Vor 70 Jahren erschienen, ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, jetzt in neuer Übersetzung und mit einem Nachwort von Nicole Seifert.
Paris nach dem Ende der deutschen Besatzung. Die Mandarins, das sind die Caféhaus-Intellektuellen, die sich über Politik und Literatur die Köpfe heißreden. Und mittendrin Anne Dubreuilh, die feststellen muss, dass sie als Akademikerin bei den langen Abenden voller Zigarettenrauch und Alkoholdunst wohl mitreden darf, aber dennoch den schmerzhaften Riss spürt, der zwischen männlich und weiblich, zwischen öffentlich und privat verläuft.
In ihrem preisgekrönten Roman, in dem man Boheme und Literaturmilieu der Rive Gauche wiederzuerkennen meint, skizziert de Beauvoir meisterhaft das Klima im Nachkriegsfrankreich.
Die Neuordnung der Linken, die Zeit der großen politischen Umbrüche und vor allem des Feminismus in einer Zeit, in der patriarchale und nationalistische Tendenzen wieder erstarken: Die Aktualität dieses Romans ist kaum von der Hand zu weisen.
«Ein bemerkenswertes Buch, ein Roman im großen Stil, couragiert gewissenhaft und auf mitreißende Weise ernsthaft.» Iris Murdoch, The Sunday Times
«Bewegend und fesselnd. » The New York Times
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Bewertung
aus Bamberg
5/5
20.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
»Die Wahrheit sagen: Bisher hatte das nie ernsthafte Probleme aufgeworfen.«
»Die Wahrheit sagen: Bisher hatte das nie ernsthafte Probleme aufgeworfen.«
Wir befinden uns im Paris der Nachkriegszeit. Eigentlich ein Grund aufzuatmen. Eigentlich. Henri Perron, Herausgeber der Zeitung Espoir, welche unabhängig von politischen Ansichten berichtet und dafür von unterschiedlichen Lagern geschätzt wird, muss sich nun entscheiden: Bleibt er seiner Linie treu oder hilft er der linken Gruppierung der SRL, die sich vom Kommunismus abgrenzt, zu Ansehen? Ins Leben gerufen wurde diese u.a. durch seinen Freund Robert Dubreuilh, der Henris Zeitung gerne zum politischen Sprachrohr der SRL ausbauen würde.
Wäre da nicht noch seine Frau Paule, die ihn eher krankhaft verehrt, als liebt.
Ein zweiter Handlungsstrang widmet sich Anne, Roberts Frau, der ihre Suche nach sich selbst und einem unabhängigen, selbstbestimmten Leben begleitet. Gleichermaßen wird auch das Leben, besonders das sich in Affären verlierende Liebesleben, der gemeinsamen Tochter Nadine beschrieben.
Die zwei Erzählperspektiven bieten teils subjektive, überschneidende Einblicke derselben Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln und veranschaulichen die Uneindeutigkeit gewisser Ansichten.
Darüber hinaus ist es nicht ausschließlich ein höchst politischer Roman, der sich den französischen Intellektuellen – Mandarins genannt – der Nachkriegszeit sowie den Kriegsverbrechen widmet, sondern ist auch stets gesellschaftskritisch angelegt. Rollenbilder geraten ins Wanken, partnerschaftliche Abhängigkeiten sowie die Rolle der Frau werden hinterfragt und nicht zuletzt überdecken moralische Fragen diese tausend Seiten.
Ein Roman, der, trotz seiner siebzig Jahre, besonders mit Augenmerk auf die Zerspaltung der Linken, höchst aktuell ist.
Die gute Lesbarkeit, welche keinesfalls trocken ist, verdanken wir in erster Linie der großartigen Autorin sowie den beiden Übersetzerinnen Claudia Marquardt und Amelie Thoma.
Wer sich für Politik und umfangreiche, gut geschriebene Klassiker interessiert, für den wird das Buch sicherlich ebenfalls eine Bereicherung mit Lesegenuss sein!
J.G.
aus Berlin
5/5
02.11.2008
Buch (Taschenbuch)
Sehr empfehlenswert!!!
