Schellfisch wächst an der Küste auf; zweitausend Bewohner zählt der Ort im Winter, im Sommer kommen ein paar Hundert Urlauber dazu. Doch anders als den Ausflüglern und Touristen tun sich für Schellfisch nach der Schule nur zwei Perspektiven auf: im Stahlwerk zu schuften oder im Vertriebszentrum zu versauern - wie Schellfischs Mutter. Die trägt schwarzen Lippenstift und ernährt Schellfisch mit den Fischstäbchen, die ihre Liebhaber in der Tiefkühltruhe vergessen. Schellfisch wird zum Müllaufsammeln in den Dünen verdonnert und färbt sich die Haare blau. Wenn man für andere unsichtbar ist, kann man aussehen, wie man will, und braucht auch keine Pronomen. Doch insgeheim wünscht sich Schellfisch, beachtet zu werden und aus diesem Leben auszubrechen. Mit Duncan, der im Hospiz die Medikamente der Verstorbenen mitgehen lässt, Céline, die auch im Hochsommer Pelzmantel trägt, und Jeremy, der sich die Schneidezähne hat spitz feilen lassen, bildet Schellfisch eine eingeschworene Truppe - bis Schellfisch eines Tages zu weit geht. Aber auch ohne die Freunde und mit einer frischen Narbe im Gesicht denkt Schellfisch gar nicht erst daran zu kapitulieren, sondern sucht sich einen neuen Platz in der Welt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
Bewertung
5/5
18.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Auf der Suche
Kapitulation auf Kommando ist der zweite Roman der niederländische Schriftstellerin, Lyrikerin und Kulturwissenschaftlerin Nadia de Vries und der erste auf deutsch übersetzte. Darin erzählt uns Schellfisch ihre Geschichte. Sie wächst in einem Dorf an der Küste auf. Dort gibt es als Arbeitgeber nur die Stahlfabrik und das Vertriebszentrum, zumindest für Menschen wie Schellfisch und ihre labile Mutter die alleinerziehen ist, im Vertriebszentrum arbeitet und ständig auf der Suche nach dem Mann für`s Leben, der dann aber immer nur für eine Nacht bleibt.
Schellfisch hält sich für häßlich. Sie ist sehr allein. Ihr Leben im Wohnsilo ist dreckig und grau. An der Förderschule findet sie Anschluß an eine Gruppe von Jugendlichen mit ähnlichem, Hintergrund. Sie verliebt sich in Jeremy, der seinen Bruder Mert durch einen Autounfall verloren hat. Mit der Gruppe erlebt sie ihr erstes Desaster, das sie dazu bringt in die Stadt zu fliehen. Dort wird ihr Leben nicht besser, nur anders. Sie ist Obdachlos und versucht sich mit allen möglichen dubiosen Beschäftigungen am Leben zu erhalten. Auch hier bemüht sie sich verzweifelt irgendwo dazu zu gehören. Schellfisch hat beschlossen sich nicht selbst umzubringen und immer weiter zu machen was sie auch tut.
Nadia de Vries schreibt im Stil eines klassischen Schelmenromans. Die Figur, deren Geschlecht nebensächlich ist, berichte sehr sachlich und unemotional in einer manchmal altmodisch wirkenden Erzählweise von den Grausamkeiten und Erniedrigungen, die Schellfisch widerfahren. Davon wie menschenunwürdig unsere moderne Arbeitswelt sein kann wie mitleidlos ja, grausam Menschen sein können. Sie erzählt eine Geschichte aus einer abstoßenden und fasizierenden Welt, die fremd wirkt und doch direkt vor unserer Haustür liegt.
CanYouSeeMe
Thalia Book Circle Community
5/5
18.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schellfisch
Mit Schellfisch hat Nadia de Vries in Kapitulation auf Kommando eine durchaus ungewöhnliche Hauptfigur geschaffen, die ich jedoch vom ersten Moment an in mein Herz geschlossen habe. Aus Schellfischs Perspektive entfaltet sich eine Geschichte, die trotz ihrer emotional aufwühlenden Themen eine bemerkenswerte erzählerische Distanz wahrt. Gerade dieser Kontrast hat mich besonders beeindruckt: Die Erlebnisse werden mit einer Nüchternheit geschildert, die ihre Eindringlichkeit keineswegs schmälert, sondern sie umso stärker wirken lässt.
