In Georgi Gospodinovs Roman trifft der Erzähler auf Gaustín, einen Flaneur, der durch die Zeit reist. In Zürich eröffnet Gaustín eine 'Klinik für die Vergangenheit', eine Einrichtung, die Alzheimer-Kranken eine inspirierende Behandlung anbietet: Jedes Stockwerk ist einem bestimmten Jahrzehnt nachempfunden. Patienten können dort Trost finden in ihren verblassenden Erinnerungen. Aber auf einmal interessieren sich auch immer mehr gesunde Menschen dafür, in die Klinik aufgenommen zu werden, in der Hoffnung, den Schrecken der Gegenwart zu entkommen. Und schließlich sind es sogar ganze Länder, die Gaustíns Idee von den Vergangenheitsräumen folgen werden, und in frühere Zeiten zurückkehren wollen ...
Ein glänzender, hochpolitischer Roman, durchzogen von dunklem Witz, der uns eine neue Art eröffnet, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenzudenken.
'Große, große Literatur.' Sandra Kegel in 3sat, Buchzeit.
'Sein beseeltestes und umwerfendstes Buch.' Dave Eggers.
'Das Buch der Stunde.' Deutschlandfunk.
'Ein großer europäischer Erzähler. ¿Zeitzuflucht¿ ist ein atemberaubender Roman aus alten Zeiten über das Heute.' Die Zeit.
'Der Roman steht in einem besonderen Regal in meiner Bibliothek, das ich für Bücher reserviere, die ich immer wieder lesen muss.' Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk.
'Intelligent und berührend.' The New York Times.
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Erinnerungen Nach langer Einleitung trifft man Gaustine, der eine Klinik, in welcher jedes Stockwerk einem bestimmten Jahrzehnt nachempfunden ist, geschaffen hat. Dort finden sich Zimmer, die in verschiedenen Zeitdekaden, beispielsweise den 60ern, gestaltet sind. Menschen mit Demenz sind gern hier, fühlen sich in ihren erinnerten Räumen wohl. Gut gelungen sind die Zimmerbeschreibungen, winzige Details werden beachtet. Egal ob Tapeten, Poster, Teppiche, Schreibmaschinen, Zeitungsanzeigen, Zigaretten - alles original. Eine Einladung, die viele Leute annehmen. Das bedarf gründlicher Vorbereitung und Recherche, der Autor reist viel und sammelt Gerüche, Memoiren und Beschreibungen. Viele Gedanken Georgi Gospodinovs folgen; sie werden in einem stetigen, gleichmäßig plätscherndem Fluß dargeboten. Viel Zeitgeschichte, zurück ins Gedächtnis gerufen. Das Refugium wird erweitert, wird auch Wohlfühlort für Leute, die die eigene Zeit negieren möchten, eine Zeitzuflucht in für sie gern erinnerte Perioden. Eine schöne Idee, mit speziellen Räumlichkeiten Erinnerungen zu wecken, Aktivitäten zu initiieren, Lebensqualität zurückzugewinnen. Reminiszenzen sind gut, nette kleine Episoden geben Würze, aber nicht alles muss ausgewalzt oder ausufernd erzählt werden.
