Annabel Wahba sitzt am Bett ihres schwer kranken Bruders André. Von einem Bild schaut der Totengott Anubis auf ihn herab. Sie erinnert sich an die gemeinsame Kindheit in der Kleinstadt, in der ihre deutsch-ägyptische Herkunft etwas Exotisches war. In Andrés letzten Stunden unternimmt die Erzählerin eine Reise in ihre Familiengeschichte.
Zu den Vorfahren im München des Zweiten Weltkriegs. Ins New York der Fünfzigerjahre, wo ihre Mutter einst arbeitete. Ins Nildelta, wo ihr Vater aufwuchs und die Eltern noch die Ehepartner für die Kinder aussuchten.
Sie kann ihren Bruder nicht festhalten, dafür aber, was sie beide und ihre Eltern vor ihnen erlebt haben als ägyptisch-deutsche Chamäleons.
Buchpremiere: Am 1. September 2022 im Pfefferberg-Theater, Berlin
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4.0/5.0
Bewertung
5/5
01.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
In ihrem autobiografisch grundierten...
In ihrem autobiografisch grundierten Debütroman schildert Annabel Wahba das Wandern ihrer Familie, v.a. der 4 Geschwister, durch drei Kontinente und Kulturen - wie Chamäleons - rückblickend am Sterbebett ihres Bruders.
Historisch fundiert und ergreifend erzählt.
Bewertung
5/5
12.10.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Leben zwischen den Kulturen
„In dem Augenblick, wo ein Mensch stirbt, den man liebt, schaut man nicht mehr so sehr nach vorne, sondern man schaut mehr zurück: Woher kommt man eigentlich.“
Sagt die Journalistin Annabel Wahba, die jüngste der 4 Geschwister, die einen ägyptischen Vater und eine deutsche Mutter haben. Der traurige Anlass für den autofiktionalen Roman ist der Tod ihres Bruders André, der einen Tumor hat und im Streben liegt. Dennoch ist das Buch nicht traurig, sondern warmherzig und voller lebendiger Anekdoten.
»Es ist ungefähr tausendundeine Nacht har, dass wir von deiner Krankheit erfahren haben. Scheherazade erzählte um ihr Leben. ... Wenn ich nun an deinem Bett sitze, ... erzähle ich nicht um mein Leben, sondern gegen deinen Tod.«
Wahba erzählt von der Suche nach ihrer Identität, dem Leben zwischen den Kulturen, das jeder ihrer Geschwister anders erlebt und gelebt hat. André war der Einzige, der in Ägypten geboren wurde, aber nie dorthin zurückgekehrt ist. Annabel kam in Deutschland zur Welt und hat immer nach ihren Wurzeln gesucht. Was ist der ägyptische Teil, und was der deutsche Teil in ihr.
Die Geschichte beginnt mit ihrer Oma in Erding, schildert die Kriegserlebnisse der Familie, die Kindheit ihrer Mutter, die als junge Frau in die USA geht und später ihren Mann Amir in München kennenlernt. Hochschwanger geht sie mit ihm und ihren zwei Kindern in seine Heimat, wo er als Dozent an der Uni in Kairo arbeitet. Wir erfahren dann viel von dem schwierigen Leben in Ägypten und Amirs Familie. Doch der Sechstagekrieg zerstört ihre Pläne. Ende der 1960er kehren sie mit viel Glück nach Deutschland zurück. Annabel Wahba erinnert sich, wie jeder Einzelne zwischen den Kulturen lebte, hier wie dort. Sich nicht fremd fühlen und doch anders sein. Ihr Leben war geprägt von Ablehnung und Vorurteilen, von Kriegen und Ängsten aber vor allem von Warmherzigkeit und Liebe. Vereint hat die Eltern immer ihr Glaube, die hohen Werte der Familie und die Sorge um die Kinder.
Ein wahres Zeitzeugnis, das immer wieder zeigt, wie Menschen anderer Herkunft den Vorurteilen und Repressalien ausgesetzt waren. In Ägypten darf die Familie das Land nicht verlassen, in Deutschland leben sie in ständiger Angst vor der Abschiebung. Politische Auseinandersetzungen verändern ständig ihr Leben. Die Geschwister haben ihre eigenen Wege gefunden, damit umzugehen. Auch Anouk ist nie zurückgekehrt nach Ägypten, was Annabel immer beschäftigt hat.
