An welche Orte haben sich die Erinnerungen zurückgezogen?
Judith Hermann folgt den Spuren ihres Großvaters, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war. Sie verknüpft ihr Schreiben mit seiner lange verleugneten Geschichte, reist von Polen aus weiter zu ihrer Schwester nach Neapel und geht Erinnern und Vergessen der folgenden Generationen nach. In Zwischen- und Untertönen spürt Judith Hermann das Verdrängte, die Leerstellen unserer Gesellschaft auf. Ebenso magisch wie magnetisch erzählt sie davon, wie fragil wir uns in unseren Leben einrichten – und zeigt auch, welche Schönheit sich darin verbergen kann.
Ungekürzte Lesung mit Judith Hermann
1 MP3-CD, 3h 47min
Kundinnen und Kunden meinen
3.9/5.0
Carlin
5/5
12.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Berührt und wirkt nach
Judith Hermanns reist zu Beginn ihres Buches „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ nach Radom in Polen, um dort Antworten auf Fragen zur SS-Vergangenheit ihres Großvaters, den sie nie persönlich kennengelernt hat, zu finden.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die sich auf unterschiedliche Weise der Erfahrung von Verlust und Erinnerung annähern. Das Unausgesprochene schwebt dabei stets im Raum und wirft Fragen auf. Besonders eindrucksvoll sind Hermanns präzise Beobachtungen und ihre ruhige, konzentrierte Sprache, mit der sie Situationen und Stimmungen einfängt. Auch die Schilderung der Beziehung zu ihrer Schwester ist sehr berührend. Im Verlauf schlägt das Buch eine andere Richtung ein, als man zu Beginn vermuten könnte, und öffnet den Blick zunehmend für allgemeinere, kluge Gedanken über Zeit, Erinnerung und Leben. Ein ehrliches, literarisches und sehr nachhaltiges Buch - große Leseempfehlung!
katis zettelchen
aus Salzburg
5/5
09.03.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Stark geschrieben, wie gehen wir mit Leerstellen in unserem Lebensbild um?
Eine Frau in den 50ern, die versucht, ihren Großvater und seine nationalsozialistische Vergangenheit greifbarer zu machen und das Schweigen in der eigenen Familie zu überwinden. Damit kann ich mich zu 100% identifizieren. Für mich ist dieser Roman sehr spannend – sowohl inhaltlich als auch formell. Drei Teile, Radom – der Ort in Polen, an dem ihr Großvater stationiert war, Neapel – wo ihre Schwester mit Familie wohnt und Tidslomme (Zeittäschchen) – ein kleiner Appendix über das Verschwinden der Schwiegereltern der Erzählerin. Die Suche nach der Wahrheit über den Großvater wird zum Umgang mit Erinnerung, Vergessen und Verdrängung, darüber, wie unterschiedlich Menschen traumatische Erlebnisse oder verstörendes Wissen verarbeiten und über Wissenslücken, die nicht gefüllt werden können und die man letztlich ertragen muss. Wenn jede Person in der Familie einen Zeitstrahl anfertigen würde mit den Erinnerungen an die eigene Vergangenheit oder auch an das, was davor lag und was man nur aus Erzählungen kennt, würden ganz unterschiedliche Ergebnisse entstehen, denn für jeden ist etwas anderes wichtig und jeder hat seine eigene Perspektive. Erinnern wir uns irgendwann noch direkt an unsere Vergangenheit oder erinnern wir uns nur noch daran, was wir einmal erzählt haben, ein Foto, eine Bemerkung und die Erinnerung ist dann sozusagen aus zweiter Hand? Gerade im Umgang mit der Vergangenheit unserer Familien im Nationalsozialismus ist die Realität so schwer zu greifen – nach dem Krieg wurde so viel verschwiegen und verdrängt, dass die Wahrheit teilweise aus der Erinnerung gelöscht wurde, es entstehen absichtliche und unabsichtliche Leerstellen. Wie geht man damit um, wenn man immer wieder gegen Wände läuft? Die Schwester der Erzählerin ist Archäologin in Pompeji, sie deckt Momente auf, die in der Zeit fixiert wurden, sie nennt das „geschlossene Funde“, die durch eine plötzliche Katastrophe entstehen. Demgegenüber steht das Leben des Großvaters, der wahrscheinlich an Ghettobildung und Massenhinrichtungen beteiligt war. Geblieben sind ein paar Alltagsgegenstände, Fotos, ein paar Einträge im Bundesarchiv und einige Erinnerungen, die die Mutter preisgibt. Die Erzählerin versucht eine Geschichte zu finden, der Vergangenheit Sprache zu geben, doch muss sie lernen, mit Leerstellen zu leben. Ein Satz, der mir im Gedächtnis bleibt, weil mir die Situation sehr bekannt ist: „Ich dachte an die Unnachgiebigkeit meiner Mutter, an ihre erbarmungslose Fähigkeit zum Rückzug, ihre Art, sich in einen Stein zu verwandeln, nicht mehr ansprechbar zu sein.“ Ist die Lektüre des Romans befriedigend? Ja und nein, denn sie gibt nicht der Vergangenheit die Sprache, aber der Suche nach Wahrheit. Ich fühle mich dennoch sehr motiviert, weiter nach der Wahrheit zu suchen, auch wenn vieles wahrscheinlich inzwischen nicht mehr auffindbar ist.
