Wie entscheidet sich, welchen Weg jemand im Leben geht, ob er auf der »richtigen« oder »falschen« Seite landet? Welche Rolle spielen dabei Herkunft und Ideologien? Und gibt es überhaupt »gut« und »böse«? Diese Fragen sind ganz aktuell. Aber sie stellten sich auch schon vor 90 Jahren, in der Nazizeit. In diesem Buch berichten zwei grundverschiedene Menschen von ihren Erlebnissen, als wäre alles gerade erst passiert: Otto (geboren 1902) war Kommunist, Herta (geboren 1903) war Nationalsozialistin. Beide lebten später in der DDR und blickten ganz unterschiedlich auf die Träume und Ideale ihrer Jugend zurück. Torsten Harmsen führte als junger Journalist intensive Gespräche mit ihnen und verarbeitet nun, Jahrzehnte später, die authentischen Erinnerungen zu einer bewegenden Reise durch die Umbrüche der deutschen Geschichte - ohne Wertung und mit allen Widersprüchen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Bewertung
aus Alfter
5/5
20.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie wir wurden, was wir sind
Die Protagonisten dieses Buches sind beide um 1900 geboren Otto entsammt einer liberalen Handwerkerfamilie. Er wird Bühnenmaler und steht der Arbeiterbewegung nahe. Mit Aufkommen des Nationalsozialismus stürzt er sich zunächst in den Straßenkampf zwischen Kommunisten und Reichswehr. Später gerät er in den Widerstand gegen das Regime und überlebt mit Mühe und Not, versteckt in Deutschland. Nach dem Krieg wählt er die DDR als Heimat.
Herta ist Tochter einer bürgerlichen Familie, sie besucht eine höhere Schule, lebt aber sehr abgeschottet von der realen Welt. Sie studiert Biologie und will Lehrerin werden. In der Ideologie des Nationalsozialismus findet sie ihre Ideale von Natur, Gemeinschaft wieder und Ausdruck für ihr Gefühl einer Überlegenheit über andere Rassen. Sie bleibt diesen Idealen treu bis zum Zusammenbruch des Reiches, der zugleich den Zusammenbruch ihres Wertesystems bedeutet. In einem Straflager der Russen in der DDR scheint sich ihr ein neuer Lebensweg aufzutun, und auch sie bleibt in der DDR.
Zwei unterschiedliche Leben und die Frage, wie einer wird, was er ist, bewegen dieses Buch. Dabei lässt der Autor die beiden Hauptpersonen – mit Ausnahme weniger erklärender Ergänzungen – ohne Wertung selbst zu Wort kommen. Und sie haben Interessantes, Spannendes, Nachdenkliches und Erschreckendes zu erzählen. Mich hat besonders Herta beeindruckt, die mit großer Aufrichtigkeit über ihren fehlgeleiteten Glauben spricht und reflektiert. Sie gibt viel Anlass darüber nachzudenken, wie sich Ideologien verfangen und böse Früchte tragen können, und das nicht nur bei Menschen, die böse oder von schlechtem Charakter wären. Ihr Beispiel zeigt, dass so etwas jederzeit jedem passieren könnte, nicht weil ihr der Mut fehlt oder die Intelligenz, sondern weil sie ausschließlich einen Ausschnitt der Welt wahrnimmt, der in ihr eine Seite anspricht. Otto entstammt einem ganz anderen Ausschnitt aus dieser Welt, der ihn die Dinge anders wahrnehmen lässt. Vielleicht hat die liberale Erziehung dazu beigetragen, vielleicht sein Sinn für die Kunst, auf jeden Fall aber wohl die vielen Bekanntschaften, die er gemacht hat und die ihn, ähnlich wie bei Herta, nur in eine ganz andere Richtung geprägt haben. Es spielen viele Dinge eine Rolle, den Menschen zu dem zu machen, was er ist. Ich glaube, dass es wichtig ist, aus den Beispielen anderer zu lernen, sich zum Nachdenken anregen zu lassen, mit Empathie zuzuhören, um zu verstehen, und nicht um in erster Linie zu beurteilen, was passiert ist, vor allem was den anderen passiert ist, was häufig impliziert, dass einem selbst das nie passieren könnte. Und dann sind wir schnell vom Urteil zum Vorurteil gelangt.
