18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens?
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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...das Buch ist ein wahrer Genuss - nicht nur für historisch interessierte Leser. Der Schreibstil ist zugänglich und ausdrucksstark gleichermaßen, die Geschichte stetig spannend, grausam und episch zugleich - ein rundum fantastisches Lesevergnügen! Daumen hoch!
Gleich vorweg: Wer Schwierigkeiten hat mit Brutalität, Ekligkeiten und Obszönität, sollte sich die Lektüre dieses Buches besser verkneifen. Denn was Franzobel, der Autor, hier schildert, ist schon harter Tobak, obwohl er vermutlich mit seiner literarischen Ausschmückung der tatsächlichen Geschehnisse nicht allzu sehr übertrieben hat. Das Buch hält sich sehr eng an die tatsächlichen Geschehnisse, die sich im Jahre 1861 ereigneten. Am 17. Juni bricht ein Schiffsverband mit der Medusa als Flaggschiff von Frankreich aus auf, um in die Hauptstadt des Senegals zu segeln. Die Besatzung der Schiffe besteht aus mehr als 600 Menschen, darunter Ingenieure, Lehrer, Priester, Bauern, Arbeiter und Soldaten, die die französische Kolonie neu aufbauen sollen. Doch durch die Unfähigkeit des Kapitäns der Medusa läuft diese auf auf eine 40 Meilen von der Küste entfernt liegende Sandbank und zerbricht bei einem in der Nacht stattfindenden Unwetter. Das Schiff muss evakuiert werden, doch es gibt nicht genügend Rettungsboote, sodass 147 Menschen auf ein provisorisches Floß müssen, das von den anderen Booten gezogen wird. Doch man kommt nicht voran, weshalb die Verbindung gekappt und das Floß sich selbst überlassen wird. Wider Erwarten nimmt die Geschichte der Schiffsbrüchigen auf dem Floß nur etwas mehr als ca. 1/3 des Buches ein, der Rest beschreibt die Fahrt des Schiffes bis zum Auflaufen auf die Sandbank. Franzobel hat einen besonderen Schreibstil, der zumindest zu Beginn für mich etwas gewöhnungsbedürftig war. Es gibt einen allwissenden Erzähler, der in unserer Zeit lebt und sich nicht scheut, Damaliges mit Heutigem zu vergleichen. So werden Offiziere mit Alain Delon und Lino Ventura verglichen und auch Kate Winslet und Leonardo di Caprio von der Titanic schaffen es in das Buch ;-) Ansonsten hält er sich überzeugend genau (so weit ich das beurteilen kann) an diverse Sprachgepflogenheiten der damaligen Zeit, insbesondere die der Seefahrt: Da werden Stengen und Rahen vertaut und mittels Taljen heruntergelassen, die Seeleute warpen, fieren und pullen was das Zeug hält. Auch die sonstigen Redeweisen wirken überzeugend und es dauert nicht lange, bis man sich mitten drin fühlt, als würde man neben dem Erzähler stehen. Doch was dieses wirklich tolle Buch so schrecklich macht, sind die Menschen, über die hier erzählt wird. Es ist wohl ein Durchschnitt der damaligen Bevölkerung, der sich auf der Medusa versammelt. Scheinbar hochzivilisierte Aristokraten, die jedoch ebenso primitiv und ordinär sind wie dieser 'Abschaum der Gesellschaft', auf den sie mit einer Arroganz herabblicken, dass ich das Buch manchmal vor Wut in die Ecke hätte werfen können. Natürlich essen sie mit Silberbesteck, sind luxuriös gekleidet, aber bleiben völlig teilnahmslos, wenn ein Junge über Bord geht (Keine Zeit) oder ein Matrose totgepeitscht wird. Und schicken ohne zu zögern fast 147 Menschen in den Tod, um eine Guillotine zu retten und 'die höchsten Güter der Nation! Kleider!'. Dieses Verhalten empfand ich um Vieles schlimmer als das, was sich auf dem Floß ereignete, wo sich die Menschen in einer existentiellen Notlage befanden. Keine Frage, was dort geschah, war unvorstellbar entsetzlich. 'In jedem Mensch wohnt eine Bestie, ein zweites Ich, rücksichtslos, brutal und ohne Hemmungen.' (S. 376). Die Adligen brauchten aber noch nicht einmal eine Notlage, um diese Bestie zum Vorschein kommen zu lassen; sie fällt bei ihnen nur nicht so auf, denn sie hat bessere Manieren. Das wäre dann aber auch schon der einzige Unterschied. So ist dieses Buch nicht nur ein Roman über eine historische Begebenheit, sondern auch ein Lehrstück über die Natur des Menschen. Grauenhaft gut.
Sursulapitschi
5/5
05.10.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein ganz großer Wurf
Was für ein Buch! Ein Buch über eine Katastrophe, die tatsächlich passiert ist.
Im Juni 1816 lief die Fregatte Méduse kurz vor der afrikanischen Küste auf Grund. Wie es dazu kommen konnte, wird hier tatsächlich unterhaltsam und sehr nachvollziehbar erzählt.
