Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung - das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Es führt Toto bis nach Paris. Ein wütender, schriller Roman einer großen Autorin über das Einzige im Leben, was zählt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.6/5.0
Bewertung
aus Bonn
5/5
08.07.2015
eBook (ePUB)
Schwache Menschen
Dieses Buch lässt ein wenig die schönen Seiten des Lebens vermissen; dafür ist es aber letztlich auch nicht geschrieben. Die Schriftstellerin beschreibt Charakter, die zerstörerisch, wütend, ängstlich oder völlig kaputt sind - Produkte der Gesellschaft. Sich damit auseinanderzusetzen, ist sicherlich nicht nach jedermanns Geschmackt; muss es aber auch nicht. Oft schonungslos beschreibend ist es ein interessantes, lesenswertes und nachdenklich stimmendes Buch. S. Steinke
J
5/5
12.05.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Real existierendes Glück
Bizarr und grausam, rührend und hoffnungsvoll. Man möchte Totos Hand halten, dem Wesen Halt schenken, dem nichts als Abscheu entgegengebracht wird, das den Verfall der Welt gleichmütig beobachtet - für dessen Schicksal es kein Lichtblick gibt, das sich aber stets mit dem Mittelfinger des Schicksals arrangiert.
Alexia
5/5
11.01.2021
Hörbuch (CD)
Vielen Dank für diese Geschichte
Toto ist vieles, nur nicht normal. Er oder sie, sie oder er hat kein klares Geschlecht und wird erst einmal auf dem Papier zum Jungen abgestempelt. Toto hat keinen Menschen der ihn liebt, behütet, zärtlich zu ihm ist. Im Waisenhaus, in das er schnell abgeschoben wird, wird er wie ein Aussätziger behandelt. Einzeldusche. Ausgrenzung. Misstrauisch beäugt. Ein Freak oder was auch immer, der allein dadurch schon den Hass seiner Umwelt erzeugt, dass er selbst so ein liebevoller Charakter ist. Und Toto versteht nicht warum. Was ist so anders an ihm? Er ist genügsam bis weit über die Schmerzgrenze hinaus. Er ist voller Verständnis für die Bösartigkeiten, die ihm zugefügt werden. Er nimmt alles an. Jede Demütigung, jeden Schlag. Und immer ist da die Hoffnung in ihm, dass es vielleicht auch einmal anders kommen wird. Dass auch ihm Liebe geschenkt wird. Dass es weiter geht. Und so zieht der Hörer voller Hoffnung mit Toto durch dessen Leben. Voller Hoffnung, dass dieser besondere Mensch auch einmal in den Genuss von liebevoller Aufmerksamkeit kommen wird, von Achtung, von Verständnis, von Treue. Aber Toto hat keine Chancen. Denn ein kurzzeitiger Freund aus Kindertagen verfolgt ihn mit seinem unbändigen Hass und versucht alles, um Totos Leben gänzlich zu vernichten.
Taschentücher bereithalten. Ich habe mehr als eins gebraucht. Vielen Dank für das Leben ist ergreifend, macht betroffen, hält einem selbst den Spiegel gnadenlos vor. Berg hat mit Toto eine Figur erschaffen, die rührt, die man in den Arm nehmen, drücken will. Und gleichzeitig bekommt man eine große Wut auf all diese verbohrten sogenannten Normalos, zu denen man sich selbst auch zählen kann, die Toto quälen, ihn wegen seiner Besonderheit ausgrenzen, demütigen, tyrannisieren, verachten. Totos Leid verursacht Schmerzen. Seine Hingabe an das Leben, seine Demut, die kleinen hoffnungsvollen Glücksmomente, all das wirkt tief und bleibend nach. Diese Geschichte ist ein emotionaler Trip, der die ambivalentesten Gefühle erzeugt. Teilweise ein Höllenritt, denn man selbst ist auch nicht ohne Schuld. Das wird einem mehr als klar. Wenn diese Geschichte aber dazu führt, dass man sich und sein Verhalten anderen gegenüber hinterfragt und seine Schwachstellen erkennt und versucht, etwas dagegen zu unternehmen, dann hat sich dieses Buch schon mehr als gelohnt. Es sollte Pflichtlektüre in jeder Schule werden. Der Versuch, ein wenig mehr Menschlichkeit in die Welt zu bringen. Ein besseres Miteinander. Großes Kompliment auch an Gustav Peter Wöhler, der Totos Geschichte die richtige Platt-form bietet.
Bewertung
5/5
05.06.2020
Buch (Taschenbuch)
Ein Plädoyer für die Andersartigkeit - so schonunglos, trostlos und mitten in die Fresse
Sibylle Berg, keiner schlägt dich in der Art, so zynisch, so abgeklärt und doch so mitfühlend, so zerbrechlich zu schreiben. Dieses Buch ist ein wahres Manifest auf dieses oft so unfaire und manchmal auch beschissene Leben. Als krasser Gegensatz dazu steht Protagonist Toto: unschuldig, gutgläubig, hoffnungsvoll, dankbar. Aber das Leben schlägt hier gnadenlos und kaltschnäuzig auf Toto ein. Es ist zeitweise schwer, das Schicksal des zu dicken, zu groß geratenen Waisenkindes ohne eindeutiges Geschlecht zu ertragen. Immer wenn du denkst: Jetzt erfährt Totos Leben endlich die lang ersehnte und verdiente Wendung, kommt es schlimmer als du es dir hättest ausmalen können.