Der Schreibstil und die Sprache haben mir ausgesprochen gut gefallen. Das Buch ist dicht, intensiv und voller Eindrücke, die sich festsetzen, ohne dass sie ausführlich erklärt oder emotional eingeordnet werden müssen. Vieles klingt zwischen den Zeilen nach und entfaltet seine Wirkung erst im Nachhall.
Am liebsten hätte ich noch so viel mehr von Schellfisch erfahren. Diese besondere Figur hat mich neugierig gemacht, berührt und nicht mehr losgelassen. Umso schwerer fällt es, sie am Ende der Geschichte wieder ziehen zu lassen. Kapitulation auf Kommando ist für mich ein Buch, das nicht nur durch seine ungewöhnliche Hauptfigur und seine eindringliche Erzählweise in Erinnerung bleibt, sondern auch durch seine einprägsamen Kapitelüberschriften. Allein ihretwegen wird es einen festen Platz in meinem Herzen behalten.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
18.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Packend
Schellfisch wächst in einem niederländischen Küstenort ohne Perspektive auf. Obwohl der Ort auch Touristen anzieht, gibt es für die Bewohner und insbesondere die Jugend vor Ort keine echte Perspektive. Diese bedrückende, aussichtslose Atmosphäre wird sehr schnell deutlich. Der Schreibstil der Autorin gibt das unglaublich gut wieder und so hat mich das Buch schnell gepackt. Es geht sehr heftig zur Sache, unerwartet brutal, dennoch kam es mir (leider) an keiner Stelle übertrieben vor. Schellfisch bewegt sich innerhalb einer Clique, findet dann jedoch auch irgendwann einen Ausweg und zieht weg.
Das Buch hat mich berührt, schockiert und gleichzeitig fasziniert, wie gut die Atmosphäre greifbar wurde. Für mich ein Highlight.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
14.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Unerwartet intensiv, brutal und packend
Das Cover hätte mich ehrlich gesagt überhaupt nicht angesprochen. Zum Glück habe ich trotzdem den Klappentext gelesen und dem Buch eine Chance gegeben, denn sonst wäre mir ein echtes Lesehighlight entgangen.
In „Kapitulation auf Kommando“ von Nadia de Vries wächst Schellfisch in einem kleinen Küstenort auf, in dem die Zukunft wenig verheißungsvoll aussieht und der Wunsch, endlich gesehen zu werden, immer größer wird. Zusammen mit Duncan, Céline und Jeremy, drei ziemlich eigenwilligen Außenseitern, bildet Schellfisch eine verschworene Clique, bis etwas passiert, das alles verändert und Schellfisch zwingt, einen eigenen Weg zu finden.
Allein der Name Schellfisch und die Beschreibung der Freunde haben bei mir die Erwartung geweckt, dass es schräg und skurril wird. Genau das hat mich neugierig gemacht. Und dann hat mich das Buch sofort gepackt. Ich konnte es kaum noch aus der Hand legen und wollte unbedingt wissen, wohin mich diese Geschichte führt.
Allerdings sollte man wissen, worauf man sich einlässt. Der Roman ist stellenweise wirklich rau und brutal. Gewalt ist ein zentrales Thema, und die Geschichte ist alles andere als leichte Kost. Manche Passagen tun beim Lesen richtig weh. Das Buch lässt einen auch nach dem Zuklappen nicht so schnell los.
Besonders gut gefallen haben mir auch die Überschriften. Die sind außergewöhnlich, passend gewählt und geben dem Roman noch einmal eine ganz eigene Note. Überhaupt hat Nadia de Vries eine Art zu erzählen, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat.
Ich bin jedenfalls froh, dass ich mich nicht vom Cover habe abschrecken lassen. Manchmal lohnt es sich eben, einem Buch eine Chance zu geben, das einen auf den ersten Blick gar nicht anspricht. Auf weitere Romane der Autorin freue ich mich jetzt definitiv!
MarieOn
5/5
13.10.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Albtraumhafter Spießrutenlauf
In den letzten Jahren meiner Jugend gehörte ich einer kleinen Truppe von Sonderlingen an. Wir kamen alle aus Familien, die von fragilen Menschen angeführt wurden, und der Großteil unserer Erziehung unterlag dem Zufall. S. 9
Ihre Freunde waren Versehrte, die das wiedergaben, was sie Zuhause gelernt hatten. Auch Schellfisch wurde mit Anfeindungen belegt, das gehörte dazu.
