Als am 4. Mai 1980 Josip Broz Tito, der Staatspräsident Jugoslawiens, stirbt, weiß noch niemand, dass zehn Jahre später, der Staat, den die Person Tito mit eiserner Klammer zusammengehalten hat, auseinanderbrechen wird. Leider wird die Trennung nicht so friedlich wie bei der Tschechoslowakei, die sich in Tschechien und die Slowakei trennt, erfolgen. Auf Grund der verschiedenen Ethnien, Sprachen und Schriften, Religionen und vor allem gemischten Dörfern und Städten wie Sarajevo, in den man meist friedlich nebeneinander lebt, zetteln Anführer unterschiedlicher Parteien eine Reihe von (Bürger)Kriegen an, die uns als Jugoslawien- oder Balkankriege der Jahre 1991 bis 2001 bekannt sind. Sie scheuen dabei weder ethnische Säuberungen, noch andere Kriegsverbrechen.
Vernesa Berbo, 1968 in Proboj, im heutigen Serbien geboren, lebte während der Belagerung Sarajevos einige Zeit in der Stadt und ist selbst als Kriegsflüchtling 1992 nach Deutschland gekommen. In ihrem Debütroman schildert sie an Hand von Dijana (Sohn) und Dada (Schneeflöckchen) die Belagerung Sarajevos (5. April 1992 bis 29. Februar 1996), die rund 11.000 Menschen das Leben kostete.
Wir erfahren von diesen Jahren der Belagerung aus der Sicht von Dada, die von ihrer Familie Schneeflöckchen genannt worden ist, seit ihrer Flucht aus Sarajevo nun in Berlin wohnt und als Dolmetscherin in den Kriegsverbrecherprozessen übersetzt. Es sind Dadas Erinnerungen an ihre Familie, speziell an ihre Schwester Dijana, die allgemein nur Sohn gerufen wird, an das unbeschwertes Leben bevor der Krieg alle Pläne zunichte gemacht hat und an Mirza, ihre große Liebe.
Es sind aber auch die Erinnerungen Dijanas an die große Scham, die sie empfindet, die wir lesen. Die eine, weil sie ihre Familie nicht wissen lässt, dass sie ein anderes Leben führt und die andere, weil sie sich die Schuld gibt, die kleine Schwester im Stich gelassen zu haben.
Die Erinnerungen versetzen uns in den März 1992 als sich die Lage in Sarajevo zuspitzt und die Belagerung beginnt. Wir erleben die Ereignisse aus den Perspektiven von Dada und Dijana hautnah mit. Ein genialer Schachzug ist, Dada in der dritten Person erzählen zu lassen und Dijana als Ich-Erzählerin.
Zunächst scheinen die Berichte wie aus großer Distanz. Erst als Vater und Sohn (also Dijana) an die Front müssen und Mirza, Dadas große Liebe, nicht mehr zurückkehrt, ändert sich die Stimmung in der Familie. Es sind nicht die direkten Gefechte, die Eindruck hinterlassen, sondern die Verwandlung der Menschen. Die Rückschau auf verpasste Gelegenheiten und die Trauer, die sich stellenweise in Trotz und Wut verändern.
Viele Ereignisse sind ob der Brutalität und der Gräuel nur angedeutet.
„Sie [Dada] landete alleine direkt in einem Krankenhaus. Ab da erinnerte sie sich mehr an vieles. Bruchstückhaft weiß sie noch, dass sie sich wunderte, dass nur schwangere Frauen um sie herum waren. Dass in diesem Monat in dem sie da war, viel zur Entbindung gebracht wurden, aber alle mit leeren Händen und geschwollenen Brüsten zurückkamen, ohne ihre Kinder. Keine sprach jemals über die Entbindung oder ihr Baby. Man gab ihnen Schmerzmittel und Medikamente gegen die Brustentzüdnung, dann verschwanden sie aus dem Zimmer. Wie am Fließband kam neue Frauen mit prallen Bäuchen, neue leere Hände, neue entzündete Brüste, neue Verzweifelte, die sich wie Tauben aus dem Krankenhausfenster in die Tiefe stürzten.“ (S. 305)
Meine Meinung:
Die Autorin lässt in ihren Debütroman zahlreiche persönliche Erfahrungen einfließen, wodurch das Buch eine beklemmende Sogwirkung entfaltet. Es überzeugt durch die weibliche Sicht der Belagerung Sarajevos und hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Gerne gebe ich diesem Debüt, das sich sowohl als Aufarbeitung eines Traumas, als auch als Plädoyer gegen den Krieg versteht, 5 Sterne. Allerdings ist es nichts für Zartbesaitete.
