen und kümmert sich jetzt vor allem um seine Bienenvölker. Weil sein Bruder ein bekannter Pilot und Kriegsheld ist, wurde er von den Nazis bislang nicht deportiert. Doch seine Medikamtente sind teuer, und vom Verkauf des Honigs und Bienenwachses allein kann er sie nicht bezahlen, den größten Teil muss er sowieso an den Staat abgeben. Deshalb bringt er in präparierten Bienenstöcken Juden zur belgischen Grenze. Als die Alliierten immer weiter vorrücken, wird die Lage für Egidius zunehmend gefährlich.
Der Roman ist in Tagebuchform verpasst und nimmt den Leser mit in die Jahre 1944 und 1945. Ein undatiertes Blatt mit einer Vorstellung des Protagonisten gibt zu Beginn einen ersten Überblick, in welcher Situation Egidius sich befindet. Als Epileptiker wurde er als Lehrer entlassen und zwangssterilisiert. Seine Tage verbringt er nun vor allem mit seinen Bienen und seine Nächte mit wechselnden Frauen.
Die Einträge sind in ruhiger, nüchterner Sprache verfasst. Egidius berichtet über alltägliche Begebenheiten, schwierigere Themen schreibt er seltener nieder, auch wenn er seine Notizen im doppelten Boden eines Bienenstocks versteckt. So erfährt man erst nach einer Weile, dass er dabei hilft, Juden über die Grenze zu bringen - laut eigener Aussage vor allem, um sich seine Medikamtente leisten zu können. Neue Instruktuionen erhält er über Notizen in einem Bibliotheksband. Dort ist er fast täglich, um Lateinunterricht zu geben und die Aufzeichnungen seines Vorfahren Ambrosius zu übersetzen.
Ambrosius Agrimond züchtete bereits im 15. Jahrhundert Bienen in der Eifel und gründete eine Familie, nachdem er das nahegelegene Kloster verlassen hatte. Als Junge begegnete er Johann von Erkelenz, der das Herz des verstorbenen Nicolaus Cusanus von Rom nach Cues bringen sollte. Da ich in Erkelenz das Cusanus-Gymnasium besucht habe, fand ich diese Einblicke besonders interessant.
Während der Krieg tobt, beschäftigt sich Egidius ausführlich mit dem Verhalten seiner Bienen. Als Leser erfährt man dabei so einiges über Bienenvölker und ihre Aufgaben im Laufe eines Jahres. Das steht in Kontrast zum Kriegsgeschehen, das Egidius sieht und von dem er hört. Flugzeugabstürze und erschossene Piloten, entkräftete Juden, die ihm ihr Leben anvertrauen, Vergewaltigungen, Bombenabwürfe und immer mehr Soldaten überall.
Gedanklich zieht sich Egidius immer wieder auf schöne Momente und die Zeit mit seinen Bienen zurück, diese Passagen lesen sich fast schon leicht. Dann jedoch folgen wieder Schilderungen zu dem, was gerade wirklich um ihn herum passiert, die umso mehr bedrücken und erschrecken. Dabei wächst auch die Angst in Egidius, die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren oder aufzufliegen.
„Winterbienen“ berichtet authentisch von den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges aus der Sicht eines Imkers und Fluchthelfers, der auf Medikamtente angewiesen ist. Dem Autor gelingt es, hinter seiner Figur zurückzutreten und mich Egidius’ Stimme hören zu lassen. Sehr gerne empfehle ich diesen Roman weiter.
Bewertung
5/5
29.11.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Imker als Fluchthelfer
Der Wehrdienstuntaugliche Egidius hat einen (riskanten) Weg gefunden, nicht nur sich sondern auch Anderen
in Zeiten des Krieges zu helfen.
Sehr lesenswert für Bienen- und Menschenfreunde.
Buecherseele79
5/5
28.11.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Retter der Winterbienen
Egidius Arimond lebt in der Eifel, es sind die letzten Monate des zweiten Weltkrieges, auch wenn dies noch keiner weiß.
Egidius hat Epilepsie, ist kriegsuntauglich und manchen im Dorf ein Dorn im Auge.
Doch er liebt das einfache Leben, die ein oder andere Frau, aber die große Liebe sind seine Bienenstöcke.
Mit ihnen schmuggelt er auch Flüchtlinge, meist Juden, über die Grenze.. und eigentlich möchte Egidius nur in Frieden leben, seinen Bruder Alfons wieder bei sich wissen...
Was für ein facettenreiches und doch so bewegendes, berührendes Buch.
Der Titel hätte im Allgemeinen nicht besser gewählt werden können, ein kleines Highlight noch für das Jahr 2019.
