Eine Annäherung an die eigene Mutter und eine schmerzhafte Abrechnung: 1916 wird Sylvie Schenks Mutter geboren, die Großmutter stirbt bei der Geburt. Angeblich war diese eine Seidenarbeiterin, wie schon die Urgroßmutter. Aber stimmt das? Und welche Geschichte wird den Nachkommenden mit auf den Weg gegeben? Als Kind leidet Sylvie Schenk unter dieser Unklarheit, als Schriftstellerin ist sie deshalb noch immer von großer Unruhe geprägt. Mit poetischer Präzision spürt sie den Fragen nach, die die eigene Familiengeschichte offenlässt. "Maman" ist waghalsiges Unterfangen und explosive Literatur zugleich. Nach "Schnell, dein Leben" hat die Autorin erneut einen Text voll Schönheit und Temperament geschrieben.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Bewertung
3/5
01.10.2023
eBook (ePUB)
Shortlist zum Dt. Buchpreis 2023
Es ist wieder soweit! Am 16. Oktober 2023 wird der deutsche Buchpreis vergeben. Sechs Titel stehen auf der Shortlist. Meiner Meinung nach ist leider kein Highlight darunter.
Auch nicht das Buch von Sylvie Schenk, Maman.
Es ist ihre eigene Familiengeschichte, die Sylvie Schenk literarisch aufarbeitet.
1916 wird die Mutter geboren und die Großmutter stirbt dabei. Sie war wohl Seidenarbeiterin, wie auch die Urgroßmutter. Aber war alles so?
Dies versucht die Autorin umzusetzen. Ganz nett ist e geworden, gut zu lesen, teilweise spannend. Aber der große Wurf?
Bitte lest selber und widerlegt mich! Sorry Sylvie Schenk.
Bories vom Berg
aus München
2/5
18.06.2024
eBook (ePUB)
Ein Sarg aus Worten Die in…
Ein Sarg aus Worten Die in Frankreich geborene Sylvie Schenk bedient mit ihrem autofiktionalen Roman «Maman» ein beliebtes Genre der Belletristik, die Suche nach der eigenen Identität. Der schmale Band befasst sich mit dem Leben von nicht weniger als vier Frauen, beginnend bei der Urgroßmutter über die Großmutter, die Mutter und schließlich die Ich-Erzählerin selbst als deren Tochter. Überhaupt stehen Frauen im Fokus, allein aus der eigenen Familie sind es fast ein Dutzend. Dabei stoßen die zweihundert Jahre zurück reichenden Recherchen auf eine extrem spärliche Faktenlage, bedingt unter anderem durch die zwei Weltkriege. Wie der Buchtitel zeigt, geht es um die Mutter der namenlos bleibenden, in Frankreich geborenen Tochter. Das lebenslang distanzierte Verhältnis der verstorbenen Mutter zu ihrer Tochter ist jedenfalls sehr ungewöhnlich und lässt ihr keine Ruhe. Als Schriftstellerin will sie nun ein Buch schreiben, in dem sie das Leben ihrer Mutter rekapituliert, ein aktuell häufig anzutreffendes Roman-im-Roman-Konstrukt, auf das man auch hier bei der Lektüre immer wieder mal stößt. Wo Fakten fehlen, werden sie in dieser verzweifelten Aufarbeitung der Vergangenheit kurzerhand durch Vermutungen und emotionale Ergänzungen ersetzt. In nicht weniger als 62 kurzen Kapiteln (bei 173 Seiten!) wird hier eine sehr engagierte, persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft geschildert. Durch viele Gespräche mit den Verwandten, Recherchen bei allerlei Behörden, mit nur wenigen Dokumenten und Fotos versucht die Protagonistin verzweifelt, Licht in das fast schon unheimliche Dunkel zu bringen, welches die seltsam gestörte Empathie ihrer Mutter für sie persönlich bedeutet. Was hat dazu geführt, dass die Mutter so anders war als andere Mütter? Und es kommen zuweilen sogar Selbstzweifel auf: Ist sie womöglich selber schuld an dem gestörten Verhältnis? Jene jedoch, die ihr erzählen könnten, was vor vielen Jahren war, was ihrer Mutter widerfahren ist, sind schon lange tot und haben ihr Wissen mit ins Grab genommen. Die Mutter selbst war ja immer wortkarg, hat nie von ihrem Leben erzählt, hat die vermeintlichen Geheimnise auch auf Nachfrage immer bei sich behalten. In den miteinander