Phoenix und ihre Mutter Rain haben China vor Jahren verlassen und sind nach Kanada ausgewandert. Als Rain dort unerwartet stirbt, ist das für die Tochter ein unermesslicher Verlust. Nachdem Phoenix einen Koffer voller Erinnerungen geöffnet hat, die Rain von zu Hause mitgebracht hatte, lässt sie die Frage nicht mehr los, ob sie ihre Mutter eigentlich kannte. Als sie sich in China auf die Spuren der Geschichte ihrer Familie macht, findet sie auch ein Stück von sich selbst. In ihrem emotionalen wie eindringlichen Roman erzählt die chinesische Autorin Zhang Ling von einer Tochter, die die dramatische Lebensgeschichte ihrer Mutter erst nach deren Tod erfährt und dabei begreift, dass es die unausgesprochenen Geheimnisse sind, die ein Leben am tiefsten prägen.
Es gab kaum eine Zeit, in der Phoenix' Mutter Rain nicht bei ihr lebte. Als Phoenix China verließ und nach Kanada auswanderte, begleitete sie ihre Tochter. Als Rain mit 83 Jahren unerwartet stirbt, ist das für Phoenix ein unermesslicher Verlust. In ihrer Trauer findet die Tochter einen Koffer ihrer Mutter - einen Koffer voller Erinnerungen, die Rain von zu Hause mitgebracht hatte - darin zwei alte Fotos und ein geheimnisvolles Fläschchen mit Pulver. Nur ein Gespräch mit Tante Mei, Rains Schwester, verspricht Klärung. Und so steigt Phoenix mit der Asche ihrer Mutter in ein Flugzeug nach China. Was wie die Suche einer Tochter nach den Geheimnissen ihrer Mutter beginnt, wird zu einer überraschenden Reise der Selbstfindung. Zhang Ling erzählt über Jahrzehnte und Kontinente hinweg, von der Gewalt, die Menschen einander antun können, und der Widerstandskraft, die sie beinahe alles ertragen lässt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Lesenswege
5/5
27.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Leben in China im 20. Jahrhundert
Man hört immer wieder von Menschen, die ihre persönliche Geschichte oder Teile davon mit ins Grab nehmen, und durch Zufall kommt sie posthum heraus. So ist es auch bei Chunyu, der Mutter von Feng. Seit zwanzig Jahren leben sie in Kanada, und nach Chunyus plötzlichem Tod findet Feng heraus, dass ihre Mutter nicht die Person war, die sie vorgab zu sein. In China gibt es noch eine Schwester der Mutter, auch schon sehr alt, und Feng begibt sich auf eine Reise in ihre Vergangenheit in der Hoffnung, von ihrer Tante Mei die Geheimnisse ihrer Mutter zu erfahren. So beginnt Zhang Lings Roman. Was dann folgt, ist die ereignisreiche wechselvolle chinesische Geschichte des 20. Jahrhunderts, in der Chunyu wenig erspart geblieben ist - kein Wunder, dass sie ihre Tochter damit nicht belasten wollte. Aber nicht nur das, denn hinter allem, was Feng über ihre Mutter, deren Familie und ihren längst verstorbenen Vater herausfindet, der auch nicht mit Glück gesegnet war, zeigt sich zudem eine ganz andere Frau als die, mit der sie die meiste Zeit ihres Lebens zusammen gelebt hat. Und Feng überkommen Selbstzweifel, denn Vieles hat sie ganz anders wahrgenommen, als es sich nun darstellt.
Wie ein Puzzle, dessen Teile über Zeiten und Länder verstreut sind, setzt Feng das Leben ihrer Mutter zusammen. Zhang Ling hat die persönlichen Schicksale von vier Menschen und einigen Nebenfiguren so in die chinesische Geschichte des letzten Jahrhunderts eingewebt, dass alle Phasen und Aspekte illustriert werden, und das zu lesen ist nicht immer angenehm, denn Fengs Eltern und ihre Tante haben Dinge erleben und erleiden müssen, die man niemandem wünscht. Dennoch bin ich durch die Seiten geflogen, denn das Buch ist süffig geschrieben, sie erzählt ihre Geschichte sehr eindrücklich und spannend bis zum Schluss. Stilistisch ist sie sehr geschickt aufgebaut, indem sie mit Chunyus Tod in Toronto beginnt und zunächst erzählt, sie deren Leben in den letzten 20 Jahren in Kanada war und wie Feng mit dem Verlust der Mutter zurechtkommt.
