»Ich hatte einmal sieben Väter in sieben Jahren. Dies hier ist die Geschichte über jene Zeit. Wenn etwas davon erfunden klingt, kannst du sicher sein, dass es wahr ist.«Weihnachten 1983 in Schweden: Der siebenjährige Andrev erfährt, dass sein »Papa« gar nicht sein leiblicher Vater ist. Der lebt weit entfernt und hat lange schwarze Haare. Wie ein Indianer. Andrev ist sich seitdem sicher, dass er bald kommen wird, um ihn mitzunehmen. Stattdessen kommen jedoch nur sechs weitere Väter, die nicht die seinen sind.Eine wilde Geschichte über das Aufwachsen in den 1980er Jahren, über Mütter, die »Scheißkerle« küssen, über einen skalpierten Hamster, die Liebe, vor allem aber über Männer.Ungekürzte Lesung mit Shenja Lacher8h 19min
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4.0/5.0
Bewertung
4/5
24.01.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erwachsenwerden mit unterschiedlichen Vätern ist schwer
„Ich weiß nicht, wie es mit Papas anfängt und aufhört, aber bald schon werde ich begreifen, dass die Familiengrenzen lose sind und Papas binnen kurzer Zeit herein- oder hinausschlüpfen können.“ (S. 53)
Weihnachten 1983, irgendwo in den schwedischen Wäldern.
Während draußen leise der Schnee fällt, zerbricht drinnen eine Familie. Inmitten eines Streits erfährt der siebenjährige Andrev, dass sein Vater nicht sein leiblicher Vater ist. Sein echter Vater lebt weit weg und hat lange dunkle Haare. Er wird für Andrev sofort zur Projektionsfläche für alle seine Träume.
Für einen Moment fühlt sich diese Wahrheit wie Magie an. Wie der Anfang eines Abenteuers. Wie das Versprechen auf ein anderes, besseres Leben. Doch statt eines Märchens folgt die Realität: Keine Rettung, kein Zauber, keine Ankunft. Nur neue Männer, die kommen und gehen und ein Junge, der lernt, was Verlust wirklich bedeutet.
„Ich weiß, dass ich die Art von Kind bin, bei der andere Leute Gänsehaut bekommen. Es ist schwer, mich zu lieben, für alle bis auf eine […]“ (S. 148)
Das ist nur einer der vielen Sätze in dem Buch, bei dem ich den siebenjährigen Andrev am liebsten in den Arm genommen und getröstet hätte. Denn er ist fest davon überzeugt, dass keiner ihn wirklich lieben kann, außer seiner Mutter. Der Abend, an dem er erfährt, dass der „Pflanzenmagier“ nicht sein echter Papa ist, stellt einen Schicksalsabend dar. Von da an muss Andrev mit den wechselnden Freunden seiner Mutter klar kommen – den Ersatzvätern. Seiner Mutter würde ich durchaus ein Händchen für besonders toxische Männertypen attestieren.
Mit großer Fantasie gibt der kleine Andrev den „Papas“ Namen. So gibt es in seiner Realität z.B. nur den Künstler, den Dieb oder den Kanuten. Ich hatte das Gefühl, dass er durch diese Namensgebungen die Männer nicht so sehr an sich heranlassen muss.
„Scheißkerle“ ist ein stark autobiofiktionaler Roman. Andrev Walden verarbeitet darin seine eigene Kindheit in Schweden. Dabei verweist er schon zu Beginn des Buches darauf, dass „wenn etwas erfunden klingt, kannst du sicher sein, das es wahr ist“.
Der Stil ist humorvoll und direkt und es wird aus der Perspektive eines Kindes erzählt, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Das Buch handelt vom Aufwachsen mit verschiedenen Vätern und der Suche nach dem eigenen Vater und der eigenen Identität. Vermutlich wollte der Autor dadurch auch ein Stück weit seine eigene Kindheit verarbeiten.
Der Roman hat in Schweden den renommierten August-Preis erhalten, der seit 1989 jährlich von der schwedischen Verlegervereinigung verliehen wird.
Es ist eine leise, berührende Geschichte über Herkunft, Hoffnung und das Erwachsenwerden zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die ich gern gelesen habe und Fans von emotionalen Familiengeschichten werden dabei sicher auf ihre Kosten kommen.
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4/5
04.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Jenseits von Hygge
Scheißkerle ist der Sammelbegriff für die Männer, die Andrev an Vater statt vorgesetzt werden. Die Mutter ist eher ein Blatt im Wind als eine selbstbestimmte Frau, die Auswahl der Kerle lässt deutlich zu wünschen übrig. Es herrschen diverse widrige Umstände, je nachdem, welcher Mann gerade das Sagen hat. Alkohol in ungesunden Mengen, Obdachlosigkeit, sexuelle und häusliche Gewalt prägen das Aufwachsen des Jungen. Seine Hoffnung setzt er in das Erscheinen seines leiblichen Vaters, wie ein Indianer soll er sein sagt die Mutter, diese überraschende Information trägt er als Kleinod in seinem Herzen. Das Buch hat in Schweden den August-Preis erhalten. Die desaströsen Zustände werden durch den Galgenhumor etwas entschärft. Ein lesenswertes, für die schwedische Literaturlandschaft ungewöhnliches Buch.
Was für ein großartiges Buch erzählt im Stil eines Heranwachsenden! Die Scheißkerle sind die unterschiedlichen Männer, zu denen seine Mutter, einer Alt-68er, Beziehungen hat, von denen aber keiner sein Vater ist. Andrev sehnt sich nach seinem Vater und hat die unterschiedlichsten Vorstellungen von ihm, während seine Mutter von einer toxischen Beziehung in die nächste wandert und nicht aus ihrem prekären Leben herausfindet. Eigentlich tieftraurig, aber wunderbar leicht erzählt; eine absolute Leseempfehlung!
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