Nach endlich überstandener Schwindsucht möchte der Handschriftenkundler Michel nur noch frei sein – frei von gesellschaftlichen Konventionen und unbeschränkt im Ausleben seiner Sexualität mit beiderlei Geschlecht. Während er mit seiner engelsgleichen Frau Marceline in die Schweiz reist und dann quer durch Italien bis in die Wüste Algeriens, scheint er seinem Ziel immer näher zu kommen. Doch die Freiheit, anders zu sein, hat ihren Preis, wie André Gide, der Literaturnobelpreisträger von 1947, in diesem kühnen, provokanten Roman einer Befreiung vor Augen führt.
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"Aus dem vollkommenen Vergessen des Gestern schaffe ich die Neuheit jeder Stunde"
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
André Gide wurde 1869 geboren. Als er zu schreiben begann hatte sich die Kunst und die Dichtung von der profanierenden Berührung des Lebens in die äußersten Fernen des Geistes, in die verborgensten Labyrinthe des Gefühls geflüchtet. Seit der Mitte der achtziger Jahre war der auf breite Lesermassen zugeschnittene naturalistische Roman von der zergliedernden Seelendurchforschung und von der esoterischen Lyrik der Symbolisten verdrängt worden. Kunst, so könnte man es sagen, war Selbstbeschauung und Selbstgenuss der Seele, war Introversion geworden. Auch die frühe Kunst André Gides ist nicht ein Aus-sich-hinaus-, sondern ein In-sich-hinein-Bilden. Sie ist Spiegelung seines seelischen Gehalts, Formung seiner Nervenreaktion auf das Leben. Es ist eine Kunst der Reflexion, die nicht das Leben als zu formenden Stoff vorfindet, sondern das Denken über das Leben. Sie bewegt sich im Medium des Gedankens. Diese auf die Spiegelung des eigenen Lebensgehaltes gerichtete Kunst entlieh ihre Ausdrucksform beim zeitgenössischen Symbolismus. Dort liegen Gides Anfänge, dort erwächst seine Virtuosität. „Der Immoralist“ ist sein erster richtiger Roman, sein erster Versuch epische Realität zu schaffen, einen autonom in sich geschlossenen Miniaturkosmos mit eigenem Gleichgewicht, eigener Gerechtigkeit, eigener Schönheit. Nun worum geht es? Michael hat bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre nur in den Büchern gelebt. Die wissenschaftlichen Studien, die seine Jünglingsjahre ausgefüllt haben, und die calvinistische Erziehung haben ihn vom Leben ferngehalten. Er heiratet schließlich, um seinem sterbenden Vater einen Wunsch zu erfüllen. In Nordafrika auf der Hochzeitsreise überfällt ihn dann eine tödliche Krankheit. Als er wieder gesundet, ist er ein anderer geworden. Mit jener verstärkten Sensibilität der Genesenden saugt er das Leben fortan in sich ein. Ein rasender Lebenshunger überfällt ihn, sämtliche Energie seiner Seele wendet er auf sein körperliches Sein. So fragt er sich schließlich, wie er sich an Bücher vergeuden, sich in tote Gedanken verirren konnte. Der künstliche Aufputz des Schulwissens bröckelt von ihm ab, und aus dem gelehrten Spezialisten schält sich der verborgene ursprüngliche Mensch heraus. Wer das Grauen des Todes und die Dämonie des Lebens erfahren hat, dem zerfällt der selbstgefällige Götzendienst vor den Idolen der Wissenschaft. Gide beschreibt meisterhaft, wie Michael seine künstliche Persönlichkeit von sich wirft, die Erziehung, Bücher und Pflichtenlehren in ihm aufgebaut haben. Er bricht das Tabu der Verdrängungen. Alle dunkel-heißen Lebensströme der Sinne und der Seele leitet er zusammen in ein neues Menschtum. Sein Hirn lässt er brach. Fortan