Mit ihren Erzählungen, Aphorismen und vor allem dem Roman »Das Gemeindekind« hat sich die österreichische Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach in die Literaturgeschichte eingeschrieben. Wie sich ein Kind verurteilter Eltern, ein in die Außenseiterschaft Gezwungener, in schweren Kämpfen behauptet, sich innerlich aus der Misere herausarbeitet, das ist das soziale Thema dieser Geschichte einer hochadligen Autorin, die die Situation der ländlichen Unterschicht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausleuchtet.
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Ein großartiges Buch voller Ungerechtigkeiten und möglichem Aufstieg.
Einer der besten Klassiker, den ich je gelesen habe. Pavel und seine Schwester wurden von einander getrennt, nachdem ihr Vater für ein Verbrechen die Todesstrafe bekam und ihre Mutter ins Gefängnis musste. Milada wächst in einem Kloster auf und Pavel wird zum Gemeindekind. Er wird bei dem Hirten Virgil und seiner Familie untergebracht und schnell mit Abscheu und Hass konfrontiert. Die ganze Gemeinde sieht in ihm einen Sündenbock für alles Erdenkliche, das schief gehen kann. Wir verfolgen ihn als Leser sehr lange und sehen dabei, wie er erwachsen wird und versucht diesen Vorurteilen zu entkommen. Ihm fällt vieles nicht leicht, was ja auch zu erwarten ist, wenn man als junger Teenager plötzlich auf sich selbst gestellt ist. Die Geschichte zeigt uns, wie schwer es ist dem Ruf der Eltern zu entkommen und welchen Einfluss die Erziehung und das soziale Umfeld auf eine Person haben. Ich habe dieses Buch sehr gemocht. Es hat aber auch sehr viel Wut in mir ausgelöst, weil Pavel mit so viel Ungerechtigkeit behäuft wurde und es seiner Schwester im Kloster gut zu gehen schien, jedenfalls anfänglich.
buchfaengerin
aus Salzburg
4/5
07.10.2024
Buch (Taschenbuch)
Empfehlung!
Im Gemeindekind geht es um zwei Kinder, deren Vater die Todesstrafe erhalten hat und deren Mutter für 10 Jahre ins Gefängnis muss. Die Tochter kommt darauf hin in ein Kloster, der Junge (Pavel) muss sich jedoch großteils selbst durchschlagen.
✨️Als Leser:in begleiten wir die Entwicklung von Pavel 10 Jahre mit und ich muss sagen, dass ich die Geschichte nach anfänglichen Schwierigkeiten, die der Sprache geschuldet waren, sehr interessant fand und gerne lesen mochte. Auch die Richtung in die sich der Plot bewegte war sehr passend & die Bilder die von der Natur gezeichnet wurden, waren sehr beeindruckend, nur das Ende kam ein bisschen zu aprupt.
Fazit: Definitiv eine Empfehlung, wenn man sich mit dem Realismus befassen möchte! Ich bin froh, dass das Reklam als Schullektüre gewählt wurde, weil ich mich von selbst sicher nicht rangetraut hätte. - 3,5/5
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5/5
19.10.2026
Buch (Taschenbuch)
Pavel Holub – die berührende Geschichte einer Menschwerdung
Nachdem ich die letzte Seite dieses so herrlichen Buches zu Ende gelesen hatte, wollte ich unbedingt sogleich mit der Rezension beginnen. Ich wollte schnellstens meine noch frischen Gedanken und Gefühle zu diesem Buch niederschreiben, getrieben durch meinen schnell zu weckenden Enthusiasmus, wenn es um gute Literatur geht. Weitere Leser in den Genuss dieses, ja ich muss es schon wieder sagen, Meisterwerk kommen zu lassen, diesem Bestreben gilt meine hoffnungsvolle Absicht. Dies ist mein erstes Buch von Ebner-Eschenbach und wahrlich, wieso musste es erst so spät Teil meiner kleinen Lesebiographie werden. Noch immer schlummern unzählige literarische Perlen im Verborgenen, die darauf warten, ans Licht gebracht zu werden, und ich werde nicht müde, mich auf die Suche nach ihnen zu begeben, um vergessenen und wenig bekannten Meisterwerken den Platz im Licht der Literatur zu verschaffen, der ihnen gebührt. So suche ich also weiter.