Nach einigen Monaten bricht die Tochter nach China auf. Von dieser Reise und ihren Erkenntnissen dort berichtet sie ihrem Ehemann, der in Toronto zurückbleibt, in E-Mails. Gleichzeitig zeichnet sie alles, was sie erfährt, auf, um nichts zu vergessen, aber auch, um es in einem ersten Schritt zu verarbeiten, zu verdauen. Diese Berichte schickt sie ihrem Mann. Dadurch holt die Autorin ihre Leser*innen immer wieder in die Gegenwart und an die Seite Fengs zurück. Der Roman vereint Elemente eines historischen Romans, der Kulturgeschichte, einer Familiengeschichte und sogar die einer kleinen, zarten Liebesgeschichte miteinander und wirft auch Fragen auf, wieweit die Erlebnisse der Eltern das Leben und Werden der Kinder beeinflussen und ob es sie wirklich schützt, wenn ihnen die Vergangenheit vorenthalten wird, oder ob sie nicht stattdessen unidentifiziert umso schwerer auf ihnen lastet.
Der Titel „Wo die Wasser sich begegnen“ mutet auf den ersten Blick ein wenig kitschig an. „Where waters meet“ heißt der Roman im Original. Im übertragenen Sinne könnte es bedeuten „wo am Ende alles zusammenfließt“, das trifft es für mich ziemlich gut. Die sachliche Art der Protagonistin Feng sorgt in Kombination mit dem Aufbau dafür, dass die Story nie ins Kitschige abgleitet, was man bei dem Titel vermuten könnte. Ich habe viele Details gelernt. Wer Interesse an China hat, aber kein Sachbuch lesen möchte, liegt mit diesem Buch genau richtig. Und wer gerne historisch beeinflusste Familiengeschichten mag, sowieso.
Die Autorin Zhang Ling ist selbst 1986 aus China nach Kanada emmigriert. Dieser Roman ist nicht ihr erstes Buch, aber das erste, das sie auf Englisch verfasst hat. Übersetzt wurde es von Susanne Hornfeck, die Germanistin und Sinologin, Übersetzerin und Autorin ist.
V
aus München
5/5
18.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Familiengeheimnisse vor historischem Hintergrund
Ein zunächst ruhig startendes Buch: Rain hat ihre geliebte Mutter Phoenix verloren. Diese ist, nachdem sie zunächst Demenz-bedingt in ein Altersheim umziehen musste, nun dort gestorben. Rain trägt schwer an dem Verlust, ihre Trauer überschattet auch ihre Beziehung zu ihrem Ehemann. Beim Aussortieren der persönlichen Dinge der Toten stößt Rain auf einige ihr unbekannte Gegenstände und macht sich auf die Reise nach China, um dort den Spuren der Geschichte ihrer Mutter nachzugehen.
Ein starkes Buch über starke und tapfere Frauen sowie die Bindungen innerhalb von Familien, vor dem historischen Hintergrund Chinas, das ich gerne gelesen habe.
Martina *Blubie*
aus Schönau
5/5
08.04.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Unkitschige Geschichte von starken Frauen in China
Es ist schon lange her, dass ich einen Roman gelesen habe, der in China angesiedelt ist... vor einigen Jahren habe ich fast ausschließlich Chinesische Geschichten gelesen.
Daher war dieses Buch für mich eine Reise in die Vergangenheit im doppelten Sinne.
Es ist die Geschichte von Rain und Phönix, Mutter und Tochter, die aus China nach Canada flohen und unzertrennlich waren, bis Rain im Pflegeheim hochbetagt stirbt. Phönix ist untröstlich und reist mit der Asche ihrer Mutter nach China. Dort trifft sie ihre alte Tante, die ihr in kleinen Happen von ihrer Vergangenheit und der ihrer Mutter erzählt, vom Krieg gegen die Japaner und vom Bürgerkrieg.
Wir erfahren aber auch Phönixs Kindheits- und Jugendjahre unter Maos Herrschaft. Der Schreibstil bleibt erfrischend undramatisch und ohne Kitsch.
Eine dramatische Geschichte von mutigen und starken Frauen, von Krieg und Diktatur - übersetzt von Susanne Hornfeck.
Absolute Leseempfehlung!
