Der Duft von frischem Brot und Räucherspeck wärmte. Der Hunger der Familie wartete. Das Kind wartete. Eva löste die Schnur vom Bettelsack. Das Kind schluckte. Der Hunger zog Wasser. Hungerwasser schmeckte bitter. Eine Scheibe Brot gab es und zwei Speckstückchen. Das Kind saß in einer Ecke, weil es immer in einer Ecke saß. Ecken schützten. Daumen und Zeigefinger zupften Brothäppchen, legten sie auf die Zunge. Die Zähne kauten. Der Speichel wurde süß. Der Hunger schluckte Wasser und Brot mit süßem Speichel.
Eva teilte zu. Jedem Tag seine Portion. Für den Hunger einer ganzen Woche musste es reichen. Das Kind würde nicht mehr haben wollen, als es bekam.
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Das Buch führt in schwierige Welten und Zeiten. Man kann es nicht immer am Stück lesen, zu bedrückend kommt es daher. Schon beim Lesen des Buch-Titels und vor allem des Untertitels wird der Leserin und dem Leser klar sein: Milchstraße ist kein Wohlfühlbuch. Hauptfigur des Romans ist „das Kind“ das dann plötzlich - man nimmt es beim Lesen erst gar nicht wahr - aus der Versächlichung herausfällt und zur Lisa wird. Wo passiert dies? Als Lisa auf Seite 123 das erste Mal zur Schule geht und der Lehrerin Ihren Namen sagen muss. Sie stellt sich mit Lissi vor und wird gleich belehrt: „Bei uns heißt du Lisa. Li-sa. Hast du das verstanden?“ Und das ist eines der Themen im Buch. Der Versuch des Verstehens des nicht-Verstehbaren. Und des gesagt-Bekommens, was (aus Sicht der jeweils Mächtigen, Ton-Angebenden) das Richtige ist. Kindheitserinnerungen von Lisa sind in der romanhaften Biografie Lagererinnerungen aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. Erinnerungen an Gakovo, einem Konzentrationslager für Deutschstämmige im damaligen Jugoslawien. Dort ist sie aufgewachsen als „Donauschwäbin“, als „Schwabiza“ im „Konzentrationslager für die arbeitsunfähigen Deutschen, vornehmlich aus der Mittel- und Westbatschka, ursprüngliche Einwohnerschaft von Gakowa: 2.700, durchschnittliche Anzahl der Lagerinsassen: 17.000, Bestandsdauer: 12. März 1945 bis Anfang Jänner 1948 = 33 Monate, Todesfälle: mindestens 8.500, Todesursachen: Unterernährung, Typhus, Ruhr, Malaria.“ (Nachzulesen bei donauschwaben.at, Stand 29.12.2023) Das Kind überlebt, hoch traumatisiert. Das Leben im Lager ist geprägt von Tod und Gewalt. Erfahrungen, die immer wieder präsent sind, sich nicht abschütteln lassen. Das Kind wächst auf bei Eva und Michel die sich verantwortlich fühlen. Michel kann keine väterliche Liebe zeigen, eher Strenge. Nicht nur einmal bereut er, das Kind im Lager nicht dem Hunger geschenkt zu haben. Gewalt gegenüber Kindern im vermeintlich sicheren Zuhause ist Alltag. Aber wie kann Sicherheit in einem Zuhause entstehen, wenn auch die Erziehenden traumatisiert-entwurzelt-abgewiesen werden, als „Schwabiza“ diffamiert werden, rechtlos sind, egal an welche Tür sie pochen? Es geht um die Donauschwaben und deren Vertreibung und Internierung in Lagern nach dem zweiten Weltkrieg. Menschen die - obwohl nur teilweise verstrickt mit den Nazis - gleichgesetzt werden mit allem Bösen was aus Deutschland kam. Es geht um die Donauschwaben, die aus ihrer über Jahrhunderte erarbeiteten Heimat vertrieben, deportiert, enteignet, gehasst, diffamiert werden. Und es geht um Lisa, das Kind. So scheint der Roman autobiografisch. Das Buch ist nicht einfach zu lesen. Entführt an viele Orte, beschreibt eine Fülle an Bezügen und Beziehungen. Viele Namen und (Verwandschafts-) Verhältnisse sind zu entschlüsseln. Manchmal fällt die Übersicht schwer. Kenntnisse der Geschichte der Donauschwaben am Ende des zweiten Weltkrieges erleichtern das Verständnis von Zusammenhängen. Umgekehrt ermuntert das Buch, sich mit dieser klein gehaltenen Geschichte auseinanderzusetzen. Sprachlich gelingt es Andrash zu fesseln. Sie nimmt einen mit auf die Reise. „Nebel zieht über die Milchstraße, weil sie traurig ist. Der himmlische Wind weht ihre Sternschnuppen zu uns herunter. Sie müssen unterwegs zur Erde verglühen. Damit ihr Sterben einen Sinn hat, erfüllen sie jedem Menschen, der ihr Licht ausgehen sieht, einen Wunsch.“ (Seite 31). So sind die Erinnerungen eines Kriegskindes, so ist die Milchstraße trotz allem auch ein Hoffnungs-, ein Perspektivenbuch?