Bories vom Berg
aus München
5/5
22.07.2024
Buch (Taschenbuch)
Amnesie statt Anästhesie Der…
Amnesie statt Anästhesie Der kryptische Titel «Zeitzuflucht» des neuen Romans von Georgi Gospodinov steht für eine kreative Thematik. Der Ich-Erzähler, ein bulgarischer Schriftsteller, hat sich einen Psychiater als Protagonisten erschaffen, den er Gaustin nennt, ein Zeitreisender, der durch die Jahrzehnte des 20ten Jahrhunderts flaniert. Mit seiner amüsanten Dekonstruktion nostalgischer Sehnsüchte desavouiert der Autor gekonnt den aktuellen politischen Rechtsruck in Europa, der alles andere als lustig ist. Nicht zuletzt deshalb, und für die literarisch exzellente Umsetzung des Stoffes, erhielt der Autor 2023 den International Booker Prize für fremdsprachige Erzählungen. Die Figur des Gaustin hat sich im Roman quasi verselbständigt, der Autor und er arbeiten eng zusammen, diskutieren miteinander und vertreten sich gegenseitig. Bei der Behandlung von Demenzkranken ist Gaustin auf die Idee gekommen, den Patienten durch einen Rückgriff auf die Vergangenheit zu helfen. Und zwar durch eine vertraute Umgebung, an die sie sich erinnern können und wo sie sich dann auch wieder zurechtfinden im Leben, immer nach dem Motto: «Amnesie statt Anästhesie!» Er baut in Zürich eine Klinik auf, in der in jedem Stockwerk ein anderes Jahrzehnt des 20ten Jahrhunderts detailgetreu wie im Museum rekonstruiert ist. Ein therapeutischer Ansatz, der sich als äußerst erfolgreich erweist und andernorts viele Nachahmer findet. Alle haben die Hoffnung, durch diesen Zeitenwechsel den Schrecken der Gegenwart entfliehen zu können, und schon bald verwandelt sich die Therapie in ein politisches Programm. In kürzester Zeit werden ganze Stadtviertel in ein vergangenes Jahrzehnt zurückversetzt, bald auch ganze Städte. Schließlich ist die Sehnsucht nach Vergangenheit so groß, dass einzelne Staaten und dann auch die gesamte EU sich in die Vergangenheit zurückversetzen wollen. In verschiedenen Ländern werden Referenden abgehalten, bei denen die Bevölkerung das vergangene Jahrzehnt wählen kann, in dem die Menschen künftig wieder leben wollen. Mit nicht zu übersehendem Spott berichtet der Schriftsteller von den Diskussionen mit seinem Protagonisten Gaustin, der ziemlich entrückt das Geschehen aus der Ferne verfolgt und dann immer wieder mal für Jahre spurlos verschwunden ist. Genüsslich schildert Georgi Gospodinov das von ihm erdachte, aberwitzige Szenario, berichtet von seinen Erlebnissen in den verschiedenen Jahrzehnten, die er besucht. - Wohlgemerkt, man besucht nicht mehr Orte, sondern Zeiten! Und geschickt nutzt der Autor auch das entstandene Chaos zu vielfältigen Reflexionen über politische und historische Gegebenheiten, so wenn er gegen Schluss ausführlich über die Referenden in den einzelnen Staaten Europas berichtet. Dabei lässt er sich kenntnisreich und amüsant über dortige Animositäten, Befindlichkeiten und Sehnsüchte aus. All das ist eine kontemplative Tour d’Horizont auf nostalgischen Pfaden der europäischen Geschichte, prall gefüllt mit Anekdoten, Ereignissen, Wegmarken und Irrwegen. Konsequent lässt er die Menschen in diesem speziellen Setting alle historischen Stationen durchlaufen, auch Erster und Zweiter Weltkrieg nicht ausgeschlossen, er thematisiert die Balkankriege ebenso wie den Brexit oder Donald Trump. Besonders aber die ehemaligen Ostblockstaaten werden kritisch durchleuchtet in ihren Befindlichkeiten. Viel Raum nimmt dabei natürlich Bulgarien ein, das zwar mit Spott und Häme überzogen wird, letztendlich aber immer die Heimat des Autors bleibt, soviel Patriotismus sei ihm erlaubt! Diesen Roman zu schreiben ist ein wahrhaft schwieriges Unterfangen mit vorhersehbaren Problemen gewesen, die der Autor aber souverän zu unterlaufen versteht mit allerlei literarischen Tricks. Zu denen gehört insbesondere die scheinbar eigenmächtig handelnde Figur des Gaustin, Spießgeselle des Autors. Es gibt dermaßen viele historische Verweise, literarische Bezüge und philosophische Thesen, dass der Leser über so manche surreale Konstellation hinweg liest oder das Fehlen von Realität partout nicht empfindet. Er schwebt vielmehr gedanklich in anderen Jahrzehnten, zumal wenn er zu den «älteren Semestern» zählt. Fazit: erstklassig
Bewertung
aus Villach
5/5
07.06.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein geniales Experiment
Zu Beginn dieser Dystopie steht das Altern im Zentrum, und zwar das Altern mit Demenz.