Selten habe ich eine Entwicklung so gespannt verfolgt wie diejenige Pavel Holubs, jener uns hier vorliegenden Hauptfigur. Ebner-Eschenbach ist hier ein spätrealistisches Werk von außerordentlicher menschlicher Tiefe gelungen, das mich nicht nur durch seine Erzählkunst begeistert, sondern vor allem durch die Konsequenz, mit der es die Frage stellt, was einen Menschen zu dem macht, der er ist und was ihm dennoch möglich bleibt.
Pavel Holub ist ein Kind, dessen Herkunft ihm zum Verhängnis zu werden droht, noch ehe er überhaupt die Gelegenheit erhält, sich selbst zu beweisen. Als Sohn einer verurteilten Verbrecherin und eines hingerichteten Vaters begegnet ihm die Dorfgemeinschaft nicht mit unvoreingenommener Neugier, sondern mit einem Urteil, das längst gefällt scheint. Man traut ihm wenig zu, erwartet wenig von ihm und behandelt ihn entsprechend. Gerade darin liegt die bittere Ausgangslage dieses Romans: Pavel muss sich nicht allein gegen die Versuchungen seiner Umgebung behaupten, sondern auch gegen die Vorstellung, dass er ohnehin nichts anderes sein könne als das, wofür man ihn hält.
Was mich an Ebner-Eschenbachs Darstellung besonders beeindruckt hat, ist, dass sie Pavel keineswegs zu einem unschuldigen Opfer stilisiert. Sie erspart ihm weder Fehltritte noch die unangenehme Erkenntnis, dass ein Mensch sich bisweilen mit erstaunlicher Lust in eine Rolle hineinfindet, die ihm von anderen zugeschrieben wurde. Wer ständig als schlecht gilt, kann irgendwann Gefallen daran finden, wenigstens selbst zu bestimmen, worin dieses Schlechtsein besteht. Aus Trotz wird Übermut, aus Zurückweisung eine gewisse Frechheit, aus der Erfahrung, ohnehin verachtet zu werden, mitunter sogar ein Vergnügen daran, den Erwartungen der anderen zu entsprechen. Pavel ist nicht einfach böse. Aber er entdeckt, dass es eine eigentümliche Freiheit versprechen kann, sich nicht mehr um die Anerkennung jener zu bemühen, die sie einem ohnehin verweigern. Gerade diese psychologische Feinheit macht die Figur für mich so überzeugend.
Denn im Grunde möchte Pavel gar nicht schlecht sein. Auch als Kind sehnt er sich nach Zuneigung, nach Zugehörigkeit und nach dem Gefühl, jemandem etwas zu bedeuten. Er möchte gefallen, er möchte angenommen werden, und die Sehnsucht nach seiner Schwester durchzieht seine Entwicklung auf eine Weise, die mich besonders berührt hat. Hinter seiner Aufsässigkeit bleibt stets ein Mensch sichtbar, der nach Liebe sucht, selbst wenn er sich durch sein Verhalten immer wieder von ihr entfernt. Ebner-Eschenbach versteht es meisterhaft, diesen Widerspruch auszuhalten. Sie entschuldigt Pavel nicht um jeden Preis, aber sie lässt uns verstehen, weshalb er so geworden ist. Und das ist ein gewaltiger Unterschied. Einen Menschen zu verurteilen, ist leicht. Ihn in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zu begreifen, ohne ihm deshalb jede Verantwortung abzunehmen, ist ungleich schwieriger.
Besonders eindringlich zeigt sich dies in Pavels Verhältnis zur Vinska. Immer wieder gerät er in Situationen, in denen er sich zu Unrecht verleiten lässt. Dabei wäre es zu einfach, ihm jede eigene Entscheidung abzusprechen. Pavel könnte Nein sagen. Er könnte sich verweigern, könnte sich anders entscheiden. Dass er es nicht immer tut, gehört zur Wahrheit seiner Entwicklung. Ebner-Eschenbach macht deutlich, wie eng äußere Umstände und innere Entscheidungen miteinander verflochten sind, ohne sie miteinander zu verwechseln. Pavel ist geprägt von seiner Umgebung, aber er ist ihr nicht vollständig ausgeliefert. Gerade deshalb ist seine Entwicklung so spannend: Er muss nicht nur lernen, anders zu handeln, sondern überhaupt erst begreifen, dass ihm diese Möglichkeit offensteht.
