Am 15 Juni 1767 beschließt der zwölfjährige Baron Cosimo Piovasco di Rondò, das dekadente Milieu seiner aristokratischen Familie zu verlassen, um fortan auf den Bäumen zu leben. Er erhebt sich von der Familientafel, klettert auf eine Steineiche und wird bis zu seinem Tod die Erde nicht mehr betreten.
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Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Königreich von Genua, Italien.
Dem 12-jährigen Baron Cosimo Piovasco di Rondò wird bei einem Familienessen von seiner boshaften Schwester ein Teller mit Schnecken kredenzt, die eigentlich für einen Streich mit seinem jüngeren Bruder vorgesehen waren. Trotzig sowie eigensinnig flieht Cosimo nun und klettert in die Zweige einer Steineiche. „Cosimo Piovasco di Rondò – Er lebte auf den Bäumen – Er liebte stets die Erde – Er entschwand gen Himmel“ heißt es. Er beweist Sitzvermögen und trotzt alle Versuche ihn von der Steineiche zu bringen.
Mit seinem ernsten Vorhaben, weit über das kindliche Verhalten hinaus, genießt er nun die neu gewonnene Freiheit - auch später als neu titulierter Barons di Rondò, nachdem sein Vater starb.
Viola, das Nachbarsmädchen auf der anderen Seite der Grundstücksmauer, über die Cosimo nun weit oben auf der Steineiche drüber schauen kann, erweckt sein Interesse. Cosimo kämpft z. B. mit Obstdieben, unterhält sich genüsslich mit Bauern, beobachtet krumme Geschäfte und kleidet sich ganz der zeitgenössischen Mode. Interessant finde ich, dass er einem Räuber viele Bücher näher bringt. Der Räuber fordert diese bei deren Begenungen immer wieder ein und verlangt nach und nach immer anspruchsvollere Inhalte beim Verweilen in seinen Verstecken. Cosimo und der Räuber werden schlussendlich vom Lesefieber gepackt und es entsteht eine beachtliche Bibliothek in den Baumwipfeln.
Bis zu seinem Tod bleibt er in den Baumwipfeln lebend und hat seit seiner kindlichen Flucht keinen Fuß mehr auf die Erde gesetzt - "Ich komme nicht mehr herunter. Und er hielt Wort.". Nachdem er schwächer und schwächer wurde, ergreift er das Seil einer Montgolfière und verliert sich im benachbarten Meer. Sein Körper wird nicht gefunden.
Der fiktive Roman "Der Baron auf den Bäumen" ist eine für mich wundervolle Geschichte über Abenteuer, Liebe, Hass, Freiheit, kindlicher Trotz und Beharrlichkeit.
Zur Beharrlichkeit: Eine Entscheidung zu treffen und mit deren Auswirkungen ein Leben ausgestalten zeugt mich für für Wahnsinn, aber auch unheimliche Stärke. Der Baron hat die freiheitliche Umsetzung bewiesen.
Italo Calvino hat uns hier wunderbar aufgezeigt, wie einfach und vielfältig ein Leben auf einem Baum dargestellt werden kann - uns das zugleich system- und sozialkritisch, gerade auch der Bruch aus der konventionell geprägten Rolle und Erwartung. Aber auch, wie einfach eine Gesellschaft sein kann, die die eigene Welt verteidigt und auf die Welten der anderen mit Abstand, Neugier sowie Demut blickt.
Da stellen sich die Fragen:
Was ist Glück und wie erreiche ich mein persönliches Glück?
Müsste ich vielleicht selbst einmal auf einen Baum klettern und eine neue Perspektive einnehmen und mich entkoppeln?
Der Roman ist 1957 erschienen und bildet mit "Der geteilte Visconte" aus 1952 und "Der Ritter den es nicht gab" aus 1959 die Trilogie „Unsere Vorfahren“.
Italo Calvino wurde 1923 in Santiago de las Vegas auf Kuba geboren und starb 1985 in Siena, Italien. Er war einer der bedeutendsten italienischen Schriftsteller. Viele seiner Werke sind heute Volkskunst und Schullektüre.
Poesie!!!
Elisabeth aus Oberösterreich am 14.08.2013
Bewertungsnummer: 819264
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Im Juni 1767 soll der 12jährige Cosimo di Ronda zusammen mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern Schneckensuppe essen. Er verweigert dieses Mahl und verlässt den Tisch des Elternhauses, klettert auf eine Steineiche - und bleibt bis zu seinem Tode auf den Bäumen...