Es wird ein Experiment versucht, in dem Kliniken mit Stationen errichtet werden, in denen jedes Zimmer bezogen auf den Demenzzustand der Patient*innen ausgestattet ist. Ziel dieses Experiments ist nicht nur ein „schöner Tod“, sondern dass die Menschen glücklich altern. Befindet sich zB ein*e Demenzpatient*in im Jahr 1968, wird das Zimmer mit typischen Möbeln jener Zeit eingerichtet, alte Zeitungen werden aufgelegt (der Wetterbericht ist auch heute unzuverlässig), moderne Drinks der Zeit werden bereit gestellt und vieles mehr.
„Wissenschaftlich“ anmutend wird argumentiert, dass Demenz und Alzheimer in den kommen Jahren wie ein Virus um sich greifen und viele Menschen in Europa und der westlichen Welt daran erkranken werden. Dies werde Unsummen verschlingen. Man rechnet mit einer hohen Dunkelziffer, denn nicht bei allen Menschen werden diese Erkrankungen diagnostiziert werden und es gibt bis dato kaum Behandlungsmöglichkeiten.
Diese Einrichtungen, die sich über Europa ausbreiten, finden jedoch nicht nur Anklang bei Erkrankten, sondern immer mehr Gesunde wollen in die Vergangenheit zurück, in das 20. Jahrhundert, an das heute mit Melancholie gedacht wird und das doch so verheerend war: zwei Weltkriege und der Kommunismus in den Oststaaten.
Im zweiten Teil des Romans wird offensichtlich, dass gehandelt werden muss. Immer mehr Menschen wollen der Gegenwart (2021) und der unbekannten, nicht erfreulichen Zukunft fliehen. Die EU-Staaten entschließen sich zu einer Abstimmung in ihren Ländern, in welches Jahr der Staat zurückkehren möchte. Ein Referendum wird beschlossen und „Parteien“ stehen für eine bestimmte Zeit oder Jahreszahl: besonders amüsant fand ich, dass Großbritannien wieder in die Zeit vor dem Brexit zurück möchte, darf aber nicht mitabstimmen, weil es kein EU-Mitgliedsland mehr ist.
Ich war sehr begeistert von diesem Buch - dieses Experiment hat schon was für sich. Besonders spannend fand ich die Gedanken des Autors, warum das 20. Jahrhundert aus heutiger Sicht so viel besser sein soll, mit seinen beiden Kriegen und dem Eisernen Vorhang.
Lea
4/5
21.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Zeitreise durch Nostalgie und Melancholie
Gaustín wandelt wie ein zeitloser Flaneur durch die Straßen, ein Relikt vergangener Epochen. Sein Kleidungsstil ist altmodisch, seine Ohren lauschen den Klängen längst vergangener Jahrzehnte, und sein Büro strahlt den Charme der 1960er Jahre aus. Doch als er feststellt, dass die vertraute Umgebung vergangener Zeiten einen positiven Einfluss auf Alzheimer-Patienten hat, fasst er einen außergewöhnlichen Entschluss. Er gründet in Zürich* eine Klinik für die Vergangenheit - ein Ort, an dem jedes Stockwerk einer anderen Dekade gewidmet ist, um den Menschen Trost zu spenden. Die Patienten finden in den liebevoll rekonstruierten Räumen nicht nur Erinnerungen, sondern auch Frieden und Geborgenheit. Doch bald schon interessieren sich nicht nur die von Krankheit Gezeichneten für Gaustíns Konzept. Gesunde Menschen suchen ebenfalls Zuflucht in dieser Oase der Nostalgie, wo sie dem hektischen Treiben der Gegenwart entfliehen können. Das Modell der Klinik greift über die Grenzen der Gesundheit hinweg und erobert andere Lebensbereiche. Menschen jeden Alters und Gesundheitszustands finden hier einen Ort der Ruhe und des Rückzugs, um in vergangenen Zeiten zu schwelgen und sich den Herausforderungen des modernen Lebens zu entziehen. Gaustíns Klinik für die Vergangenheit wird so zu einem Ort der Heilung und des Trostes für die Seelen der Menschen, die in der Gegenwart verloren zu sein scheinen.