Der Autor, in seinem Nachwort, erwähnt wie es zu dieser Geschichte gekommen ist, alleine dies ist bewegend, interessant und rundet die Geschichte komplett ab.
Doch schon der Schreibstil nimmt einen sofort ein, man merkt die Liebe zum Detail an den Gedanken von Egidius, aber auch die Zeichnungen und kleinen Erklärungen zu den verschiedenen Bombern/Flugzeugen sind interessant und fügen sich in das Gesamtbild sehr gut ein, hier merkt man auch die Liebe zum Bruder von Egidius, Alfons.
In der Geschichte erlebt man zwei Zeitepochen, einmal die von Egidius, dann die von Ambrosius Arimond, der in ein Benediktinerkloster lebte, dort Bienen züchtete und wie sein Weg ihn zum Kloster führte, und warum er wieder austrat.
Egidius ist ein Unikat, man hat ihn als Person nicht wirklich vor Augen, er bleibt ein bisschen hüllenlos und doch ist er unheimlich interessant.
Durch seine Epilepsie ist er womöglich auch ein bisschen verschroben, etwas unbekümmerter, manchmal mag er gefühllos wirken, aber trotzdem hat er, für mich, das Herz am richtigen Fleck und ich glaube dass seine manchmal andere Sicht auf die Dinge ihm viele Sachen erleichtern.
Seine Liebe und Hingabe zu den Bienen, wie er sich um sich kümmert, Vergleiche zwischen Bienen und der menschlichen Gesellschaft zieht, das hat mich sehr berührt, bewegt und der Autor hat ein Händchen dies sehr bildhaft und natürlich an den Leser heranzutragen, man lernt hier noch unheimlich viel über das Leben der Bienen.
Diese Liebe zu den kleinen Honigsammlern macht die Geschichte manchmal etwas erträglicher, weicher, schöner, denn Egidius wird im Dorf meist gemieden, er kann nicht in den Krieg, ist kriegsuntauglich, auch als Lehrer darf er nicht mehr arbeiten und die Ablehnung wird ihm von vielen Menschen entgegengebracht.
Auch, trotz dem kleinen Dorf, ist es schwer sich selbst zu versorgen, der Krieg und somit auch die Angriffe von Flugzeugen nehmen zu, die Dorfgemeinschaft ist zerrüttet und man kann eigentlich keinem mehr trauen.
Und für Egidius kommt noch erschwerend hinzu dass er Medikamente benötigt die ihm der Apotheker aber nicht geben möchte, durch seine Erkrankung lebt Egidius eigentlich in ständiger Gefahr.
Durch die Aufzeichnungen von seinem Vorfahren Ambrosius möchte Egidius mehr über die Bienen, die Aufzucht und den Werdegang der Familie erfahren, auch hier sehr authentisch und gut umgesetzt.
Durch seine Bienen kann Egidius ohne Probleme reisen, wer ihn ausgesucht hat um Flüchtlinge über die Grenze zu bringen kann er nicht sagen, will er auch gar nicht, es soll alles geheim bleiben und Egidius versucht zu helfen, auch wenn ihn das oft anstrengt, manchmal nervt und eine große Gefahr auf ihn ausübt.
Egidius steht für viele Menschen, die den Krieg daheim miterleben mussten, gerade als Mann ist man eher geachtet weil man als faul und unnütz gilt.
Krankheiten erschwerten das damalige Leben ungemein, hier musste man ständig aufpassen nicht doch gemeldet und verschleppt zu werden, unnützes Leben hatte keinen Platz in der Gesellschaft.
Der Protagonist mag anders wirken, aber dennoch hat der Autor ein sehr erschreckend gutes und vor allem bewegendes Bild über die letzten Atemzüge des zweiten Weltkrieges geschrieben, mit einem kranken Protagonisten der versucht zu helfen, zu lieben, zu leben, zu überleben.
Ich kann für dieses Buch nur eine klare Leseempfehlung aussprechen!
Ich danke dem C.H.Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.
Bewertung
aus Bad Dürkheim
5/5
23.10.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gerne auch mehr
Winterbienen schlüpfen im Herbst und dürfen sich ordentlich was anfuttern, nützen ihre Reserven aber, um das Überleben des Volks zu sichern und die erste Brut im Frühjahr aufzuziehen, bevor sie sterben.