Ein Meisterwerk! Simone de Beauvoir gelingt in ihrem Roman eine perfekte Verknüpfung von Zeitgeschichte (politische Entwicklung in Frankreich nach dem 2. Weltkrieg) und privater Schicksale.
Der Roman spielt größtenteils in Paris, zwischendurch aber auch in den USA, Portugal oder Mexiko.
Die Charaktere sind perfekt und äußerst real herausgearbeitet. Auf knapp 800 Seiten kommt aufgrund wunderbarer, zum Nachdenken anregender Dialoge und einer lebendigen Erzählweise auf keiner einzigen Seite Langweile auf.
Besonders beeindruckend sind die zwei verschiedenen Erzählebenen: Zum einen die des Journalisten Henri in der dritten Form und der Psychologin Anne in der Ich-Form. Diese beiden Protagonisten führen in die Welt der Pariser Intellektuellen.
Bei der Geschichte um Henri wird der Zerfall der durch die Résistance verbundenen Pariser Intellektuellen und der Niedergang des französischen Kommunismus aufgegriffen. Sein vergeblicher Kampf um die Zeitung Espoir steht für ihn im Vordergrund. Die Schicksale dreier Damen, Paule, Josette und Nadine, und deren Liebe zu Henri sind in diese Geschichte verwoben.
Anne, die Ehefrau einer Hauptfigur der Mandarins, ist nicht unmittelbar in die politischen Diskussionen einbezogen. Die Suche nach persönlichem Glück und eine schöne Liebesgeschichte spielen in Annes Leben eine weitaus größere Rolle. Sie verliebt sich in Chicago in einen Schriftsteller namens Lewis, der mit ihr sein Leben verbringen möchte, sie aber ihr altes Leben in Paris nicht aufgeben will.
Insgesamt eines der besten Bücher, das ich gelesen habe. 100% empfehlenswert!!!
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5/5
21.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Trümmern und Thesen: Paris als Laboratorium der Verantwortung
„Die Mandarins von Paris“ von Simone de Beauvoir ist in der literarischen Landschaft des 20. Jahrhunderts ein Monument – nicht allein aufgrund seines Umfangs, sondern wegen seines ehrgeizigen Versuchs, eine ganze geistige Epoche in Bewegung zu bannen. Beauvoir hat hier ein Meisterwerk geschaffen. Das Frankreich der unmittelbaren Nachkriegszeit erscheint hier nicht als dekorative Kulisse, sondern als vibrierender Organismus, in dem Ideen, Leidenschaften, politische Loyalitäten und persönliche Eitelkeiten unaufhörlich miteinander ringen. Der Roman – 1954 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet – entfaltet ein Panorama jener Intellektuellenkreise, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit der drängenden Frage konfrontiert waren, wie man in einer Welt weiterdenken und weiterleben könne, die eben erst ihre moralischen und materiellen Trümmer freigelegt hatte.
Die geistige Situation in Frankreich nach 1945 war von einer paradoxen Mischung aus Hoffnung und Desillusionierung geprägt. Die Befreiung von der deutschen Besatzung hatte einen moralischen Aufbruch erzeugt; zugleich lag über allem das Bewusstsein der Kollaboration, der Résistance-Mythen, der politischen Säuberungen. Paris war wieder Paris, doch es war ein verwundetes Paris, ein Ort, an dem sich politische und philosophische Frontlinien neu formierten. Kommunisten, Sozialisten, Liberale, Gaullisten – sie alle rangen um Deutungshoheit. Und inmitten dieses Ringens stand der Existentialismus, jene Denkbewegung, die mit Namen wie Jean-Paul Sartre und Albert Camus verbunden ist und die im Saint-Germain-des-Prés der Nachkriegsjahre ihren mythischen Glanz entfaltete.