Frechdachs
5/5
25.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Den eigenen Ahnen auf der Spur - Zurück zu den eigenen Wurzeln
Der kurze Roman "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" mit nur knapp über 150 Seiten von Judith Hermann hinterlässt bei mir persönlich leider ein sehr zwiegespaltenes und vor allem nachdenkliches Gefühl.
Hermanns Werk ist insbesondere geprägt von den leisen Tönen, die sie bei ihrer Suche nach dem Menschen hinter dem Bild ihres Großvater und dessen mutmaßlichen Kriegsverbrechen in Polen anschlägt.
Ich selbst bin auch einer dieser Suchenden, mit kaum verwertbaren Ansätzen meiner beiden Großväter, die ich so leider nie persönlich kennenlernen durfte. Mir bleiben wenige schwarzweiße Aufnahmen von ihnen, auf denen sie mir ehrlich gesagt einfach nur fremd sind.
Genau dies ist auch der Ausgangspunkt des Romans von Judith Hermann, deren Großvater im NS-Regime in Polen gedient hat und dort vielleicht sogar auch an den damaligen Verbrechen beteiligt war. Ein einprägsames Foto ihres stolz posierenden Großvaters in Uniform auf einem großen Platz in Polen soll sie dabei auf die richtige Fährte führen. Sie, die Suchende möchte Licht ins Dunkel bringen und folgt den wenigen bekannten Spuren ihres Großvaters nach Polen vor Ort.
Nach diesem "Ausflug" nach Polen verschlägt es sie nach Italien zu ihrer Schwester. Hier hätte ich mir persönlich mehr gewünscht, diese wenigen Spuren in Polen besser und intensiver zu verfolgen, als diese andere innerfamiliäre Perspektive zu thematisieren.
Die Geschichte selbst ist wenig spektakulär geschildert. Vielmehr sind es die leisen Bilder, die Judith Hermann von der Stilistik her bemüht. Wie auch im echten Leben gestaltet sich solch eine Suche quasi wie ein Riesenpuzzle, bei dem man noch nicht mal alle Teile beisammen hat.
Im Plot selbst geht es vielmehr auch um die innerfamiliären Beziehungen zu anderen Mitgliedern (z.B. Mutter und Schwester), wie jeder seine eigene Sicht auf die Dinge hat und diese individuellen Erinnerungen pflegt.
Jeder von uns hat einen eigenen Blickwinkel auf die unterschiedlichen Facetten seiner Beziehungen und genau dies macht diesen Roman auch aus.
Bewertung
aus Quickborn
5/5
25.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Dunkle in der Welt zeigt sich früh genug
Es ist genau ein Jahr her, dass ich Judith Hermanns Buch „Wir hätten uns alles gesagt“ (das schon 2023 erschienen war) gelesen und rezensiert habe. Ich war sehr beeindruckt und habe lange an dieses kleine Buch denken müssen, es hatte mich im tiefsten Inneren erwischt. Nun erscheint ein neuer schmaler Band mit dem großen Titel „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, vielleicht hat die Autorin daran gerade gearbeitet, als ich über sie und mich, unsere Ähnlichkeiten (Vorname, Geburtsstadt, Pellkartofffeln und Quark, das Kind) nachdachte. In diesem Buch sprach sie nie von ihrem Großvater mütterlicherseits, nur der schreckliche Großvater väterlicherseits war thematisiert worden.
