Der Regen trommelt auf den schottischen See, schluckt das Licht des langen Sommertages und lässt die Pfützen brodeln. Hinter den Fenstern der wenigen Ferienhütten bleibt kaum etwas zu tun, als die Nachbarn zu beobachten. Während die Stunden fast unmerklich vergehen, formen die Urlaubsgäste aus flüchtigen Eindrücken ihr Urteil. Über die Mutter, die bei Tagesanbruch in ein paar kostbare Stunden Einsamkeit flüchtet. Den Jungen, der den windgepeitschten See seinen nervtötenden Eltern vorzieht. Und vor allem über diese eine Familie mit dem komischen Nachnamen, die hier einfach nicht hingehört. Mit Witz und Einfühlungsvermögen erzählt Sarah Moss von der menschlichen Fähigkeit zu Grausamkeit und Güte.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
gaia
5/5
31.07.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Episoden eines verregneten, schicksalhaften Sommertags
Wer denkt beim Wort „Sommerwasser“ schon an einen verregneten Urlaub in einer Ferienhaussiedlung an einem schottischen Loch (See)? Bei unserem derzeit (zum Glück!) verregneten Sommer hier in Mitteleuropa ist dieses Szenario vielleicht sich gar nicht so schwer vorzustellen. Aber wem es an Vorstellungskraft fehlt, der wird durch diese großartige Geschichte von Sarah Moss und ihren unbestechlichen Schreibstil definitiv abgeholt und mitgenommen in die Highlands.
Sieben alte, morsche Holzhäuschen gehören zur kleinen Feriensiedlung, in der der Roman von Moss angelegt ist. Sie werden von jungen und alten Paaren sowie von Familien mit noch ganz kleinen Kindern oder schon fast ganz ausgewachsenen Teenagern bewohnt. Während sich die Handlung über nur einen Sommertag hinweg erstreckt, tauchen wir ganz tief in die Geschehnisse dort ein und schauen fast in jedem Häuschen vorbei. Dabei schnappt sich Moss in jedem Personen-Kapitel ein Familienmitglied und beschreibt deren Gedanken, Gefühle und Handlungen in genau diesem Moment durch die Brille der personalen Erzählerin. Zwischengeschoben sind Kurzkapitel, die die Stimmung in der umgebenden Natur widerspiegeln und immer mehr von Unheil künden.
Beginnt der Roman noch meines Erachtens recht amüsant mit Einblicken in die Gedanken z.B. einer bei Tagesanbruch joggenden, jungen Mutter, eines pensionierten Arztes, der verwundert die frühmorgendliche Joggerin beobachten oder einer jungen, frisch verlobten Frau, die während des morgendlichen, sportlichen Sexes sich nicht so recht konzentrieren kann. Die Stimmung kippt jedoch zunehmend und das Unheil, welches bereits durch die Zwischenkapitel durch die Naturbeschreibungen angedeutet wird, wird scheinbar immer konkreter. Menschliche Abgründe tun sich auf, wenn Moss so unglaublich authentisch und glaubhaft in die Köpfe von Jungen und Alten, Männern und Frauen hineinspringt und deren Motivationen erforscht. Psychologisch vollkommen schlüssig konstruiert sie ihre Figuren, sodass ein Puzzleteil nachvollziehbar ins nächste passt.
Wirklich brillant inszeniert Moss diesen nur 180 Seiten kurzen Episodenroman zu einem echten menschlichen Drama, steigert die Spannung sowohl über den großen feriensiedlungsübergreifenden Bogen aber auch immer wieder im Kleinen bezogen auf die Erlebnisse jeder einzelnen Figur, sodass man gar nicht mehr aufhören will, dieses Bravourstück zu lesen, bevor man nicht genau erfahren hat, wie das alles nur ausgehen wird.
Während der Text ganz nah an den Gedanken der Protagonist:innen entlanggeführt wird, scheint aber auch immer wieder Gesellschaftskritisches durch diese hindurch bzw. wird durch sie verdeutlicht. Somit bekommt der Roman nicht nur eine kluge psychologische Tiefe sondern auch im übergeordneten Sinne weitere Dimensionen.
Insgesamt konnte mich Sarah Moss‘ Roman von Anfang bis Ende durch seine großartige Figurenzeichnung, die mit Auslassungen spielende Sprache, welche immer zur entsprechenden Figur passt, die heraufbeschworene, unheilvolle Atmosphäre, die Spannung, die Gesellschaftskritik und die kluge Konstruktion der übergreifenden Geschichte uneingeschränkt überzeugen. Deshalb gibt es von mir eine ebenso uneingeschränkte Leseempfehlung für diesen auf vielen Ebenen ausgezeichneten Roman.
5/5 Sterne
Alexandra
Book Circle Community
4/5
11.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Menschliche charakterliche Abgründe
Während der Sommerregen auf den schottischen See trommelt, bleibt in den wenigen Ferienhütten kaum etwas zu tun. Man beobachtet die anderen und formt aus flüchtigen Eindrücken ein Urteil: über die joggende Mutter, den genervten Teenager, das junge Paar. Und über die eine Familie mit dem komischen (rumänischen) Nachnamen, die einfach nicht hier hingehört.
Ein Roman, der leicht und unterhaltsam daherkommt aber zunehmend eine Dynamik entwickelt und nachwirkt.