Worum ging es dem Existentialismus in diesem historischen Augenblick? Nicht um abstrakte Metaphysik, sondern um die existenzielle Dringlichkeit des Handelns. Der Mensch, so die berühmte Formel, ist zur Freiheit verurteilt; er ist nicht durch eine vorgegebene Essenz definiert, sondern durch seine Entscheidungen. In einer Zeit, in der die Schrecken des Faschismus die Verführbarkeit des Menschen drastisch vor Augen geführt hatten, wurde Freiheit zur Last und Verpflichtung zugleich. Der Existentialismus forderte Engagement – engagement nicht nur im politischen, sondern im moralischen Sinn. Schriftsteller sollten nicht länger im Elfenbeinturm residieren, sondern Partei ergreifen, Stellung beziehen, Verantwortung übernehmen. Literatur wurde zur Bühne, auf der sich das Drama der Freiheit exemplarisch abspielen sollte.
„Die Mandarins von Paris“ setzt genau hier an. Der Roman begleitet eine Gruppe von Intellektuellen, die unschwer als literarische Spiegelbilder realer Figuren zu erkennen sind. Anne Dubreuilh, Robert Dubreuilh, Henri Perron, sie alle tragen Züge historischer Persönlichkeiten, doch sie sind mehr als bloße Chiffren. Beauvoir schildert ihre Liebesverhältnisse, ihre politischen Debatten, ihre Zweifel mit einer psychologischen Genauigkeit, die den Leser unweigerlich in die inneren Konflikte dieser Figuren hineinzieht. Die Frage, wie man sich zum Stalinismus verhalten solle, ob man die Sowjetunion als Hoffnungsträger oder als Verrat an der Freiheit begreifen müsse, durchzieht den Roman wie ein nervöser Puls. Hier zeigt sich die ganze Ambivalenz jener Epoche: Die kommunistische Idee übte eine gewaltige Anziehungskraft aus, doch die Berichte über Schauprozesse und Gulags ließen die moralische Integrität dieser Hoffnung bröckeln.
Beauvoir gelingt es, die politische Debatte nicht als trockene Theorie, sondern als existenzielle Zerreißprobe darzustellen. Ihre Figuren leiden an ihren Überzeugungen, sie lieben und verletzen einander im Schatten ideologischer Entscheidungen. Gerade hierin liegt die literarische Kraft des Romans: Die großen Ideen sind niemals bloß Diskurs, sondern immer auch Affekt, Begehren, Eifersucht. Anne etwa, die als Psychoanalytikerin und Schriftstellerin fungiert, erlebt ihre Liebesaffäre nicht als bloße Episode, sondern als Erschütterung ihrer Identität. Die politische Welt und die intime Welt sind unauflöslich miteinander verknüpft. Freiheit ist hier nicht nur eine philosophische Kategorie, sondern eine schmerzhaft konkrete Erfahrung.
Damit stellt sich die Frage, die man Beauvoirs Roman immer wieder entgegenhält: Handelt es sich bei „Die Mandarins von Paris“ lediglich um ein literarisches Sprachrohr ihrer Philosophie? Ist dieser Roman letztlich eine Illustration existentialistischer Thesen, kunstvoll verpackt, aber doch im Kern didaktisch? Oder begegnen wir hier einem Werk autonomer literarischer Kunst? Es wäre zu einfach, Beauvoir zur bloßen Epigonin ihrer eigenen Theorie zu erklären. Zwar ist der Roman unübersehbar von ihren philosophischen Überzeugungen durchdrungen; die Idee der Verantwortung, der Authentizität, der historischen Verstrickung durchzieht jede Seite. Doch gerade weil diese Ideen nicht abstrakt bleiben, sondern in lebendige Figuren eingeschrieben sind, entzieht sich das Werk der Reduktion auf eine These.
