Produktbild: Die Klavierspielerin. Roman
Band 14567

Die Klavierspielerin. Roman Ein moderner Klassiker

9,00 €

inkl. gesetzl. MwSt., Versandkostenfrei


Beschreibung

Produktdetails

Einband

Taschenbuch

Erscheinungsdatum

16.07.2025

Verlag

Reclam, Philipp

Seitenzahl

360

Maße (L/B/H)

14,7/9,4/1,7 cm

Gewicht

158 g

Farbe

Zitronengelb

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-15-014567-8

Beschreibung

Produktdetails

Einband

Taschenbuch

Erscheinungsdatum

16.07.2025

Verlag

Reclam, Philipp

Seitenzahl

360

Maße (L/B/H)

14,7/9,4/1,7 cm

Gewicht

158 g

Farbe

Zitronengelb

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-15-014567-8

Herstelleradresse

Reclam Philipp Jun.
Siemensstr. 32
71254 Ditzingen
DE

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    Jérôme Wiedenhaupt

    Thalia Hildesheim

    Buchhändler*in

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    5/5

    15.07.2025

    Buch (Taschenbuch)

    „Die Klavierspielerin oder Das Unspielbare im Subjekt“

    Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin" ist ein sprachlicher Gewaltakt – nicht nur inhaltlich, sondern strukturell. Der Roman beschreibt nicht nur die Zertrümmerung eines weiblichen Subjekts unter den Bedingungen von Familie, Sexualität und Kultur, sondern vollzieht diese Destruktion auf der Ebene der Sprache, der Narration, der Figurengestaltung. Wenn Jelinek von Erika Kohut spricht, so tut sie das nicht im Horizont psychologischer Charakterzeichnung, sondern in der Sprache eines symbolischen Gefüges, das mit Jacques Lacan als Struktur des Unbewussten, als Spiel der Signifikanten, als Choreografie des Begehrens lesbar wird. Erika ist keine Figur im herkömmlichen Sinn, keine mimetisch nachvollziehbare Person – sie ist eine Position innerhalb eines Diskurses, eine Verdichtung von Zeichen, ein Symptom. In ihr artikuliert sich nicht Individualität, sondern das Subjekt als Mangel: jene Leerstelle, aus der das Ich überhaupt erst durch Sprache hervorgebracht wird – immer schon vermittelt, immer schon verfehlt. Jelineks Sprache ist keine Beschreibung, sondern eine Verschiebung. Ihre Prosa entwirft nicht eine mimetische Welt, sondern eine, die vom Symbolischen durchdrungen ist. Sie exponiert, was Lacan als „das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache“ gefasst hat: eine Kette von Signifikanten, die das Subjekt einschreibt, ohne dass es je Herrin oder Herr dieser Einschreibung wäre. Erika Kohut ist eine solche Einschreibung: als Tochter, als Frau, als Pädagogin, als Trägerin eines Namens, der nicht ihr gehört, sondern aus der Ordnung des Anderen kommt. Das Zentrum dieser Ordnung ist in "Die Klavierspielerin" zweifellos die Mutter. Nicht als psychologische Figur, sondern als symbolische Instanz. Lacans Vatermetapher – der „Name-des-Vaters“ – fehlt in dieser Konstellation; es gibt keine väterliche Gesetzgebung, kein intervenierendes Drittes, das das Begehren strukturiert und begrenzt. An seine Stelle tritt die Mutter als totalitäre Signifikantin, die nicht trennt, sondern verschmilzt. Ihre Nähe ist keine Fürsorge, sondern ein Einverleiben. Sie lässt Erika keine andere Position im symbolischen Feld als die des Objekts ihres Begehrens – und gerade darin liegt der strukturelle Horror dieser Beziehung. Lacan hat in seiner Theorie des Spiegelstadiums beschrieben, wie das Ich sich im Imaginären konstituiert: durch die Identifikation mit einem äußeren Bild, einem idealisierten Anderen. Erika durchläuft dieses Stadium nicht im Kindheitsalter, sondern in permanenter Reinszenierung: im Spiegel des Badezimmers, in den Blicken fremder Männer, im Schwarz des Klaviers, das ebenfalls spiegelt, jedoch nichts zurückgibt als Leere. Ihre Subjektkonstitution bleibt brüchig, prekär, unstabil. Sie oszilliert zwischen einem sich versagenden Imaginären und einem repressiven Symbolischen, in dem sie keinen Platz findet. Musik, in traditionellen Erzählungen oft Ort der Transzendenz, der Sublimierung des Begehrens, ist hier nichts als Disziplin. Das Konservatorium erscheint als panoptisches Gefüge, als Feld von Bewertung, Konkurrenz und Hierarchie – ein System, das der Lacanschen Ordnung des Symbolischen entspricht: strukturiert durch Regeln, durch Signifikanten wie „Talent“, „Disziplin“, „Virtuosität“. Doch in Jelineks Darstellung wird diese Ordnung zum leeren System. Es produziert keine Subjekte, sondern Automaten, Repetitoren, Funktionsträger. Erika bewegt sich in diesem System nicht als souveräne Künstlerin, sondern als stumm geschalteter