Georg Büchners "Lenz" schildert die Wanderung und den Aufenthalt des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz bei dem elsässischen Pfarrer Oberlin, während sich eine psychische Krise unerbittlich vertieft. Auf Grundlage von Oberlins Aufzeichnungen entfaltet der Text keine romantische Krankengeschichte, sondern eine präzise, beunruhigend moderne Studie zerrissener Wahrnehmung. Die knappe, rhythmisch nervöse Prosa, Naturbilder von fast klinischer Genauigkeit und abrupte Perspektivwechsel machen "Lenz" zu einem Schlüsseltext zwischen Vormärz, Realismus und literarischer Moderne. Büchner, 1813 geboren und bereits 1837 gestorben, war Mediziner, Naturwissenschaftler, politischer Revolutionär und Dramatiker. Seine Erfahrung mit sozialer Unterdrückung, wissenschaftlicher Beobachtung und existenzieller Entfremdung prägt diesen Text wesentlich. Wie in "Dantons Tod" oder "Woyzeck" interessiert ihn nicht moralische Verurteilung, sondern der Mensch unter dem Druck historischer, körperlicher und seelischer Kräfte. Empfohlen sei "Lenz" allen Leserinnen und Lesern, die Literatur als Erkenntnisinstrument begreifen. Der kurze Text verlangt Aufmerksamkeit, belohnt sie jedoch mit außergewöhnlicher Intensität: Er eröffnet einen schonungslosen Blick auf Sprache, Wahnsinn, Kunst und die prekäre Würde eines leidenden Menschen.
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Ein Klassiker par excellence Mit «Lenz» hat Georg Büchner eine Novelle geschrieben, die erstmals 1839 unter dem Titel «Lenz. Eine Reliquie von Georg Büchner» erschienen ist. Sie blieb zunächst weitgehend unbeachtet. Ursache dafür war ein dem damaligen Lesepublikum schwer zu vermittelnder Paradigmenwechsel in der deutschen Literatur, den insbesondere auch dieses Werk mit eingeläutet hat: Weg von einem ästhetisierenden Idealismus, hin zum realitätsbezogenen Naturalismus! Erst gegen Ende des Jahrhunderts fand «Lenz» dann die Aufmerksamkeit eines breiteren Lesepublikums und löste euphorische Kommentare aus. Arnold Zweig sprach von einem Meisterwerk, «mit dem die moderne europäische Prosa» begonnen habe, Elias Canetti nannte es das «wunderbarste Stück deutscher Prosa». Mit dem Zusatz ‹Reliquie› hat der erste Herausgeber dieser posthum veröffentlichten Novelle auf deren Huldigungscharakter hingewiesen. Historische Grundlage ist das tragische Schicksal des Dichters Jakob Reinhold Michael Lenz aus Livland, der als prominentes Mitglied einer dem ‹Sturm und Drang› zugehörigen, in Straßburg versammelten Autorengruppe gilt, zu der auch Goethe gehörte. Beide waren befreundet, und beide hatten auch ein Auge auf Friederike Brion geworfen, die durch Goethes ‹Sesenheimer Lieder› ja nahezu unsterblich wurde. Als wichtigste historische Quelle nutzt Georg Büchner einen Bericht des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin, der den Besuch des Dichters im elsässischen Steintal dokumentiert hat. Er übernimmt dessen chronologischen Ablauf vom 20. Januar bis zum 8. Februar 1778 unverändert in seine Novelle. «Den 20. ging Lenz durch’s Gebirg.» lautet der erste Satz, - mit ‹Gebirg› ist hier der Elsass gemeint. Er findet freundliche Aufnahme im Haus des Pfarrers Oberlin in Waldbach, der damit einer Bitte von Johann Caspar Lavater folgt. Der mit ihm befreundete, berühmte Schweizer Schriftsteller, Philosoph und Pfarrer erhofft sich von dem Besuch in ländlicher Idylle eine Besserung der psychischen Erkrankung des ihm bekannten, jungen Dichtertalents. Einfühlsam geht Oberlin mit theologischer