Beauvoir schreibt mit einer geduldigen, manchmal fast dokumentarischen Genauigkeit, die an Balzac erinnert, ohne dessen epische Breite zu imitieren. Sie ist weniger am großen Gesellschaftstableau interessiert als an den feinen Verschiebungen im Inneren ihrer Protagonisten. Ihre Dialoge haben eine eigentümliche Spannung: Man spürt, dass hier Menschen sprechen, die an ihre Worte glauben, die wissen, dass jedes Argument Konsequenzen hat. Zugleich erlaubt sich der Roman Momente der Ironie, in denen die „Mandarine“ – jene selbsternannten Hüter des Geistes – in ihrer Eitelkeit und Selbstüberschätzung entlarvt werden. Der Titel selbst trägt einen leisen Spott in sich: Diese Intellektuellen sind Würdenträger eines Reiches der Ideen, doch ihr Einfluss auf die reale Welt bleibt prekär.
Gerade in dieser Ambivalenz liegt die literarische Qualität des Romans. Beauvoir verzichtet auf die bequeme Lösung, ihre Figuren als Helden oder Schurken zu zeichnen. Sie zeigt sie als Menschen, die in einer historischen Extremsituation Entscheidungen treffen müssen, ohne über vollständige Informationen zu verfügen. Der Roman ist damit nicht nur Zeitdokument, sondern Studie über die Tragik politischer Verantwortung. Dass Beauvoir Philosophin war, verleiht dem Werk eine besondere Tiefenschärfe, doch es beschneidet nicht seine literarische Autonomie. Im Gegenteil: Die philosophische Reflexion wird zur strukturellen Kraft, die den Roman zusammenhält, ohne ihn in ein Traktat zu verwandeln. Die jüngst erschienene Neuauflage von „Die Mandarins von Paris“, sorgfältig ediert und mit einem klugen Nachwort versehen – lädt dazu ein, dieses Werk im Licht unserer Gegenwart neu zu lesen. In einer Zeit, in der die Rolle der Intellektuellen erneut zur Disposition steht, in der politische Polarisierung und moralische Gewissheiten einander schroff gegenüberstehen, wirkt Beauvoirs Roman überraschend aktuell. Die Frage, wie viel Kompromiss eine Überzeugung verträgt, wie man zwischen Loyalität und Kritik navigiert, ist keineswegs historisch erledigt. Die Neuerscheinung macht zudem deutlich, wie sehr die Sprache Beauvoirs ihre Frische bewahrt hat. Sie ist nicht modisch, nicht effekthascherisch, sondern von einer klaren, unprätentiösen Eleganz, die dem Gegenstand angemessen ist. Vielleicht liegt die nachhaltigste Wirkung des Romans darin, dass er die Leserinnen und Leser in jene unbequeme Zone führt, in der Gewissheiten brüchig werden. Man verlässt das Buch nicht mit fertigen Antworten, sondern mit einer geschärften Sensibilität für die Komplexität historischer Entscheidungen. „Die Mandarins von Paris“ ist kein Roman, der sich auf einen Nenner bringen lässt; er ist vielmehr ein Gewebe aus Stimmen, Konflikten, Hoffnungen und Enttäuschungen. Dass er zugleich Dokument einer Epoche und literarisches Kunstwerk ist, macht seine Größe aus. Beauvoir zeigt, dass Philosophie und Literatur keine Gegensätze sein müssen, sondern sich gegenseitig befruchten können. In diesem Sinne ist der Roman nicht bloß ein Sprachrohr des Existentialismus, sondern dessen künstlerische Verkörperung
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5/5
05.12.2017
Buch (Taschenbuch)
Intellektuelle im Glashaus
Mandarins sind die Führungsschicht ihres Landes.
In diesem Schlüsselroman schildert Simone de Beauvoir das gesellschaftliche und private Leben der französischen Linksintellektuellen.
Man wird Zeuge ihrer Haltungen, Manierismen, Ideologien, ihres freien, unbürgerlichen Lebensentwurfs, der tief in der französischen Bourgoisie wurzelt und allein aus ihr entstehen kann.
Und man erlebt, wie normale menschliche Reaktionsmuster, Egoismen und Instinkte, durch soziale Prägung erlernte Ignoranz philosophische Ideale außer Kraft setzen.
Beauvoir lässt den Leser als Zuschauer teilnehmen.
Ihre Art zu schreiben: beobachtend, analysierend, psychologisch durchlässig.
Ein früher Gewinner des "Prix Concourt".
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