Bewertung
aus Wermelskirchen
4/5
17.06.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Starke Geschichte aus China
"Wir erinnern uns immer an das, was wir vergessen wollen, und vergessen, woran wir uns erinnern möchten.“ (S.32) Die Autorin Zhang Ling erzählt uns in ihrem Roman "Wo die Wasser sich begegnen" die Geschichte der in China geborenen Phoenix, die eigentlich Yuan Feng heißt und vor allem die Geschichte der Mutter Rain, die eigentlich Chunyu heißt. Die beiden sind unzertrennlich und leben in Kanada. Als Rain alt und krank ist, lernt Phönix den Arzt George kennen und heiratet ihn vier Monate später an ihrem Geburtstag. Rain muss aufgrund ihrer Demenz in ein Pflegeheim und verliert langsam ihre wenigen Englischkenntnisse, dafür kommt die Sprache ihrer Kindheit immer mehr zutage. Als sie stirbt, trifft Phönix der Verlust tief und sie beschließt mit der Asche ihrer Mutter nach China zu reisen, um das Leben ihrer Mutter und der Familie aufzuarbeiten.
Hier beginnt die eigentliche Story, denn Phönix trifft ihre Tante Mei, die nach und nach die Familiengeschichte erzählt. Wir erfahren dramatische Geschichten vom Krieg gegen die Japaner und vom Bürgerkrieg und Phönixs Kindheits- und Jugendjahre unter Maos Herrschaft. Das Buch hat mir gefallen, weil die Mutter ein großes Geheimnis mit sich getragen hat und man beim Lesen nach und nach erfährt, was die Mutter alles durchlebt und überlebt hat.
Das Buch hat mich auch beeindruckt, weil man in unserer westlichen Literatur nicht so viel über die chinesische Geschichte liest. Der Roman erzählt nicht nur eine spannende Familiengeschichte, sondern ist auch eine Erinnerung daran, wie wichtig, Herkunft und Erinnerungskultur ist. Obwohl vieles in einer ganz anderen Kultur spielt, fühlt man sich den Figuren nah. Die Sprache ist kraftvoll, sensibel und nüchtern, was der leidvollen Geschichte jeglichen Pathos nimmt.
Große Leseempfehlung!
Sue
aus Uelzen
4/5
31.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sehr empathisch erzählt
"Vaters Tod veränderte die Mathematik aller Dinge - seine eigene Vergangenheit, die Gegenwart seiner Frau und die Zukunft seiner Tochter, in Summe bildeten diese Drei eine neue Wirklichkeit, düster und ungewiss."
Mit "Wo die Wasser sich begegnen" erzählt uns die Autorin Zhang Ling sehr empathisch von der chinesischstämmigen Phoenix, die eigentlich Yuan Feng heißt, und der Aufarbeitung des Lebens ihrer vor kurzem verstorbenen Mutter Rain, die eigentlich Yuan Chunyu heißt.
Auf die Frage ihres Mannes, was sie mit der Asche ihrer Mutter machen möchte, verstummt Phoenix erst einmal. Der Verlust ihrer Mutter trifft sie tief und als sie dann im Koffer ihrer Mutter zwei alte Fotos und ein kleines Fläschchen mit einem seltsamen Pulver findet, sucht sie das Gespräch mit ihrer Tante Mei. Doch um wirklich Klarheit zu bekommen, bleibt Phoenix nur die Reise nach China. So steigt sie mit der Asche ihrer Mutter ins Flugzeug und beginnt ihre Reise in die Vergangenheit.
Zhang Ling hat mich mit ihrer Geschichte gepackt und gefangen genommen. Sehr eindrücklich erzählt sie von der Zeit Rains in einem von mehreren Kriegen und der Kulturrevolution gebeutelten China. Einem Land, in dem die Menschen Unsägliches auszustehen hatten, in dem Menschen anderen Menschen schlimmste Gewalt antun und in dem du niemandem vertrauen kannst, da jeder nur an seinen Vorteil denkt.
Was mich an diesem Buch ein wenig gestört hat, waren die Mails, die sich Phoenix mit ihrem Mann geschrieben hat. Diese störten mich persönlich etwas im Fluss und meiner Meinung nach, hätte es diese Mails nicht gebraucht, denn die Geschichte der Mutter, ihr Lebens- und Leidensweg wurde dadurch immer etwas verdrängt. Aber vielleicht geht das auch nur mir so damit.
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5/5
28.04.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Verbunden bleiben
Phoenix lebt zunächst mit der innig geliebten Mutter Rain zusammen, der Verlust des Ehemannes und Vaters und schreckliche Erlebnisse im Heimatland China, haben sie nahe rücken lassen. Phoenix heiratet in Kanada, nach und nach wird das Leben zu dritt harmonisch, auf liebevolle Art integriert man einander. Rain stirbt, Anlass für die Tochter den Inhalt des Koffers aus der alten Heimat zu sichten und nachzuforschen, was ist damals passiert, welches Geheimnis ist noch verborgen. Ein Roman, berührend und klug. Satzschätze sind zu finden, die man nicht vergessen möchte.
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