Bewertung
5/5
21.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Kindheit eines deutschstämmigen Mädchens im kommunistischen Jugoslawien
Milchstraße zeichnet eine Kindheit im kommunistischen Jugoslawien. Die eigentliche Handlung, deren Protagonistin ein deutschstämmiges Mädchen ist, setzt im Jahre 1948 ein.
Das Mädchen lebt zusammen mit seiner Großmutter Eva und deren zu Gewaltausbrüchen neigendem Mann Michel (der bezeichnenderweise nirgendwo im Buch als Großvater tituliert wird) in einem zerschossenen Gehöft irgendwo in der Batschka. Als Deutschstämmige, behaftet mit dem Makel, Menschen zweiter Klasse zu sein, gestaltet sich der Alltag für sie im noch jungen Staat „Volksrepublik Jugoslawien“ schwierig. Durch knapp gehaltene Rückblenden erfährt der Leser: Der junge Vater des Kindes wurde, als 1944 die „anrückende Ostfront“ bereits allgegenwärtig war, eingezogen und von Frau und Kind getrennt. Ein Abschied für immer. Die junge Mutter wurde einige Monate später, im Zuge der Deportation von Volksdeutschen aus Südosteuropa zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion, ins Donezbecken verschleppt, um dort jahrelang unter unmenschlichen Bedingungen in den Kohlegruben zu schuften.
An der Seite der Großmutter überlebte das Kind nach der Trennung von Vater und Mutter einen rund zweieinhalbjährigen Lageraufenthalt im Vernichtungslager Gakovo. Wer der Autorin bis zum Ende des Buches folgt, kann die Begrifflichkeit Lager Gakovo hinterher besser zuordnen.
Auf den Unterschlupf im zerschossenen Gehöft folgen andere provisorische Unterkünfte, die sich bald aneinanderreihen wie Perlen auf einer Schnur. Dunkle, glanzlose Perlen. Wurzellos wie das Kind und die Ihrigen sind, werden sie von launischen Interessen der sie umgebenden jugoslawischen Mehrheitsbevölkerung nach hierhin und dorthin verschoben. Geschildert werden der widrige Alltag in brüchigen Behausungen und die Mühen, die unwürdige Wohnsituation zu verbessern. Berichtet wird von den Anstrengungen, durch Tauschhandel, wechselnde Lohnarbeiten, durch Hühnerhaltung und die Arbeit im Gemüsegarten die Existenz zu sichern. Das Ungeziefer, die Krankheiten, die Heilkuren finden Erwähnung. Die Kontakte sowohl zu den multiethnischen Nachbarn als auch zu anderen verbliebenen Deutschstämmigen werden dargestellt.