(*eine Anspielung auf die seltsame Zeitlosigkeit der Schweiz aufgrund ihrer Neutralität und der Anwesenheit von Dignitas)
Gaustín ist sozusagen der unsichtbare Doppelgänger, den wir alle haben, und er kann alles sein, was wir nicht sind, weil er nicht durch die Zeit begrenzt ist: Er ist das Ergebnis der Entscheidungen, die wir nicht getroffen haben. Nun gründet Gaustín zunächst eine Klinik für Alzheimer-Patienten, die aus Räumen besteht, die in den verschiedenen Jahrzehnten des 20. Immer mehr Kliniken wie diese entstehen, und gesunde Menschen wollen sich in den Zeitschutz dieser Kliniken zurückziehen, um der Gegenwart und einer Zukunft zu entfliehen, an die sie nicht mehr glauben, bis der ganze Kontinent darüber abstimmt, in welchem Jahrzehnt der Vergangenheit das Land in Zukunft leben will.
Die Geschichte ist somit eine Allegorie darauf, dass wir als Individuen die Vergangenheit idealisieren, und jedes Land in Europa sieht aufgrund historischer Umstände einen anderen Zeitrahmen als sein goldenes Jahrzehnt an: Der Kontinent fällt in Zeitkapseln. Aber die Vergangenheit kann nicht wirklich nachgespielt werden, weil die Zukunft nicht in eine Version der Vergangenheit verwandelt werden kann - was uns zur politischen Dimension der neuen
faschistischen Politiker bringt, die versprechen, Land XY wieder groß zu machen.
Findet die Ich-Figur in diesem simulierten Kinderzimmer also auch die "Zuflucht vor anderen Zeiten", von der Gaustin spricht? Eine Art simulierte Vergangenheit, die auch dann Schutz bietet, wenn die Welt jetzt oder in naher Zukunft unterzugehen droht? Und damit Schutz bietet vor dem Vergessen des Alters, aber auch vor allerlei anderen Bedrohungen, die die Gegenwart bietet? Die Ich-Figur hat jedenfalls ein großes und wachsendes Bedürfnis nach einem solchen Zufluchtsort
Gospodinov spielt mit der Vergangenheit durch Reisen und Erinnerungen, in einer labilen und flüssigen Grenze, in der sich die Definitionen von Traum und Erinnerung gegenseitig beeinflussen, bis sie nicht mehr miteinander identifizierbar sind.
Sehr schön fand ich die intimeren Seiten, in denen die persönliche Erinnerung des Autors zum Vorschein kommt. Die Zeit wird zu einem Raum, in dem man Zuflucht findet, zu einem erzählerischen Mittel, um in eine neue Dimension vorzudringen und zu zeigen, wie das Geschehene zurückkehren kann und, dass der Mensch selbst unbewusst ein Tier ohne Gedächtnis ist, das sich nicht an seine Fehler erinnern kann.
"Ist dieses Buch über die Vergangenheit nicht letztlich ein Versuch, an jenen heilsamen Ort zu gelangen, wie weit zurück auch immer die Zeit liegen mag, an dem die Dinge noch intakt sind [...] Ich sage Ort, aber es geht um die Zeit, einen Ort in der Zeit. Ein Rat von mir: Besuchen Sie niemals nach langer Abwesenheit den Ort, den Sie als Kind verlassen haben. Er ist verändert, von der Zeit gezeichnet, verlassen, geisterhaft.