Ein unerfahrener Kapitän mit Adelstitel mit einem Hochstapler als Berater, setzt lieber ein großes Segelschiff in den Sand, als auf die erfahrene Besatzung zu hören. Da setzt sich die französische Revolution im Kleinen fort. Während die Regierung auf Überlegenheit durch Geburtsrecht pocht, muss das Volk unter deren willkürlichen Entscheidungen leiden.
Wunderbar humorvoll, mit vielen aktuellen Bezügen, erzählt Franzobel von diesem Unglück und auch wenn er lustig vor sich hin scherzt, ist die Atmosphäre plastisch, die Figuren höchst lebendig. Man ist dabei, spürt den Wind und das Schwanken des Schiffs, ekelt sich vor Salzfleisch aus dem Fass und leidet mit Viktor, dem Küchenjungen, der schikaniert wird. Auf dem Schiff herrschen raue Sitten. Bisweilen meint man fast, jetzt übertreibt er es mit den Grausamkeiten, fängt an zu googeln und stellt fest: Tatsächlich, das ist nicht unrealistisch.
Es sind nicht genügend Rettungsboote vorhanden. 147 Menschen werden auf einem schnell zusammengezimmerten Floß im Meer ausgesetzt. 15 davon kommen an. Hier wird dann die ohnehin schon grausame Geschichte unfassbar ekelhaft. Und auch wenn man kaum glaubt, was man da liest, ist es allerhöchst nachvollziehbar. So mag es sich abgespielt haben.
Mit diesem Buch setzt Franzobel neue Maßstäbe für historische Romane. Mit leichter Hand und bitterböser Ironie erzählt er von einer historischen Tragödie, beleuchtet schonungslos die Dekadenz und Arroganz der herrschenden Klasse und lässt einen dabei immer wieder dezent in die Gegenwart blicken. Vergleiche zu ignoranten Despoten andernorts drängen sich auf.
Das Floss der Medusa ist ein ganz besonderes Buch, das es schafft, trotz erschütternder Thematik zu amüsieren und zu unterhalten. Man schwankt beim Lesen zwischen tiefstem Ekel und tiefster Bewunderung.
Ein ganz großer Wurf. Von mir bekommt es den Buchpreis.
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5/5
18.05.2026
Buch (Taschenbuch)
Tarantino trifft Geschichte
Wie ein Quentin Tarantino Film führt uns der Autor durch ein spannendes Stück französischer Geschichte. Derbe, schmutzig und rau geht es auf dem Floss zu, eine Besatzung die sich jede Nacht gegenseitig dezimiert, abgetrennte Gliedmaßen, Blut und Fäkalien mitinbegriffen. Dennoch ist das Buch nicht darauf aus durch Splatter zu schocken, sondern erzählt durch die verschiedenen POV Akteure spannend und teils auch humoristisch den Lebensweg der Schiffbrüchigen hin in ihre missliche Lage.
Punk meets Napoleon! Super unterhaltsam!
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5/5
28.01.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieses fantastische Buch ist nichts...
Dieses fantastische Buch ist nichts für schwache Mägen, aber ein literarisches Fest für jeden, der richtig gute historische Romane mit einem genauen psychologischen Blick mag - und die Exkurse (Abschweifngen?) des Autoren zu allen möglichen umgebenden Themen zu schätzen weiß.
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5/5
03.11.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die wahre Begebenheit des Schiffsbruchs...
Die wahre Begebenheit des Schiffsbruchs der Medusa wird von Franzobel in eine muntere, durchaus derbe und sehr modern geschriebene Geschichte integriert. Ein grandioses Buch!
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5/5
17.10.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schiffbruch, Kannibalismus und eine wahre Begebenheit!
Am 17. Juni 1816 erliegt die Méduse, eine französische Fregatte, einem Schiffbruch. Von 400 Passagieren können sich nur 147 auf ein Floß retten. Von diesen 147 kommen jedoch nur 15 Personen an ihrem eigentlichen Ziel an. Um zu überleben mussten diese Personen etwas grausames tun.
Die Geschichte der Méduse wurde schon in der Kunst verarbeitet. Der Einband dieses Buches zeigt das Bild "Das Floß der Medusa" von Théodore Géricault und war Namensgeber dieses eigentümlichen Romans.
Franzobel weiß mit Sprache und Wirkung umzugehen. Scheint es anfangs holprig und plump, wird der Leser mehr und mehr in die Handlung mit hineingezogen. Wörtliche Rede ist hier passé, die Handlungen der Protagonisten werden in deren Dialoge direkt eingeflochten, sodass man sich mitten in das Gespräch hineingeworfen fühlt.
Verwirrender wird es, wenn der Autor Bezüge zur Neuzeit zieht und beispielsweise Passagiere mit Persönlichkeiten der Neuzeit beschreibt. So findet sich plötzlich ein Gerard Depardieu oder ein Alain Delon als Passagier wieder.
Besonders faszinierend ist der Mix aus Ästhetik und Groteske, denn Franzobel schafft es mit vulgärsten Ausdrücken die Schönheit und mit den elegantesten Worten die niederträchtigsten Eigenschaften seiner Protagonisten darzustellen.
Dieses Buch ist ein Erlebnis. Man kann es schlecht beschreiben, man muss es selbst erleben!
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