gibt er sich den Dingen hin, sie heißen ihm göttlich. In gewisser Weise könnte man sagen, dass das geschichtliche Denken von ihm abgefallen ist. Nur die von ihm gelebte Gegenwart hat Sinn und Sein. Wir haben es hier mit dem eindringlichen Seelenkonflikt des modernen Denkmenschen zu tun, der im Glauben an die Wissenschaft erzogen worden ist, kostbarste Jahre seines Lebens diesem Glauben geopfert hat und der nun in dem Rausch der plötzlich erwachten sinnenhaften Lebensliebe sein bisheriges Dasein verurteilen muss. Ein Pariser Winter offenbart ihm, wie fremd er dem gesitteten und abgestempelten Menschen der heutigen Gesellschaft geworden ist. Ménalque, ein lang entschwundener Freund, er vermittelt bei einem zufälligen Treffen entscheidende Impulse an Michael. Er ist der Weise, der nur im Augenblick lebt, der die Erinnerung an das früher Gelebte verbannt, damit sie nicht neuen Offenbarungen des Lebens den Weg verschließt. Dürfen wir die unerschöpflichen Lebensmöglichkeiten beschränken, indem wir das schon Gewesene noch einmal leben? „Jeder Augenblick muss alles wieder mitnehmen, was er mitgebracht hatte“ Aus der drohenden Umklammerung behaglicher Gewohnheit fühlt sich Michael durch Ménalque zum zweiten Mal herausgerissen. Der alte Durst erwacht wieder in ihm. Endgültig bricht er mit der Geschichte. Nicht was schon gewesen ist, sondern was noch nie gewesen ist, reizt sein Denken. „Was kann der Mensch noch? Das zu wissen war mir wichtig. Ist das, was der Mensch bisher gesagt hat, alles was er sagen konnte? Und jeden Tag wuchs in mir das dumpfe Gefühl von unberührten Reichtümern, die von den Kulturen, den Wohlanständigkeiten, den Moralen verdeckt, verborgen, erstickt wurden. Michael ist Immoralist geworden, weil er in der Moral das Werkzeug einer allgemeinen Nivellierung sieht, weil sie das selbsterwachsene Fühlen und Sein unterdrückt; weil sie die Persönlichkeit verplattet und verfälscht. Aber es ist nicht nur die Moral, die verneint wird. Michaels Drang nach dem ursprünglichen tierhaft schwellenden Leben hatte ihn schon zur Kritik der Wissenschaft und der Gesellschaft geführt: es ist das Ganze der Kultur, dessen Wert Michael in Zweifel zieht. Auf das Land zurückgekehrt versinkt Michael immer tiefer in das triebhafte Weben der Natur und ihrer primitiven Geschöpfe. Er macht sich zum Genossen der Bauernburschen, er verbringt die Sommertage mit den Mähern und durchwacht die Sommernächte mit den Wilddieben. Hier findet er die dumpfe Animalität unverschnittener Lebenstriebe. Der Immoralist bedeutet ein Ende. Der konsequente Amoralismus hat zu einem toten Punkt geführt. Michael strandet an den Grenzen der von Menschen bewohnten Zonen. Der Weg, auf dem er dem Leben nachgestellt hat, hat ihn an den Rand des Abgrundes gebracht; und die Alternative tut sich auf: Absturz oder Umkehr. Der Amoralisus hat sich selbst widerlegt. Er bedeutete eine falsche Vereinfachung. Der Künstler sieht nach der Durchführung dieses Denkexperimentes aller Ergebnisse seiner Lebenslehre wieder in Frage gestellt. Er wird umdenken müssen, er wird einen anderen Weg suchen müssen, der zum Tor des Lebens führt. Aber welche Richtung einschlagen? Wie soll er es wissen, die einzige Gewissheit, die ihm in diesem Augenblick noch unter den Füßen bleibt ist die: alle Vereinfachungen sind falsch. Der einzige Halt bleibt: Jasagen zu der unentwirrbaren Verwickeltheit seines eigenen Lebensgehalts.
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