Dieses Buch hat den Begriff "poetisch" verdient, er hat auch Jahrzehnte nach dem Erscheinen nichts von seiner Zauberkraft verloren: Erzählt aus der Perspektive des kleinen Bruders Biagio bietet sich eine schöne, zarte, oft märchenhafte Geschichte. Cosimo entgeht nichts: er lernt die Liebe kennen; Napoleon schaut vorbei und er kontaktiert Diderot. Nebenbei ist Cosimo politisch aktiv und hilft den "kleinen" Leuten. Ein Roman, der viel zu schön ist, um ihn nur einmal zu lesen!
Meinung aus der Buchhandlung
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„Literatur ist ein Baum: verwurzelt in der Erde, geöffnet zum Unendlichen.“
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
"Der Baron auf den Bäumen" von Italo Calvino ist für mich ein Buch, das meine Liebe zur Literatur wieder vollauf neu begeistert hat. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn: Cosimo, den jungen Rebellen, wie er in einer einzigen entschlossenen Geste aus dem bürgerlichen Leben seiner Familie hinausgleitet, hinauf in die Bäume, wo ihn die Freiheit umarmt. Ich gestehe, selten hat mich eine literarische Figur derart begeistert, selten habe ich in der Kühnheit einer Entscheidung so sehr ein Spiegelbild meiner eigenen Sehnsucht gespürt.
Wie poetisch Calvino diesen Schritt beschreibt, wie leicht und doch welterschütternd er ihn zeichnet – es ist, als ob die Sprache selbst Äste und Zweige trüge, auf denen meine Gedanken davonschreiten. Ich liebe dieses Buch, weil es mich zurückführt in jenes Ungebändigte, in jenes unbedingte Verlangen nach einem Leben, das nicht dem Diktat der Bequemlichkeit, sondern dem Gesetz der inneren Wahrheit folgt. Cosimos Entschluss ist radikal, aber gerade in dieser Radikalität liegt ein Zauber, den ich im Innersten nachvollziehen kann: das Verlangen, nicht nur anders zu denken, sondern auch anders zu leben.
Während ich durch die Seiten streife, fühle ich mich selbst erhoben, fortgetragen in eine Welt, in der die Grenzen des Möglichen weiter gesteckt sind als in der nüchternen Realität. Die Bäume sind nicht nur Bäume; sie sind Kathedralen aus Laub, Brücken zwischen Dörfern, ein ganz eigenes Königreich. Jeder Ast ist ein Pfad, jeder Stamm ein Tor, und ich spüre, wie mein Herz weiter wird, wenn ich die Landschaft durch Cosimos Augen betrachte. Calvino erschafft eine Natur, die nicht bloß Kulisse ist, sondern lebendige Bühne, und ich spüre, dass auch ich dort oben verweilen möchte, um dem Staub des Alltags zu entkommen.
Doch es wäre falsch, Der Baron auf den Bäumen nur als eine märchenhafte Erzählung von Freiheit zu sehen. In jedem Kapitel liegt auch eine tiefe Reflexion über Verantwortung, über das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, über die Möglichkeit, inmitten der Absonderung doch Teil einer größeren Geschichte zu sein. Denn Cosimo verschwindet nicht in den Bäumen, um sich zu entziehen, er steigt hinauf, um wahrhaftig zu leben, und bleibt dennoch verbunden mit den Menschen, den Dörfern, der Weltgeschichte, die an ihm vorüberzieht. Ich finde darin eine Botschaft, die mich immer wieder berührt: dass wahre Freiheit nicht Einsamkeit bedeutet, sondern eine andere Art der Verbundenheit, eine, die aus innerer Stärke und aus selbstgewählter Distanz erwächst.
In manchen Nächten, wenn ich das Buch neben mir liegen habe, frage ich mich: Hätte ich diesen Mut? Würde ich den Sprung wagen? Ich liebe es, wie Calvino diese Frage nicht beantwortet, sondern offenlässt, als Einladung an mich, an uns alle, selbst darüber nachzudenken. Cosimo lebt, weil er konsequent ist, weil er seinem ersten Aufbegehren treu bleibt bis ins hohe Alter, und in dieser Treue liegt eine Schönheit, die ich kaum in Worte fassen kann. Es ist eine Hymne an die Beständigkeit in einer Welt, die uns allzu oft zum Kompromiss verführt.
Das Buch singt in einer Sprache, die leicht ist wie ein Windhauch, und doch voller Gewicht. Es trägt die Eleganz einer Fabel und die Tiefe eines philosophischen Romans. Calvino gelingt es, das Spielerische und das Ernste miteinander zu verweben, sodass man als Leser gleichermaßen lächelt und nachdenkt. Ich erinnere mich an Stellen, an denen ich laut lachen musste über die kauzigen Figuren, über Cosimos Einfälle, über die grotesken Situationen, die sich aus seinem ungewöhnlichen Leben ergeben – und dann wieder an Passagen, die mich in stille Melancholie versetzten, in jene sanfte Nachdenklichkeit, die nur große Literatur hervorzurufen vermag.