verschachtelten Kapiteln werden mutmaßliche Ereignisse und alle - die vielen Lücken ergänzenden - Gedankengänge der Autorin kurz angerissen, eine angesichts der Faktenlage sinnvolle, fraktionelle Erzählweise für diese Thematik. Weil aber all das, auch zeitlich, ziemlich sprunghaft geschieht, ist man sich nie ganz sicher, was hier Dichtung und was Wahrheit ist. Gleich in den ersten Kapiteln erfahren wir von den Nöten einer ungewollten Schwangerschaft in jenen Zeiten, wo es noch selbstverständlich war, dass ungewollte Kinder einfach den Behörden übergeben wurden, wo man sie dann möglichst bald zur Adoption weitergereicht hat. Erschütternd zu lesen, wie man da mit Babys umgegangen ist, welche freudlose Kindheit ihnen bevorstand, wenn sie als Kleinkind an arme Bauern «vermietet» wurden, für die sie nur eine billige Arbeitskraft waren und kein neues Familienmitglied. Genau das ist der Mutter widerfahren, und die Ich-Erzählerin berichtet mangels Fakten sehr emotional davon. Es wird aber auch deutlich gemacht, dass die prekäre Lage der Mütter sich in der weiblichen Ahnenreihe häufig weitervererbt. Die Mutter hat genau dieses, ihr ganzes Leben prägende Schicksal erlitten. Unklare Herkunft und zweifelhaftes Selbstbild werden hier in einem erschütternden «Sarg aus Worten», beginnend mit dem Tod der Großmutter, glaubhaft als Ursachen verschiedener seelischer Bedrängnisse dargestellt. Die Fülle der angerissenen Themen steht unter der ständigen Frage nach dem «Was wäre wenn?» Für die gewählte erzählerische Kurzform wirkt die Thematik des Romans eindeutig überambitioniert, zumal hier ja ein ernstes seelisches Problem verhandelt wird, das für verschiedene psychische Erkrankungen ursächlich ist. Diese Überforderung schmälert leider ebenso wie das oft unklare Zusammenspiel von Fakten und Fiktionen in einer sprunghaften Erzählweise den Lesegenuss erheblich.
Juti
aus HD
5/5
04.11.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie das Leben so spielt…
Wie das Leben so spielt Schlechter kann ein Leben gar nicht beginnen. Die Mutter stirbt bei der Geburt, einen Vater gibt es nicht, da sie womöglich Prostituierte war. Also Adoption in eine Bauernfamilie, die aber nur am Geld für die Pflege interessiert ist und keinerlei Liebe gegenüber dem Säugling zeigt. Ja einem tritt sie sogar eine Kuh, weshalb ihre Nase ihr Leben lang eine Macke behält. Doch dann kommt die Wende. Den Behörden fällt auf, dass das Kind vernachlässigt wird und sie wechselt zu einer Mutter, deren Mann sie gerade verlässt. So sorgt sie für ihr Kind und nimmt sich die Zeit, sie nun bestmöglich auf das Leben vorzubereiten. Ja, trotz ihrer ungeklärten Herkunft gelingt es ihr für die Tochter einen Zahnarzt zu angeln und mit ihm – obwohl echte Liebe wahrscheinlich fehlt – sechs Kinder zu haben. Dass sie später noch einen Seitensprung hatte, ist geschenkt. Trotz des weniger spannenden Schlussteil hat mich gerade der Anfang so bewegt, die unbekannte Großmutter der Autorin und der ersten Jahre von Mamam so bewegt, dass ich 5 Sterne verschenke. Ich gebe zu, dass ich nicht weiß, ob das Buch mit dem deutschen Titel „Mama“ auch so gut geworden wäre. Aber das bleibt Spekulation. Keine Spekulation ist, dass diese Buch besser ist, als alle Bücher der Shortlist von 2022. Zitat: „Mädchen, passt auf, alle Männer sind Schweine“, als wäre auch unser Vater ein Schwein, dieser mal melancholische, mal cholerische Mensch ein Schwein. (22)
MarieOn
5/5
23.10.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit
Mamans Name war Renée Gagnieux. Soviel ist wahr. Sie war die Tochter von Cécile, die vielleicht eine Seidenspinnerin war und wurde in Lyon geboren. Die Autorin macht sich auf den Weg, in den Schuhen ihrer Mutter zu laufen, zu der sie keine intensive Bindung hatte.
