Niewiedervereinigung - Eine Nachwendekind-Abrechnung mit dem Mythos der deutschen Einheit.
Paula Fürstenberg ist wütend. Wie allen Nachwendekindern hat man ihr im Einheitstaumel blühende Landschaften und Antifaschismus versprochen. Die Realität sah anders aus: Arbeitslosigkeit, Abwanderung und rechte Gewalt. Und heute: eine rechtsextreme Partei, die nur zu gerne die patriotische und nationalistische Idee der inneren Einheit aufgreift. Aber so war das doch nicht gemeint mit Deutschland einig Vaterland - oder doch?
Am 3. Oktober 1990 sind zwischen all den schwarz-rot-goldenen auch etliche Reichsflaggen zu sehen. Und während die Menschen am Brandenburger Tor Freudentränen vergießen, prügeln sich über tausend Neonazis durch das frisch vereinte Land. 1987 in Potsdam geboren, wächst Paula Fürstenberg in den Baseballschlägerjahren auf.
Entlang ihrer Biografie erschreibt sie die Leerstellen unserer Erzählung der deutschen Einheit, die bis heute als Sternstunde der Demokratie gefeiert wird - die man aber auch als Geburtsstunde eines neuen Nationalismus betrachten kann. In ihren scharfsinnigen, mal polternden, mal zarten Zwischenrufen kommt sie zur Überzeugung: Wir müssen gar nicht zu einem Volk zusammenwachsen. Viel wichtiger ist eine Sprache, die der deutschen Vielfalt gerecht wird.
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gaia
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18.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Auf dem Weg zur inneren Einheit verloren gegangen
Selten musste ich so stark mit mir hadern, ob eine Rezension persönliche Informationen zu mir enthalten sollte oder nicht. Ich habe mich dafür entschieden, weil dadurch die Einordnung des nun gleich Gesagten hoffentlich ein zusätzliches Gewicht bekommt, einen zusätzlichen Dreh.
Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987, ostsozialisiert, legt mit „Niewiedervereinigung“ einen politischen Langessay zum Thema 89/90, oder wie es viele nennen die „Friedliche Revolution“ und „Die Wende“, die „Deutsche Wiedervereinigung“ vor. Darin formuliert sie nicht nur 100, sondern ganze 161 Zwischenrufe, die hinterfragen, wie die letzten 37 Jahre seit Beginn der Demonstrationen in der DDR bis heute mit einem Höchststand an Zuspruch für eine offen rechtsradikale Partei gelaufen sind – was gut gelaufen ist und vor allem was schiefgelaufen ist. Sie beleuchtet das Aufwachsen als Nachwendekind in den sogenannten Baseballschlägerjahren nach der Vereinigung von Ost- und Westdeutschland. Sie gibt Antworten auf das Warum, wenn immer wieder gefragt wird, warum denn nun gerade die Ostdeutschen sich zu der rechtsradikalen Polemik hingezogen fühlen und das das gar nicht nur so ist, sondern es ähnliche Tendenzen auch in Westdeutschland gab und gibt. Und sie zeigt Wege auf, um nicht nur politisch, sondern auch innerlich, sprachlich mit einer Sprachlosigkeit um diesen Themenbereich umzugehen.
Die Autorin und ich sind ein Jahrgang. Auch ich bin ostsozialisiert. Auch ich bin in diesen Nachwendejahren aufgewachsen, nur dass ich damit nicht Baseballschläger, sondern Schlagring, Butterflymesser und Kartoffelkanone mit der Aufschrift „88“ verbinde. Und ich erlebte und erlebe es aus einem anderen Blickwinkel, war ich doch eine von den „Alternativen“ der linken Subkultur mitten in einer Familie von Rechtssympathisanten und einem offen rechtsradikalen Bruder. Wie wichtig, dass Paula Fürstenberg erwähnt, dass selbst das damals gängige Wort der „Alternativen Szene“ heutzutage so nicht mehr genutzt werden kann, haben es ja nun ganz andere Leute für sich okkupiert. Wie so viele andere Begrifflichkeiten, wie zum Beispiel der „Dritte Weg“ uvw.
