Was ist Heimat und wie lässt man die Provinz hinter sich, davon erzählt Sabine Rennefanz voller Ironie und Melancholie.
Kathleen hat es geschafft. Sie ist erfolgreich, redegewandt, attraktiv. Seit Jahren lebt sie als Grafikerin in London. Woher sie kommt, hat sie hinter sich gelassen. Zumindest glaubt sie das. Doch die Besuche bei ihrer Mutter im brandenburgischen Kosakenberg konfrontieren sie mit einer Welt, der sie in den neunziger Jahren zu entkommen versuchte und die nun eine ungeahnte Kraft entfaltet. Mit starken Bildern führt Sabine Rennefanz in ein Dorf im Osten des Landes, in dem fast nur Männer geblieben sind und die wenigen Frauen, die nicht das Weite gesucht haben, mit Eiern handeln, von der Liebe träumen und über die reden, die weggegangen sind.
»Sabine Rennefanz erzählt davon, wie es ist, wenn man auf der Reise zwischen alter und neuer Heimat sich selbst nicht nur findet, sondern sich auch verlorengeht. Ein sehr berührendes, kluges und nachdenklich machendes Buch.«
Jenny Erpenbeck
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Kaffeeelse
Thalia Book Circle Community
5/5
05.01.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Gestern und das Heute
Sabine Rennefanz wirft hier einen Blick auf den Osten, einen Blick auf die verlassenen Landschaften, diese Landschaften, die erblühen sollten. So wurde die Wende so Manchem von uns beschrieben. Manches blüht ja auch. Aber an manchen Stellen ist das Blühen verklungen.
Kosakenberg. Ein Dorf in der brandenburgischen Provinz. Flach ist das Land. Weit und breit ist kein Berg zu sehen. Ein Hügel hat diesen Namen erhalten und der Name ist geblieben. So bergig wie blühend ist das Land in Kosakenberg.
Kathleen stammt von hier. Aber sie lebt nicht mehr in Kosakenberg. Sie hat es nach London geschafft. Sie ist Grafikerin und sie ist erfolgreich. Rückwärts schaut sie nur mit traurigen und auch verächtlichen Augen. Sie möchte nicht mehr zurück, kommt nur ab und zu und auch da recht widerwillig. Denn dieses Damals hat nichts mehr mit ihrem Jetzt zu tun. Doch ist dies wirklich so?
Die versprochenen blühenden Landschaften waren kurz nach der Wende nicht wirklich blühend. Betriebe und LPG´s verschwanden und mit ihr verschwand der Beruf und der Erwerb. Viele Menschen wurden für sie plötzlich von etwas überrascht, was sie nicht kommen sahen. Und mussten sich umentscheiden. Die Wendigen im Kopf taten dies und viele verschwanden zu Lohn und Brot. Sie verstreuten sich. Doch ihre Geschichte nahmen sie mit. Und so finden sich die Erinnerungen an die Kosakenbergs im Osten an vielen Stellen der Erde wieder.
Auffallend viele Frauen sind gegangen. An manchen Stellen im Osten bis zu einem Drittel. Und dies macht etwas mit den Zurückgebliebenen, mental, aber auch politisch. Wie man heute mit Befremden feststellt!
Kathleen besucht ihre Ursprünge. Sie schaut bei ihren Besuchen umher und wundert sich. Sie schaut auf ihre Vergangenheit, auf die zurückgebliebenen Menschen und bemerkt, dass ihre Vergangenheit immer noch da ist, in ihrem Herz, in ihrem Kopf. Doch warum soll sie auch verschwinden?
Viele der Verschwundenen triggert ihre einstige Heimat. Doch warum ist das so? Wie viel Gefühl für die alten Wurzeln ist denn noch da? Genügend! Denn unsere Wurzeln verlassen uns nicht. Wir haben diese Kosakenbergs in uns. Wir, und damit meine ich alle die, die ihre Heimat verlassen haben, verlassen mussten, wie ich selbst auch.
Warum ist unsere Heimat so verbohrt geworden? Warum denken die Menschen jetzt so zerstörerisch? Selbst wenn ich das Gefühl habe, betrogen worden zu sein, rechtfertigt dies in meinen Augen nicht, den Hass zu wählen, den Hass in mein Herz zu lassen. Den einstigen Betrug als Grund für die eigene Veränderung zu nehmen ist doch etwas dürftig, wie ich finde. Denn auch wenn der Betrug über mich kommt, mir vieles wegnimmt, muss ich ja nicht tatenlos verharren. Manche konnten nicht reagieren, manche wollten nicht reagieren. Aber dies darf man nicht vergessen. Die eigenen Entscheidungen.
Allerdings kann ja auch nicht das erklärte Ziel der damaligen Übernahme das Entvölkern der blühenden Landschaften gewesen sein. Nur leider lief es vielerorts genau so ab. Der Großteil der Betriebe, viele der LPG´s machten zu und die Menschen standen da.
