Das kalte Blut

Roman

detebe Band 24443

Chris Kraus

(12)
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Beschreibung

Zwei Brüder aus Riga machen Karriere: erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen BRD. Die Jüdin Ev ist mal des einen, mal des anderen Geliebte. In der leidenschaftlichen Ménage à trois tun sich moralische Abgründe auf, die zu abenteuerlichen politischen Verwicklungen führen. Chris Kraus erzählt die jüngere Geschichte Deutschlands aus einem aufregend neuen Blickwinkel.

Chris Kraus, geboren 1963 in Göttingen, ist Filmregisseur und Romancier. Sein Kinodebüt ›Scherbentanz‹ (mit Jürgen Vogel, Margit Carstensen und Nadja Uhl) machte ihn zum Shootingstar einer neuen Generation von Filmemachern. Spätere Filme (darunter ›Die Blumen von gestern‹, ›Poll‹) wurden vielfach ausgezeichnet, ›Vier Minuten‹ gewann 2007 den Deutschen Filmpreis als bester Spielfilm. Chris Kraus hat bisher drei Romane geschrieben und ist damit auch international erfolgreich. Der Autor lebt in Berlin.

Produktdetails

Einband gebundene Ausgabe
Erscheinungsdatum 22.03.2017
Verlag Diogenes
Seitenzahl 1184
Maße (L/H) 20/12,5/5 cm
Gewicht 995 g
Auflage 1
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-257-06973-0

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Kundenbewertungen

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Das kalte Blut
von einer Kundin/einem Kunden am 15.09.2021

Es lohnt sich außerordentlich, sich die Zeit für diese 1200 Seiten deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts in Form eines Romans zu nehmen. Die fiktive Lebensgeschichte zweier Brüder beginnt in Litauen und beschwört eine alte, versunkene Welt herauf, beschreibt die Situation der beiden im beginnenden Nationalsozialismus und dan... Es lohnt sich außerordentlich, sich die Zeit für diese 1200 Seiten deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts in Form eines Romans zu nehmen. Die fiktive Lebensgeschichte zweier Brüder beginnt in Litauen und beschwört eine alte, versunkene Welt herauf, beschreibt die Situation der beiden im beginnenden Nationalsozialismus und dann in der noch jungen Bundesrepublik. Ein spannend zu lesender geschichtlicher Einblick in Romanform.[Renate Peter im Juni 2017]

von einer Kundin/einem Kunden aus Brandenburg am 15.05.2017
Bewertet: anderes Format

Umwerfendes Epos, das nicht über Geschichte belehrt, sondern uns Leser das letzte Jahrhundert lebendig und unfassbar spannend näher bringt.

Informativ, erschütternd, unterhaltsam
von einer Kundin/einem Kunden aus Weeze am 14.04.2017

