Queer*Welten ist ein halbjährlich erscheinendes queerfeministisches Science-Fiction- und Fantasy-Magazin, das sich zum Ziel gesetzt hat, Kurzgeschichten, Gedichte, Illustrationen und Essaybeiträge zu veröffentlichen, die marginalisierte Erfahrungen und die Geschichten Marginalisierter in einem phantastischen Rahmen sichtbar machen. Außerdem beinhaltet es einen Queertalsbericht mit Rezensionen, Lesetipps, Veranstaltungshinweisen und mehr.
In dieser Ausgabe:
Stadt der Sündigen von Romy Wolf (Kurzgeschichte)
Das letzte Marzipanbrot von Rebecca Westkott (Kurzgeschichte)
Rechter Haken von Jol Rosenberg (Kurzgeschichte)
Historisch korrekte Drachenreiter von Alex Prum (Essay)
Queertalsbericht
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
Jonas R
aus Göttingen
5/5
18.09.2020
Buch (Taschenbuch)
Die zweite Ausgabe der…
Die zweite Ausgabe der Queerwelten umfasst drei Kurzgeschichten, einen Comicstrip von Sarah Burrini (Das Leben ist kein Ponyhof), sowie den zweiten Teil des Essays von James Mendez Hodes über rassistische Klischees in der Darstellung von Orks, und einen Rezensionsteil mit sieben Buch- und CD-Besprechungen. Ab hier gibt‘s Spoiler! „Was der Krieg frisst“ von Rafaela Creydt erzählt von Ansha Wa, der „Mutter des Krieges“, Anführerin von Truppen, die gegen das Volk von Eis und Schatten im Norden kämpfen, und von einem ihrer Bogenschützen, einem Mann aus dem Süden, der lieber tanzt als in Schlachten zieht. Creydt konzentriert sich auf ihre Hauptcharaktere, während das Setting mit wenigen Andeutungen auskommt. Gerade den Feinden kommt diese Offenheit zu gute, da sich ihre Fremdheit beim Lesen freier entfalten kann, als wenn sie wortreich beschrieben wären. Für die Hauptfiguren und ihre Szenen arbeitet Creydt mit prägnanten Sätzen und Bildern (ganz wunderbar z.B. das Kaninchenfell) und schafft eine Balance zwischen Individualisierung und Schablone, die ihren Charakteren gerade genug Persönlichkeit gibt, um Interesse und emotionale Verbindungen zu wecken, die die Figuren gleichzeitig aber ausreichend typenhaft darstellt, um der Kurzgeschichte legenden- oder mythenhaftes Flair zu geben. Fans von Das Leben ist kein Ponyhof kennen Sarah Burrinis Comicstrip „Traditionen“ womöglich schon. Schnoddrig pointiert weist Burrini auf den Unwillen der weißen, deutschen Mehrheitsgesellschaft hin, sich mit den eigenen Rassismen auseinanderzusetzen und vertraute Traditionen rassimuskritisch zu hinterfragen. Aşkın-Hayat Doğans „Held*innengeschichte“ verpackt queerfeministische Kritik auf etwa zwei Seiten in eine Diskussion zwischen Sophie und ihrem Opi. Das hat mich nicht vollends überzeugt. Während die Stimme vom Opi glaubwürdig wiedergegeben ist (bis auf die etwas bemühten Kosenamen für das Kind), fand ich Sophies Wortwahl weniger passend für ein Kind, das einerseits schon selbst Geschichten über „Panthergirl, Hexerella oder Uberta von Dalâuen“ schreibt, andererseits offenbar erstmals Schneewittchen vorgelesen bekommt. Abgesehen von meiner Schwierigkeit, eine gute Vorstellung von Sophie zu bekommen, ist die Geschichte aber niedlich und der Großvater sehr sympathisch dargestellt. Dass der Opi queer ist, ist ebenfalls ein feiner Zug. Der letzte fiktionale Beitrag dieser Ausgabe, Elena L. Knödlers „Sagittarius A*“, spielt in der fernen Zukunft; die Menschheit sieht sich mit dem Schicksal konfrontiert, bald auszusterben. Lah, die Hauptfigur, übernimmt zu Beginn der Erzählung die Historikabteilung auf einer Raumstation, die um ein schwarzes Loch kreist. Die Isolation wird durch die Ankunft eines Generationenschiffs unterbrochen. Echo, eine neu angekommene Physikerin, beschimpft Lah (oder genauer: Lahs Profession, die Geschichtsforschung), nutzlos zu sein und nichts zur Rettung der Zukunft beizutragen. Wie eine Raumstation in einem Gravitationsfeld kreist die Geschichte um diesen Knackpunkt. Ihre Antwort finde ich befriedigend und einleuchtend: Uns als Wesen mit einer Vergangenheit zu begreifen, gibt uns Orientierung. Es erlaubt uns, Motivationen und Richtungen für die Zukunft zu finden. Ohne Geschichte(n) wären wir ziellos in der Zeit – unfähig, unsere Zukunft bewusst zu gestalten. James Mendez Hodes‘ Essay widmet sich den rassistischen Darstellungen von Orks z.B. in Dungeons & Dragons, sowie dem Mechanismus der Entmenschlichung. Besonders stark finde ich den Abschnitt, in dem es um typische Aussagen, mit denen das Festhalten an rassistischen Stereotypen verteidigt wird, und Argumenten gegen diese Positionen. Gut gefallen mir auch Mendez‘ konkrete Vorschläge, wie Orks in Rollenspielen und anderen fiktionalen Medien umgesetzt werden sollten, um den inhärenten Rassismus der gängigen Assoziationen zu untergraben. Schön, dass Kathrin Dodenhoeft den Essay für die Queerwelten übersetzt hat.