Insofern ist das Buch wichtig und lesenswert, für alle, die wissen wollen, wie „das“ passieren konnte, und damit „das“ nie wieder passiert.
leseleucht
aus Alfter
5/5
20.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie wir wurden, was wir sind…
Wie wir wurden, was wir sind Die Protagonisten dieses Buches sind beide um 1900 geboren Otto entsammt einer liberalen Handwerkerfamilie. Er wird Bühnenmaler und steht der Arbeiterbewegung nahe. Mit Aufkommen des Nationalsozialismus stürzt er sich zunächst in den Straßenkampf zwischen Kommunisten und Reichswehr. Später gerät er in den Widerstand gegen das Regime und überlebt mit Mühe und Not, versteckt in Deutschland. Nach dem Krieg wählt er die DDR als Heimat. Herta ist Tochter einer bürgerlichen Familie, sie besucht eine höhere Schule, lebt aber sehr abgeschottet von der realen Welt. Sie studiert Biologie und will Lehrerin werden. In der Ideologie des Nationalsozialismus findet sie ihre Ideale von Natur, Gemeinschaft wieder und Ausdruck für ihr Gefühl einer Überlegenheit über andere Rassen. Sie bleibt diesen Idealen treu bis zum Zusammenbruch des Reiches, der zugleich den Zusammenbruch ihres Wertesystems bedeutet. In einem Straflager der Russen in der DDR scheint sich ihr ein neuer Lebensweg aufzutun, und auch sie bleibt in der DDR. Zwei unterschiedliche Leben und die Frage, wie einer wird, was er ist, bewegen dieses Buch. Dabei lässt der Autor die beiden Hauptpersonen – mit Ausnahme weniger erklärender Ergänzungen – ohne Wertung selbst zu Wort kommen. Und sie haben Interessantes, Spannendes, Nachdenkliches und Erschreckendes zu erzählen. Mich hat besonders Herta beeindruckt, die mit großer Aufrichtigkeit über ihren fehlgeleiteten Glauben spricht und reflektiert. Sie gibt viel Anlass darüber nachzudenken, wie sich Ideologien verfangen und böse Früchte tragen können, und das nicht nur bei Menschen, die böse oder von schlechtem Charakter wären. Ihr Beispiel zeigt, dass so etwas jederzeit jedem passieren könnte, nicht weil ihr der Mut fehlt oder die Intelligenz, sondern weil sie ausschließlich einen Ausschnitt der Welt wahrnimmt, der in ihr eine Seite anspricht. Otto entstammt einem ganz anderen Ausschnitt aus dieser Welt, der ihn die Dinge anders wahrnehmen lässt. Vielleicht hat die liberale Erziehung dazu beigetragen, vielleicht sein Sinn für die Kunst, auf jeden Fall aber wohl die vielen Bekanntschaften, die er gemacht hat und die ihn, ähnlich wie bei Herta, nur in eine ganz andere Richtung geprägt haben. Es spielen viele Dinge eine Rolle, den Menschen zu dem zu machen, was er ist. Ich glaube, dass es wichtig ist, aus den Beispielen anderer zu lernen, sich zum Nachdenken anregen zu lassen, mit Empathie zuzuhören, um zu verstehen, und nicht um in erster Linie zu beurteilen, was passiert ist, vor allem was den anderen passiert ist, was häufig impliziert, dass einem selbst das nie passieren könnte. Und dann sind wir schnell vom Urteil zum Vorurteil gelangt. Insofern ist das Buch wichtig und lesenswert, für alle, die wissen wollen, wie „das“ passieren konnte, und damit „das“ nie wieder passiert.