Ich persönlich bin in Fürstenbergs Zwischenrufen während der Lektüre versunken. Oder bin ich in den Erinnerungen an diese Jahre und der Verzweiflung der aktuellen Jahre versunken? Unglaublich klug und gleichzeitig schlüssig und leicht verständlich stellt sie Zusammenhänge her und weist auf Gedächtnislücken und Verdrängtes hin. Dabei geht es gar nicht einmal darum unglaublich viel Neues zu Papier zu bringen, sondern „die unterschiedlichen Ströme zu bündeln“, wie es Max Czollek im Nachwort beschreibt. In politischen Beiträgen, im Feuilleton in Diskussionen wurden diese und ähnliche Argumentationen und Gedanken bereits früher geäußert. Hier finden sie aber eine kraftvolle Bündelung, die ins Mark trifft. Sie hinterfragt, ob es die „innere Einheit“, also „die mentale, geistige, kulturelle, emotionale Seite der Einheit“ überhaupt braucht, ob wir nicht viel eher anerkennen sollten, dass die ost- und westsozialisierten Menschen nun einmal unterschiedlich sind und auch sein dürfen und es viel mehr notwendig sei, dies anzuerkennen und damit zu arbeiten. Sie betrachtet die Tendenzen zu „Ostlob“ und „Ostbeschimpfung“, die gleichermaßen falsch erscheinen.
Mit dem Begriff „Niewiedervereinigung“ meint sie verschiedene Dinge, die in den Zwischenrufen hergeleitet werden. Warum eigentlich „Wiedervereinigung“ Deutschlands? Zu welchem Deutschland kehrten denn die beiden Hälften zurück mit diesem „wieder“? Dem Hilterdeutschland des Dritten Reichs? Dem Deutschland zu Zeiten Bismarcks? Und hieß es nicht eigentlich immer „nie wieder“, wenn es um Krieg, Faschismus, Antisemitismus und Rassismus ging? Und jetzt bewegt sich dieses nach außen „einige“ Deutschland „wieder“ genau in diese Richtung.
Könnten nun einige Leser:innen voreilig denken, dass dieses „links-grün-versiffte“ Nachwendekind die DDR und die Jahre danach durchweg kritisiert, dann liegen sie falsch. Denn Paula Fürstenberg geht immer wieder sehr wertschätzend mit den Menschen, ihren gebrochenen Biografien, ihren Errungenschaften und Wünschen um. Sie zeigt auf, wie eine andere Sprache für die weit verbreitete Sprachlosigkeit gefunden werden kann und wann es einfach keine Sprache gibt für manche Sachverhalte. Sie lässt viele Zeitgenossen:Zeitgenossinnen, Denker:innen und Künstler:innen zu Wort kommen und befindet sich durchgängig im literarischen Gespräch mit ihnen.
Dieser Text gibt den Lesenden unglaublich viele Denkanstöße und vor allem Diskussionsanstöße mit, um mit ihrem sozialen Umfeld ins Gespräch zu kommen. Um mit Eltern, Geschwistern, ost- und westsozialisierten Freund:innen die eigenen Erfahrungen zu besprechen und nach Möglichkeiten für eine Zukunft zu suchen. Und würden einige Berufspolitker:innen das Buch lesen, bekämen sie sicherlich auch noch einmal sehr deutlich dargelegt, was es bräuchte, um eventuell und ganz vielleicht das Ruder noch herumzureißen, bevor wir uns in diesem nun vereinigten Deutschland wieder auf den Weg hin zum Faschismus machen.
Ach meinem persönlich Geschmack hätte es das Nachwort durch den ebenso 1987 geborenen und ostsozialisierten Max Czollek nicht zwingend gebraucht. Aber nun ist es einmal da und hat ebenso seine Berechtigung und Mehrwert.
Ich kann dieses niemals trockene, niemals sperrige, sondern immer aufschlussreiche und um erfrischende Gedanken reiches Buch einfach nur jedem und jeder empfehlen. Egal ob ost- oder westsozialisiert, egal welcher Generation sie angehören, dieses Buch verdient eine große Leserschaft, die dadurch hoffentlich angeregt wird in die Diskussion und ins Handeln zu kommen.
5/5 Sterne
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