Bewertung
aus Villach
5/5
30.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein großartiges Debüt
Der Roman wird von der in Jugoslawien geborenen und 1993 nach Berlin geflüchteten Autorin Vernesa Berbo in einer Rückschau erzählt. Handlungsrahmen ist der Balkankrieg, der 1992 begonnen hatte und menschliche Gräuel verübt wurden, von denen hier erzählt wird.
Dada lebt seit 30 Jahren in Deutschland, weil sie vor dem Krieg aus Sarajevo geflohen ist. Sie arbeitet am Gericht als Übersetzerin.
Die Rollen der beiden Schwestern der in Sarajevo lebenden Familie sind klar verteilt: Dijana ist die ältere, sie ist mutig, stark, unerschrocken – der Vater nennt sie Sohn. Dada, die jüngere, ist das genaue Gegenteil. Als der Jugoslawienkrieg ausbricht, macht Dijana es sich zur Aufgabe, die Familie und insbesondere ihre jüngere Schwester zu beschützen. Der Vater kann diese Aufgabe nicht übernehmen, da er zu Kriegsbeginn einen Herzinfarkt erleidet und im Krankhaus liegt und ist auch später nicht dazu in der Lage. Die beiden Schwestern sind damals 15 und 18 Jahre alt.
Nach einem Streit mit ihrer Schwester ist Dada verschwunden. Die Familie weiß auch Jahre danach nicht, ob sie noch am Leben ist.
Vernesa Berbo gelingt es sehr gut, die sich intensivierenden Kriegsgräuel zu erzählen: einerseits aus der Perspektive von Dijana, die sich als Soldatin für den Kriegseinsatz meldet und die Verteidigung für die Familie übernimmt, und andererseits aus dem Blickwinkel von Dada, die stellvertretend für die Zivilbevölkerung steht. Bei jedem Alarm müssen sie schützende Keller aufsuchen, das Essen wird knapp und das Leben wird insgesamt sehr gefährlich. Jeder Weg nach draußen kann tödlich sein. Es kommt zu Überfällen, die Bevölkerung leidet an Hunger, Vergewaltigungen stehen an der Tagesordnung.
Die Geschichte der beiden Schwestern Dijana und Dada berührt, schockiert und geht sehr zu Herzen. Der Roman hat eine besondere Atmosphäre: die Leser*in kann sich gut in den Kriegsalltag hineinversetzen, mit all seiner Brutalität, dem Hunger, der Angst, den kalten Wintern und den ständigen Granaten, Sirenen und Fluchten in Schutzräume. Titel und Cover würden suggerieren, dass es sich hier um einen Wohlfühlroman handelt – genau das Gegenteil ist der Fall.
Ich kann den Roman von Vernesa Berbo sehr empfehlen und wünsche, dass viele Leser*innen zu dieser Lektüre greifen.
Bewertung
5/5
12.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Krieg, Liebe und Schwesternmut – eine Geschichte, die bleibt
Ich durfte die Autorin auf der Buchmesse bei einer Lesung erleben und wusste schon da, dass das ein Buch für mich sein würde. Ich hatte recht. Was für eine Geschichte. So berührend, so stark, so schön erzählt. Ich könnte so viel schreiben, aber ihr müsst die Geschichte selbst erleben.