„Das kalte Blut“ offenbart sich dem Leser aus der Sicht von Koja Solm, der 1974 mit einer Kugel im Kopf auf der Hirnstation in einem Münchner Krankenhaus ist und seinem Bettnachbarn, einem Hippie, sein Leben erzählt. Was diesem zunächst noch sympathisch, unterhaltsam und witzig erscheint, wird jedoch zunehmend grausam, desillusi... „Das kalte Blut“ offenbart sich dem Leser aus der Sicht von Koja Solm, der 1974 mit einer Kugel im Kopf auf der Hirnstation in einem Münchner Krankenhaus ist und seinem Bettnachbarn, einem Hippie, sein Leben erzählt. Was diesem zunächst noch sympathisch, unterhaltsam und witzig erscheint, wird jedoch zunehmend grausam, desillusionierend und belastend. „Warum weinen Sie nicht? Ist Ihnen nicht klargeworden, dass Sie, bitte verstehen Sie das nicht falsch, unerträglicher Abschaum sind?“ (S. 478) Die Geschichte beginnt im Zarenreich und erzählt von den beiden deutschbaltischen Brüdern Hub und Koja Solm, die einander in aufrichtiger Bruderliebe zugetan sind: strahlend-extrovertiert der Ältere, empfindsam der Jüngere. Koja möchte wie sein Vater als Künstler leben, doch politische Umbrüche und finanzielle Sorgen verhindern dies. Und so lässt sich Koja in den dreißiger Jahren von seinem großen Bruder Hub in die NS-Bewegung in Lettland und später in Berlin hineinziehen. Koja und sein Bruder werden Nazis und wenig später als SS-Offiziere und Agenten des nationalsozialistischen SD zu Tätern. Die beiden Brüder aus Riga machen Karriere: erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen Bundesrepublik. Beiden Brüdern gemeinsam ist die leidenschaftliche Liebe für ihre Adoptivschwester Ev. Als sich herausstellt, dass Ev jüdische Wurzeln hat, kann Koja, inzwischen Obersturmführer der SS, sie vor der Vernichtung bewahren. Im Lauf der Zeit ist Ev mal Hubs, mal Kojas Geliebte. In der leidenschaftlichen Ménage à trois tun sich moralische Abgründe auf, die zu abenteuerlichen politischen Verwicklungen führen. Nach dem Krieg und seiner Rückkehr aus sowjetischer Gefangenschaft muss sich Koja neu erfinden und verstrickt sich als Doppelagent immer mehr in Verrat und Lüge. Selbst Ev gegenüber, mit der er nach Israel zieht und die nur noch eines will: die Wahrheit über die Täter von damals zu Tage fördern. „Warum glauben immer alle (bis auf Geheimagenten natürlich), dass Ehrlichkeit am längsten währt? Ehrlichkeit hat niemals eine Zukunft, es sei denn, sie lässt sich als List gebrauchen.“ (S. 834) Wer sich auf dieses 1200 Seiten umfassende Werk einlässt, dem wird einiges geboten. Wir haben es hier mit interessanten vielschichtigen Charakteren zu tun, die weder komplett gut noch komplett böse sind. Das Handeln der Personen ist nachvollziehbar oder eben nicht nachvollziehbar, wird den Protagonisten aber zugetraut. Es ist gefühlvoll, herzergreifend, nicht gerade moralisch einwandfrei, manchmal brutal, widerwärtig und abstoßend. Eine Stelle im Buch ließ mich beim lesen erschrocken zusammenzucken. Doch dieser Roman baut nicht auf Schockmomente, auch wenn diese vorhanden sind, sondern vielmehr berührt die Gefühlsvielfalt, die einem diese Personen bieten und durchleben lassen – und vor allem die Informationen, die Chris Kraus hier vermittelt. So hat der Autor diesen Roman parallel neben seiner unveröffentlichten Familiengeschichte verfasst und einen umfangreichen Literatur- und Quellenverweis der Fachbücher (online) aufgelistet, ohne die ihm ein Zugang in die Welt der westlichen und östlichen Geheimdienste und ihres nationalsozialistischen Äquivalents, des SD, verschlossen geblieben wäre. Auch in den Vorbemerkungen des Buchs weist der Autor darauf hin, dass nur ein kleiner Teil der geschilderten Geschehnisse und politischen Affären gänzlich erfunden sind. Und so lässt er seine fiktiven Figuren inmitten realer früherer Geheimdienstoperationen agieren und erzählt davon, wie der BND in der noch jungen Bundesrepublik von ehemaligen Nazis gegründet und geführt wurde. Sicherheitshalber steht jedoch auch im Vorwort: „Ihre Gültigkeit haben die Handelnden wie auch ihre beschriebenen Handlungen dennoch nur in der fiktiven Welt des folgenden Romans. Außerhalb davon mag es sich so oder auch anders zugetragen haben.“ Und so konnte mich Chris Kraus mit diesem Roman dank des ironischen, teilweise sarkastischen Erzähltons, gefühlvoller Schilderungen und der bildhaften Sprache gut unterhalten. Gleichzeitig habe ich über die Verstrickungen der Geheimdienste gelesen und mir einige Gedanken über die NS-Zeit, sowie den Aufbau der Bundesrepublik gemacht. Dieses Buch kann ich jedem empfehlen, der sich für diese Themen interessiert.


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