Res Buhme fasst sich ein Herz. An einem trüben Vorabend zieht er aus, um bei einem säumigen Zahler eine längst fällige Schuld einzutreiben. Der Hochnebel drückt seit Wochen aufs Land. Genauso drückend ist die Situation von Res und seiner Familie. Sie scheinen vom Unglück verfolgt. Es fehlt am Lebensnotwendigsten, um den Winter zu überstehen. Und es fehlt an der nötigen Solidarität unter den Leuten und an kleinen Zeichen des guten Willens, die helfen würden, die Not der Familie zu lindern. Dem Roman vorangestellt ist: »Menschen sind schon früher weggezogen, ins Nachbardorf, in die nächste Stadt, in ein fremdes Land, wenn sie zu wenig zu essen hatten oder um ihr Leben bangten.« Die Hoffnung der Familie, dass in der Stadt ein Neuanfang gelingen könnte, ist groß. Behörden, Kirche und viele Alteingesessene geben den Zugezogenen allerdings wenig Unterstützung und das Misstrauen scheint oft unüberwindbar. Die Familie erfährt aber Solidarität von Menschen, die ihnen unvoreingenommen begegnen und ihre Not wahrnehmen. Dank der Beharrlichkeit von Res und seiner Frau Trudi auf der Suche nach Auswegen und nach etwas Nahrhaftem in der täglichen Suppe und dank der Sympathien, die der gewiefte Sohn Godi im Städtchen genießt, blitzt da und dort ein Hoffnungsschimmer auf. über leben ist ein feinsinniger Roman über das Leben unterschiedlicher Menschen, über Lebensumstände und Versuche, damit zurechtzukommen und darin zu überleben. Im vielschichtigen Bild einer ländlichen Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts erzählt Corinne Ammann von Sehnsüchten, Bedürfnissen, Ängsten und Hoffnungen, die gar nicht so weit entfernt sind von denen heutiger Menschen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bewertung
Book Circle Community
5/5
18.06.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Überlebenskampf pur
„über leben “ von Corinne Ammann:
Die Inhaltsangabe:
Subtil, einfühlsam und zutiefst menschlich zeichnet Corinne Ammann das Bild einer vermeintlich vergangenen Zeit und Gesellschaft. Die Fragen nach Fremde und Zugehörigkeit, nach Schuld und Recht, nach Solidarität und Mitmenschlichkeit verleihen diesem Roman eine hohe Aktualität und Dringlichkeit.
Leichtfüssig sprang Trudi kurz vor Mittag die Treppe hoch und stiess die Tür auf. In der Küche sassen Godi, Sämi und Urseli. Noch unter der Tür fragte sie nach Res.
Ist der Vater nicht da?
Nein, erwiderte Godi. Ist alles in Ordnung? Erst jetzt ging Trudi zu Sämi und umarmte ihn von hinten. Wie schön, ihn wie selbstverständlich mit seinen Geschwistern am Tisch sitzen zu sehen.
Alles kommt gut, sagte sie leise und drückte ihr Gesicht in Sämis warmen Nacken.
Meine Meinung:
Ich durfte dieses Buch “über leben“ mit der Leserunde von BookCircle mitlesen und bedanke mich nochmals herzlich dafür.
Vorab: Es ist kein leichtes Buch, dass uns hier die Autorin präsentiert.
Corinne Ammann hat mit ihrem historischen Debütroman „über leben“, den sie sprachlich herausragend und einfühlsam geschrieben hat, ein ganz tolles und hervorragendes Meisterwerk mit Tiefgang erschaffen. Der kurze, prägnante und flüssige Schreibstil verleiht der Geschichte starke Intensität. Jedes einzelne geschriebene Wort von Corinne Ammann hat dadurch viel mehr Gewicht und lässt so die Geschichte richtig Leben oder eben hautnah miterleben/mitfühlen und mitleiden. Die etlichen Text-Passagen, die in der Mundart-Sprache (im Anhang wurden diese in die deutsche Sprache übersetzt) gehalten sind, empfinde ich dann als auflockernd, authentisch, z.T. heimelig und zugehörig.