Mein Regal voller Regenbögen
4/5
29.09.2020
Buch (Taschenbuch)
Vielseitiger erster Eindruck
Über ein Buch von Judith C. Vogt bin ich auf „Queer*Welten“ aufmerksam geworden, zählt die Autorin hier doch auch zu den Herausgeberinnen. Das Konzept hinter dem Magazin macht neugierig und so habe ich mal geguckt, was Judith C. Vogt, Kathrin Dodenhoeft und Lena Richter so auf die Beine gestellt haben.
Nebelflor – Annette Juretzki (Kurzgeschichte)
Der erste Satz:
– Wie ein Geist entsteigst du dem Nebel dieses trägen Morgens, der nur Licht satt einer Sonne kennt. –
Die Geschichte um Korja, die durch die Lande zieht und mit ihren Fähigkeiten Menschen hilft, die von den Geistern Verstorbener heimgesucht werden, ist nicht das, was es auf den ersten Blick scheint. Ich fand es wahnsinnig spannend, wie Annette Juretzki die Kurzgeschichte aufgebaut hat. Im Nachhinein betrachtet, deutet sich immer wieder sehr subtil an, was sich mir dann im letzten Abschnitt offenbarte. Ein Twist, mit dem sich auch die ungewöhnliche erzählerische Perspektive erklärt, und den ich absolut großartig fand.
Die fortgesetzten Abenteuer des Spaceschiffs Plastilon – Jasper Nicolaisen (Lyrik)
Die erste Strophe:
– Now the Bible tells the Schtorie
von einem wackr´ren Schiff
das bravte keine Wogen
und schiffte um kein Riff –
Generell mag ich Texte, die ein wenig drüber und crazy sind, eigentlich ganz gerne. Hier, in Reimform, habe ich allerdings so meine Probleme damit. Definitiv Geschmackssache – ich bin nach der ersten Seite ausgestiegen.
Feuer - Lena Richter (Kurzgeschichte)
Der erste Satz:
– Am Tag, an dem ich die Amazone im Leichenhaus fand, war ich zum fünfzehnten Mal von zu Hause weggelaufen. –
Einer seiner Anfälle aus unkontrollierbarer Wut treibt Tarnik in ein Viertel, in dem er durch seine Raserei keinen Schaden anrichten kann. Was er dort findet, kennt er bis dahin nur aus Erzählungen und Legenden. Tarniks Weltbild gerät ins Wanken und auch die eigene Wahrnehmung verschiebt sich. Lena Richter ist es gelungen auf diesen wenigen Seiten eine ganze Welt unterzubringen. Den Lesenden abzuholen, ihn an die Hand zu nehmen und eintauchen zu lassen, in ein erschaffenes Szenario, ist bei den begrenzten Worten einer Kurzgeschichte ganz große Kunst. Lena Richter macht das hier mit Ausrufezeichen.
Die Heldenfresserin – Anna Zabini (Kurzgeschichte)
Der erste Satz:
– Ich möchte eine Geschichte erzählen. –
Für jemanden, der in griechischer Mythologie bewandert ist, mag diese Kurzgeschichte durchaus ihren Reiz haben. Ich bin es nicht und somit habe ich mir extrem schwer getan der Erzählung zu folgen. Zumal Penthesilea, eine Amazone, die durch die Hand Achilles gestorben ist, selbst sehr sprunghaft ihre Gedanken über ihren Tod direkt an die Lesenden richtet.
Von Orks, Briten und dem Mythos der „Kriegerrassen“ – James Mendez Hodes (Essay)
Wie James Mendez Hodes die Entstehung der Orks darlegt, fand ich wirklich spannend. Er zeigt sehr schlüssig auf, wie das damalige Weltbild, auch in Bezug auf die Kriege der Vergangenheit, auf J.R.R. Tolkien eingewirkt und sich auf Darstellung der Rasse der Orks übertragen hat. Für mich ein neuer Einblick in die Materie und absolut lesenswert.
Den Abschluss des ersten „Queer*Welten“ Magazins macht ein, aufgrund der Corona-Pandemie, etwas abgespeckter Quartalsbericht. Wo eigentlich über Veranstaltungen aus der queeren Szene berichtet werden sollte, befinden sich jetzt drei Buchempfehlungen. Zwei davon kann ich so nur unterschreiben, da ich die beiden Bücher selbst gelesen habe und absolut großartig fand.
Zusammengefasst hat mich nicht alles, was ich in dieser ersten Ausgabe vorgefunden habe, überzeugen können. Geschuldet ist dies der Individualität der einzelnen Beiträge, was wiederum positiv zu erwähnen und eine Leseempfehlung wert ist. Ich werde definitiv am Ball bleiben und auch einen Blick in die zweite Ausgabe von „Queer*Welten“ werfen.
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