Ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Literatur 2017Seit Jahrzehnten dient Stevens als Butler auf Darlington Hall. Er sorgt für einen tadellosen Haushalt und ist die Verschwiegenheit in Person: Er hat sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn gestellt, niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Jetzt bricht er zum ersten Mal aus seiner gewohnten Welt aus, um seine ehemalige Kollegin, Miss Stenton, in Cornwall zu besuchen. Die Fahrt wird für Stevens zu einer Reise in die Vergangenheit und schließlich auch zu einer Reise zu sich selbst.Das kritische Portrait einer von Klasse und Hierarchien geprägten Gesellschaft und eine bittersüße Liebesgeschichte, erzählt von einem, der seinen Stand nie hinterfragt und der nie auch nur geahnt hat, dass er liebte.Meisterlich gelesen von Gert Heidenreich.
Kundinnen und Kunden meinen
3.3/5.0
monerl
aus Langen
3/5
10.03.2021
Hörbuch-Download (MP3)
Schöne Sprache jedoch sehr zähe Geschichte
Kurzmeinung
Genre: Roman
Handlung: Die Handlung ist vielfältig. Zum einen geht es um den Butler Stevens, der sich voll und ganz seinem Beruf verschrieben hat. Diesen führt es voller Hingabe und absoluter Würde aus. Die Hierarchie wird nicht hinterfragt, genauso wenig die Vorgänge, die sich im Haus über viele Jahre abspielen. Große Politik wird gemacht und Geschichte geschrieben, doch Mr. Stevens erlaubt sich kein Urteil. Der Zweite Weltkrieg steht vor der Tür und Politiker und Diplomaten aus aller Welt finden in England in diesem Herrenhaus zusammen, tauschen sich aus und debattieren. So ein Herrenhaus benötigt neben einem herausragenden Butler ebenso eine herausragende Hauswirtschafterin. Miss Kenton ist für diese Rolle ebenso geschaffen wie Mr. Stevens für seine. Zwischen den beiden gibt es eine Art Zuneigung, die jedoch nie über das förmliche Verhalten hinausgeht. Zu persönlich und zu privat mag Mr. Stevens nämlich überhaupt nicht.
Charaktere: Zwei Protagonisten, die sich in nichts nachstehen. Mr. Stevens, der Butler, ist sehr gut porträtiert und sein charakterlicher roter Faden ist absolut durchgängig, ganz ohne Unterbrechungen. Er ist das Nonplusultra eines Butlers. Er dient mit ganzem Herzen, mit offenen Augen und verschlossenen Ohren. Denn es steht ihm nicht zu, sich eine Meinung über all die Gäste zu bilden, die im Herrenhaus ein- und ausgehen. Er besitzt eine kühle Distanz, die sogar so weit geht, dass er nicht in der Lage ist, seinem sterbendem Vater ein paar Minuten beizustehen. Er fühlt sich unwohl und nimmt seine Arbeit als Vorwand gehen zu müssen, da dies sein Vater, ebenso ein Butler vom alten Schlag, absolut verstehen kann und nicht dulden würde, wenn sein Sohn ein schlechtes Bild auf sich und den Berufsstand wirft. Miss Kenton erfüllt nur vordergründig die Anforderungen an ihren Berufsstand als Hauswirtschafterin. Sie erfüllt ihre Aufgabe mit Bravour, leistet sich aber immer wieder ein liebevolles Geplänkel mit Mr. Stevens. Vergeblich versucht sie ihm Emotionen zu entlocken und erkennt immer, wann er Zuspruch und ein gutes Wort braucht. Sie stärkte ihm den Rücken, nachdem sein Vater gestorben war. Diese beiden Figuren sind dem Autor hervorragend gelungen!
Spannung: Auf Spannung wartet man in diesem Roman vergeblich. Es kommt ein Interesse auf, wie das Aufeinandertreffen der beiden, nach so vielen Jahren, vonstatten gehen wird. Wird Mr. Stevens endlich etwas aus sich heraus gehen können und Miss Kenton gestehen, dass er sie all die Jahre vermisst hat? Wird sie mit ihm zurück ins Herrenhaus kommen und ihre alte Stelle wieder aufnehmen? Auf das Ende ist man somit wohl gespannt, doch diese Frage schwirrt dem Leser nicht permanent im Kopf herum.