Das und viele andere Details lernt der Leser aus Norbert Scheuers Roman "Winterbienen". Die Geschichte spielt in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs, 1944/45, als sich das Ende abzeichnet, in einem abgelegenen Dorf in der Eifel. Sie wird erzählt in Tagebucheinträgen und Notizen von Egidius Arimond, einem ehemaligen Lateinlehrer, der aufgrund von gesundheitlichen Problemen - er ist Epileptiker - nicht eingezogen wurde. Um das Geld für seine Medikamente aufzutreiben, führt er die Bienenzucht seines Vaters weiter und transportiert - gegen gutes Geld - heimlich Flüchtlinge in seinen Bienenstöcken über die belgische Grenze. Als Einziger jüngerer Mann in der Gegend genießt er die Gunst der lokalen Damenwelt einschließlich der Ehefrau eines Nazi-Granden.
Seine Krankheit muss er verheimlichen, um nicht von den Nazis als "unwürdiges Leben" entsorgt zu werden. Je länger der Krieg sich hinzieht, desto schwieriger wird es für ihn, die Medikamente aufzutreiben und zu bezahlen, deswegen hat er Angst, immer mehr zu vergessen. Aus diesem Grund führt er Tagebuch, außerdem führt er darin Buch über die Ereignisse des "Bienenjahres" und nützt sie, drittens, um die Fragmente eines Berichts eines seiner Vorfahren aus dem Mittelalter zu übersetzen, der die Imkerei in die Familie gebracht hat.
Der Leser schaut ihm dabei über die Schulter und erhält auf diese Weise einen Eindruck von den Verhältnissen damals. Egidius berichtet anschaulich, gelegentlich beinahe philosophisch und zuweilen geradezu lakonisch.
Ich persönlich habe eine Weile gebraucht, um mich von der Idee und dem Stil des Autors faszinieren zu lassen, aber nachdem es mich gepackt hatte, konnte ich das Buch nicht mehr weglegen. Wie es dem Autor gelingt, mit so einer schlichten und ungekünstelten Sprache so lebendige Bilder zu zaubern, ist einfach genial. Den Wilhelm-Raabe-Preis hat er auf jeden Fall verdient - und gerne auch mehr.
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5/5
11.02.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Chronologie des Unheils
Egidius Arimond ist anders. Er ist als Lehrer aus dem Schuldienst ausgeschieden, leidet unter Epilepsie, und er rettet Juden über die Grenze – wir schreiben das Jahr 1944 und sind mitten in der Eifel, nahe der belgischen Grenze. Er ist begnadeter Bienenzüchter, denn in den großen Körben versteckt, schmuggelt er die Menschen ins Nachbarland. Und das ist einfach große Literatur, wie Scheuer seinen Egidius in diesem Jahr Tagebuch schreiben lässt, wie die Situation immer kritischer wird, seine lebensnotwendigen Medikamente weniger werden, er bei der Gestapo denunziert wird und die Alliierten näher rücken.
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5/5
20.10.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein unglaublich einfühlsames Buch...
Ein unglaublich einfühlsames Buch über einen stillen Helden, die Menschlichkeit, den Krieg und die Bienen. Tiefgründig und unfassbar interessant berichtet N. Scheuer über den an Epilepsie leidenden Egidius - wie er überlebt, wie andere überleben und natürlich über die Bienen.
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5/5
10.01.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ohne Pathos beschreibt Scheuer...
Ohne Pathos beschreibt Scheuer das Leben der einfachen Leute während des Krieges in der Eifel. Kein Patriotismus, nur das Durchhalten und Überleben, das Überleben der Bienen, der Menschen und der Menschlichkeit.Ein ungewöhnlicher Held in einer ungewöhnlichen Geschichte.
Jenaer Universitätsbuchhandlung Thalia – EKZ Neue Mitte
Buchhändler*in
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5/5
30.12.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine ganz andere Geschichte der Bienen...
Tagebuchartige Aufzeichnungen aus der Zeit 1944/45. Es geht um Egidius Arimond, den Protagonisten von Scheuers bewegendem Roman. Er ist Epileptiker, armeeuntauglich und ein ausgemachter Frauenliebhaber und während Bomber ihre Last über der Eifel abwerfen wird er zum heimlichen Fluchthelfer für Juden.Er versteckt sie in präparierten Bienestöcken. Bienen als Gegenwelt zum nihilistischen Kriegsgeschehen.
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5/5
06.10.2019
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Bedeutung von Menschlichkeit
Scheuer hat hier etwas geschaffen, dass auch heute noch von historischer, wie auch von sozialer Bedeutung ist. Die Geschichte ist autobiografisch durchdacht, gut recherchiert und glänzt durch die fiktiv ausgeschmückte Charaktere. Mein Favorit für den Buchpreis dieses Jahr.
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