Manche reagierten in der Aktion und manche im Stillstand. Kann man das bewerten? Heute. Wenn man die Folgen sieht. Wenn man die Enttäuschung sieht. Denn nicht nur die Strukturen brachen zusammen. Auch die Familien zerfielen und spalteten sich in die Aktionsfähigen und die Zurückbleibenden. Demzufolge machte der Zerfall der Struktur und auch der Zerfall der Familie den Menschen zu schaffen.
Nun kann man sagen, dass dies in strukturschwachen Regionen in vielen Teilen Deutschlands so passiert. Klar. Aber nicht plötzlich und überall. Denn diesen Zerfall in der Struktur und in der Familie traf einen ganzen Landesteil im selben Moment, sprich, diese negativen Geschichten hörst du plötzlich überall. Die meisten Menschen sind dazu gemacht sich das Negative besser zu merken. Leider! Und genau das taten sie. Sie weinten den Gegangenen hinterher und beweinten sich selbst. Wer in so einer Umgebung positiv bleibt, ist zu bewundern!
„Kosakenberg“ ist ein kluges Buch über ein Geschehen, dem sich so manch einer nicht bewusst ist und es ist wunderbar, dass genau dieses Geschehen sichtbar gemacht wird. Denn dieses Geschehen ist eine Ursache für dieses unsägliche Jetzt.
Lesen!!!
kaffeeelse
aus D
5/5
05.01.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Gestern und das Heute…
Das Gestern und das Heute Sabine Rennefanz wirft hier einen Blick auf den Osten, einen Blick auf die verlassenen Landschaften, diese Landschaften, die erblühen sollten. So wurde die Wende so Manchem von uns beschrieben. Manches blüht ja auch. Aber an manchen Stellen ist das Blühen verklungen. Kosakenberg. Ein Dorf in der brandenburgischen Provinz. Flach ist das Land. Weit und breit ist kein Berg zu sehen. Ein Hügel hat diesen Namen erhalten und der Name ist geblieben. So bergig wie blühend ist das Land in Kosakenberg. Kathleen stammt von hier. Aber sie lebt nicht mehr in Kosakenberg. Sie hat es nach London geschafft. Sie ist Grafikerin und sie ist erfolgreich. Rückwärts schaut sie nur mit traurigen und auch verächtlichen Augen. Sie möchte nicht mehr zurück, kommt nur ab und zu und auch da recht widerwillig. Denn dieses Damals hat nichts mehr mit ihrem Jetzt zu tun. Doch ist dies wirklich so? Die versprochenen blühenden Landschaften waren kurz nach der Wende nicht wirklich blühend. Betriebe und LPG´s verschwanden und mit ihr verschwand der Beruf und der Erwerb. Viele Menschen wurden für sie plötzlich von etwas überrascht, was sie nicht kommen sahen. Und mussten sich umentscheiden. Die Wendigen im Kopf taten dies und viele verschwanden zu Lohn und Brot. Sie verstreuten sich. Doch ihre Geschichte nahmen sie mit. Und so finden sich die Erinnerungen an die Kosakenbergs im Osten an vielen Stellen der Erde wieder. Auffallend viele Frauen sind gegangen. An manchen Stellen im Osten bis zu einem Drittel. Und dies macht etwas mit den Zurückgebliebenen, mental, aber auch politisch. Wie man heute mit Befremden feststellt! Kathleen besucht ihre Ursprünge. Sie schaut bei ihren Besuchen umher und wundert sich. Sie schaut auf ihre Vergangenheit, auf die zurückgebliebenen Menschen und bemerkt, dass ihre Vergangenheit immer noch da ist, in ihrem Herz, in ihrem Kopf. Doch warum soll sie auch verschwinden? Viele der Verschwundenen triggert ihre einstige Heimat. Doch warum ist das so? Wie viel Gefühl für die alten Wurzeln ist denn noch da? Genügend! Denn unsere Wurzeln verlassen uns nicht. Wir haben diese Kosakenbergs in uns. Wir, und damit meine ich alle die, die ihre Heimat verlassen haben, verlassen mussten, wie ich selbst auch. Warum ist unsere Heimat so verbohrt geworden? Warum denken die Menschen jetzt so zerstörerisch? Selbst wenn ich das Gefühl habe, betrogen worden zu sein, rechtfertigt dies in meinen Augen nicht, den Hass zu wählen, den Hass in mein Herz zu lassen. Den einstigen Betrug als Grund für die eigene Veränderung zu nehmen ist doch etwas dürftig, wie ich finde. Denn auch wenn der Betrug über mich kommt, mir vieles wegnimmt, muss ich ja nicht tatenlos verharren. Manche konnten nicht reagieren, manche wollten nicht reagieren. Aber dies darf man nicht vergessen. Die eigenen Entscheidungen. Allerdings kann ja auch nicht das erklärte Ziel der damaligen Übernahme das Entvölkern der blühenden Landschaften gewesen sein. Nur leider lief es vielerorts genau so ab. Der Großteil