Argumentation auf die geisterhaften nächtlichen Erscheinungen ein, von denen sein verwirrter Gast ihm berichtet. Mit dem Besuch des ehemaligen Dichterkollegen Christoph Kaufmann aus der gemeinsamen Straßburger Zeit wird Lenz ungewollt an die alten Zeiten erinnert. Bei Tisch kommt es schließlich zu einem Diskurs der Beiden über Kunst, wobei Lenz seinem literarisch die idealistische Periode verkörpernden Widerpart vorwirft, wie viele andere auch die Wirklichkeit verklären zu wollen. Als künstlerische Belege nennt er den Apoll von Belvedere oder die Madonnenbilder von Raffael. «Die holländischen Maler sind mir lieber als die italienischen», ergänzt er sein Beispiel. Er sieht den Dichter als eine Art zweitrangigen Schöpfer nach Gott, dessen künstlerisches Ziel es sein müsse, «ihm ein wenig nachzuschaffen». Diese Novelle ist zutiefst religiös motiviert, bei dem pietistisch geprägten Oberlin hofft Lenz seine innere Ruhe wiederzufinden. Die zeitweise geistige Umnachtung des Poeten verschlimmert sich aber trotz aller Bemühungen von Oberlin. Der versucht geduldig, beruhigend auf ihn einzuwirken, nimmt ihn zu seinen seelsorgerischen Besuchen mit, er erlaubt ihm sogar, selbst die nächste Predigt zu halten. Lenz jedoch zerbricht an den Dämonen, die von ihm Besitz ergriffen haben, die ihn sogar glauben lassen, er könne ein totes Kind wieder zum Leben erwecken, woran er natürlich kläglich scheitert. Es ist erstaunlich, wie intensiv Büchners Sprachgewalt auch den heutigen Leser in Bann zu ziehen vermag, wie er derart komprimiert, auf einigen wenigen Buchseiten, den Zweifel am menschlichen Dasein so überaus eindrucksvoll schildern kann. Die Benennung des allseits angesehenen und höchstdotierten deutschen Literaturpreises als Georg-Büchner-Preis unterstreicht ziemlich deutlich seinen überragenden literarischen Rang, und sein «Lenz» ist unumstritten ein Klassiker par excellence!
Bewertung
5/5
02.05.2019
Buch (Taschenbuch)
Interessante Geschichte!
Büchner beschreibt in seinem kurzen Erzähltext, wie der Dichter Lenz allmählich verrückt wird. Wer an klassischer Literatur interessiert ist, sollte sich "Lenz" auf jeden Fall zu Gemüte führen!
Manfred Orlick
aus Halle (Saale)
4/5
21.06.2021
Hörbuch-Download (MP3)
Leipziger "Woyzeck"-Projekt
„Woyzeck“ ist ein unvollendetes Schauspiel des deutschen Dichters Georg Büchner (1813-1837). Damit wird erstmals in der dramatischen Literatur ein sozial Deklassierter zum Helden einer Tragödie – mit „Woyzeck“ beginnt gewissermaßen das moderne Drama. Woyzeck ist kasernierter Soldat, der sich durch Dienstleistungen etwas Geld verdient, um seine Geliebte Marie und ihr gemeinsames uneheliches Kind durchzubringen. Der einfältige, aber gutmütige Soldat Woyzeck wird von seinem Vorgesetzten ausgenutzt und geschunden. Als ihm der Tambourmajor auch noch seine Geliebte fortnehmen will, wird Woyzeck zum Mörder: er tötet seine Freundin Marie im Affekt.
David Fischbach vom Buchfunk Verlag Leipzig hat aus dem Drama eine Hörspielfassung gemacht, in der die Texte Büchners mit authentischen Zeugnissen rund um den historischen Woyzeck-Prozess verwoben werden. Es ist ein Projekt der Schaubühne Lindenfels in Kooperation mit dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, Amnesty International / Hochschulgruppe Leipzig, BUCHFUNK Verlag, Universität Leipzig - Institut für Theaterwissenschaft. Die dramatische Handlung wird dabei durch Musik und zahlreiche Geräusche unterstützt.
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