Meine letzte RezensionHerzflutvon Charlotte Paradise
Dieser Roman lässt mich sprachlos zurück und dennoch habe ich zugleich so unglaublich viel zu sagen. Ich musste mehrfach das Buch zuschlagen, während ich darüber nachdachte, wie es möglich ist, dass Charlotte Paradise mir so aus der Seele spricht. Ich denke viele Frauen fühlen sich ähnlich, wenn sie dieses Buch lesen.
Sara ist inmitten ihrer Zwanziger. Nachdem ihre letzte Beziehung geendet ist, sehnt sie sich nun wieder nach Nähe. Gleichzeitig plagt sie jedoch eine panische Angst vor Berührung und Intimität, was ihr Leben nicht gerade erleichtert. Im Versuch sich ihren Ängsten zu stellen und eine gesunde Bindung einzugehen, entschlüsselt sie immer mehr Aspekte ihrer Vergangenheit.
Saras Trauma spielt neben ihr definitiv die Protagonistin der Geschichte. Ihr Körper hat viel verdrängt und die Erinnerungen kommen erst nach und nach wieder zu ihr zurück. Charlotte Paradise zeigt hier auf brutale Art, wie es ist, den Boden unter den Füßen weggezogen zu bekommen und sich mit einer neuen Lebensrealität anfreunden zu müssen. Wie fühlt es sich an, wenn eine denkt sie käme mit den Erlebnissen ihrer Vergangenheit zurecht und auf einmal bricht alles zusammen? Auf einmal wird klar, dass sie ihr Leben wohl doch nicht einfach weiterführen kann. Und das alles nur, weil ein Mann seine Lust und seine Macht nicht kontrollieren WOLLTE. Während Sara versucht mit ihren Erinnerungen klarzukommen, steigen ihr die Schuldgefühle immer wieder zu Kopf. “Weil sie es nicht wahrhaben wollte, konnte sie nicht richtig sehen, kam sich aber trotzdem wie eine Lügnerin vor, so als würde sie etwas verheimlichen. Außerdem fühlte sie sich schwach, weil sie in der Nacht nicht einfach weggerannt war und die Beziehung sogar weiterführte.”
“Herzflut” könnte ein Retelling der Leben so vieler Frauen sein. Die Autorin schrieb einen fiktionalen Roman und gleichzeitig auch in Teilen unser aller Biografien. Sie zaubert mit ihren Worten und hat dabei etwas erschaffen, das sich nur als literarische Kunst beschreiben lässt.
Saras Panik, ihre Gedanken, ihr komplexer Spagat zwischen dem Verlangen nach Intimität und der Blockade, die genau dadurch hervorgerufen wird; all das arbeitet Paradise unglaublich bewegend auf. Sara hat das Gefühl, dass ihr Körper mehr weiß als ihr Verstand. Und obwohl sie an ihrer eigenen Glaubwürdigkeit zweifelt, ist ihr am Ende doch klar, “Die Wahrheit ist die Wahrheit ist die Wahrheit ist die Wahrheit.”
Wer nach dem Lesen noch denkt, das hier wäre eine Liebesgeschichte hat dieses Buch nicht verstanden. Ein unglaublich wertvoller Roman.