katis zettelchen
aus Salzburg
5/5
05.08.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sehr lesenswerte Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher Ideologien
Zwei Menschen, beide um 1900 geboren, erzählen immer abwechselnd ihre persönliche Geschichte bis in die frühe Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs. Der Autor Torsten Harmsen fungiert eher als Herausgeber und Lektor. Die beiden kennen sich nicht, sie haben beide mit Harmsen gesprochen. So viel zum Gerüst. Es ist hochinteressant, die beiden Leben parallel zu erleben, sie erklärte Nationalsozialistin, er Kommunist. Ich habe schon Bücher gelesen, in denen Kommunisten ihr Leben im Widerstand und unter Verfolgung unter den Nazis beschrieben haben, aber noch keines, in dem eine Nationalsozialistin so offen ihre Entwicklung, ihre Einstellung, ihren Glauben erzählt hat. Sie steht nicht für alle Nationalsozialisten, aber sie ist eine Frau, die mehr ist als eine Mitläuferin, aber keine Täterin im Sinne einer KZ-Aufseherin, sie ist Lehrerin und bildet Schülerinnen zu Lehrerinnen aus, d.h. sie vermittelt die nationalsozialistische Ideologie und das von ganzem Herzen. Sie stellt sich später einige Fragen, sie will Verantwortung übernehmen für das, was sie geglaubt und getan hat, was mehr ist als die meisten eingestehen. Sehr interessant als Grundlage für Diskussionen um Mitschuld, Verantwortung, Schuld usw. Die Erzählung des Kommunisten hat mich weniger überrascht, eben weil es auch nicht der erste Bericht dieser Art ist, den ich gelesen habe. Mich hat auch bei diesem Mann wieder beeindruckt, wie aktiv und weiträumig vernetzt die Kommunisten auch im Dritten Reich waren. In seinem Bericht werden sehr viele Namen von Genossen und Menschen genannt, denen er begegnet ist. Mir sagen die meisten nichts, das Einzige, was ich an dem Buch bemängele, ist, dass es keine Liste der aufgeführten Personen am Ende gibt. Sehr gut hat mir die zeitliche Gegenüberstellung der Kapitel gefallen, ganz besonders spannend die Schilderungen der letzten Monate des Krieges und der Wochen danach, spannend ist auch, dass die beiden in ihrem Wunsch einer „Volksgemeinschaft“ gar nicht so weit voneinander entfernt sind, sie den Gedanken nur ganz unterschiedlich weitergedacht haben. An dieser Stelle ist das Buch auch hochaktuell. Das hat mich sehr an die Tagebücher meiner Tante erinnert. Das Buch liest sich flott, bietet viel Stoff für Diskussionen und ist unbedingt lesenswert.
Bewertung
5/5
21.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Herta und Otto
Ein sehr interessantes, gut recherchiertes Buch über die Zeit des Naziregimes, den Zeitraum davor und auch Jahrzehnte danach.
Es geht um die völlig verschiedenen Biografien zweier Menschen, Herta und Otto, die kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende geboren und sich nie begegnet sind.
Otto war Kommunist und kämpfte lange im Widerstand, Herta dagegen stramme Nationalsozialistin.
Sie verarbeiten und beurteilen ihr Leben am Ende auf ganz unterschiedliche Weise. Besonders Herta hat viel zu bereuen und versteht ihre früheren Ansichten später nicht mehr.
Ein Buch gegen Krieg, das Vergessen und zum Nachdenken, gerade über das momentane Zeitgeschehen.
Für Schulklassen wäre es eine sinnvolle Bereicherung des Geschichtsunterrichts.
Die zwei Protagonisten dieses Buches haben fast das gesamte 20. Jahrhundert durchlebt – und fünf Systeme: Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, DDR und Bundesrepublik. Nach Auskunft des Herausgebers Torsten Harmsen sind ihre – mündlichen und schriftlichen – Aufzeichnungen naturgemäß viel zu umfangreich, als dass man sie komplett auf 240 Seiten unterbringen könnte. Abschnittsweise wäre es sicher interessant, in die gesamten Erinnerungen der beiden Protagonisten hineinzulesen, insbesondere in Bezug auf die DDR-Geschichte. Es ist aber (leider) unschwer nachvollziehbar, dass sich für solch ein mutmaßlich mehrbändiges Erinnerungs-Werk kein Verlag hätte finden lassen. Daher hat Harmsen eine relativ kompakte Kompilation erstellt, die sich sehr flüssig liest und nur von wenigen Anmerkungen unterbrochen wird. Die Texte decken hauptsächlich die zwölf Jahre des ›tausendjährigen‹ Reichs ab; die Zeiten davor und danach werden relativ knapp zusammengefasst. Dadurch gestaltet sich die Lektüre recht dramatisch – und besonders kontrastreich: Denn als KPD-Mitglied zählt Otto zu den Feinden der Nazis, während Herta auf Seiten des Systems steht.
Wie es dazu kam, wie die beiden ihre Rollen Jahrzehnte später reflektieren, wie sie lebten und über-lebten, das macht diesen Bericht interessant und lesenswert. Die beiden mögen Durchschnitts-Charaktere sein; ihre Biografien sind es sicher nicht, sondern eher Extremfälle: Die meisten Zeitgenossen dürften sich eher durchlaviert haben. Besonders Herta ist insofern eine Ausnahme, als dass sie sich einerseits zu ihrer Vergangenheit als Nationalsozialistin bekennt, gleichzeitig aber ihre Irrtümer, ihre Verblendung erkennt. Für Otto war das Kriegsende 1945 dagegen unzweideutig eine Befreiung. Es ist schade, dass man zum Schluss nur noch summarisch erfährt, dass er dann auch im ›Arbeiter- und Bauernstaat‹ DDR alles andere als glücklich war. Aber lohnend ist die Lektüre allemal.
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