Baxter träumt davon, Zahnarzt zu werden, und spart dafür jeden Dollar Trinkgeld. Bis er sich das Studium leisten kann, muss er auf mehrtägigen Schlafwagentouren stumm lächelnd und nickend alle Aufträge der reichen, weißen, oft skurrilen Fahrgäste ausführen. Er darf weder seinen eigenen Namen verwenden noch sich den kleinsten Fehler erlauben, dort am untersten Ende der gesellschaftlichen Hierarchie, auf dem Trittschemel beim Schuhepolieren oder beim Kloputzen.
Im Jahr 1929 würde er für seine heimliche Hingabe an Männer nicht nur seinen Job verlieren, sondern unweigerlich im Gefängnis landen. Unterdessen bleibt der Zug auf der Fahrt von Montreal nach Vancouver vor einer Schlammlawine stehen. Die Stimmung an Bord wird mit jeder Stunde angespannter. Während des pausenlosen Tag- und Nachtdiensts bekommt der völlig übermüdete Baxter langsam Halluzinationen und hat seine unterdrückten Gefühle immer weniger unter Kontrolle.
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Schlaflos von Montreal nach Vancouver
Bewertung am 11.11.2023
Bewertungsnummer: 2066089
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Unermüdlich hört man beim Lesen die Räder des Zuges rollen von Montreal nach Vancouver. Unermüdlich schuftet auch Baxter Tag und Nacht als Schlafwagendiener. So wie der Zug nur kurz Halt macht, sind auch ihm nur kurze Pausen gegönnt, die nicht ausreichen, um den permanenten Schlafmangel wettzumachen, der ihm mit jedem Kilometer mehr Halluzinationen beschert. Doch er muss wach sein, ständig auf der Hut sein, denn ein Verstoß gegen die Dienstvorschriften könnten seinen Traum vom Zahnmedizinstudium zerstören. Und die Vorschriften sind nicht nur streng, sondern auch oft widersinnig.
»Verhalte dich im Zug wie ein Automat auf dem Rummelplatz … Setz dieses besondere Lächeln auf, je breiter, desto besser, drück auf den Knopf, schalt es ein, aber gib nicht den Onkel Tom. Nicht grinsen. Singe, tanze, mache Zaubertricks, wenn sie dich darum bitten. Vielleicht auch noch was anderes, falls es genug Geld bringt.« S.214
1929 – Baxter hat 967 Dollar gespart von dem kläglichen Trinkgeld, das er auf seinen Fahrten bekommen hat. Doch man kann es den anspruchsvollen, nörgeligen Passagieren kaum Recht machen. Egal wie unsichtbar er sich macht, die fehlenden 101 Dollar zu bekommen, ist unrealistischer als wegen ein paar haarsträubende Beschwerden den Job zu verlieren. Und die wohlhabenden Fahrgäste schikanieren ihn, wo sie nur können. Dann findet er eine Postkarte, auf der zwei Männer in einer eindeutigen Pose zu sehen sind, doch statt sie wegzuschmeißen, wirft er in den schlaflosen Nächten immer wieder einen sehnsüchtigen Blick darauf. Zu allem Überfluss versperrt eine Schlammlawine die Gleise, sicher wird man sich auch dafür über Baxter beschweren und er kann sein Studium vergessen.
Mayrs gut recherchierter historischer Roman wird aus der Perspektive eines Schwarzen, schwulen Mannes erzählt, dem Rassismus und Homophobie entgegenschlägt, der nicht nur die ständigen Erniedrigungen weglächeln muss, sondern von Hunger und Schlafmangel geplagt wird.
Dazu bevölkert Mayr den Zug mit allerlei skurrilen Figuren, deren schmutzige Geheimnisse nach und nach ans Licht kommen. Die ihn mit ihren teils absurden Wünschen immer wieder aus seiner Unsichtbarkeit locken und zur Gefahr für sein Strafpunktekonto werden. Um sich zu schützen, baut er eine Distanz zu ihnen auf, indem er ihnen Namen wie Papier und Pappe, Mango oder Spinne gibt. So verpackt Mayr ein schweres Thema hinter tragisch komischen Szenen, die dem ganzen Roman eine gewisse Leichtigkeit verschaffen. Dennoch verliert man als Leser nie aus den Augen, dass Baxter seine eigenen Bedürfnisse ständig zurückstellt, ob nun sexuell oder nach Schlaf und Essen. Gerade der Schlafmangel ist ein zentrales Thema, das sich mit der Zeit zuspitzt, in Halluzinationen gipfelt, sodass man als Leser*in quasi mit ihm leidet.
Ich hatte das Gefühl, als sei der Zug über die Jahre zu Baxters Escape-Room geworden, dem er kaum entkommen kann, während die Weißen um ihn herum ein- und aussteigen und er immer wieder zurückbleibt. In meinen Augen großartig gemacht von Mayr, sowohl stilistisch als auch metaphorisch mit einer dichten, teils karikativen Atmosphäre.