Völlig unerwartet habe ich festgestellt, dass eine weitere, prägende Ähnlichkeit vorhanden ist: wir haben beide einen Großvater, der bereits bei unserer Geburt tot war und über den in der Familie eher wenig gesprochen wurde. Womit die Ähnlichkeit abrupt endet. Ihr Großvater war ein SS-Angehöriger, der den Krieg bis auf eine Tätowierung unterm Arm körperlich unversehrt überstand, mein Großvater war Jude und wurde in Auschwitz ermordet, die Mörder nahmen sich nicht die Zeit, ihm eine Nummer zu tätowieren. Einen größeren Unterschied zwischen unseren Großvätern gibt es wohl kaum. Und doch bin ich fasziniert und bewegt von Judith Hermanns Versuch, in der Zeit zurückzugehen.
Wir haben in der Nachkriegsgeneration Traumata, die wir versuchen zu überwinden, zu verstehen, zu „literarisieren“ oder einfach Orte zu sehen, an denen etwas Geschichtliches und Familiäres stattgefunden hat. Wir irren uns in der Hausnummer, wir suchen am falschen Ort, wir sehen einfach nichts und doch sehen wir alles. Judith Hermann ist nach Radom gefahren, der polnische Ort, in dem ihr Großvater im Einsatz war, auch bei der Auflösung des jüdischen Ghettos, bei vielleicht bis heute unaussprechlichen Taten, die er begangen hat, oder auch nicht. Radom zeigt ihr nichts, gibt freiwillig nichts preis, Unverständnis und Ignoranz sind keine ungewöhnlichen Reaktionen. Trotzdem spinnt sie sich ein in einen Kokon, in dieser auf Zeit gemieteten Wohnung und versucht dem Phänomen „Großvater-Täter“ auf den Grund zu gehen. Im Gegensatz zu mir hat sie zumindest Fotos, weiß wie er aussah, wie er posierte. Von meinem Großvater ist nichts als eine Rauchwolke geblieben, und ein paar Urkunden in Archiven sind erhalten, kein Foto, kein Knopf, gar nichts. So denke ich, sie kann froh sein, dass sie nicht nur einem Phantom nachjagt, sondern ein wenig mehr herausfinden will über den Vater ihrer Mutter, die mit ihm bis zum vierzehnten Lebensjahr, bis zu seinem Tod zusammenlebte. Meine Mutter konnte sich nicht einmal an ihren Vater erinnern. Aber ihre Mutter möchte nicht viel erzählen, kann es vielleicht auch nicht. So bleiben beide immer wieder stecken in den unvollständigen Erinnerungen. Die Zeit in Radom geht zu Ende, Judith Hermann will in den Süden, nach Italien, zu ihrer Schwester und deren Familie, aber bevor sie fährt, ereignet sich ein kleines Wunder. „… ganz am Ende habe ich Sabbat gefeiert, zum ersten Mal in meinem Leben.“ Und da habe ich mich für sie gefreut, denn ich habe tatsächlich noch nie Sabbat gefeiert.
Auf dem Weg nach Italien wird Judith Hermann in Wien Station machen, da bin ich wieder ganz bei ihr, erkunde das Jüdische Museum mit ihr und spüre in meinem Herzen, wie sie „die Nerven verliert“. Sehe mich selbst völlig aufgelöst im Museum in Auschwitz. Wir sind uns sehr ähnlich, über achtzig Jahre nach Kriegsende sind wir die Enkelgeneration, Opferenkel, Täterenkel, wo ist der Unterschied, wir leben heute, müssen heute klarkommen mit unseren Gedanken und Gefühlen.
Der Besuch bei der Schwester ist keinesfalls problemfrei, aber die südliche Sonne, das südliche Wesen entspannen auch ihr Inneres. Die Erlebnisse sind das Gegenteil des kalten Radoms, die Lichtblicke, das Fröhliche der Kinder, die unwirklich wirkliche Wohnung der toten Agata Alba in Neapel, die aufblitzende Vertrautheit der Schwestern, Pompeji, die Hermeneutikproblematik des Schwagers, all das lässt den Leser wie die Autorin Judith Hermann am Ende hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. Der Berg wird nicht abstürzen ins Tal, zumindest nicht so bald. „Ich saß im Zeittäschchen in der Sonne auf einem Stein vor einem Haus, …“ Dieses Zeittäschchen werde ich mitnehmen aus dem Buch, mich hineinsetzen zu Lesen und zum Denken.
Das waren meine Eindrücke zu den Teilen I und II des Buches, Radom und Napoli, Teil III heißt Tidslomme, der mit der existentiellen Frage der Unsterblichkeit (oder Sterblichkeit?) im Vagen bleibt. Dieser dritte Teil passt nicht so ganz zu den ersten beiden, der Zeitsprung kommt zu unvermittelt, die Geschehnisse sind abstrakt, wie durch ein Fernglas betrachtet werden sie erzählt. Fremd und doch sehr persönlich.