Dort. Er ist nicht da. Nichts. "
Die ersten Teile - die Klinik über die Vergangenheit und das Referendum über die Vergangenheit - scheinen zwei alternative Ansätze für die Geschichte zu sein, zwischen denen sich Gospodinov nicht entscheiden konnte, so dass er sie beide belässt. Die beiden Teile sind für sich genommen interessant, bleiben aber in der Luft hängen. Für mich fehlte der rote Faden, um das Persönliche mit dem Öffentlichen auf überzeugende Weise zu verbinden. Gaustín, der mögliche rote Faden, hat sich einfach in Luft aufgelöst.
Der Glaube an eine "Zeitzuflucht" ist also nach diesem Roman eine Illusion, so verständlich und vielleicht sogar unverzichtbar dieser Glaube auch sein mag. Denn die Zeit entgleitet uns, und eine "Zuflucht" in der Vergangenheit ist nirgends zu finden. Und schon gar nicht eine Zuflucht, die uns vor dem Verlust des Alterns oder vor katastrophalen Zeiten der Weltgeschichte schützt. Das ist eine ziemlich melancholische Botschaft, und deshalb ist dieser Roman oft ziemlich trostlos. Aber das stört mich nicht: So ist das Leben nun mal, und man muss sich damit abfinden. Und ich denke, dieser Roman hilft dabei, indem er die Melancholie in einem so schönen Stil und einer so schönen Form einfängt. Außerdem bewundere ich den Erfindungsreichtum dieses Romans, den sprudelnden Reichtum an Nebenpfaden und Ideen, die Schönheit der Gedankenexperimente, den spielerischen und phantasievollen Aufbau und die oft so schönen Formulierungen. Deshalb habe ich ihn mit einem breiten Grinsen gelesen.
Bewertung
4/5
20.05.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Aus Glück schmiedet man keine Schwerter, das Material ist zart, zerbrechlich."
Es sind Räume, in denen die Zeit ihrer Epoche stehen geblieben zu sein scheint. Diese sollen Menschen helfen, die mehr und mehr ihres Gedächtnisses einbüßen. Doch schon bald erweist sich das Vertraute der Vergangenheit als tröstende Gegenwart und vielleicht auch als eine Möglichkeit der ganzen Welt etwas Gutes zu tun. Denn warum in eine ungewisse, gar düstere Zukunft blicken, wenn man sich stattdessen eine Episode aus der Menschheitsgeschichte wählt, in der vermeintlich alle gut lebten und auch wieder leben wollen... Doch alles Gute hat auch sein Böses. Ein kluges, sensibel erzähltes Buch rund um ein gewagtes Gedankenexperiment, indem sich jeder Staat für eine individuelle Zeit entscheiden kann. Mich konnte es von der ersten Seite an für sich gewinnen und das liegt auch sehr am flüssigem, manchmal gar philosophischem Schreibstil des Georgi Gospodinov.
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5/5
10.11.2024
Buch (Taschenbuch)
Eine Zumutung - im besten literarischen Sinne!
'Zeitzuflucht' ist ein absoluter Glücksfall für alle, die nach der Nadel im Heuhaufen aus redundanter Feel-Good-Lektüre, sinnspruchartigen Vereinfachungen und formaler wie inhaltlicher Unterkomplexität suchen!
Klug und schonungslos nimmt Gospodinov den Leser mit bei seinem Versuch einer sprachlichen Annäherung an die großen Fragen menschlicher Existenz: nach dem Wesen der Zeit, nach der Möglichkeit von Identität als im Wortsinne 'Wesenseinheit' angesichts des Bewusstseins von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, nach der gesellschaftspolitischen Verantwortung des Einzelnen und der Wissenschaft. Wer hat die Deutungshoheit über Geschichte(n)? Was tun in Zeiten allseits beschworener und doch diffuser Zukunftsangst? Birgt am Ende die Literatur die Möglichkeit einer (Selbst)Vergegenwärtigung?