Persönlich berührt mich das immer sehr tief, wenn es um Diskriminierung und Rassismus geht, auch dieses Buch sticht immer wieder in meine empfindlichen Stellen, fühlte sich aber mit seiner leichten Art nicht so schwer und belastend an, wie ich zu Beginn dachte. Ein wunderbarer, bildreicher Roman mit einem charmanten, außergewöhnlichen Protagonisten, den ich sehr gern auf der Zugfahrt begleitet habe.
Zwischen Ausbeutung und Diskriminierung
Aischa aus Kissing am 08.01.2024
Bewertungsnummer: 2104705
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Suzette Mayrs Gesellschaftsroman erinnert durch das Setting an Agatha Christies "Mord im Orientexpress". Auch hier spielt ein Großteil der Handlung in einer Überlandbahn, der "schnellsten Überlandbahn des Kontinents", wie Protagonist und Schlafwagenduener Baxter nicht müde wird zu betonen. Wobei - müde ist er eigentlich permanent, die Arbeitsbedingungen sind ausbeuterisch und katastrophal. Doch sein großes Ziel vor Augen - Baxter will sich durch sein Salär von der kanadischen Eisenbahngesellschaft sein Studium der Zahnmedizin finanzieren - lässt sich der Schlafwagendiener von der illustren Gesellschaft der Reisenden so gut wie jede Gemeinheit und Schikane gefallen.
Baxter steht gesellschaftlich gleich mehrfach im Abseits: als Einwanderer, als Schwarzer und als Schwuler.Seine sexuelle Orientierung hängt wie ein Damoklesschwert über ihm. Einerseits könnte er die zusätzlichen Einnahmen gut gebrauchen, die ihm die Annahme der sexuellen Offerten von (wohlhabenden und weißen) männlichen Mitreisenden bescheren würde. Andererseits sind homosexuelle Handlungen im Kanada der 1920er noch strafbar.
Geschickt zeichnet Mayr den Zug als Mikrokosmos, der die damalige Gesellschaft wiederspiegelt. Lediglich mit den surrealen Traumsequenzen, die wohl die unfassbare Übermüdung Baxters verdeutlichen sollen, konnte ich wenig anfangen. Davon abgesehen ist es eine wohldurchdachte, nachdenklich stimmenden Geschichte, die leider viel Wahres enthält.
Meinung aus der Buchhandlung
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Bücher haben zwei Gesichter. Ein schönes Gesicht muss auch keinen netten Charakter haben. Hier stimmt beides. Wunderschönes Titelbild und die Geschichte fand ich ausgesprochen interessant und regte schon zum Grübeln an.
Wie fühlte man sich als Farbiger im Jahre 1929, wenn man dazu auch noch eine Neigung zum männlichen Geschlecht hat? Hier wird viel an Problemen angesprochen...Rassismus, Diskriminierung, Ausbeutung. Konzentriert verpackt wird dies in der Gestalt des Schlafwagendieners Baxter. Es dauert eigentlich nicht lange und man muss den Protagonisten einfach mögen.
Es gibt auch bei diesem nicht ganz einfachem Titel durchaus auch einige witzige Passagen! Kann ich nur wärmstens empfehlen. Ein Titel mit Tiefgang.
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Der Schlafwagendiener Baxter braucht noch Geld um seinen Traum wahr werden zu lassen: er will Zahnmedizin studieren. Dafür verdingt er sich im Nachtzug nach Vancouver als Butler. In diesem nervenaufreibenden Job wird schier alles von ihm abverlangt, kein Moment des Verschnaufens oder Innehaltens ist möglich, die illustren Gäste dieser Reise durch die Nacht geben keine Ruhe und halten ihn atemlos auf Trab. Selbst die abstrusesten Anforderungen nebst Frühstücksnachfragen, Schuhe sortieren, Verlorenes finden, Langeweile beseitigen auch sexuelle Nachfragen werden an ihn herangetragen und lassen ihn fast verzweifeln. Immer sein Ziel vor Augen versucht er fast alles zu geben, steht er selbst doch nicht nur wegen seiner Hautfarbe und seiner sexuellen Orientierung deutlich unter der reisenden Gesellschaft. Atemlos und unermüdlich rackert er sich ab, hinter jeder Tür der Abteile im Zug könnte ein Abgrund lauern und immer geschieht Neues. Temporeich, unterhaltsam, oft am Rande des Wahnsinns versucht Baxter die Dienstvorschriften zu wahren und nicht durchzudrehen. Seine Devise: immer weiter Lächeln was der Zug, äh das Zeug hält. Die facettenreiche, unterhaltsame Handlung hinterfragt gesellschaftliche Zuordnungen und zeigt unwürdige Arbeitsbedingungen und rassistische Zustände auf und fordert durchaus zum Nachdenken auf. Was ist der Mensch wert und wo fängt Würde an.
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