Dieser Erzählband liest sich wie ein fragmentarischer Roman. Seine Szenen umkreisen den Schmerz der Protagonistin über den zu frühen Tod der Mutter. Sie wächst mit den vier Großeltern - allesamt eindrückliche Charaktere - und einem trinkenden Vater auf, bis die Belagerung Sarajevos die Familie zerteilt. Die Mutter taucht in Familienlegenden und Erzählungen der Erwachsenen auf, in kindlichen Phantasien, als Lied aus dem Radio oder Geruch in der Erinnerung an die zahlreichen Friedhofsbesuche mit den Großeltern - aber auch als lässige Gesprächspartnerin in Levi's Jeans, die mit der jugendlichen Lejla rauchend im Park sitzt. Dabei berührt die Autorin so viele tabuisierte, schwere Themen wie den Verlust naher Menschen, Ängste und Depression, Liebe und Verbundenheit zwischen zwei Frauen sowie die Suche nach Identität, wenn das eigene Land zerfällt und die Gegenwart absurd ist, wie der Zug nach Belgrad, der an drei Landesgrenzen Lok und Schaffner wechseln muss. Es sind Geschichten, die tief berühren und uns am Ende bewegt zurücklassen.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Bewertung
5/5
23.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Suche nach der Identität in der Vergangenheit und Gegenwart
In ihren Geschichten verwebt die Autorin Themen wie Trauer, Kindheit und Familie im Krieg und im belagerte Sarajevo sowie die Suche nach der eigenen (queeren) Identität.
Die einzelnen Erzählungen sind dabei eng miteinander verbunden, ohne zu offensichtlich eine bestimmte Lesart vorzugeben.
So lernen wir die Protagonistin immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven und in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens kennen. Der Schmerz über den frühen Verlust der Mutter und die daraus resultierenden Konsequenzen für das Aufwachsen und das Leben der Protagonistin stehen dabei mal im Zentrum und mal im Hintergrund, sind aber immer unterschwellig zu spüren.
Besonders beeindruckend ist auch die Sprache des Erzählbandes, die immer wieder neue Formen findet, die vielen verhandelten Themen und Emotionen zu fassen, aber dabei auch in der deutschen Übersetzung nie die Leichtigkeit und das Poetische verliert. Dadurch schafft es „Nennt mich Esteban“, ein bewegendes Bild einer zerrütteten Vergangenheit und einer bisweilen absurden Gegenwart zu zeichnen, ohne dabei die Hoffnung zu verlieren.
Lesendes Federvieh
aus München
5/5
07.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Poetisches Sahnestückchen
"Nennt mich Esteban" ist ein ganz besonderes Buch und zwar in jeder Hinsicht. Angelegt als fragmentarischer Roman fügen sich die einzelnen Geschichten wie einzelne Perlen zu einer wunderschönen Perlenkette zusammen und ergeben so ein stimmiges Ganzes.
Die Erzählung ist vielschichtig, die Autorin verarbeitet traumatische Erlebnisse, wie den Verlust der Mutter in frühester Kindheit, die daraus resultierende innere Zerrissenheit und Depression sowie die Schrecken des Bosnien-Krieges. Leise und zart erzählt sie zudem vom Coming-Out. All das schildert sie in einer eleganten, federleichten und poetischen Sprache.
Es war mir eine wahre Freude, dieses Buch zu lesen, aber vor allem auch deswegen, weil es in jedem Kapitel erzählerisch immer wieder etwas Neues zu entdecken gilt. Mal gibt es ein Kapitel mit Kafka, dann wiederum arbeitet Leijla Kalamujić mit Metaphern, so steht etwa im ersten Kapitel die Schreibmaschine für ihre Mutter und auch für ihr eigenes Schreiben. Gleichzeitig spürt man ihre Liebe zur Literatur und auch einen guten Humor mit dem sie die Absurditäten des Lebens etwa im Kapitel "Von-Lokomotive-zu-Lokomotive" pointiert zum Ausdruck bringt.
Großartig geschriebener Erzählband, der nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern den Leser mit einem Gefühl zurücklässt, ein poetisches Sahnestückchen in Händen gehalten zu haben.
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