Am Anfang steht eine bestechende Idee: Eine Klinik für Vergangenheit soll durch die peinlich genaue Simulation vergangener Jahre/Jahrzehnte eine 'Zeitzuflucht' und damit ein Zuhause bieten für all jene, die in der Gegenwart nicht mehr heimisch sind. Genial und simpel: Ein Wundermittel angesichts der stetig wachsenden Zahl Demenzerkrankter in modernen Gesellschaften! Doch was als medizinisch-psychiatrischer Segen beginnt, mündet in einem Reenactment ungeahnten Ausmaßes: dem europaweit politisch organisierten, kollektiven Eskapismus in vermeintlich goldene Zeiten – und letztlich in die Apokalypse eines "zweiten Ersten Weltkriegs".
Gospodinov gelingt es, hochaktuelle geschichts-, identitäts- und sprachphilosophische, ethische sowie gesellschaftspolitische Themen in Literatur zu übersetzen – und eröffnet damit eine weitere Dimension der Auseinandersetzung, in der offene Fragen, Beunruhigendes, Ratlosigkeit, Heraus- und Überforderung nicht nur sein dürfen, sondern naturgemäß auch sein müssen.
Am Ende ist zumindest eines klar: Es gibt sie, die Literatur am Puls der Zeit, die alles andere sein möchte als eskapistische Zeitzuflucht. Danke Gospodinov – und dem Übersetzer Alexander Sitzmann.
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5/5
08.04.2024
Buch (Taschenbuch)
Intelligentes Spiel mit Zeit und Realität
Geplant als eine Klinik für Demenzkranke, gerät das Projekt unseres Erzählers und seinem (fiktiven) Freund außer Kontrolle. Bald schon wünschen sich alle zu “früher war alles besser” zurück und die verschiedenen Zeiten fließen ineinander über. Doch nostalgische Vorstellung und Realität sind nicht immer vereinbar und gerade in der europäischen Geschichte ist das 20. Jahrhundert eher von Tiefen als Höhen geprägt.
Gospodinov spielt nicht nur mit Zeit als wandelbarem Element, sondern stellt auch die Erlebnisse seines Protagonisten immer wieder in Frage. Das Einzige, was hier gewiss ist, ist das alles voll von Ungewissheiten ist. Die teils satirische Betrachtung der politischen Vergangenheit zusammen mit einer fast schon absurden Grundidee des Romans hat mich an Kurt Vonnegut erinnert. Im Laufe der Erzählung nimmt er Bezug auf verschiedenste Autoren, entwickelt Reaktionen unterschiedlicher Länder auf die Zeitzuflucht und lässt die Leser:innen darüber grübeln, was Realität ist.
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5/5
01.10.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Früher war alles besser
Der bulgarische Autor Gospodinov erzählt in „Zeitzuflucht“, wie der Ich-Erzähler in das Projekt des Flaneurs Gaustine hineingerät, der eine "Klinik für die Vergangenheit“ eröffnet, in der er Alzheimerpatienten eine besondere Behandlung anbietet, jedes Stockwerk ist im Design eines bestimmten Jahrzehnts des vergangen Jahrhunderts gestaltet, so dass die Patienten in ihren Jugenderinnerungen schwelgen können. Diese Idee der „Vergangenheitsräume“ findet nun auch mehr und mehr Anklang und Begeisterung in der restlichen Bevölkerung, so dass bald ganz Europa vom Vergangenheitsvirus befallen ist. In Burlesk anmutenden Szenen werden alte Mausoleen nachgebildet und Revolutionen rekonstruiert. Mit großem sprachlichem Geschick, zeichnet der Autor jeweils das „Lieblingsjahrzehnt“ der einzelnen europäischen Nationen. Besonders interessant erschien mir hierbei der Einblick vom Leben im früheren Ostblock, durch die persönlichen Schilderungen des Ich-Erzählers. Gaspodinovs „Zeitzuflucht“ lässt sich als äußert virtuos gestaltete Kritik an der nostalgischen Verklärung von Vergangenheit und dem Wunsch nach Geschichtsklitterung lesen.
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5/5
28.08.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was für ein außerordentlicher...
Was für ein außerordentlicher Roman! Wer das Besondere im Literarischen schätzt, ist hier richtig. Dieser Autor ist ein Geheimtipp. Diese Sprache! Diese gekonnte Erzählkonstruktion! Diese politischen Zeitbezüge! Ein Könner!
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