Schreibstil: Keine Frage, Kazuo Ishiguro hat sprachlich gesehen mit diesem Roman etwas Besonderes geschaffen. Sehr ruhig schreitet das Geschehen voran. Und unter der hochgehobenen und -geborenen Gesellschaft entspannen sich Gespräche, die man nicht alltäglich nennen kann. Erfrischend waren für mich auch die Dialoge von Mr. Stevens und den Bürgern der Ortschaften, in denen er auf seiner Reise gewollt als auch ungewollt Halt macht. Hervorragend auch die innere Reise von Mr. Stevens. Wie man anhand von seinen Aussagen merkt, dass er angefangen hat sich mit sich und seiner Vergangenheit zu beschäftigen und analysiert, ob er manchmal nicht hätte anders handeln müssen.
Ende: Ein Ende, das sich für mich so abgezeichnet hat. Deswegen aber nicht minder gut. Dem Autor ist es gelungen der Geschichte treu zu bleiben. Das gefällt mir sehr.
Hörbuch: Wunderbar gelesen und interpretiert von Gert Heidenreich, meinem liebsten Sprecher für Hörbücher. Keiner schafft es auf so ganz besondere Weise Figuren und ihre Charaktere so wiederzugeben, dass es vom Anfang bis zum Ende ein reiner Hörgenuss ist.
Fazit: Ein wirklich gutes Hörbuch! Doch trotz all dem Positiven, das ich hier erwähne und hervorhebe, kann selbst die schöne Sprache und der herausragende Sprecher die Eintönigkeit und auch in großen Teile die Langeweile der Geschichte nicht verschwinden lassen. Hätte ich das Buch gelesen, hätte ich sicherlich immer mal wieder Seiten überblättert oder quergelesen. Mir persönlich reichte das leider nicht, um das gesamte Buch als herausragend bezeichnen zu können. Ich fühlte mich nicht mitgerissen. Mich konnte auch diese bittersüße und unerfüllte Liebe nicht so richtig rühren.
Barbara
aus Kamen
5/5
08.12.2021
Buch (Taschenbuch)
Eine sehr berührende Geschicht…
Eine sehr berührende Geschichte mit einem ruhigen Spannungsbogen. Nie langweilig, sehr tiefsinnig und berührend. Auch die Sprache und Ausdrucksweise ist ein Genuss. Ishiguro hat den Literaturnobelpreis zu Recht bekommen!
Bewertung
aus Sendenhorst
5/5
30.11.2021
Buch (Taschenbuch)
Absolut lesenswert
Tiefes Eindringen in die Psyche eines Menschen, der sein Leben vergeudet hat und sich im hohen Alter nun mehr oder weniger gut gegen die Einsicht dessen wehren kann.
Sprachlich exzellent, mit einer passenden Beigabe an Humor.
An einigen Stellen etwas langatmig, was dem Buch jedoch nicht schadet, sondern sich gut in den Charakter der Geschichte und dessen Hauptperson einfügt.
Beat (also schnon Ü55)
aus Meilen
4/5
18.03.2026
Buch (Taschenbuch)
Wo ist die Mutter?