Ein Zitat aus dem Buch habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben, es könnte auch mein Gedanke sein. „Was, frage ich meine Mutter, mache ich, wenn du nicht mehr da bist. Oh, sagt sie leichthin. Dann wirst du dich an mich erinnern.“ Der schönste Satz im ganzen Buch. Mein schönster Satz.
Fazit: Der Großvater von Judith Hermann ist in jeder Hinsicht ein Cold Case. Keine Reise und kein Archivbesuch werden der Autorin jemals hundertprozentige Klarheit bringen. Ich denke, am besten ist es, mit einem solchen Zustand seinen Frieden zu machen. Ich bin 16 Jahre älter als die Autorin und habe dementsprechend 16 Jahre mehr mit Archivrecherchen und Ortsbesichtigungen verbracht, irgendwann kommt man zu einem Ende, auch wenn es unbefriedigend ist. Aber dann ist es auch gut. Und: Von Familienmitgliedern darf man niemals das gleiche Interesse erwarten, das einen selbst antreibt. Judith Hermanns Schwester jedenfalls „gräbt“, aber 2000 Jahre früher. Judith Hermann schreibt, übrigens mit vielen Fragen, aber ohne Fragezeichen, das sollte unbedingt so bleiben, beides.
Unbedingte Leseempfehlung und aufgerundete 4,5 Sterne.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
cryptomys
5/5
21.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die dritte Generation
Judith Hermann ist unterwegs quer durch Europa und taucht in die Geschichte ihrer Familie ein. Kann sie Vergessenes oder Nicht-Erzähltes klären? Warum gibt es diese Leerstellen in der Familiengeschichte? Diesen Fragen geht sie auf den Grund.
Das Buch spricht mich sofort an, schön die Leseprobe war genau mein Ding. Woran das liegt? Ich liebe Judith Hermann. Aber warum? Vielleicht sind es die Alltäglichkeiten, die thematisiert werden, in denen man sich immer irgendwo wiederfindet, vielleicht ist es die schlichte Sprache? Eigentlich ist das Thema zweiter Weltkrieg schon lange erzählt, viele (oder viel zu viele?) Bücher spielen in der Zeit. Aber dieses Buch ist anders, der Blickwinkel ist völlig anders. Wie wirkt die Vorgeschichte einer Familie auf die nächsten Generationen nach? Ist es für mich wichtig, was in der Ur-(Ur-)Großelterngeneration passiert ist? Wie wirkt das auch heute noch nach? Dazu gibt es exemplarisch Antworten. Bei mir tauchen weiter Fragen im Kopf auf: Gibt es verschiedene Wahrheiten oder Realitäten? Warum „vergisst“ der Mensch manche Dinge? Spannende Fragen, die zum Nachdenken einladen. Das Gelesene vermischt sich mit Gedanken über die eigene Familiengeschichte, egal ob man zur „dritten Generation“, „vierten Generation“ oder vielleicht auch „fünften Generation“ gehört.
Ein tolles Buch, es trägt nicht auf, kann in kleinen Häppchen gelesen werden. Man sollte sich Zeit nehmen, um darüber in der Familie zu sprechen oder auch nur seinen eigenen Gedanken dazu nachzuhängen.
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5/5
08.05.2026
eBook (ePUB 3)
Ich möchte zurückkehren in der Zeit von Judith Hermann
Judith Hermanns Großvater war im 2. Weltkrieg bei der SS in Polen stationiert. In der Familie wurde über diese Zeit nicht geredet und auch ihre Mutter schweigt. Die Autorin macht sich auf den Weg nach Radom in Polen, wo die SS eine Schreckensherrschaft führte und versucht das Leben des Großvaters nachzuspüren. Sehr melancholisch und bedrückend erzählt. Auf dieses Buch muss man sich einlassen; keine leichte Kost.
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5/5
03.03.2026
eBook (ePUB 3)
Erinnern als Aufgabe
Während des 2. Weltkriegs war der Großvater der Autorin in Radom, einer kleinen Stadt in Polen, als Angehöriger der SS stationiert. Während seiner Anwesenheit wurde dort ein Ghetto errichtet, Tausende Juden ermordet und verschleppt.