Bewertung
Book Circle Community
4/5
05.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Regen, Gedanken und unausgesprochenem Grauen
Sommerwasser ist ein atmosphärisch dichter Roman, den ich fast in einem Zug verschlungen habe. Sarah Moss gelingt es auf beeindruckende Weise, eine beklemmende Stimmung aufzubauen, die sich leise, aber stetig steigert. Die Handlung spielt an einem verregneten Tag in einem abgelegenen Ferienpark in Schottland – und genau dieses scheinbar banale Setting nutzt die Autorin meisterhaft, um in die Gedankenwelt ganz unterschiedlicher Figuren einzutauchen.
Der Roman ist solide konstruiert und spannend erzählt, auch wenn äusserlich wenig passiert. Die innere Spannung entsteht durch die verschiedenen Perspektiven, durch unausgesprochene Ängste, unterschwellige Spannungen zwischen den Gästen – und nicht zuletzt durch das Gefühl, dass etwas Unheilvolles in der Luft liegt.
Besonders der Schluss hat mich beschäftigt: Er ist offen und lässt viel Raum für Spekulation. Einerseits fand ich das passend und konsequent, andererseits hätte ich gerne noch mehr gelesen – mehr über das Danach, mehr über die Konsequenzen. Eine Fortsetzung wäre durchaus willkommen.
Insgesamt ein lesenswerter Roman, der viel zwischen den Zeilen erzählt und lange nachhallt.
buchstaeblichverliebt
aus NRW
4/5
03.01.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Grandios
Sarah Moss schafft es, mit teils bitterböser, teils humorvoller Stimme, einen Einblick in die Köpfe der Bewohner einer Ferienhaussiedlung in Schottland zu verschaffen.
Während es draussen ununterbrochen regnet, plätschert das Leben in den Häusern und drumherum augenscheinlich erst einmal ziemlich ereignislos - und ohne WLAN - vor sich her und wird in verschiedenen Episoden und aus den unterschiedlichen Perspektiven der einzelnen Hüttenbewohner (und interessanterweise auch von der Natur ringsum) geschildert.
Wir lesen hier beispielsweise von den Gedanken einer gestressten Mutter, die Laufen als Ausweg aus der Tretmühle sieht,
von einem betagten und pensionierten Arzt der dem geistigen und körperlichen Verfall seiner Frau beiwohnt, ohne etwas dagegen tun zu können,
von den Gedanken einer jungen Frau beim Sex (das war übrigens die beste und witzigste Beschreibung einer Sexszene, die ich jemals gelesen habe),
von den Bulgaren, die als partyfeiernde Störenfriede den Unmut der unzufriedenen, vom Wetter und der Urlaubsituation gestressten Ferienhausbewohner auf sich ziehen,
...
In ruhigem Erzählton und sprachlich grandios ausgefeilt liest sich das sehr gut weg.
Kapitel für Kapitel erfährt man alltägliches und nahezu banales aus dem Leben der diversen Protagonisten.
Doch zwischen Humor und Sarkasmus brodelt es unterschwellig vor sich hin.
Besonders eine Geschichte hat mich ziemlich schockiert zurückgelassen und so wartete ich förmlich auf das große Finale, denn es war klar: das kommt!
Sarah Moss schafft es trotz unspektakulären Handlungen eine Vielfalt von Emotionen zu beschreiben und zu vermitteln.
Am Ende war das wortgewaltig und ich tatsächlich ziemlich sprachlos.
Klare Leseempfehlung meinerseits.
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5/5
13.07.2023
eBook (ePUB 3)
Sehr besonderer "Sommerroman".
Ferienhütten an einem schottischen See und ihre Gäste bilden die Kulisse für diesen außergewöhnlichen "Sommerroman". Es regnet unaufhörlich und alle finden ihren Weg damit umzugehen. Die Erwachsenen und Kinder leichter als die Teenager. Lesende haben Anteil an Gedanken und Dialogen. Es entwickeln sich innere Bilder, die eine besondere Stimmung erzeugen. Man hofft für alle auf gutes Wetter... und steuert unaufhörlich dem überraschenden Ende entgegen.
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4/5
09.10.2025
Buch (Taschenbuch)
Die Feriensiedlung am Ende der Welt
"Sommerwasser" verfolgt in einzelnen Geschichten die Urlauber einer in die Jahre gekommenen Feriensiedlung an einem namenlosen See, mutmaßlich gelegen in den beginnenden schottischen Highlands nördlich von Glasgow. Kein Handy, kein Internet. Die Protagonisten leben in kleinen Hütten nebeneinander her, eine lose Gemeinschaft auf Zeit, weit ab von der Welt. Begegnungen gibt es selten, alle bleiben für sich, sind den anderen Bewohnern der Siedlung aber fest verbunden in ihren Annahmen und abschätzigen Ansichten über die jeweils anderen. Sarah Moss erzählt aus den Gedankenwelten in einer Vielzahl von streams of consciousness, lässt ihre Figuren beobachten, urteilen, und bringt einem diese einander so ähnlichen, doch in Alter und Alltag unterschiedlichen Charaktere und Lebenswelten sehr nah. Wie gut man Menschen auf ein paar Seiten kennenlernt, wenn Sarah Moss ihnen Gedanken in den Kopf legt. Eine Kunst!
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