Ein Butler, dem das Empathische völlig abgeht, inklusive sich selbst gegenüber. Tragisch. Die Sprache ist zwar schön, aber doch etwas übertrieben geschliffen, passt nicht komplett zu diesem Menschen, eher zur Art der Hochwohlgeborenen. Aber es kommt gut zum Ausdruck, wie in dieser Welt der englischen Oberschicht die Form wichtiger ist als alles andere. Von der Mutter ist nirgends etwas geschrieben, was ich schade fand, wäre interessant gewesen, zu lesen, wie er mit dieser Beziehung umgegangen ist. Überhaupt nicht nachvollziehbar war für mich, was die Haushälterin an diesem total unsympathischen Butler anziehend gefunden haben könnte. In schwierigen Situationen hat er etwas gelächelt (muss ziemlich hilflos ausgesehen haben) und wenn ihm etwas nahe gegangen ist, dann hat er die Involvierten pedantisch runtergemacht. Es sei denn, sie waren ihm nicht untergeben, dann liess er nichts an sich herankommen und er lobte sich selbst für seine Würde, die das aus seiner Sicht aus darstellte. Auch wenn er sich einem Nazikollaborateur bedingungslos loyal gegenüber verhalten hat. Am Schluss will er dann noch das Scherzen lernen, aber völlig unspontan, sondern durch viel üben und nachmachen.
Das Lesen dieses Buches ist sicher kein Genuss, es zeigt schonungslos diese herzlose Welt, in der man sich alles so zurechtlegt, dass die Etikette gewahrt werden kann. Es ist flüssig geschrieben, aber ich kann verstehen, dass man sich nach mehr Handlung sehnt. Aber es geht eben in diesem Umfeld nicht um die Handlung, sondern nur um die Form. Wir lernen auch, was die Grösse Grossbritanniens ausmacht, es ist das Fehlen von Spektakulärem, das ist eben gerade das Erhabene! :-D
Esther N.
Book Circle Community
3/5
19.01.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erwartungen nur teilweise erfüllt
Zum Inhalt: Stevens dient als Butler in Darlington Hall und stellt sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn. Er lebt jahrelang in seiner eigenen Welt bis ihn eines Tages die Vergangenheit einholt. Klasse und Hierarchien prägen die Gesellschaft in welcher er sich aufhält und der er mit Pflichtgefühl dient.
Meine Meinung: Ich hatte sehr hohe Erwartungen an diesen Roman, die leider nicht alle erfüllt wurden. Der Schreibstil von Ishiguro ist gut zu lesen, seine Sprache ist sehr schön und passt gut zum Protagonisten. Leider fehlt der Geschichte der Spannungsbogen. Das Buch ist in der Ich-Form aus der Sicht des emotionslosen Butlers geschrieben. Das ist vom Autor gewollt und literarisch sehr gut gelungen. Ich als Leserin empfand die Geschichte aber oft als langweilig.
Ich las die Ausgabe der Büchergilde, die wunderschöne Illustrationen beinhaltet. Dieses Ausgabe ist eines der schönsten Bücher in meiner Sammlung.
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5/5
21.07.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Über die Bedeutung des Erzählens
Welche Verantwortung hat das Individuum vor der Geschichte, wie können wir Historie begreifen und bewältigen, wie fiktionalisieren wir unser Leben, erzählen es als Roman? – Im Werk des Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguros ist <Erinnerung> und die <Funktion von Erinnerungen> ein zentrales Thema. Auch sein wohl bekanntester Roman »The Remains of the Day« (dt. »Was vom Tage übrig blieb«) – 1989 mit dem »Booker Prize« ausgezeichnet – bildet dabei keine Ausnahme.
Im Zentrum der Handlung steht der Versuch des alternden Butlers Stevens, sich Aufschluss über sein vergangenes Leben zu schaffen und dabei gleichzeitig seine Selbstachtung zu wahren. Ishiguros Intention ist, dem Leser zu zeigen, dass <Geschichte> an sich sinnlos und willkürlich ist und dass das Vergangene nur durch das Individuum in Form von sinnstiftenden Erzählungen greifbar ist: Stevens’ Erzählung ist dabei eine der wohl traurigsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe. Sie ist die Geschichte eines Mannes, der nie ahnte, dass er liebt und zu später Erkenntnis gelangt: »For a great many people, the evening is the most enjoyable part of the day. Perhaps, then, there is something to [the] advice that I should cease looking back so much, that I should adopt a more positive outlook and try to make the best of what remains of my day. After all, what can we ever gain in forever looking back and blaming ourselves if our lives have not turned out quite as we might have wished?«
Analog zu Autoren wie Ian McEwan, Julian Barnes oder Graham Swift wird auch in den Romanen des Nobelpreisträgers Ishiguro die bedeutende Rolle des Erzählens und der Literatur zum Gegenstand des Erzählten selbst. Bei aller Melancholie zeichnen sie sich dabei durch einen tiefgreifenden Humanismus aus.