Die Thematik der Geschichte ist sehr bedrückend, aufwühlend und emotional und lässt die Leserin und den Leser oftmals sprachlos, traurig und kopfschüttelnd zurück.
In diesem Buch werden auch diverse Handlungen geschildert, die sich 1:1 auf die heutigen aktuellen Dorf/Stadt/Land-Situationen oder auch Alltagsituationen übertragen lassen. Auch wenn es heute sicher nicht mehr so offensichtlich gelebt wird wie damals. Dies regt zum intensiven Nachdenken an.
Für mich war und ist das Buch ein absolutes Lebens-Lese-Highlight (trotz der Thematik, die einen z.T. tief Schlucken lässt) und werde definitiv ein weiteres Buch von Corinne Ammann lesen.
Bewertung
Book Circle Community
4/5
15.06.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
19. Jahrhundert in der Schweiz
Eine arme Familie in einem kleinen Dorf. Der Vater ist Schreiner und hat seit einigen Jahren für einen reichen Bauern im Dorf eine Scheune gebaut und kein dafür bekommen. Jetzt zieht er los und will sein Geld einfordern. Er wird jedoch nur ausgelacht und geht unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Auf dem Weg passiert ein schrecklicher Unfall, weswegen Res - ohne Beweise - beschuldigt wird. Der Lauf der Zeit, die Familie Buhme wird mehr und mehr “gemoppt” und plötzlich brennt ihre Werkstatt. Somit ziehen sie zuerst in ein Armenhaus und von dort in ein Nachbarsdorf, wo sie nur geduldet sind. Traurig - düster die Vorstellung, so ums Überleben zu kämpfen. Mir hat das Buch gut gefallen. Zwischendurch hat Corinne Ammann gekonnt die Stammtisch-Gespräche und den Tratsch auf Mundart geschrieben. Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der gerne etwas zurückschauen will. Das Leben war kein Zuckerschlecken. Es zeigt mir auch wieder auf, wie schön wir es jetzt haben.
Vanessa
aus Gais
4/5
14.06.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Düstere Zeiten
Alles in allem war es ein düsteres Buch, aber auch ein hochinteressanter Einblick in eine Zeit, die noch gar nicht so lange her liegt.
Auch kann man sich wieder ins Bewusstsein rufen, wie privilegiert wir doch sind einfach in einen Supermarkt gehen zu können und in den Korb zu laden, was uns gerade „gelustet“.
Eins bleibt jedoch im Hinterkopf: wie gehen wir mit denen um, die neu in unsere Gemeinschaft kommen? Im Ort, im Dorf und in der Nachbarschaft. Das liegt auch in unseren Händen.
Bewertung
Book Circle Community
4/5
14.06.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Leben im 19. Jahrhundert
Der Roman «über leben» von Schweizer Autorin Corinne Ammann, erzählt die Geschichte von Res Buhme und seiner Frau Trudi, die in ärmlichen Verhältnissen leben und hart arbeiten müssen, um zu überleben. Trotz ihres Wunsches nach Arbeit, um den Winter irgendwie zu überstehen, werden sie immer wieder abgelehnt. Es fehlt an Solidarität und kleinen Gesten des guten Willens, die ihre Not lindern könnten. Die Frage, wie es für sie weitergeht, bleibt spannend.
Res verliert mehr und mehr die Hoffnung, während Trudi stark bleibt und sich für ihre Familie einsetzt. Ihr Mut und ihre Entschlossenheit beeindruckten mich sehr.
Die Darstellung des Alltagslebens und die kurzen, prägnanten Kapitel machen den Roman besonders. Die Verwendung des Berner Dialekts verleiht dem Buch eine authentische Note, kann aber für Leute, die nicht mit dem Dialekt vertraut sind, eine grosse Herausforderung darstellen. Ein Glossar am Ende des Buches hilft zwar, aber Fussnoten wären eine bessere Lösung gewesen.
«über leben» ist ein vielschichtiger Roman über das Leben und Überleben in einer ländlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in der Schweiz. Die Autorin beschreibt Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen, die auch heute noch relevant sind. Ein interessantes Buch, das einen Einblick in vergangene Zeiten und menschliche Emotionen bietet. Ich gebe für dieses Buch 4 von 5 Sternen
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