Köln, Anfang der 80er-Jahre. Baran wächst in einer Welt der Gegensätze auf. Sein Vater Merter arbeitet auf dem Bau, doch den Blaumann tauscht er freitagabends gegen die dunkelgrüne Schlaghose. Seine Großmutter Berfin spricht nur Kurdisch, aber versteht sich mit allen. Seine Mutter Damla denkt an die Berge, als sie zum ersten Mal das Meer sieht. Als Familie Konak ausgerechnet in ein besetztes Haus zieht, prallt ihre Welt auf alternative Lebensentwürfe. Zwischen Plenum, Demos und Häuserkampf entsteht eine Gemeinschaft, die es eigentlich nicht geben dürfte. Wie lange das gutgeht? Bis es ums Geld geht, denn spätestens dann hört jeder auf, ein Held zu sein.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
MarieOn
5/5
15.09.2026
Buch (Paperback)
Spannende Familiengeschichte
Damla war vierzehn, als sie den vier Jahre älteren Merter heiratete. Danach ging Merter für drei Jahre zum Militär und Damla lebte bei ihren Schwiegereltern. Vom Mangel an fließendem Wasser und der fehlenden Elektrizität abgesehen, lebte sie dort gut. Ihre Schwiegermutter behandelte sie nicht wie ein Dienstmädchen, wie es in so vielen anderen kurdischen Familien geschah, sondern wie eine Tochter. Als Mertin seinen Dienst abgegolten hatte, gingen sie nach Deutschland, denn Merter wollte Geld verdienen. Er fand einen Job auf dem Bau, wo er fünf Tage die Woche schuftete. Am Wochenende allerdings zog er seine dunkelgrüne Schlaghose und ein Hemd an und ging zu den Männern, spielte Tavla, rauchte und redete.
Baran wurde geboren und entpuppte sich als besonders kluges Kind. Schon im Kindergarten insistierte eine Erzieherin, der Junge brauche dringend ein Musikinstrument, was sie mantraartig wiederholte, bis Merter sich endlich breitschlagen ließ und Baran eine Melodica kaufte. Fortan saß Baran vor dem Radio und versuchte „Sieben Fässer Wein“, „Another Brick in the Wall“ oder „Highway to Hell“ mitzuspielen. Doch schon bald zeigte Merter sich zunehmend unzufrieden. Die grüne Hose blieb im Schrank hängen und er forderte am Wochenende seine Ruhe, was in der Zweizimmerwohnung nahezu unmöglich war. Dann verlor Baran die Ecke eines Schneidezahns, als er die Melodica blies und Merters Hand ihm direkt ins Gesicht klatschte.
Merter hörte von einer Fünf-Zimmer-Wohnung für nur einhundert Mark Unkostenbeteiligung und entflammte. Fix war der Hausrat eingepackt und die Familie umgezogen. Ihre künftigen Mitbewohner waren etwas sonderbar, aber nicht unangenehm. Während Baran sich in der Frauen-WG oder beim Hühnerstall im Garten rumtrieb, saß sein Vater bei Plenen, ließ hitzige Diskussionen an sich abprallen und dachte über all die Schlappschwänze nach, die sich zu behaupten suchten.