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5/5
01.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Elegant und bittersüß
"Was vom Tage übrig blieb" ist ein literarisches Kunstwerk. Kazuo Ishiguro schafft es einen unspektakulären Roadtrip durch den Süden Englands zu einer anmutigen und zutiefst melancholischen Reise werden zu lassen. Eine Handlung, die geduldig und langsam aus dem aufopferungsvollen Leben des Butlers Steven berichtet. Was dieses Buch zu einem der besten macht, die je gelesen habe, ist jedoch nicht die Geschichte selbst, sondern die Art und Weise wie eben diese erzählt wird. Ishiguros Schreibstil ist ein absoluter Hochgenuss. So vornehm und elegant, als würde jeder Satz unseren Verstand um Erlaubnis bitten, eintreten zu dürfen. Jedes Wort fühlt sich an, als würde Butler Steven es direkt an uns richten. Jeder Absatz ein Zeugnis seiner Seele, die über Jahrzehnte hinweg nichts anderes kannte, als zu dienen, zu funktionieren und eigene Impulse höflich auf Distanz zu halten. Als er sich auf den Weg zu einer ehemaligen Kollegin macht, die womöglich mehr hätte sein können als "nur eine Kollegin", beginnt sein ganzes (verschwendetes?) Leben über ihn hineinzubrechen. Ein fantastisches Buch, nach dessen Lektüre sich alles andere erst einmal wie die Rückseite einer Cornflakes-Packung anfühlen wird.
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5/5
23.09.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Butler, der nichts preisgeben will, erzählt.
Die Upstairs/Downstairs-Lebenswelt der englischen Aristokratie fasziniert auch heute immer wieder. Lang bevor Julian Fellowes das mit "Gosford Park" und "Downton Abbey" auskostete, gab uns Kazuo Ishiguro "Was vom Tage übrig blieb". Im Wesentlichen besteht das Buch aus Rückblenden im Kopf des Butlers Stevens, während er auf dem Weg ist herauszufinden, ob die ehemalige Haushälterin Miss Kenton bereit ist, ins Haus zurückzukehren.
Es ist faszinierend, wie gut das Buch funktioniert, obwohl es komplett aus Stevens' Perspektive erzählt wird, der ein frustrierender Erzähler ist. Seine Maxime ist, dass ein Butler als Mensch komplett hinter seiner Rolle zurücktreten müsse, und er bleibt auch dem Leser gegenüber dieser Rolle verhaftet. Das heißt, Stevens lässt uns Anteil haben an dem, was geschieht, seine zusätzlichen Bewertungen geben aber nur seine Meinungen zu Manieren wieder, keinerlei emotionale Offenbarungen.
Ishiguro schafft es dennoch, den Leser hinter die Fassade blicken zu lassen, indem er gegen Stevens' Widerstand plastisch macht, was hinter seinem stoischen Äußeren brodelt. Man möchte ihn als Leser teilweise schütteln und schreien "sag was" - und sicherlich geht es Miss Kenton ähnlich.
Trotz dieser frustrierenden Komponente ist "Was vom Tage übrig blieb" aber ein Buch, das durchaus auch in den Humortopf greift und genau in den Bereich fällt, was das Synonym für Belletristik ist: Schöne Literatur!
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4/5
29.05.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie es sich anfühlt, voll und...
Wie es sich anfühlt, voll und ganz in die Gedanken eines anderen Menschen zu schlüpfen, das zeigt uns Kazuo Ishiguro.
“Was vom Tage übrig blieb” würde ich jedem empfehlen, der Wert auf vielschichtige Charaktere legt und Sprache nicht bloß als Mittel zum Zweck versteht.
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