Wir lernen Dada kennen, die seit rund 30 Jahren in Deutschland lebt, nachdem sie während des Krieges aus Sarajevo geflohen ist. Warum sie keinen Kontakt mehr zu ihrer geliebten Schwester Dijana und den Eltern hat, erfährt man nach und nach.
Der Vater nennt Dijana „Sohn“, denn sie ist zäh, mutig, kämpferisch und trotzdem Mädchen. Dada dagegen ist das „Schneeflöckchen“, fein, empfindsam und stark auf ihre Weise.
Die Autorin nimmt uns mit ins Jahr 1992, mitten in das belagerte Sarajevo. Wir spüren die Kälte, die Angst, den Hunger. Menschen, die in Kellern überleben, frieren, sterben. Und trotzdem erzählt Vernesa Berbo ihre Geschichte nicht (nur) als Kriegsroman. Sie erzählt vom Leben, von Familie und Freundschaft, Liebe und Hoffnung, mit einer Leichtigkeit und Wärme, die man in dieser Brutalität kaum für möglich hält.Ich fand es beeindruckend, wie sie zwischen Schmerz und Humor balanciert, ohne dass etwas davon unecht wirkt.
Während des Lesens habe ich so oft gedacht: Das ist keine Geschichte über den Krieg, sondern über Menschen, die trotz allem lieben, lachen, füreinander da sind. Über Frauen, die durchhalten, beschützen, weitergehen, selbst wenn alles verloren scheint.
Ich habe Dada und Dijana tief ins Herz geschlossen, auch ihre Mutter. Jede steht auf ihre Weise für Mut und Überleben, für Zusammenhalt und Menschlichkeit.
Ein starkes, intensives Buch über Geschwisterliebe und Verlust, das aufwühlt, aber gleichzeitig tröstet.
Vernesa Berbo schreibt nicht mit Pathos, sondern mit Gefühl: ehrlich, klar und wunderschön. Bitte unbedingt lesen!
Tanja Theoria
aus Wo die Bücher mich hinführen
5/5
01.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Angst, Menschlichkeit und Erinnerung
„Der Sohn und das Schneeflöckchen“ ist ein stilles, aber schweres Buch. Es erzählt die Jugend zweier Schwestern im Schatten des bosnischen Krieges, voller Dinge, für die es keine Worte gibt, weil Gefühle manchmal zu groß für Sprache sind. Vieles geschieht zwischen den Zeilen, und gerade dort liegt die eigentliche Wucht.
Diese Buch hat mich ausgesucht. Ich habe es völlig zufällig auf der Frankfurter Buchmesse entdeckt. Es war das erste, das ich in die Hand genommen habe, ohne dass Cover oder Titel etwas verraten hätten. Und doch war es, als hätte ich im selben Moment einen Deckel geöffnet, unter dem Erinnerungen lagen, die ich tief in mir vergraben hatte. Nicht aus Vergessen, sondern aus Selbstschutz. Denn auch ich habe meine Kindheit im Bosnienkrieg verbracht.
Die Geschichte wird aus muslimischer Perspektive erzählt. Ich selbst habe den Krieg als serbisches Kind erlebt. Aber das ändert nichts am Kern: Ein Kind erlebt keinen „Konflikt zwischen Völkern und Religionen“. Ein Kind erlebt Angst, Ohnmacht, Verlust. Eine Welt, die plötzlich nicht mehr sicher ist.
Das Buch hat die Atmosphäre der damaligen jugoslawischen Gesellschaft sehr authentisch eingefangen: Menschen, die keinen Krieg wollten, aber hineingezogen wurden. Nachbarn, die tags zuvor zusammen an einem Tisch saßen und am nächsten Tag Feinde sein sollten, weil Propaganda erst Angst, dann Misstrauen und schließlich Hass säte. Die vielen Toten auf allen Seiten. Die Rache, die nie Heilung bringt, nur neue Verletzungen. Es ist furchtbar und unbegreiflich, dass die Menschheit immer wieder Kriege führt, Massen manipuliert und die Mehrheit den Hass weiter füttert, statt die Waffen stillzulegen. In Bosnien war es der Krieg der Religionen, etwas das eigentlich Mitgefühl, Barmherzigkeit und Vergebung lehren soll, aber stattdessen als Rechtfertigung für Gewalt diente.