Fazit: Der Autor Selim Özdogan hat einen erheblichen Teil seiner Familiengeschichte zu Papier gebracht. Baran wächst zwischen Lahmacun und Currywurst auf. Er entwickelt sich zu einem feinfühligen, begabten Jungen und weil er anders ist, hat er keine Freunde. Seine Mutter Damla kann weder lesen noch schreiben und sehnt sich nach den Bergen zurück und sein Vater Merter ist ein großmäuliger Aggressor, ein Herrscher, der Schwächlinge ebenso verabscheut wie Frauen. Zuerst holt Merter Barans älteren Bruder Orkun nach Deutschland, dicht gefolgt von seiner Mutter Berfin. Nachdem Baran sich der seltsamen Oma angenähert hat, werden alle seine Bezugspersonen Frauen sein. In dem besetzten Haus in der Kölner Kerpener Straße findet Baran immer jemanden, der ihn wahrnimmt. Seine Oma spricht nur kurdisch und wird dennoch geschätzter Gast in der Frauen-WG. Die Stimmung des Romans spiegelt exakt die 80er-Jahre wider. Der Kalte Krieg, Friedensbewegungen versus Rote Armee Fraktion. Die jungen Menschen zeigen, dass sie den Bedrohungen durch russische und amerikanische Raketen müde sind. Sie wollen gleiche Bildungschancen und günstigen Wohnraum für alle und sind bereit, sich den Wasserwerfern, Tränengasbomben und Knüppeln entgegenzustellen. Der Kontrast zwischen Hausbesetzern und „Gast“arbeitern ist nicht so ungewöhnlich. Ich bin selbst 1987 auf die Kiefernstraße in Düsseldorf gezogen und habe Seite an Seite mit Punks, Autonomen, Uranwohnern und „Gast“arbeitern gestanden, als das Sondereinsatzkommando, auf der Suche nach Bader-Meinhoff, durch die Straße zog. Hier schafft der Autor ganz wunderbar, die Zerrissenheit zwischen den Kulturen darzustellen. Und obwohl die familiäre Situation mit dem unberechenbaren Vater schwer auszuhalten ist, ist Selims Geschichte nicht als Abrechnung oder Phishing for pity zu verstehen, sonder als eine Beobachtung, die nicht bewertet, sondern jedwede Bewertung dem geneigten Leser zutraut und überlässt. Hier wurden so passende wie schöne Worte gefunden, um eine besondere und nicht gewöhnliche Geschichte zu transportieren. Es geht um das Fremdbleiben, Einsamkeit und toxische Männlichkeit.
begine
aus Lemwerder
4/5
20.08.2026
Buch (Paperback)
Türkische Familie
Selim Özdogan beschreibt in seinem Roman „Ihr kriegt uns hier nicht raus“
die Geschichte einer türkisch kurdischen Gastarbeiterfemilie.
.Er lässt die Familie ab 1977 von Baran ab dem Kindergartenalter erzählen.
Die Figuren hat er lebe halsnah gezeichnet. Allerdings ist der Vater doch ganz schön rabiat und bewirft seine Familie mit unflätigen Worten und Schlägen.
Baran beobachtet alle Personen ge au.
Als sein älterer Bruder später aus der Türkei nach Deutschland kommt, gibt es von ihm Eifersüchteleien.
Die Familie zieht in ein besetztes Haus, so gibt es noch mehr interessante Personen.
Der Roman ist ganz gut geschrieben.
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5/5
14.10.2026
Buch (Paperback)
Zuwanderung, Hausbesetzung und der Sound der 80er
Der Kölner Autor Selim Özdogan erzählt in diesem Roman die Geschichte einer türkisch-kurdischen Familie aus der Perspektive des Jungen Baran. Mit großer Authentizität porträtiert er die Generation von Migranten aus der Türkei in den Siebziger und achtziger Jahren – ihre Widersprüche, ihre Träume und ihre alltäglichen Kämpfe. Der Vater arbeitet zunächst auf dem Bau, bevor er in Köln-Kalk seinen eigenen Lebensmittelladen eröffnet. Die Großmutter spricht nur Kurdisch, verbindet aber alle miteinander. Als die Familie in ein besetztes Haus zieht, treffen Welten aufeinander – zwischen Plenum und Häuserkampf entsteht eine ungewöhnliche Gemeinschaft, zum Beispiel beliefert einer der Hausbesetzer den Lebensmittelladen des Vaters mir selbstgebackenem Brot, ein anderer bringt Baran das Radfahren bei.
Baran liebt neben seinem Bonanzarad die Musik, die Passagen, in denen er die neuesten Hits aus dem Radio kennenlernt (Blue Monday!), versetzen einen beim Lesen unmittelbar in die frühen 80er.
Triggerwarnung: der Vater neigt zu derben Flüchen Gewaltausbrüchen.
Fazit: ein eindringliches, lebensnah geschriebenes Porträt einer Zeit und einer Generation, die Deutschland geprägt hat.
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