Maman mochte alle ihre sechs Kinder, solange sie klein waren. Solange wir abhängig von ihr waren, zauberten wir ein Lächeln auf ihr Gesicht, dann fand sie Ruhe, sonst war ihr Leben Scham und Ausgrenzung. Sie ist eine stille Frau, die mit ernstem Gesicht, leise mit sich selbst spricht. Den Vater hasst sie womöglich.
Renées eigene Maman musste sich prostituieren, weil sie von ihrem Hungerlohn und ohne Mann, keine fünf Kinder ernähren konnte. Nach Renées Geburt verblutete sie.
Renée kam in ein Pflegeheim, gefolgt von einer Pflegefamilie, einem Bauernehepaar, das sich mit einem Pflegekind ein Zubrot verdienten. Als Renée dann sprach- und verwahrlost zu einer anderen Pflegefamilie kam, war ihr soviel Unglück widerfahren, dass sie schon ganz verkorkst war.
Das, was Maman dann später an ihre Mädchen weitergab war Verachtung und Selbstverachtung, eine obskure Angst vor Männern, vor der Liebe, vor der Schande.
Alle Männer sind Schweine, dem Mann haftet die Geilheit an. Die Männer bumsten und zahlten, die Frauen entbanden und starben. S.126
Erst in Hochzeitsnacht erinnert sich Renée an den Bauern, der sie damals Bastard nannte und sich anschließend an ihr verging. Ein Umstand, der ihr nachträglich die eigene Sexualität vermieste und sie einzig den ehelichen Pflichten nachkommen ließ.
Fazit: Ich mochte diese Ich-Erzählung sehr, die ganz klar den Anspruch erhebt, aufzuzeigen, wie schwer Frauen das Leben gemacht wurde. Entweder sie waren schmückendes Beiwerk, wertlose Anhängsel, oder Huren. Die Geschichte der Autorin macht gut verständlich, wie Mütter ihre Traumen an die nächsten Generationen weitergegeben haben und macht fassbar, welche Schwierigkeiten das weibliche Geschlecht bis in meine Generation mit ihrem Selbst-Wert hat. Ein wirklich wichtiges Buch, mit einer großartigen Klangfarbe. Ungeschönt, ehrlich und auch berechtigterweise wütend. Es ist völlig zurecht auf der Shortlist des deutschen Buchpreises zu finden.
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
5/5
20.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Frau auf den Spuren ihrer...
Eine Frau auf den Spuren ihrer Familie. Was ist wahr? Was ist verklärt? Was hat Auswirkungen auf die nachfolgende Generation? S.Schenk hat sich damit auseinandergesetzt in berührender Weise.
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
5/5
24.05.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was für ein besonderes Erzähltalent!...
Was für ein besonderes Erzähltalent! Mich beeindruckt bei Sylvie Schenk die Präzision, mit der sie Sprache einsetzt. Und thematisch bleibt sie auf virtuose Weise immer bei sich, hier bei ihrer eigenen unklaren Familienvergangenheit. Ein eindringliches Lese-Erlebnis.
Mütter und Töchter, daran haben sich schon viele abgearbeitet - aber ihre Geschichte ist aussergewöhnlich, mit teilweise brutaler Offenheit lässt sie uns an der Spurensuche teilnehmen, füllt klug die Lücken, ergründet am Leben ihrer Schwestern, ob Trauma erblich ist. Bewegend!
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.