Judith Hermann macht sich auf den Weg dorthin, in der Hoffnung, mehr über ihn und seine Mitschuld zu erfahren. Sie hat nur Informationen und ein paar Fotos. Auch die lückenhaften Erinnerungen ihrer Mutter helfen ihr kaum weiter. So reist Hermann nach Radon und versucht, die damaligen grausamen Geschehnisse, denen sie im Stadtbild und Archiven nachgeht, mit den entspannten, kernigen Fotos ihres Vaters aus dieser und auch der Nachkriegszeit zu einer Einheit zu bringen. Ein schmerzhafter Prozess, dem die Autorin sich stellt und auch dem Leser zumutet.
Anschließend besucht sie ihre Schwester, eine Archäologin, in Italien, die mit ihrer Familie auf dem Land bei Neapel lebt. Dort findet die Autorin eine selbstzufriedene, lebensbejahende Idylle vor. Kinder, die unbeschwert im Hier und Jetzt leben und sich frei entfalten können. Sie begleitet ihre Schwester zu den Ausgrabungsstätten von Pompeji, wo diese ihr die neuesten Ausgrabungen zeigt. Zeugnisse einer lebensvernichtenden Katastrophe, die bei den Wissenschaftlern helle Begeisterung auslösen.
In ihrer unnachahmlich poetischen Sprache schreibt Judith Hermann über die schmerzenden Splitter der Vergangenheit, von zwei Generationen verdrängt, darüber, dass auch sie als Enkelin sich davon nicht befreien kann. Sie findet jedoch die Kraft, darüber zu sprechen und zu schreiben und so, ähnlich den Archäologen, bisher Verborgenes sichtbar und emotional spürbar zu machen.
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4/5
24.04.2026
eBook (ePUB 3)
Reise in die Vergangenheit
Für mich ein eher schwächeres Buch von Judith Hermann, die ich immer gerne lese. Der Roman ist ein Teil der Geschichte der Autorin. Der Großvater war in der NS Zeit in Polen und es schweben immer Fragen über die Vergangenheit über der Familie, am stärksten beschäftigt diese Fragen allerdins Judith Hermann, da sie keine Antworten bekommt. So macht sie sich auf nach Radom, um dort zu schreiben und versucht die Vergangenheit für sich etwas aufzulösen und zu verstehen.
Im Grunde bleiben immer noch viele Geheimnisse ungelöst- was mit Sicherheit die Problematik des Themas beschreibt.
Ich fühlte mich als Leser erst im 2. Teil des Buches abgeholt. Judith Hermann reist weiter zu Ihrer Schwester nach Italien. Dort ist es viel lebendiger und freundlicher, aber auch dort wird viel geschwiegen und kaum über die Vergangenheit gesprochen und wenn dann doch mal das Gespräch in die Richtung läuft, wird es schnell beendet.
Ein kluges Buch, ich hab mir mehr Gespräche und Entdeckungen erhofft-was aber in dem Sinne die Problematik über das Schweigen sehr deutlich darstellt.
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4/5
30.03.2026
eBook (ePUB 3)
„Das Gesicht meines Großvaters war so sorgfältig glattrasiert, sein Ausdruck schwindelerregend gelassen und stolz“
In ihrer Familie will niemand etwas wissen. Die Vergangenheit unserer Vorfahren im zweiten Weltkrieg bleibt leider oft verborgen, die Taten werden totgeschwiegen. Um so interessanter wird es, wenn sich jemand auf Suche begibt und die Spuren der eigenen Familie verfolgt.
Ich hätte gerne noch viel mehr erfahren und war fast enttäuscht, dass sich die Protagonistin so leicht mit den Ergebnissen ihrer Suche zufrieden gibt.
Trotzdem super wichtig und spannend
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4/5
25.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die unerzählte Geschichte
Judith Hermann sucht nach der Geschichte, die nie erzählt wurde: die Geschichte über ihren Großvater mit SS Vergangenheit, von der nur Fragmente übrig sind und sehr vage Erinnerungen der Mutter. Um sich hineinzuversetzen in das was war, begibt sie sich an alte Schauplätze, bereist, Radom in Polen, wo der Großvater sich aufhielt, fährt weiter nach Wien und zur Schwester nach Neapel.
Ein sehr melancholischer, nachdenklicher Text, der sich mit der eigenen Familie auseinandersetzt, mit dem Widerspenstigen, Unangenehmen, das aber doch irgendwie zur eigenen Geschichte dazugehört. Was Judith Hermann kann, ist mit Worten und Gedanken jonglieren und dabei eine Prosa erschaffen, die tief in einem etwas anstößt und das eigene Gedankenkarussell in Gang bringt.
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