Währenddessen wird bzw. bleibt das Innenleben des Kindes sichtbar, denn erzählt wird aus der Perspektive des Kindes. Die Albträume samt Bettnässen sowie die nachfolgende drakonische Bestrafung für dieses Vergehen durch Michel kommen zur Sprache. Der schulische Alltag, oft mit Ausgrenzung, Bloßstellung und Entwürdigung einhergehend, wird porträtiert. Als wiederkehrende Motive finden sich im Buch: die Nicht-Zugehörigkeit, die Scham des Andersseins, die gebrochene Identität, aber auch die Fähigkeit zu stetem Neuanfang und der Wille zur Selbstbehauptung.
Das menschenverachtende Gakovo-Lager ist, wie der Leser im Buch erfährt, Heimat der ersten Erinnerungen des Kindes. Als Grunderfahrungen menschlichen Seins haben sich eingebrannt: Kälte, Hunger, barbarische Gewalt, Todesangst, grauenvolles Sterben ringsum. Im Roman wird das Lager nur punktuell retrospektiv beleuchtet, es wird mehr „mitgedacht“, als dass eine konkrete Beschreibung des Lagers erfolgt. Der Blick des Kindes auf die Welt wurde im Lager begründet und dieser Blick führt die Leserin nun durch die Episoden, die erzählt werden. Die Maßstäbe des Lagers sind allgegenwärtig, sie lassen das Kind nicht los.
Die Schilderungen im Buch sind nüchtern, auf sprachlicher Ebene dominiert die Reduktion auf das Wesentliche. Als wieder einmal nächtliche Schreckgespenster das Kind heimsuchen, heißt es: „Das Kind wachte auf, den Druck des Gewehrlaufs auf der Stirn und das Hämmern in den Ohren. […] Am Morgen war das Leintuch nass. Die Stubenecke […] wurde an diesem Tag zum Arrest. […] Tagesarrest dauerte länger als Schläge.“ Persönliches Leid wird geschäftsmäßig rekapituliert. Die Lakonik macht betroffen. Die Sprache gibt sich kein Gewicht und der Inhalt wiegt schwer. Literarisch gesehen haben wir es mit einer Art Spurensuche zu tun: es geht darum, die Spuren der inneren Not, der Beschädigung und des Schmerzes aufzudecken und zu konservieren.
Das übergeordnete Thema des Buches ist das Schicksal der Donauschwaben in Tito-Jugoslawien. Doch wird das Thema nicht explizit ausgeführt, es scheint durch die Geschichte des Mädchens hindurch.
Ein leises, ein bewegendes, ein eindringliches Buch!
Bewertung
5/5
03.04.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Geschichte eines Mädchens aus der Batschka
Die Geschichte des kleinen Mädchens, das so viel Ablehnung, Misshandlung und Emotionslosigkeit erfährt, so wenig Liebe bekommt und für jede Kleinigkeit dankbar ist, weckt starkes Mitgefühl in mir. Geschildert wird unter anderem (insbesondere in der zweiten Buchhälfte) die verhängnisvolle und traurige Beziehung des Kindes zur traumatisierten Mutter, die vom Kind nur als „fremde Frau“ wahrgenommen wird.
Der Stil der Autorin ist in seiner Schlichtheit beeindruckend. Fast wie ein Sachbericht und doch ergreifend. Ich würde mir sofort wieder ein Buch der Autorin kaufen.
Bewertung
5/5
01.04.2024
Buch (Taschenbuch)
Sehr lohnenswerte Lektüre!
Schauplatz von „Milchstraße“ sind wechselnde Orte in der Batschka im ehemaligen Jugoslawien, Ende der Vierziger-, Anfang der Fünfzigerjahre. Geschildert wird die Kindheit eines deutschstämmigen Mädchens, das durch das Eingekeiltsein zwischen verschiedenen Fronten nirgendwo Trost oder Unterstützung erfährt.
Der Stil ist gekennzeichnet durch eine bildhafte Sprache, gleichzeitig aber auch durch Nüchternheit.
Für mich stellt das Buch eine sehr wertvolle Lektüre dar, da es eine Vorstellung davon vermittelt, wie die Menschen nach der Lagerzeit gelebt haben, wie sie behandelt wurden bzw. miteinander umgegangen sind, aber auch, wie der Schulbesuch für ein deutschstämmiges Mädchen aussah.
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