Und hier liegt für mich die eigentliche Größe dieses Romans. Pavel verändert sich nicht plötzlich, nicht durch eine einzige große Erkenntnis und auch nicht, weil die Vergangenheit mit einem Mal bedeutungslos würde. Seine Entwicklung vollzieht sich Schritt für Schritt, in Erfahrungen, Begegnungen und Entscheidungen, deren Bedeutung sich oft erst im Nachhinein erschließt. Als Leser wollte ich immer weiterlesen. Ich wollte sehen, ob Pavel den Mut finden würde, sich von dem Bild zu lösen, das andere von ihm gezeichnet hatten, und ob er es schaffen könnte, sich selbst eine Zukunft zu erarbeiten, die nicht bereits durch seine Herkunft entschieden war. Diese allmähliche Veränderung mitzuerleben, ist ein wahrer Lesegenuss. Umso befriedigender ist es, zu verfolgen, wie aus dem Kind, dem man kaum etwas zutraut, ein Mensch wird, der sich den Respekt seiner Gemeinde erringen kann. Nicht, weil seine Vergangenheit ungeschehen wäre, sondern weil sie nicht länger allein über ihn bestimmen muss.
Dabei geht es Ebner-Eschenbach um weit mehr als um den gesellschaftlichen Aufstieg eines benachteiligten Kindes. "Das Gemeindekind" ist auch ein Roman über die Voraussetzungen moralischen Handelns. Was bedeutet es, ein guter Mensch zu sein? Wie viel Verdienst liegt in einer guten Tat, wenn sie aus dem Wunsch nach Anerkennung entsteht, und wie viel Selbstlosigkeit ist möglich, wenn religiöse Überzeugungen und gemeinschaftliche Werte ihre selbstverständliche Geltung verlieren? Gerade aus heutiger Perspektive fand ich diese Fragen bemerkenswert. Der Roman stammt aus dem 19. Jahrhundert, doch seine moralischen Konflikte wirken keineswegs abgeschlossen. Er lässt vielmehr darüber nachdenken, woran wir unser Handeln ausrichten, wenn überlieferte Maßstäbe an Verbindlichkeit verlieren. Was bleibt von Nächstenliebe, Pflichtgefühl und selbstloser Hilfe, wenn niemand mehr selbstverständlich davon ausgeht, dass diese Werte unser Handeln bestimmen sollten?
Ebner-Eschenbach gibt darauf keine bequemen Antworten. Sie zeigt vielmehr, dass Menschlichkeit nicht darin besteht, einen Menschen vorschnell für gut oder böse zu erklären. Sie verlangt, genauer hinzusehen, ohne dabei die Verantwortung des Einzelnen aus dem Blick zu verlieren. Die Gemeinschaft kann einen Menschen erniedrigen, aber sie kann ihm auch eine Möglichkeit zur Veränderung eröffnen. Und der Einzelne kann an den Umständen scheitern, ohne ihnen deshalb für immer ausgeliefert zu sein.
Für mich ist "Das Gemeindekind" deshalb weit mehr als ein überzeugender Entwicklungsroman. Es ist ein literarisch fein gearbeitetes, psychologisch kluges und menschlich tief bewegendes Buch, dessen Wirkung gerade aus seiner Zurückhaltung erwächst. Marie von Ebner-Eschenbach gelingt es, einen Lebensweg zu schildern, der weder beschönigt noch hoffnungslos erscheint. Pavel Holub gewinnt nicht deshalb mein Interesse, weil er von Anfang an ein guter Mensch wäre, sondern weil ich ihm dabei zusehen darf, wie er einer werden kann. Dass ich dieses Buch kaum aus der Hand legen wollte, ist vielleicht das schönste Kompliment, das ich ihm machen kann. Es hat mich mit Pavel hoffen, an ihm zweifeln und mit ihm um jede kleine Veränderung bangen lassen. Und es hat mich daran erinnert, dass wir zwar nicht frei entscheiden, unter welchen Umständen wir aufwachsen, wohl aber daran mitwirken können, wer wir werden.
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