Körper, der sich nur durch Verstörung artikulieren kann. Diese Verstörung manifestiert sich in der Sexualität – oder besser: in ihrer Verfehlung. Erika ist unfähig, in einen erotischen Diskurs einzutreten, weil ihr Begehren keinen symbolisch legitimierten Ausdruck findet. Lacan beschreibt das Begehren nicht als unmittelbaren Trieb, sondern als Effekt des Mangels – eines Mangels, der durch das Verbot des Inzests, durch die Einsetzung des Gesetzes, überhaupt erst artikulierbar wird. In Jelineks Welt aber gibt es keine gesetzsetzende Instanz – nur ein unendliches Reinszenieren des Begehrens der Mutter, das Erika nicht erfüllt, sondern zerstört. Ihre sexuelle Devianz – der Voyeurismus, die Selbstverletzung, die Inszenierung von Masochismus – sind keine pathologischen Abweichungen, sondern Versuche, das Reale zu berühren: jenes, was sich jeder symbolischen Ordnung entzieht. Das Reale bei Lacan ist nicht die Wirklichkeit, sondern das, was sich nicht sagen lässt. Es ist der Knotenpunkt, an dem das Symbolische versagt, das Imaginäre zerbricht – und genau dort operiert Jelineks Literatur. Wenn Erika sich in Pornokinos versteckt, ihre Genitalien ritzt oder Walter Klemmer schriftlich zu sexueller Gewalt auffordert, sind das keine Handlungen im klassischen Sinn, sondern Artikulationen eines Begehrens, das nicht symbolisierbar ist. Das Reale bricht hier als Schmerz durch, als Wunde, als Sprachverlust. Walter Klemmer selbst fungiert zunächst als Hoffnung auf symbolische Ordnung: jung, männlich, ehrgeizig – ein möglicher phallischer Signifikant, der Erika einen Platz in einem neuen Diskurs verspricht. Doch auch er wird rasch als Teil desselben Systems entlarvt: Er will Erika nicht als Subjekt, sondern als funktionales Objekt seiner eigenen narzisstischen Konstruktion. In dem Moment, in dem sie sich entzieht – eben nicht durch Liebeswerbung, sondern durch den Wunsch nach Unterwerfung, Kontrolle, Gewalt –, bricht auch für ihn das Symbolische zusammen. Die finale Vergewaltigung ist daher kein „Ausbruch“ aus der Ordnung, sondern deren logische Konsequenz: Das Reale, das nicht verarbeitet werden kann, kehrt als rohe Gewalt zurück. Jelineks Text verzichtet auf Psychologisierung, auf narrative Kausalität, auf Entwicklung. Er ist ein Diskurs, der nicht erzählt, sondern analysiert – nicht im Sinne der Erklärung, sondern der Offenlegung. Das Subjekt, wie Lacan es beschreibt, ist nicht autonom, sondern ein Effekt der Sprache. Und diese Sprache ist in Die Klavierspielerin beschädigt, zersetzt, fragmentarisch. Ironie, Wiederholung, abruptes Abbrechen – all diese Stilmittel sind keine literarischen Spielereien, sondern Verfahren des symbolischen Widerstands. Die Erzählinstanz selbst ist nicht vertrauenswürdig – sie ist ein Echo, eine Stimme ohne Ort, ein Produkt des strukturellen Mangels. So gelesen, ist Die Klavierspielerin keine Geschichte einer Frau, die scheitert, sondern die literarische Inszenierung eines Subjekts, das es nie gegeben hat – das nie ins Symbolische integriert wurde und dessen Sprache daher immer am Rande des Sagbaren operiert. Jelineks Erika ist ein Körper, der spricht, weil er schweigen muss; eine Stimme, die sich selbst auslöscht, weil sie niemals gehört wurde. Die Musik, die sie spielt, ist nicht Ausdruck, sondern Stille. Die Sprache, die sie spricht, ist nicht Mitteilung, sondern Widerstand. Literaturgeschichtlich ist Jelineks Roman ein Bruch – nicht nur mit der Tradition des psychologischen Realismus, sondern auch mit der Vorstellung von Literatur als Medium des Sinns. Die Klavierspielerin ist kein Roman, der etwas über Sexualität oder Gesellschaft „aussagt“, sondern ein Text, der aufzeigt, wie sehr das Sprechen selbst in diese Strukturen verstrickt ist. Jelineks Sprache ist keine Darstellung – sie ist selbst ein Symptom: des Begehrens, das nicht artikulierbar ist; des Realen, das sich in Sprache einnistet, aber nicht auflösen lässt. So verstanden, ist der Roman nicht einfach ein feministisches Manifest oder eine kulturkritische Abrechnung. Er ist ein Lacansches Fallbeispiel – ein Text, der die Topologie des Begehrens nicht illustriert, sondern performt. Erika Kohut ist keine Heldin, keine Opferfigur, kein Fall – sie ist ein Signifikant des Mangels, ein Knoten im Symbolischen, ein Ort, an dem sich das Subjekt verfehlt. Und gerade darin liegt die radikale Kraft dieses Werks: Es bietet keinen Trost, keine Erlösung, keine Wahrheit – sondern nur die präzise Diagnose einer sprachlich strukturierten Ohnmacht.

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