der Betriebe, viele der LPG´s machten zu und die Menschen standen da. Manche reagierten in der Aktion und manche im Stillstand. Kann man das bewerten? Heute. Wenn man die Folgen sieht. Wenn man die Enttäuschung sieht. Denn nicht nur die Strukturen brachen zusammen. Auch die Familien zerfielen und spalteten sich in die Aktionsfähigen und die Zurückbleibenden. Demzufolge machte der Zerfall der Struktur und auch der Zerfall der Familie den Menschen zu schaffen. Nun kann man sagen, dass dies in strukturschwachen Regionen in vielen Teilen Deutschlands so passiert. Klar. Aber nicht plötzlich und überall. Denn diesen Zerfall in der Struktur und in der Familie traf einen ganzen Landesteil im selben Moment, sprich, diese negativen Geschichten hörst du plötzlich überall. Die meisten Menschen sind dazu gemacht sich das Negative besser zu merken. Leider! Und genau das taten sie. Sie weinten den Gegangenen hinterher und beweinten sich selbst. Wer in so einer Umgebung positiv bleibt, ist zu bewundern! „Kosakenberg“ ist ein kluges Buch über ein Geschehen, dem sich so manch einer nicht bewusst ist und es ist wunderbar, dass genau dieses Geschehen sichtbar gemacht wird. Denn dieses Geschehen ist eine Ursache für dieses unsägliche Jetzt. Lesen!!!
Bewertung
5/5
12.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
sehr schön geschrieben!
Ein beeindruckender Schreibstil, immer wieder baut die Autorin eine unvergleichliche Atmosphäre auf, aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft malt sie Bilder.
Achtung, mit dem gespannten Bogen werden hier Pfeile verschossen, möglicherweise treffen sie dich ins Herz.
Lara
5/5
11.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Buch für alle, die es von der Heimat in die weite Welt verschlagen hat
Ein wirkliche tolles Buch. Ich konnte viele Situationen sehr gut nachempfinden. Ich habe das Buch innerhalb weniger Tage gelesen. An vielen Stellen musste ich lachen! Ich kann es jedem, der aus einer Kleinstadt oder einem Dorf kommt und in die Stadt gezogen ist empfehlen!
Goldjuli
5/5
02.06.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Cover dieses Buches ist…
Das Cover dieses Buches ist mir nicht sofort uns Auge gesprungen aber es hat schon etwas außergewöhnliches ansich. Rein von der Optik war ich jetzt nicht sofort hin und weg. Im Nachhinein bin ich allerdings sehr froh das ich es gelesen habe. Beim Lesen bin ich super gut in die Geschichte hinein gekommen. Die Autorin hat die Charaktere super gut ausgearbeitet und man konnte so sehr mit ihnen mitfühlen. Es geht um die Protagonistin Kathleen die zwischen ihrem neuen Leben in London und ihrer alten Heimat der sie entflohen ist wo allerdings ihre Mutter noch lebt hin und her pendelt. Kathleen ist nach ihrem Abitur zum studieren nach Berlin gezogen und hat ihre alte Heimat hinter sich gelassen. Bei den Besuchen in Ihrer alten Heimat ist Kathleen sehr frustriert das sich Ihre Eltern nicht für ihr neues Leben interessieren. Auch die einst so gute Freundschaft zu Nadine verändert sich. Die Handlung erstreckt sich über 15 Jahre. Es ist ein gut geschrieben Buch das ich sehr empfehlen kann es zu lesen und es wird für mich bestimmt nicht das letzte Buch der Autorin gewesen sein
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5/5
29.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieser Roman hat Tiefgang und...
Dieser Roman hat Tiefgang und spricht eine große Leserschaft an bzw. spricht ihr aus dem Herzen. Es ist ein Buch mit hohem Wiedererkennungsfaktor, in dem es ums Weggehen und verlassen geht. Sabine Rennefanz trifft genau den richtigen Ton. Klare Leseempfehlung!
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4/5
29.07.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
10 Heimreisen
Die Frage „Gehen oder Bleiben“ ist universell, doch hat sie sich für viele Ostdeutsche besonders nach der Wende gestellt. Die Protagonistin in diesem Roman ist 1997 nach London ausgewandert. Immer wieder zieht es sie aber nach Kosakenberg in Brandenburg zurück. Dort fühlt sie sich zunehmend fremd. Was bedeutet Heimat? Wie kann man sich vom Ort der Kindheit lösen ohne zu vergessen? Mit stilistischer Sicherheit spürt die Autorin in 10 Heimreisen diesen Fragen nach und findet mögliche Antworten.
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