Anouk: »... es zieht mich einfach nichts dahin.« Und wenn es wirklich so banal ist? Warum sollte man in ein Land reisen, bloß weil der Vater dort zufällig geboren ist, bloß weil man selbst ein paar Jahre verbracht hat? Dieses Beschäftigen mit der Identität, sollte das am Ende völlig überbewertet sein? Mache ich mich zur Gefangenen meiner Herkunft, und Anouk ist wahrhaft frei?«
Ich wurde auf das Buch aufgrund des Covers aufmerksam. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass vor den bayrischen Alpen Palmen sind. Es mag auf den ersten Blick schrill erscheinen, spiegelt aber das Leben eines Chamäleons wieder, so wie die Autorin ihr Leben sieht. Mit dem Schreibstil wurde ich sofort warm, auch wenn ich anfangs Zweifel hatte, dass mich die Geschichte packen würde. Gerade die Erinnerungen an ihre deutschen Großeltern sind ein Thema, dass ich wohl zum tausendsten Mal, wenn auch in anderer Form, gelesen habe. Interessanter wurde es dann, als die Familie nach Ägypten ging. Denn was wissen wir schon von dem Land, in dem die Pyramiden stehen, das von politischen Unruhen und Krieg geprägt ist? Wie wächst man als begabtes Kind dort auf? Wie lebt es sich dort als Chamäleon-Familie? Nach und nach verflochten sich die Geschichten und machten immer mehr Sinn. Dass das, was auf den ersten Blick so grundverschieden scheint, am Ende sich doch sehr ähnelt.
In der zweiten Hälfte des Buchs hatte es mich dann vollends gepackt. Der Tod des Bruders bildet nur den Rahmen der ergreifenden Familiengeschichte. Ich empfand es nur stellenweise traurig, denn die vielen Szenen und Stationen der Geschichte haben mich auch viel schmunzeln lassen. Aber es hat mich auch nachdenklich gestimmt. Wie hat sich in all den Jahren unsere Einstellung zu Migranten verändert, zu Integration? Oder zu multikulturellen Familien? Annabel hat einmal zu hören bekommen, sie sein »eine schöne Mischung.« Das lass ich jetzt einfach so stehen.
Ich möchte jedem das Buch ans Herz legen, die sich für das Leben zwischen den Kulturen und deren Familien interessieren. Mich hat das Buch sehr bereichert in meinem Denken und meine Neugier auf die ägyptische Kultur.
Sue
aus Uelzen
3/5
23.12.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mal wieder ein Fall von: Auf Klappentext und vermeintliche Leserstimmen reingefallen
Annabel Wahbas Roman "Chamäleon" war so ganz anders, als der Klappentext und die vermeintlichen Leserstimmen erahnen ließen.
Klappentext: Als ihr Bruder schwer erkrankt, kehrt Annabel in ihren Heimatort zurück. Von einem Bild über Andrés Bett schaut der ägyptische Totengott Anubis auf sie herab.
Sie erinnert sich an die gemeinsame Kindheit in der bayerischen Kleinstadt, in der ihre Herkunft etwas Exotisches war. In Andrés letzten Stunden übernimmt die Erzählerin eine Reise in ihre Familiengeschichte. Zu den Vorfahren ins München des Zweiten Weltkriegs. Ins New York der Fünfzigerjahre, wo ihre Mutter einst arbeitete. Ins Nildelta, wo ihr Vater aufwuchs und die Eltern noch die Ehepartner für die Kinder aussuchten.
Annabel kann ihren Bruder nicht festhalten, dafür aber das, was sie beide und vor ihnen ihre Eltern erlebt haben als Chamäleons zwischen den Welten.