Alles, was in diesem Buch vorkommt: die Brutalität, die Angst, keine funktionierende Infrastruktur, Hunger, Durst, kein Strom, keine Heizung, kalte Winter, ständige Sirenen und das panische Flüchten in den Keller, die Tiere, die ebenso litten, Monster auf der eigenen Seite und auf der anderen Seite , Vergewaltigungen, Granaten, viele Tote, der Austausch von Gefangenen, die ständige Angst, Verlust, all das ist zutreffend und so bildhaft beschrieben, dass mir beim Lesen Tränen kamen. Weil ich mich erinnert habe. An eine Zeit, die ich verdrängt hatte. Zum Glück blieben mir manche Grausamkeiten erspart, weil ich noch sehr klein war, aber ich habe vieles im Umfeld mitbekommen, und tägliche Beerdigungen, weinende Verwandte, waren Alltag.
Solche Erfahrungen machen nicht nur einzelne Menschen krank, sie lassen ganze Generationen kollektiv erkranken. Man wächst auf mit einem unsichtbaren Riss, mit einer seelischen Narbe, die nie wirklich heilt. Der Krieg zeichnet einen fürs Leben, auch wenn man überlebt. Es ist unheilbar, weil es in das hineinwächst, was man ist.
Dieses Buch zeigt nicht nur eine persönliche Geschichte, sondern einen Zustand: wie zerbrechlich Menschlichkeit wird, wenn Angst das Denken übernimmt. Und wie Kindheiten zu Kriegsgebieten werden, lange bevor Granaten fallen. Das Schneeflöckchen im Titel steht genau dafür: etwas Zartes, Einmaliges, das nie eine echte Chance hatte zu bestehen.
„Der Sohn und das Schneeflöckchen“ bleibt nicht einfach im Kopf, es bleibt im Inneren. Dort, wo man die Dinge aufbewahrt, die man nie wirklich hinter sich lassen konnte. Für mich war dieses Buch genau das, was mein erwachsenes Ich gebraucht hat: den Mut, ein Trauma zuzulassen, das ich so lange still in mir getragen und verdrängt habe, weil ich weit, weit weg von dem Ort der Grausamkeit geflohen bin.
Eine klare Leseempfehlung für alle, die verstehen wollen, was Krieg mit Menschen macht.
Christopher Bahn
Book Circle Community
5/5
20.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwei Frauen im Krieg
Ein poetischer Roman über zwei Schwestern im belagerten Sarajevo, der sowohl zeitlich nach vorne als auch nach hinten entwickelt wird. Die Sprache ist wunderschön und die Geschichte erzählt uns den Schrecken des Krieges und seinen Einfluss auf die Betroffenen. Ein beklemmendes Bild der Menschen in Sarajevo. Sehr empfehlenswert.
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4/5
16.11.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schwestern im Krieg
In ihrem Debütroman erzählt Vernesa Berbo die Geschichte zweier Schwestern in Sarajewo vor dem Hintergrund des eskalierenden Jugoslawienkriegs 1992. Mit ihrer bildgewaltigen Sprache erzeugt Berbo eine bedrückende Atmosphäre, die den Leser unmittelbar in die Schrecken des Krieges eintauchen lässt. Die Unsicherheit und Angst kurz vor Ausbruch des Krieges, die Frage, wer von den Freunden und Nachbarn morgen schon Feind sein könnte, ist spürbar nachvollziehbar.
Der Roman schildert die Angst der Soldaten vor einem Gefecht, die ständige Furcht vor Scharfschützen, die verzweifelte Suche nach Nahrungsmitteln und den täglichen Verlust geliebter Menschen. Gleichzeitig gibt es aber immer wieder Momente, in denen Menschen selbstlos handeln.
Der Roman hat mich emotional sehr bewegt und mir vor Augen geführt, wie schnell ein Krieg in Vergessenheit geraten kann.
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