"Warum aber so ein trostloses Buch lesen?" werde ich oft gefragt, wenn ich es in der Buchhandlung empfehle. Nun, das worüber Berg schreibt, ist keine Utopie - es ist allgegenwärtig in den Häusern und Straßen unserer Städte. Nur der tiefschwarze Humor ist es, der dieses Grau(en) des Lebens so erträglich macht. "Vielen Dank für das Leben" ist deshalb so irre (!) gut, weil es genau den subtilen Witz hat, den es braucht, um zu überleben! Lassen Sie jedoch die Finger davon, wenn Sie lesen möchten, dass am Ende alles schon irgendwie gut wird.
Marion Olßon
aus Reutlingen
5/5
23.03.2013
Buch (Gebundene Ausgabe)
Totos Leben!
Toto ist ein ES! Ohne erkennbare Geschlechtsorgane geboren, ist dieser Mensch weder männlich noch weiblich, also in den Augen der normalen Leute, ein Nichts.
Diese Geschichte erzählt von Toto, die in den 60igern in der DDR aufwächst und als Nichts aufwachsen muss, ohne Identität, ohne Liebe.
Die Autorin beschreibt geschickt und gefühlvoll, desillusioniert und wütend, das Leben dieses Mischwesens zwischen Kapitalismus und Kommunismus.
Eine Erzählung, die bewegt und nachdenklich stimmt. Wer sind wir und was sind wir? Und vor allem: Wodurch werden wir das, was wir sind? Ist es wirklich vom Geschlecht abhängig?
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5/5
19.09.2012
Hörbuch (CD)
Voltaires "Candide" reloaded
Auf Seite 392 von Sibylle Bergs neuem Roman "Vielen Dank für das Leben" (oder wahlweise auf CD Nummer 5) findet sich folgende Textstelle:
"Toto war glücklich.
Sie konnte nicht wissen, wie es gewesen wäre, hätte sie von einem geliebt werden können, aber es war müßig, darum zu trauern. Sie konnte auch nicht wissen, wie es gewesen wäre, in einer anderen Zeit gelebt zu haben, als ein ander...er Mensch, oder ein Tier. Man kann alle Möglichkeiten betrauern, die man nie gehabt hat, oder sich daran freuen, dass man kurz aufgetaucht ist aus der Großen Dunkelheit der Unendlichkeit, die sonst immer herrscht, vor der Geburt und nach dem Tod, ein kurzer Moment Licht, das ist doch viel, und Milliarden, Trilliarden Eizellen war nicht einmal das vergönnt.
Meist saß Toto auf dem Bett, wiegte sich hin und her und lächelte. So ein Geschenk, dieses Leben, und wie interessant, dass gerade während ihres Aufenthaltes auf Erden so viel passiert war."
Und was während Totos Aufenthalt auf der Erde so alles passiert ist, ist Gegenstand dieses wunderbaren Romans von Sibylle Berg. Geboren im finstersten Sozialismus der DDR, aufgewachsen in einem lieblosen Waisenhaus, schlägt sich Toto, ein großgewachsener, gutmütiger Hermaphrodit, durch ein Leben, das geprägt ist von Elend, Armut und kurzen trügerischen Andeutungen von Freundschaft oder Liebe. Wie ein neuzeitlicher Candide bekommt Toto ständig eins drauf, wird von anderen Menschen ausgenutzt, geschlagen und verspottet, doch Toto macht immer weiter, stoisch das Schicksal hinnehmend, das ihm/ihr von anderen Menschen aufgedrückt wird.
Ein großer Roman über die Albernheit der menschlichen Existenz, über verpasste Gelegenheiten und über die Frage, wann ein Leben gut ist: Wenn es für einen selbst okay war? Oder zählt nur, was die anderen über einen denken und wie sie einen bewerten?
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5/5
06.08.2012
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sinnsuche
Sybille Berg gehört für mich zu den kritischsten Stimmen moderner deutscher Literatur.Ihr neuer Gesellschaftsroman beginnt im Sommer 1966. Triste,graue DDR, ein im Suff gezeugtes Kind kommt auf die
Welt. Nach dem Tod der Mutter landet es im Waisenhaus. Durch Zufall kommt der junge Toto in den Westen der Republik. Hier entdeckt er seine Gabe: das Singen...
Trotz aller Widrigkeiten schlägt sich Toto mühevoll durchs Leben(der Leser will ihn beschützen und leidet mit den Orten und Gegebenheiten des Protagonisten).
Als Toto Kasimir aus dem Waisenhaus nach vielen Jahren begegnet, erwacht ein Hoffnungsschimmer...
Dieser Roman enthält ausschließlich Kritik; er ist Negation des Lebens selbst!
Frierend , hoffnungslos und von Übelkeit überfallen - Das war mein Zustand, nachdem ich mich durch den Text gekämpft hatte.
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