Wenn du weißt, dass du für jemanden die ganze Welt bist Als Pina mitten auf der Straßenkreuzung zusammenbricht, hat sie nur einen Gedanken: Wer kümmert sich jetzt um Leo? Ihr Sohn ist zwanzig Jahre alt und lebt in seiner eigenen Welt, die außer ihm nur Pina kennt. Morgens verlässt er das Bett erst, wenn eine grüne Blase in seiner Lavalampe aufsteigt. Wenn er Treppen geht, dann in seinem eigenen Rhythmus: immer zwei Schritte vor und einen Schritt zurück. Die übrigen Hausbewohner verstehen den merkwürdigen Jungen nicht. Die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, der resignierte Einsiedler Wojtek und die lebensmüde Seniorin Inge haben mit sich selbst schon genug zu tun. Doch jetzt liegt Pina auf der Intensivstation und Leo ist zum ersten Mal allein in der Wohnung. Die Nachbarn sind in Schockstarre. Sie können doch wohl nicht zuständig sein! Aber Leo braucht sie. Und während diese ungewöhnliche Truppe durch einen völlig neuen Alltag stolpert, realisiert jeder Einzelne von ihnen: Sie brauchen Leo auch.
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Nah am Leben entlanggeschrieben
MarieOn am 01.06.2026
Bewertungsnummer: 3155122
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Leo liegt noch im Bett, als Pina in die Küche kommt. Sie schaltet die Kaffeemaschine ein und drückt zwei Tabletten aus dem Blister. Sie spürt Leos Blick im Rücken. Es muss also die grüne Blase in der Lavalampe aufgestiegen sein. Sie dreht sich um und sieht die blonden Haare ihres zwanzigjährigen Sohnes in alle Richtungen abstehen. Er sieht aus wie ein Rockstar nach durchzechter Nacht. Leo setzt sich und rückt mit dem Stuhl so nah an den Tisch, dass er zwischen Lehne und Kante press sitzt. Er nimmt die Frostiespackung, stellt sie wieder ab, rückt die Müslischale akkurat in die Mitte des weißen Kreises der blauen Wachstischdecke, nimmt die Packung wieder auf, schüttet bis zur Hälfte ins Porzellan und füllt mit Milch auf. Dann beginnt das Warten darauf, dass die Brocken einweichen und Pina sieht auf die Uhr. Nach dem Frühstück mahnt Pina zur Eile, was keinerlei Sinn ergibt, denn je mehr Druck sie macht, desto fahriger wird Leo. Pina weiß, dass Harry, der Fahrer der Behindertenwerkstätte exakt eine Pall-Mall-Länge wartet, länger nicht. Im Treppenhaus steigt Leo zwei Stufen nach unten, eine wieder herauf. Pina kann dem Ritual nur beiwohnen, wenn sie Leo unterbricht, hakt etwas in seinem Kopf aus und schleift und das sorgt dann für richtig schlechte Laune. Wie jeden Morgen erreicht Pina Harry in letzter Minute und atmet auf, als Leo einsteigt. Jetzt kann sie zum Callcenter laufen.
Nach der Arbeit hetzt Pina nach Hause. Auf den letzten Metern hört sie schon das hysterische Geschrei der glatzköpfigen Tochter des Hauseigentümers. Pina rennt panisch auf Harry zu, der die Vermietertochter ignoriert. Dieser Scheißbus, der sie jede Nacht aus dem Schlaf stinkt. Er solle doch vier Meter weiter halten, weil sie ihm sonst seine Scheißreifen zerstechen wird. Als Harry die Tür öffnet, zieht Leo alle Register seiner Erregung. Schnelle Atmung, Händeschütteln. Lauter Protest „Oh ne, oh ne Scheißreifen, Scheißbus!“ Dann erreicht er die nächste Eskalationsstufe, läuft vor und zurück und schreit „Ficka, Huansohn“. Die Glatzköpfige stapft die Stufen hoch und verschwindet maulend im Hausflur. Pina versucht den Tag zu retten.
Fazit: Vera Zischke, Journalistin und Autorin, hat nach ihrem Debüt „Ava liebt noch“ wieder nah am Leben entlanggeschrieben. Und diesmal klingt es, als plaudere sie aus dem Nähkästchen. Ihre alleinerziehende Protagonistin stemmt die Sorge um ihren autistischen Sohn und den Lebensunterhalt. Dann wird sie ernsthaft krank und als Notfall in die Klinik eingewiesen. Drei Nachbarn weigern sich zuerst akribisch in die enge Wahl derer gekommen zu sein, die Leo versorgen müssen und zeigen Unverständnis für seine Eigenarten. Aber Leo ist nicht nur eigenartig, sondern auch bezaubernd und so wächst nach und nach das Verantwortungsbewusstsein der unfreiwilligen Gemeinschaft. Die Geschichte zeigt, wie wir uns verändern könnten, wenn wir Inklusion nicht nur zuließen, sondern leben würden. Eine ganz fein ausgearbeitete, bewegende Geschichte mit viel Gespür und Kenntnis des frühkindlichen Autismus. So gelungen hat mir in einem Buch noch niemand gezeigt, was im Kopf und Nervensystem eines autistischen Menschen vorgeht, wenn die Routine durchkreuzt wird und es anfängt im Getriebe zu harken. Absolute Leseempfehlung für alle, die sich berühren lassen möchten.
Leo, 20, Busfahrer
S. L. aus Berlin am 29.05.2026
Bewertungsnummer: 3152706
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Das Unglaubliche geschieht: Pina hat einen schweren Unfall, wird ins Koma versetzt. Niemand erfährt davon. Nicht einmal ihr 20jähriger, autistischer und auf ihre Hilfe angewiesener Sohn Leo. Im Haus wohnen noch die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, der Einsiedler Wojtek und die lebensmüde 86jährige Inge. Aber: was haben sie mit Leo zu tun? Alle haben genug eigene Probleme.
Vera Zischke schildert die Charaktere der anderen Hausbewohner detailliert. Sehr glaubhaft, sehr vorstellbar. Einige Verhaltensweisen kommen dem Leser bekannt vor.
Wie die Entwicklung verläuft und die Gedankengänge von Zola, Inge und Wojtek werden verfolgt. Man hofft das Beste …
Die Autorin stellt die Frage, worum es wirklich im Leben geht. In einer Welt, in der Viele möglichst für sich bleiben. Soziale Abkapslungen und Kälte spürbar sind. Auch hier möchten die Bewohner gern Verantwortung abgeben. Ein so nicht voraussehbarer Prozess wird in Gang gesetzt.
Nachdenklich machend, emphatisch geschrieben, emotional mitnehmend.
Lesenswert.
Meinung aus der Buchhandlung
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Dieses Buch hat etwas ganz tief in mir berührt. Pina in ihrer unfassbaren Stärke, Leo, der in seiner ganz eigenen Welt lebt, die die wenigsten auf den ersten Blick verstehen, und die Nachbarn, die alle ihre Päckchen zu tragen haben und trotzdem ihre Kompfortzone verlassen müssen.
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Eine bunt zusammengewürfelte, etwas schräge Hausgemeinschaft übernimmt von jetzt auf gleich die Verantwortung für ihren autistischen Nachbarn. So schön und liebevoll erzählt. Ein Buch das gute Gefühle hinterlässt.
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