Meine letzte RezensionDie schönste Versionvon Ruth-Maria Thomas
Jella liebt Yannick. Und Yannick liebt Jella. Manchmal streiten sie ein bisschen. Und manchmal auch ein bisschen mehr. Aber am Ende lieben sie sich trotzdem. Manchmal wird der Streit körperlich, aber nicht zu extrem. Obwohl... manchmal hält Yannick sie so fest am Hals, dass Jella keine Luft bekommt. Aber bestimmt nicht mit Absicht, denn Yannick liebt Jella. So sehr, dass er ihr hinterherschreit “Ich bringe dich um!” nachdem sie sich von ihm befreit und wieder zu Atem kommt. Da merkt schließlich auch Jella, dass Yannick sie wohl doch nicht so sehr liebt.
Und als sie den Mut fasst, zur Polizei zu gehen, kommt die altbekannte Frage auf: Wieso bist du nicht früher gegangen? “Weil ich das Gefühl dafür verloren hatte, wann man geht. [...] Ich bin geblieben, weil es mein Leben war, denke ich. Und wie hätte ich mein Leben verlassen sollen?”
Jella ist keine fiktive Person, denn wir alle könnten Jella sein. Das portraitiert Ruth-Maria Thomas hier mit brutaler Authentizität. Dieser Roman ist nichts für schwache Nerven. Wir begleiten Jella von ihrer Kindheit an und schauen bei all den kleinen und großen Übergriffen zu, die schlussendlich dazu führen, dass sie Yannicks verhalten toleriert. Und das zeigt uns ganz klar, wie wichtig es ist unsere Kinder schon früh darüber aufzuklären, was die eigenen Grenzen bedeuten. Das Thema steckt überall, in Kitas, Schulen, in jedem “Was sich liebt das neckt sich”, in der ewigen Diskussion über Dark Romance... Am Ende sollte es doch eindeutig sein: einen Übergriff kleinzureden verzerrt unser Bild von Intimität und Respekt, und das schon im jungen Alter. “Dann wirst du selbst unsicher, zweifelst, bekommst das Gefühl, dass du deiner eigenen Angst nicht mehr vertrauen kannst. [...] Ja, gut, ich hatte Nein gesagt. Aber wahrscheinlich nicht ernsthaft genug. Ja, gut, ich hatte ihn ein bisschen weggeschubst. Aber nicht superdoll.” dann kommt noch ein “Mach kein Drama” hinterher und schon ist die Sache unter den Teppich gekehrt. Aber das Gefühl der Machtlosigkeit bleibt, dicht gefolgt von der Wut. Ich denke viele, zu viele, können sich mit Jellas Gedanken und Erfahrungen identifizieren. “Die schönste Version” ist ein Aufruf dazu, die Augen offen zu halten. Auf die eigenen Freundinnen und auf sich selbst Acht zu geben und vor allem den Mund auf zu machen, wenn etwas passiert, das Grenzen übertritt. “Deshalb will ich die Aussage machen. [...] Und ich will von höchster Stelle hören, dass es ihm trotzdem nicht das Recht gab.”