Für mich ist Der Baron auf den Bäumen auch ein Liebeslied an die Kindheit, an jenes Gefühl, das man hat, wenn man hoch oben sitzt, die Welt von oben betrachtet und glaubt, alles sei möglich. In meiner eigenen Erinnerung mischt sich dieses Gefühl mit Sommertagen, mit dem Rascheln der Blätter, mit der Leichtigkeit eines Körpers, der noch keine Schwere kennt. Calvino hat dieses kindliche Staunen konserviert und in die Gestalt eines Mannes gegossen, der niemals erwachsen wird im Sinne des Verzichts, sondern erwachsen in der Kunst, sein eigenes Leben zu führen. Ich lese und spüre, dass es eine kindliche Wahrheit gibt, die uns retten kann: die Weigerung, sich völlig dem Erdenschweren zu beugen.
Und dann ist da die Liebe. Ja, Cosimos Liebe, die ebenso unerreichbar scheint wie die Sterne über den Baumwipfeln, und doch so echt, so leidenschaftlich, dass sie mein Herz berührt. Wie kunstvoll Calvino diese Leidenschaft zwischen Himmel und Erde spannt, wie er zeigt, dass auch in der Höhe, auch in der scheinbaren Distanz, die menschlichen Gefühle unvermeidlich sind. Ich erkenne in diesen Szenen die Zartheit und zugleich die Tragik des Lebens: dass Freiheit und Liebe einander nicht immer ohne Schmerz begegnen.
Immer wieder überrascht mich, wie reich dieses Buch ist. Es ist Abenteuerroman, philosophische Parabel, historische Erzählung und poetisches Märchen zugleich. Ich liebe die Vielschichtigkeit, die mich beim Lesen jedes Mal auf neue Gedanken bringt. In einem Kapitel spüre ich die politische Dimension, in einem anderen die Naturverbundenheit, in einem dritten die persönliche Melancholie eines Mannes, der aus der Ferne auf die Menschheit blickt. Und all das ist eingewoben in einen Stil, der wie Musik klingt – eine leichte, helle Melodie, die sich ins Gedächtnis einbrennt.
Oft denke ich: Jeder Mensch sollte dieses Buch wenigstens einmal gelesen haben. Denn es ist nicht bloß eine Geschichte, sondern eine Ermutigung. Es sagt: Wage es, anders zu sein. Wage es, deinem inneren Ruf zu folgen. Wage es, nicht auf dem sicheren Boden zu verharren, wenn dich die Äste rufen. Diese Botschaft hallt in mir wider, lange nachdem ich die letzte Seite geschlossen habe. Ich habe selten ein Buch erlebt, das so sehr zum Leben selbst auffordert, nicht belehrend, sondern einladend, nicht mit erhobenem Finger, sondern mit ausgestreckter Hand.
Es mag pathetisch klingen, doch für mich ist Der Baron auf den Bäumen eine Ode an die Freiheit, eine Hymne an den Mut, ein Gebet an das Schöne im Menschen. Ich fühle mich reich beschenkt, dass Calvino diese Geschichte geschrieben hat, und jedes Mal, wenn ich anderen davon erzähle, spüre ich, wie mein Herz wärmer schlägt. Denn ich wünsche mir, dass auch andere diesen Zauber erfahren, dass sie sich ebenfalls in die Wipfel erheben und für einen Augenblick die Welt von oben sehen.
Wenn ich abschließend in mich gehe, dann bleibt vor allem Dankbarkeit. Dankbarkeit für ein Buch, das mich lehrt, dass man sich sein Leben nicht von Konventionen diktieren lassen muss, dass es möglich ist, eigene Wege zu finden, auch wenn sie abenteuerlich, riskant oder ungewöhnlich erscheinen. Dankbarkeit dafür, dass ich beim Lesen wieder das Gefühl bekomme, die Welt sei weit und offen, voller Geheimnisse, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Und Dankbarkeit für die Schönheit der Sprache, die mir zeigt, dass Literatur selbst wie ein Baum ist: mit Wurzeln in der Tradition, einem Stamm aus festem Erzählen und einer Krone, die in die Unendlichkeit des Himmels wächst.
So bleibt mir nur, andere zu ermuntern: Greift zu diesem Buch, lasst euch emporheben in die Welt der Bäume, folgt Cosimo auf seinem Weg zwischen Himmel und Erde. Es ist ein Abenteuer, das nicht endet, wenn man die Seiten schließt, sondern das in euch nachhallen wird, wie ein Wind, der in den Ästen rauscht. Und vielleicht, ja vielleicht, werdet ihr wie ich eines Tages spüren, dass es einen Teil in euch gibt, der nie mehr den Boden betreten möchte, weil er dort oben, zwischen Blättern und Sternen, seine wahre Heimat gefunden hat.
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