Ihre Familienmitglieder arbeiteten in der Fabrik, die unendliche Rußwolken über die Küste blies oder als Kommissionierer die Waren zum Verkauf bereitstellten. Es gab kein Tageslicht, weder in der Fabrik noch in den Lagern. Ein Tag verging wie der andere und man blieb vom Wechsel der Jahreszeiten weitestgehend unbehelligt. Es gab keinen Kundenkontakt und so bestimmte jeder selbst über seinen Kleidungsstil, die Haarfarbe oder die Größe der Löcher in Lippe, Augenbraue oder Ohrläppchen.
Schellfischs Freund Duncan arbeitete im Hospiz. Er war unter anderem für die Medikamentenentsorgung zuständig und so landeten Valium und Benzodiazepine in seinen Hosentaschen. An guten Tagen teilte er seinen Fund mit Schellfisch und danach waren sie so gechillt wie die Reichen, die für ein Yoga-Retreat viel Geld ausgaben. Celine teilte mit Schellfisch das Sternzeichen. Sie hatte noch keinen Mann geküsst, lag aber schon bei vielen im Bett, unfreiwillig. Um das zukünftig zu vermeiden, trug sie stets ein Messer im Pelzmantel, den sie ganzjährig trug. Jeremy wohnte eine Etage über Schellfisch. Er hatte sich die Zähne spitz gefeilt, nachdem sein großer Bruder bei einem Autounfall ums Leben kam. Der Schuldige war Pim, er hatte das Auto gefahren, sich selbst beide Beine gebrochen und Mert das Genick. Jeremy dürstete nach Rache und trotz dieser Dunkelheit, oder vielleicht deswegen war Jeremy für Schellfisch der schönste Mann auf der ganzen Welt.
Schellfisch ist so hässlich wie die eigene Mutter, die das Kontrastprogramm wählte, sich von ihren zahlreichen Männern lieben zu lassen, weil man im Auge des liebenden Betrachters eben schön wurde, aber die blieben nie lange genug. Meist huschten sie kurz rein, parkten ihre gefrorenen Einkäufe kurz im Gefrierschrank und vergaßen sie nach dem Stelldichein. So wurde Schellfisch verlässlich mit Fischstäbchen und Spinat versorgt.
Fazit: Die Autorin, Lyrikerin, Kulturwissenschaftlerin und Redakteurin Nadia De Vries hat in ihrem zweiten Roman Armut, Klassismus, Queerness, Ausgrenzung und Manipulation verhandelt. Ihr*e Hauptdarsteller*in lebt mit der Mutter in einem 2000 – Einwohnerort an der Küste. Jeder in der Gegend hat die aussichtslose Möglichkeit, in der Fabrik oder im Lager zu arbeiten. Die Gegend ist so düster wie die Zukunftsaussichten. Als Jeremy sich an Pim rächen will, weiht er Schellfisch ein. Sie folgen dem Plan, nehmen Celine und Duncan mit ins Boot, um Pim zu entführen und zu quälen. Als Jeremy merkt, wie sehr Pim selbst unter dem Unfall leidet, wendet sich das Blatt gegen Schellfisch. Was als kräftig lakonische Erzählung begann, wird zum albtraumhaften Spießrutenlauf, als Schellfisch in die große Stadt geht, um eigene Chancen zu verbessern. Leute, so was Heftiges habe ich selten gelesen. In der Stadt zeigt sich erst richtig das Bedürfnis gefallen und gesehen werden zu wollen und die damit entstehende Abhängigkeit. Einige Szenen werden nur angerissen und dann überlässt die Autorin mich meiner eigenen wilden Fantasie. Der Schluss ist ein harter Schlag in die Magengrube und sorgt für ein Unwohlsein, das sich bei mir selten beim Lesen einstellt. Wenn ihr selbst Gewalt erfahren habt, dann rate ich euch von diesem Buch ab. Dies ist ein Buch für alle, die diese versierte, düstere niederländische Literatur lieben. Für alle, die „An Rändern“ von Angelo Tjissens, „Der Sohn des Friseurs“ von Gerbrand Bakker, oder „In ihrem Haus“ von Yael Van der Wouden mochten.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.