Stimmen wie "Eine Tausendundeine-Nacht-Geschichte aus der bayerischen Provinz." und auch "Eine lebendige, vielfarbige und mitreißende Familiengeschichte.", ließen mich im Vorfeld an wunderschöne Anekdoten, fröhliche und traurige Momente voller Gefühl denken. Doch weit gefehlt: Im Endeffekt war der ganze Roman sehr nüchtern. Gespickt mit Unmengen an politischen und geschichtlichen Hintergrundinformationen, fehlte mir hier leider die Leidenschaft und Liebe, welche ich erwartet habe. Einfach das Gefühlvolle. Kurz gesagt, das Buch war mir persönlich zu glatt und beherrscht und die vermeintlichen Leserstimmen im Nachhinein viel zu überzogen. Mein Herz wurde wider erwarten überhaupt nicht angerührt und das obwohl ich mit Tränen und Schmerz meinerseits gerechnet hatte, da mich solche persönlichen Geschichten normalerweise absolut mitnehmen.
Sehr positiv aufgefallen ist mir hingegen der Schreibstil von Wahba. Dieser ist sprachlich wirklich sehr angenehm zu lesen und war auch der Grund, warum ich dieses Buch überhaupt zu Ende gelesen habe. Ein anderer Grund war der Scharfsinn mit dem Wahba die Geschichte ihrer Familie erzählt, obwohl wahrscheinlich gerade diese Scharfsinnigkeit schuldig daran ist, dass dieses Buch so beherrscht wirkt.
Gedankenlabor
3/5
20.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Chamäleon
"Chamäleon" von Annabel Wahba ist eine Familiengeschichte der besonderen Art, denn letztlich erzählt sie ihre Geschichte.
>>Annabel Wahba sitzt am Bett ihres schwer kranken Bruders André. Von einem Bild schaut der Totengott Anubis auf ihn herab. Sie erinnert sich an die gemeinsame Kindheit in der Kleinstadt, in der ihre deutsch-ägyptische Herkunft etwas Exotisches war. In Andrés letzten Stunden unternimmt die Erzählerin eine Reise in ihre Familiengeschichte.
Zu den Vorfahren im München des Zweiten Weltkriegs. Ins New York der Fünfzigerjahre, wo ihre Mutter einst arbeitete. Ins Nildelta, wo ihr Vater aufwuchs und die Eltern noch die Ehepartner für die Kinder aussuchten.
Sie kann ihren Bruder nicht festhalten, dafür aber, was sie beide und ihre Eltern vor ihnen erlebt haben als ägyptisch-deutsche Chamäleons.<<
Letztlich greift die Autorin hier die große Frage auf, was uns im Leben prägt und wie wir zu dem werden, der wir sind.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten mich in der Geschichte einzufinden, konnte ich es nach und nach immer weniger aus der Hand legen.
Es blieben am Ende für mich viele Gedanken und Fragen, über die ich nachdenken konnte und so war das Buch in Gänze vielleicht kein Highlight, aber eben eines dieser Bücher, die einen beschäftigen und das stimmt mich im Bezug auf "Chamäleon" doch sehr positiv!
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5/5
04.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine interkulturelle Familiengeschichte
Eine wundervolle deutsch-ägyptische Familiengeschichte, die uns tief in die Vergangenheit beider Länder führt. Wie schon Khue Pham in "Wo auch immer ihr seid" versteht es Annabel Wahba hervorragend darzustellen, wie es sich anfühlt, zwischen den Kuklturen aufzuwachsen. Ein tolles Leseerlebnis!
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5/5
14.12.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
...Deutschland-Ägypten!
Wahba erzählt in diesem Roman, mit autobiografischen Zügen gezeichnet, die Geschichte ihrer Familie. Eine Familie zwischen Deutschland und Ägypten. Verschiede Erzählstränge reihen sich kunstvoll aneinander. Wir begleiten sie in ihren Erinnerungen. Wir nehmen teil am beschwerlichen Leben ihrer Großmutter in den letzten Kriegsjahren und der Nachkriegszeit in Deutschland, an die Au-pair Zeit ihrer Mutter in den USA oder auch an die ersten Ehejahre ihrer Mutter in Ägypten.
Es sind Erlebnisse, die immer vom großartigen Familienzusammenhalt erzählen. So individuell jedes Glied der Familie ist, so hat sich doch jeder an das Milieu der Umgebung immer unbewusst angepasst.
Ein sehr einfühlsamer Roman, der auch viele humorvolle Episoden wiedergibt, aber auch von der Suche nach der wahren Identität spricht. Es ist eine mitreißende Familiengeschichte. Ein Roman, den ich nicht aus der Hand legen wollte.
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